Dünne Besiedelung Wohnort irgendwo im Nirgendwo

Wissenschaftler haben eine Weltkarte erstellt, die plastisch zeigt, in welcher Entfernung zu Ballungszentren - und damit auch Schulen oder medizinischer Versorgung - viele Menschen leben: Wo es rot ist, wird's einsam.

Malaria Atlas Project/ University of Oxford

Der Weg zum nächsten Arzt oder in die Bibliothek kann mitunter lang sein. Britische Wissenschaftler haben weltweit untersucht, wie viel Zeit Menschen benötigen, um von ihrem Zuhause in das nächstgelegene Ballungszentrum zu kommen.

Die Färbung der von den Forschern erstellten Karten zeigen die typische Fahrtdauer bis in eine größere Stadt. Besonders lang sind die Bewohner im nördlichen Afrika unterwegs - von manchen Punkten aus sechs Stunden und mehr. In Mitteleuropa sind die Fahrzeiten vielerorts 30 Minuten und kürzer - siehe Fotostrecke oben.

Die Wissenschaftler haben ihre Weltkarte anhand von Daten aus Open Street Map (OSM) und Google erstellt. Gemessen wurde die Reisezeit auf dem Land- und Wasserweg aus allen Regionen der Welt in insgesamt 13.840 urbane Zentren. Als städtische Ballungsräume haben die Forscher ein zusammenhängendes Gebiet mit 1500 oder mehr Einwohnern pro Quadratkilometer definiert oder zusammenhängende Bevölkerungszentren mit mindestens 50.000 Einwohnern.

Erreichbarkeitskarte von Deutschland
Malaria Atlas Project/ University of Oxford

Erreichbarkeitskarte von Deutschland

In Deutschland haben die Bewohner des Ruhrgebiets kurze Anfahrtzeiten: Hier ist die Karte überwiegend weiß gefleckt, was für eine Anreise von weniger als 15 Minuten steht. Das ist kein Wunder: Der Pott besteht ja aus Städten, die teils nahtlos ineinander übergehen. Auch die Ballungsgebiete um die Großstädte Berlin, Hamburg und München sind als weiße Flecken gut erkennbar.

Rote Flecken ergeben sich dagegen entlang der Nordseeküste in Nordfriesland und Friesland. Rot steht für Anfahrtzeiten von rund einer Stunde. Die größten roten Flächen finden sich der Studie zufolge nördlich und nordwestlich von Berlin in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Zugang ungleichmäßig verteilt

Mit der Weltkarte wollen die Forscher der University Oxford zeigen, wie unterschiedlich die Chancen von Menschen weltweit sind. Denn Städte bieten Zugang zu vielen wichtigen Ressourcen. Neben Bildungseinrichtungen und Krankenhäusern sind auch Banken und Finanzinstitute in Ballungsgebieten angesiedelt. Doch der Zugang ist über den Globus ungleichmäßig verteilt. Die Karte soll helfen, eine bessere Teilhabe zu ermöglichen.

Fotostrecke

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Weltkarte: Die Fahrzeit bis in die nächste Stadt

Zu den Entwicklungszielen der Vereinten Nationen (Uno) gehört es, Armut und Ungleichheit zu bekämpfen. Es gehe darum, weltweit den Zugang zu Ressourcen zu verbessern, schreibt Autor Daniel Weiss im Fachmagazin "Nature". Die Uno kämpfe für Gerechtigkeit, niemand solle zurückgelassen werden. "Zugang ist eine Vorbedingung für viele Entwicklungsziele."

Bezug von Einkommensverhältnissen und Reisezeit

Die Forscher haben auch untersucht, welche Rolle die Einkommensverhältnisse spielen. Dabei stellten sie fest, dass mehr Wohlstand generell mit einem kürzeren Zugang zu Städten zusammenfällt. Es könne aber nicht gesagt werden, ob einige Orte aufgrund kürzerer Wege wohlhabender seien als andere.

81 Prozent der Weltbevölkerung, also rund 5,88 Milliarden Menschen, leben der Studie zufolge höchstens eine Stunde von Städten entfernt. In Ländern mit hohen Einkommen, beispielsweise in Europa und Nordamerika, sind es 91 Prozent der Einwohner. In ärmeren Ländern, die sich beispielsweise in Afrika südlich der Sahara befinden, brauchen dagegen nur 51 Prozent der Bevölkerung höchstens eine Stunde, um in die nächstgelegene Stadt zu kommen.

Ähnliche Zusammenhänge fanden die Forscher beim Bildungsniveau und der Behandlung von Fieber bei Kindern unter fünf Jahren. Beide Kriterien waren umso besser, je näher Menschen an großen Städten leben. "Der Zusammenhang zwischen Zugang zu Städten und Indikatoren von Wohlstand in Ländern mit geringen bis mittleren Einkommen war eindeutig", heißt es in dem Artikel weiter.

Material von Google und Open Street Map

Bei der Messung der Entfernung nutzten die Wissenschaftler die Daten der Google Straßenverzeichnisse und von OSM, die aktuelle Straßen- und Wasserwege kartiert haben. Hinzu kommen Daten wie mögliche Geschwindigkeiten und Straßenverläufe. Die Karte spiegelt den Stand von 2015, dem Jahr der Formulierung der Uno-Entwicklungsziele. Es ist der erste derartige Ansatz seit einer früheren Karte mit Datenmaterial aus dem Jahr 2000.

"Unsere Karte kann genutzt werden, um große Entwicklungslücken zwischen vorwiegend städtischen und ländlichen Bevölkerungsgruppen aufzuzeigen", schreiben die Forscher. Zudem biete sie eine Möglichkeit, die Verkehrserschließung der ländlichen Bevölkerung als Kontinuum aufzuzeigen.

Aber auch positive Aspekte der Abgeschiedenheit wie Schutzeffekte für die Natur können anhand der Weltkarte dargelegt werden. Zudem könne die Notwendigkeit strategischer Straßenplanung ohne unnötige Umweltschäden bestärkt werden. Die Weltkarte habe daher das Potenzial, zu naturwissenschaftlicher Forschung, Naturschutzbemühungen und Umweltpolitik beizutragen.

Wer weit entfernt von Städten wohnt, kann also darauf hoffen, dass die Anbindung künftig verbessert wird. Das gilt aber wohl eher für Menschen in Afrika als für die Einwohner von Sylt.

brt



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Cyman 11.01.2018
1. Brasiliens Westküste?
"In Brasilien ist die Westküste dicht bevölkert, besonders um São Paulo herum sind die Wege kurz." Dass Brasilien eine Westküste hat, das war mir bisher unbekannt - es sei denn, man meint die Westküste des Atlantiks - dann sollte man dies aber auch so schreiben, ansonsten ist es nicht korrekt.
beoHRO 11.01.2018
2.
Kommt es mir nur so vor, oder wird Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt Schwerin ebenfalls nicht als Stadt angesehen? Der rote Bereich südlich von der Insel Poel sollte nicht so groß sein, wie er dargestelt wird. Und Schwerin müsste eigentlich ein weißer bzw. grüner Punkt sein, doch dort ist einfach nichts verzeichnet.
beoHRO 11.01.2018
3.
Kommt es mir nur so vor, oder wird Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt Schwerin ebenfalls nicht als Stadt angesehen? Der rote Bereich südlich von der Insel Poel sollte nicht so groß sein, wie er dargestelt wird. Und Schwerin müsste eigentlich ein weißer bzw. grüner Punkt sein, doch dort ist einfach nichts verzeichnet.
Haywood Ublomey 11.01.2018
4. Unglaublicher Murks
Die Karten liefern nur die Bevölkerungsdichte, mehr geben sie nicht her. Oder glaubt jemand, im völlig übervölkerten, aber bettelarmen Ganges-Delta hätten die Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung, nur weil dort die Siedlungen und Städte ineinander übergehen? Oder es sei irgendwie relevant, ob man inmitten der Sahara oder des grönländischen Inlandeises zur Schule gehen könnte, wenn dort Menschen lebten? Im dünn besiedelten Nordschweden hingegen kommt der Arzt mit dem Hubschrauber oft schneller als sich ein Krankenwagen durch den Stau einer Großstadt in einem Schwellenland kämpft. Für solche Wissenschaft wurde der Ig-Nobelpreis gestiftet. Aber bestimmt gibt es dafür Fördermittel aus irgendwelchen UNO-Töpfen. :-(
toeng15 11.01.2018
5. Fragwürdige Messmethode?
...also wenn ich sehe, dass es nach diesem Atlas in Deutschland zwischen Berlin und Rostock keine größere Ansiedlung - mit z.B. Kinderarzt und Bibliothek geben soll, stelle ich die gesamte Herangehensweise in Frage. Die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern ist demnach keine Stadt im Sinne der Forscher, genauso fallen Greifswald als Universitätsstadt und Wismar und Neubrandenburg durchs Raster. Wenn im Norden Afrikas genauso gemessen wurde, ergibt sich daraus genau garnichts.
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