Eichenprozessionsspinner Kommunen kämpfen gegen giftige Raupen

Ihre Haare sind toxisch, können allergische Schocks auslösen: Die Raupen des Eichenprozessionsspinners plagen Deutschland. Ein Bürgermeister hat sich nun selbst angezeigt.

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Zwei Ganzkörperanzüge, Atemschutzmaske und Gummihandschuhe: Man könnte meinen, Giuseppe Kahn arbeitet beim Seuchenschutz. Dabei jagt er nur die Raupen des Eichenprozessionsspinners. Kahn ist Baumpfleger in Hamburg und gerade auf dem Hauptfriedhof Altona im Einsatz. Die Verwaltung hat ihn und seinen Kollegen Michael Posern von der Baumpflege Thomsen alarmiert, nachdem Friedhofsmitarbeiter ein Nest der fiesen Falter entdeckt hatten.

Eichenprozessionsspinner breiten sich seit Jahren in ganz Deutschland aus und können für Baum und Mensch gefährlich werden. Denn die Raupen fressen nicht nur ganze Gehölze kahl, ihre Härchen enthalten auch Thaumetopoein - ein hartnäckiges Nesselgift, das auf Eiweiß basiert.

Erst am Wochenende erlitt eine Achtjährige in Sachsen-Anhalt einen allergischen Schock und wurde ohnmächtig, nachdem sie mit den Härchen der Raupen in Berührung gekommen war. Laut einem ärztlichen Attest, das dem SPIEGEL vorliegt, litt das Mädchen außerdem unter einem stark juckenden Hautausschlag und einer Reizung der Schleimhäute.

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Eichenprozessionsspinner: Giftige Raupe

"So eine heftige Reaktion ist äußerst selten", sagt Kinderpneumologe Christian Vogelberg von der Uniklinik Dresden dem SPIEGEL. Generell reagiere jedoch jeder Mensch auf die toxischen Härchen, ähnlich wie bei Brennnesseln. Das Gift der Eichenprozessionsspinner wirke allerdings deutlich stärker. "Betroffene leiden meist unter einem juckenden, brennenden Hautausschlag oder schmerzhaftem Husten, wenn sie die Brennhaare einatmen", sagt Vogelberg.

Das perfide: Jede Raupe hat Hunderte Brennhaare, sie brechen leicht ab und können sich bis zu mehrere Hundert Meter durch die Luft verbreiten. Außerdem bleibt das Nesselgift jahrelang erhalten. Die Eichenprozessionsspinner werden deshalb bundesweit bekämpft.

"Wir können das nicht schaffen"

Nicht immer ist jedoch klar, wer dafür zuständig ist, wie sich in Sachsen-Anhalt zeigt. In der Altmark kommt der Eichenprozessionsspinner besonders häufig vor. Hunderte Menschen seien allein in diesem Jahr betroffen gewesen, sagt der Bürgermeister von Seehausen, Rüdiger Kloth, dem SPIEGEL. Darunter ist auch die Achtjährige, die am Wochenende einen allergischen Schock erlitten hatte.

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Tierische Gefahr aus Deutschland: Stechen, beißen, nesseln

Bürgermeister Kloth kämpft seit Jahren gegen die Eichenprozessionsspinner - und langsam weiß er nicht mehr weiter. In der Region stünden mehr als 10.000 Eichen auf 400 Quadratkilometern. "Wir als Gemeinde können das nicht schaffen", sagt Kloth. Mehr als 300.000 Euro seien in den vergangenen zwölf Jahren in den Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner geflossen.

"Wir haben die Bäume flächendeckend eingesprüht, doch die Mittel wirken kaum, und andere dürfen wir nicht verwenden. Wir haben die Nester abgesaugt, alles ohne nachhaltigen Erfolg", sagt Kloth. "Wenn nur eine Motte überlebt, legt sie wieder 300 Eier. Wie sollen wir dagegen ankommen?"

"Es fühlt sich niemand zuständig"

Er habe bereits mehrfach beim Umwelt- und Gesundheitsministerium Sachsen-Anhalts um Hilfe gebeten - ohne Erfolg. "Es fühlt sich einfach niemand zuständig", klagt Kloth. Er habe sich deshalb inzwischen selbst angezeigt, wegen Körperverletzung im Amt. "Es ist meine Aufgabe, die Bevölkerung vor gesundheitlichen Schäden zu bewahren", sagt Kloth dem SPIEGEL. "Das ist mir nicht gelungen."

Mit seiner Anzeige will er dafür sorgen, dass endlich geklärt ist, wer für die nachhaltige Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners verantwortlich ist. Durch das trockene, warme Wetter verbreiten sich die Härchen besonders rasant, sagt er. "Ich möchte nicht, dass sich so ein Fall wie vom Wochenende wiederholt und ein Kind im schlimmsten Fall ums Leben kommt."

Insektizide versprühen

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) hat inzwischen Soforthilfen zugesagt. Die betroffenen Gemeinden können nun Gelder beantragen, mit denen das Absaugen der Nester bezahlt werden soll. Kloth freut sich über die Hilfe, ist jedoch skeptisch, dass sie nachhaltig wirkt. Er fordert, großflächig ein stärkeres Insektizid auszubringen als bisher.

Mecklenburg-Vorpommern hat das bereits vor drei Jahren im Landkreis Ludwigslust-Parchim gemacht, als die Eichenprozessionsspinner dort gehäuft auftraten - mit Erfolg, ihre Population gilt dort als eingedämmt. In anderen Regionen des Bundeslands breiten sich die Falter dagegen weiter aus.

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Eichenprozessionsspinner: Abgesaugt

In Hamburg sind Eichenprozessionsspinner noch vergleichsweise selten. "Großflächig Insektizide zu versprühen, ergibt deshalb keinen Sinn", sagt Baumpfleger Kahn. Außerdem sei der Einsatz in öffentlichen Räumen wie Parks oder Friedhöfen ohnehin verboten.

Auf dem Friedhof in Altona war er bereits im vorigen Jahr. "Mitunter werden einmal betroffene Eichen immer wieder befallen", sagt er dem SPIEGEL. Forscher vermuten, dass sich die Falter mithilfe von Lkw ausbreiten. Denn gerade in Norddeutschland sind sie häufig entlang der Autobahnen zu finden. Auch der Altonaer Friedhof liegt nah an der A7.

Die Raupen sind nachtaktiv und wandern dicht hintereinander her, ähnlich wie bei einer Prozession - daher auch der Name. Ab dem fünften Larvenstadium leben sie in größeren Nestern zusammen, sogenannten Gespinsten. In dieser Zeit bilden sie auch die gefährlichen Härchen.

Nester nicht selbst entfernen

Es dauert fast eine halbe Stunde, bis Kahn alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen hat. Er zieht zwei Schutzanzüge übereinander an, damit er seine Kleidung nicht mit den Raupenhaaren kontaminiert, wenn er den Schutzanzug auszieht. Über seine Hände zieht er erst Einweghandschuhe. Dann befestigt sein Kollege sie mit Klebeband am Schutzanzug. Darüber stülpt er noch mal Gummihandschuhe. Schließlich setzt er noch eine Atemschutzmaske auf.

Auch Kahns Kollege Posern muss einen Schutzanzug tragen. Die Baumpfleger arbeiten zu zweit, damit Posern Hilfe holen kann, falls Kahn allergisch auf die Raupenhaare reagieren sollte.

Warum sind Eichenprozessionsspinner gefährlich?
Giftig sind nur die Brennhaare der Raupen. Sie enthalten das Nesselgift Thaumetopoein und sind besonders hartnäckig, weil sie sich über die Luft verbreiten und das Gift jahrelang erhalten bleiben kann. Wer die Raupen entdeckt, sollte sie auf keinen Fall anfassen. Das gilt auch für das Nest. Denn selbst wenn die Falter bereits geschlüpft sind, bleiben die Brennhaare im Nest zurück.
Wo kommen Eichenprozessionsspinner her?
Der Eichenprozessionsspinner ist entgegen vielen Darstellungen keine neue invasive Art, sondern heimisch in Mitteleuropa. Ende der Achtzigerjahre vermehrten sie sich jedoch explosionsartig in Südwestdeutschland und breiten sich seit Anfang der Neunzigerjahre weiter aus, begünstigt durch milde Winter und warme, trockene Sommer.
Woran lassen sich Eichenprozessionsspinner erkennen?
Die Raupen sind nachtaktiv und wandern bei der Nahrungssuche wie bei einem Gänsemarsch oder einer Prozession hintereinander her. Daher kommt auch der Name. Die Raupen sind dunkel mit langen Haaren und bilden Nester an Bäumen, die wie Zuckerwatte aussehen. Auch die Raupen von Gespinstmotten leben in Nestern zusammen, die jedoch meist von den Bäumen herabhängen. Die Raupen der Gespinstmotte sind gelblich-weiß mit schwarzen Punkten und für den Menschen ungefährlich.
Was sollte man tun, wenn man Eichenprozessionsspinner entdeckt?
Am besten ist es, die Tiere den zuständigen Behörden zu melden wie dem Pflanzenschutz- oder Gesundheitsamt. In einigen Regionen wie beispielsweise Berlin sind Grundstückbesitzer sogar verpflichtet, die Tiere zu entfernen. Sie sollten das aber in keinem Fall selbst übernehmen, sondern Fachbetriebe beauftragen. Vor allem Baumpflegebetriebe und Kammerjäger haben sich mittlerweile auf die Falter spezialisiert.
Was, wenn man mit den Härchen in Berührung gekommen ist?
Ähnlich wie bei Brennnesseln reagiert jeder auf das Gift der Raupen. Ein typisches Symptom ist ein brennender, juckender Hautausschlag. Ein Fall für die Notaufnahme ist das meist nicht, außer es kommt zu einem sehr seltenen allergischen Schock. "Ich empfehle den Betroffenen, sich in jedem Fall bei ihrem Haus- oder Kinderarzt vorzustellen", sagt Kinderpneumologe Christian Vogelberg von der Uniklinik Dresden. Die Ärzte könnten dann etwas gegen den Ausschlag und das Jucken verschreiben. Außerdem sollten die Patienten nach dem Kontakt mit dem Eichenprozessionsspinner ihre Kleidung wechseln und sich gründlich waschen, um die Rückstände der Brennhaare loszuwerden.

Da die Gespinste der Eichenprozessionsspinner häufig an Astgabelungen liegen, braucht Kahn eine Hebebühne. Damit die Härchen nicht durch die Luft gewirbelt werden, besprüht er das Gespinst mit einer Art Kleber und saugt es anschließend mit einem speziellen Staubsauger auf, der eigentlich für Asbest gedacht ist.

Teilweise werden Nester auch mit einem Flammenwerfer verbrannt. Das ist jedoch nicht zu empfehlen, da die Brennhaare dadurch aufgewirbelt werden, was vor allem für Umstehende gefährlich werden kann.

Wie viele Eichenprozessionsspinner es in Deutschland gibt, weiß niemand so genau. Denn der Pflanzenschutz ist Ländersache und eine Meldepflicht gibt es nicht. Bis 2012 trug das Julius-Kühn-Institut mühevoll alle bekannten Fälle aus den einzelnen Forstämtern zusammen.

Mittlerweile gehen die Forscher jedoch davon aus, dass der Eichenprozessionsspinner in ganz Deutschland vorkommt. Auch Baumpfleger Kahn sagt: "Wir werden uns ins Zukunft wohl an die Eichenprozessionsspinner gewöhnen müssen."



insgesamt 23 Beiträge
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Der Terraner 13.06.2018
1. Insektizide helfen
Es müssen nur die richtigen sein. Die dämliche Angst vor Pestiziden gefährdet Menschen. Also bitte mal aufwachen, den Grünen den Vogel zeigen und die Raupen richtig bekämpfen.
cyberpommez 13.06.2018
2. @ der terraner
Insektizide haben mitunter dafür gesorgt, das wir 70% unserer Insekten verloren haben. Der Einsatz sollte immer sehr genau abgewägt werden. Die Vorsicht ist berechtigt, denn es wird sowieso zu viel davon eingesetzt. Insektizide helfen am besten bei der Ausrottung der letzten Insekten.
geri&freki 13.06.2018
3. Konkreter!
Zitat von Der TerranerEs müssen nur die richtigen sein. Die dämliche Angst vor Pestiziden gefährdet Menschen. Also bitte mal aufwachen, den Grünen den Vogel zeigen und die Raupen richtig bekämpfen.
Welche Insektizide denn genau? Pyrethroide? Neonicotinoide? Dimilin? Bt? Oder was sonst? Die allergenen Brennhaare, die die Prozessionsspinnerlarven bereits ab dem 3. Raupenstadium ausbilden, lösen sich damit auch nicht in Luft auf – egal, ob Raupe tot oder nicht. Sondern bleiben trotzdem noch viele Jahre erhalten. Von der Gefahr der Resistenzbildung, die mit der zunehmenden Anwendungsdichte steigt, und der dann noch massiveren Rückkehr der Plage einige Jahre später, ganz zu schweigen..
frenchie3 14.06.2018
4. Der Kuckuck gehört zu den wenigen Vögeln
(oder gar der einzige?) der diese Raupen frißt. Da der Wirte für seine Eier braucht hat er Probleme mit der Vermehrung denn passende Vögel werden dank Insektenmangel auch immer weniger. Nur mal so erwähnt.....
klimperhannes 14.06.2018
5. Insektensterben
Breit wirksame Insektizide erledigen gleich noch ein paar andere Insekten und dann haben wir wieder das Problem mit dem Insektensterben.
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