Fortschritt Die Welt wird besser - es will nur kaum jemand glauben

Alles wird schlimmer, mit dieser These stößt man meist auf Zustimmung, bei Rechten wie Linken. Wer das Gegenteil behauptet, gilt als Schönfärber. Warum nur?

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Eine Kolumne von


"Leute bezeichnen mich oft als Optimisten, weil ich ihnen den enormen Fortschritt zeige, von dem sie nichts wussten. Das ärgert mich. Ich bin kein Optimist."
Hans Rosling, "Factfulness"

Wie so viele beginnt auch dieser Text mit einer Tragödie. Aber keine Angst: Danach wird es besser.

Die Tragödie ist diese: Hans Rosling, Arzt, Autor, Vortragsreisender und Schwertschlucker, wird seinen hoffentlich größten Triumph nicht mehr erleben. Rosling ist im Februar 2017 an Krebs gestorben, mit 68 Jahren. Das letzte Buch, das er mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter gemeinsam geschrieben hat, ist gerade erst erschienen. Es ist so gut, dass man hoffen kann, dass es noch mehr als Roslings übriges Lebenswerk dazu beiträgt, sein großes Ziel zu erreichen: Zumindest Teilen der Menschheit ihre grotesk negative Weltsicht auszutreiben.

Rosling war kein Theoretiker, er hat sein Leben lang unter hohen Risiken für eine bessere Welt gekämpft. Als Arzt arbeitete er etwa in Mosambik und im Kongo. Als sich Ebola im Jahr 2014 in Westafrika exponentiell auszubreiten begann, reiste Rosling nach Liberia, um zu helfen. Er wusste, wie echte Armut aussieht.

Die Welt wird besser, aber niemand will es glauben

Sein letztes Buch enthält trotzdem lauter Tatsachen, die die meisten Menschen nicht kennen und oft nicht glauben wollen - obwohl sie höchst erfreulich sind. Zum Beispiel, dass Menschen auf der Erde schon heute im Durchschnitt älter werden als Rosling selbst: 70 Jahre. Dass die vermeintliche Bevölkerungsexplosion ihr Ende in Wahrheit bereits erreicht hat - weil wohlhabendere Eltern weniger Kinder bekommen. Dass sich die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, in den letzten 20 Jahren fast halbiert hat.

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Hans Rosling (mit Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling):
Factfulness

Ullstein; 400 Seiten; 24 Euro

Die Welt wird besser, aber die meisten Menschen, selbst solche, die es von Berufs wegen besser wissen müssten, sind vom Gegenteil überzeugt. Rosling hat weltweit Menschen befragt, was sie über den tatsächlichen Zustand der Welt wissen. Überall ist eine Mehrheit davon überzeugt, fast alles werde schlechter: Hunger, Gewalt, Krankheiten. Fast niemand schätzt auch nur annähernd richtig, wie die Dinge wirklich liegen. Rosling hat diese Erfahrung sogar mit Wirtschaftsführern und Nobelpreisträgern gemacht (hier gibt es einen kurzen Selbsttest).

Ich fürchte, dass auch die meisten Leser dieses Textes an dieser Stelle "aber…" denken werden. Die Überzeugung, dass alles schlimmer wird, ist in vielen von uns tief verwurzelt. Unabhängig von politischen Überzeugungen: Weder Rechte noch Linke hören es gern, wenn man ihnen sagt, dass es aufwärts geht. Da spielen psychologische Mechanismen wie Verfügbarkeitsheuristik und Bestätigungsverzerrung eine Rolle - und die Tatsache, dass schlechte Nachrichten sich in einer Aufmerksamkeitsökonomie wie der unseren leichter verkaufen lassen.

Vereint in falscher Finsternis

Linke finden, dass man das Leid auf der Welt kleinredet, wenn man konstatiert, dass es abnimmt. Schlimmstenfalls beschimpfen sie den Überbringer guter Nachrichten als Apologeten des globalen Kapitals.

Rechte finden, dass man all die furchtbaren Gefahren, die uns angeblich drohen - Islamisierung, Terror und so weiter - wegzudiskutieren versucht. Beide wollen lieber ihren düsteren Blick auf die Zukunft behalten. Die gefühlte Wahrheit ist schlecht, lasst uns bitte mit den Fakten in Ruhe.

Ganz alleine war Rosling in seinem Kampf um bessere Stimmung nicht. Der Psychologe Steven Pinker hat mit "Aufklärung Jetzt" vor kurzem ebenfalls ein Buch veröffentlicht, das die gleiche erfreuliche Wahrheit verkündet: Der Fortschritt existiert, und er macht das Leben auf der Erde besser.

Sechs Millionen Tragödien pro Jahr weniger - keiner weiß es

Pinker liefert gewissermaßen den funktionalen Unterbau für die Entwicklungen, die Rosling beschreibt. Er erklärt, wie wissenschaftliches Denken und die Hinwendung zu einer vernunft- und faktenbasierten Weltsicht dazu geführt haben, dass es heute so vielen Menschen viel besser geht als ihren Vorfahren. Auch die SPIEGEL-Kollegen Christoph Winterbach und Guido Mingels arbeiten daran, diese Botschaft zu verbreiten.

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Steven Pinker:
Aufklärung jetzt

Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung

S. Fischer, 800 Seiten; gebunden; 28,00 Euro. Deutsche Ausgabe erscheint September 2018.

Ein weiterer prominenter Vertreter einer positiven, faktenbasierten Weltsicht ist der Ökonom Max Roser. Auf seiner Website "Our World in Data" kann man viele erfreuliche Tatsachen nachsehen, die auch politisch denkende Menschen nicht kennen. Zum Beispiel, dass im Jahr 2016 weniger als halb so viele Kinder unter fünf Jahren gestorben sind wie noch 1990. Die absoluten Zahlen sind immer noch entsetzlich: 2016 starben fünf Millionen Kleinkinder. Das sind fünf Millionen entsetzliche Tragödien, furchtbares Leid, Schmerz und Trauer. Aber 1990 waren es eben noch über elf Millionen Tragödien.

Einsame Rufer in der Wüste der Weltuntergangsstimmung

Rosling, Pinker und Roser sind einsame Rufer in der Wüste der Weltuntergangsstimmung, alle drei werden gelegentlich beschimpft, als Schönfärber, die die Schlechtigkeit der Welt wegzureden versuchen. Wie kann man von Fortschritt sprechen, wenn in Syrien Menschen sterben? Wenn der Klimawandel in vollem Gang ist?

Man kann nicht nur, man muss - wenn man sich ansieht, wie der Anteil derer, die unter entsetzlichen Bedingungen leben müssen, stetig schrumpft. Wenn man weiß, wie man diesen Trend unterstützen kann.

Auch unter diesem Text werden sich blitzschnell Kommentatoren einfinden, die erklären, warum das alles gar nicht stimmen kann. Wir Menschen hängen sehr an unserem ungerechtfertigten Pessimismus. Dafür verklären wir die in Wahrheit oft gar nicht schöne Vergangenheit.

Diese Tatsache hat handfeste politische Implikationen: Wenn man zum Beispiel aufhört, die Welt in "uns", denen es gut geht und "die", denen es schlecht geht und immer gehen wird, einzuteilen, relativiert sich Vieles. Etwa die Migrationsängste, aus denen die Populisten von heute Kapital schlagen.

Selbstverständlich ist es richtig, dass wir unseren Blick auf das richten, was noch nicht gut ist, denn es soll ja besser werden. Dass wir dabei aber aus dem Blick verloren haben, dass die Dinge tatsächlich besser, nicht schlechter werden, ist nicht nur schade, sondern gefährlich: Die zur Gewohnheit gewordene, auf Fehlinformationen fußende Angst vor Abstieg und Untergang ist ein miserabler Ratgeber, wenn es um die Gestaltung der Zukunft geht.

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insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
diorder 15.04.2018
1. Für die Menschen ja,
Für Mutter Natur sind die z.T. exponentionalen Wachstumsraten leider eher weniger positiv. Und der Faktor Mensch ist unbrerechenbar Trump, Erdogan, Putin Islamisten und andere Terroristen usw. sind bereit und in der Lage, ihre Machtgelüste auf Kosten der Existenz der Menschheit die abzusetzen. Die Natur wird es begrüßen. Da ist Realismus angebracht : Die natürlichen Resourcen gehen nachweislich rapide zu Ende. Wer hier von unberechtigter Panikmache spricht, sollte sich nur die Klimaforschung ansehen. Aber es ist richtig : Wir Menschen insgesamt haben es besser denn je. Relativ - statitisch - auf uns selbst bezogen.
Preppy 15.04.2018
2. Schöner Artikel!
Ich schlage vor, dass wir Menschen, die hier in Deutschland Asyl beantragen wollen, in Zukunft statt eines Antrags auf Asyl einfach diesen Artikel in die Hand drücken. Bei ganz harten Fällen von mir aus sogar zwei Exemplare sowie eine Kopie des Songs "Because I'm happy" in Dauerschleife. Damit diese Leute endlich verstehen, dass sie sich die Probleme in ihren Heimatländern einfach nur einbilden, in Wahrheit alles total dufte, und ihre "miese Laune" völlig unbegründet ist.
Schwamster 15.04.2018
3. Danke für die tolle Zusammenfassung
Ich rede in meinem Umfeld auch immer davon das die Welt besser wird. Doch irgendwer versucht sofort mit einem Bezug auf Einzelfälle eine allgemeine Verschlechterung zu begründen.
messtechnik 15.04.2018
4. Warum schreibt hier denn keiner was ?
Wenn Jan Fleischhauer seine - sicherlich tollen - Beiträge veröffentlicht, sind ruck zuck über 200 Diskussionsbeiträge nachlesbar. Aber bei Christian Stöckers Thema: Die Welt wird besser - hüllt sich alles in Schweigen, weil die Schwarzseher, sonstigen Pessimisten und Wichtigtuer vor lauter Ratlosigkeit lieber die Klappe halten. Vielleicht ist das auch gut so, aber der SPIEGEL und Andere sollten diesem Thema mehr Raum bieten als die Kolumne: Früher war alles Schlechter. Danke Herr Stöcker
jannevomsee 15.04.2018
5. Danke!
Ich freue mich, dass zwischen all dem Gemotze und Gejammer auch noch positive Gedankenträger unterwegs sind. Jammern auf hohem Niveau - das können wir jetzt schon. Es ist an der Zeit, sich auch auf das Gute und Schöne zu besinnen. Statt generell alles zu verdammen (ein Beispiel: Hardcore Impfgegner) das Positive zu schätzen (meine Kinder sind im Gegensatz zu meiner Tante nicht behindert, weil ich vor der Schwangerschaft gegen Röteln geimpft wurde). Das Leben ist so viel einfacher und schöner, wenn man sich nicht nur in den vermeintlich negativen Aspekten festbeißt. In diesem Sinne: die Sonne scheint, noch gibt es Bienen, die um die nicht erfrorenen Kirschblüten summen. Auf geht's Leute, raus mit euch!
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