Extremwetter in Deutschland "Die Menschen sind auf einen Tornado nicht vorbereitet"

Auch in Deutschland sind starke Wirbelstürme möglich, ein heftiger Tornado rein statistisch sogar überfällig. Doch die Bevölkerung ist schlecht auf den Ernstfall vorbereitet, warnen Experten.

Tornado am 27. März 2006 über Hamburg
DPA

Tornado am 27. März 2006 über Hamburg


Am 10. Juli 1968 starben in Pforzheim in Baden-Württemberg zwei Menschen bei einem verheerenden Tornado. Mehr als 300 wurden verletzt, Häuser schwer beschädigt oder zerstört. Es entstand ein Schaden von seinerzeit rund 130 Millionen D-Mark. Nun, 50 Jahre später, warnt der Deutsche Wetterdienst (DWD), dass ein starker Tornado in Deutschland auch heute noch unabsehbare Folgen haben könnte.

"Die Menschen sind einfach nicht vorbereitet auf ein solches Ereignis", sagt DWD-Tornadoexperte Andreas Friedrich. Im Gegensatz zu den USA, wo in bestimmten Gegenden zerstörerische Tornados viel häufiger vorkommen als in Deutschland und schon Kinder im Umgang damit geschult würden, wisse hierzulande kaum jemand, wie man sich bei Tornadogefahr zu verhalten habe.

Zumindest statistisch gesehen sei ein Ereignis wie in Pforzheim in Deutschland überfällig. Damals wütete ein Tornado der Stärke F4 - die zweithöchste Stufe auf der Schadensskala der Wirbelstürme. Ein solches Ereignis komme nur alle paar Jahrzehnte vor. Den letzten Tornado dieser Stärke habe es 1979 zu DDR-Zeiten in Bad Liebenwerda in Brandenburg gegeben. Das sei damals aber verschwiegen worden.


Die wichtigsten Regeln bei einem Tornado

  • Bei gewittrigem, schwülen Wetter den Himmel im Auge behalten. Verfinstert sich der Himmel, Radio hören oder Informationsprogramme anschauen, um Warnmeldungen mitzubekommen.
  • Warnmeldungen ernst nehmen.
  • Häuser aus Stein sind der sicherste Rückzugsort. Dort möglichst weit von Fenstern, Türen und möglicherweise umfallenden schweren Schränken fernhalten - ins Erdgeschosse gehen, noch besser in den Keller.
  • Autos können zur tödlichen Falle werden, wenn beispielsweise Bäume umstürzen.
  • Wenn einen der Wirbelsturm im Freien überrascht, sollte man sich flach auf den Boden legen und mit den Händen an etwas Stabilem festhalten.

Langfristige Vorhersagen sind schwierig

Tornados sind Wirbelstürme, die bei großen Temperaturunterschieden über dem Festland entstehen. Ausgangspunkt sind hoch auftürmende Schauer- oder Gewitterwolken, die um sich selbst rotieren. Unter der Wolke steigt sehr feuchte, warme Luft auf, die von mit der Höhe zunehmenden Winden verwirbelt wird. Durch Wasserdampf ist unter der Wolke schließlich ein rotierender Luftschlauch zu erkennen. Erreicht er den Boden, reißt der Sog alles mit sich, was nicht fest genug auf der Erde befestigt ist.

Fast völlig zerstörtes Haus in Pforzheim am 11. Juli 1968
DPA

Fast völlig zerstörtes Haus in Pforzheim am 11. Juli 1968

"Tornados sind sehr kleinräumig und haben oft nur eine Lebensdauer von wenigen Minuten", so Friedrich. "Deshalb sind grundsätzlich keine räumlich und zeitlich exakten Warnungen möglich." Auch auf dem Wetterradar oder Satellitenbildern sind die Stürme oft nicht zu erkennen. Meteorologen versuchen deshalb, die rotierenden Gewitterwolken und für Tornados typische Windverhältnisse zu erfassen, um rechtzeitig vor möglichen Stürmen warnen zu können.

Tornados werden stärker

Außerdem sind sie auf Augenzeugenberichte angewiesen. Wurden bei Gewittern bereits Tornados gesichtet oder Wolkenschläuche, die den Erdboden noch nicht berühren, besteht in der nächsten Stunde Tornadogefahr. Die Bevölkerung wird dann über die Medien oder Katastrophenschützer vor Ort informiert. Auch jeder Bürger kann Tornados oder entstehende Windhosen beim DWD melden (hier).

Bislang ist anhand der bekannten Daten nicht zu erkennen, dass die Tornados in Deutschland im Zuge des Klimawandels zunehmen. Klimamodelle deuten aber darauf hin, dass die Stürme in den nächsten Jahrzehnten stärker werden, warnt Friedrich. Seit dem Jahr 2000 zählen die Wetterexperten bundesweit zwischen 20 und 60 Tornados meist geringer Stärke pro Jahr. Die Zahl unbemerkter, kleinerer Tornados wird auf mehrere Hundert jährlich geschätzt.

Video: Der Tornado von Bützow

SPIEGEL TV

jme/dpa



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