Anthropologie So besiedelte der Mensch Südamerika

Drangen Amerikas erste Siedler von Norden gleich weiter Richtung Süden? Oder gab es verschiedene Einwanderungswellen? Solche Fragen können durch gleich drei Studien besser beantwortet werden. Doch ein Rätsel bleibt.

André Strauss / dpa

Sie kamen von Norden: Über die Beringstraße erreichten wohl vor etwa 20.000 Jahren die ersten Menschen den amerikanischen Doppelkontinent. Doch wie sich die Menschen dann weiter ausbreiteten, das ist in vielen Detailfragen bisher nicht hinreichend geklärt.

Nun hat sich gleich ein ganzes Forscherkollektiv auf die Suche nach Antworten gemacht. Und mit drei großen Genom-Projekten die Besiedlung von Mittel- und Südamerika rekonstruiert:

Bei dem größten Projekt analysierte ein Team um Cosimo Posth vom Jenaer Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte 49 Genome aus Mittel- und Südamerika, die überwiegend zwischen 3000 und 11.000 Jahre alt sind. "Das ist zwar nicht genug für ein vollständiges Bild, bietet aber schon einen guten Überblick", sagt Posth. "Menschliche Überreste aus dieser Zeit sind selten."

"Die Kontinuität in Südamerika ist erstaunlich"

Die im Fachblatt "Cell" veröffentlichte Analyse zeigt, dass jene Menschen, die vor 11.000 bis 9000 Jahren im heutigen Belize, Brasilien und Chile lebten, eng verwandt waren mit Angehörigen der nordamerikanischen Clovis-Kultur. Diese hatte sich vor etwa 13.000 Jahren in Nordamerika als erste Kultur sehr schnell überregional ausgebreitet.

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Später verschwand diese genetische Gruppe in Mittel- und Südamerika fast vollständig und wurde vor grob 9000 Jahren durch eine neue Gruppe ersetzt. "Das ist unsere zweite große Entdeckung", sagt einer der Studienleiter, David Reich von der Harvard University. "Es gab einen Austausch der Bevölkerung, der vor mindestens 9000 Jahren begann."

Auffällig ist, dass die Zusammensetzung der neuen Gruppe über die Jahrtausende bis heute teilweise recht konstant blieb. Dies ist umso erstaunlicher, als die Bevölkerungen etwa in Europa, Westasien und Afrika in diesem Zeitraum mehrmals durch große Zuwanderungswellen stark verändert wurden.

"Die Kontinuität in Südamerika ist erstaunlich", sagt Posth. "Zum Beispiel können die heutigen Quechua und Aymara aus den zentralen Anden ihre Ahnen bis zu jenen Menschen zurückverfolgen, die vor 9000 Jahren an der Fundstelle Cuncaicha im heutigen Peru lebten."

Zügig südwärts

Im Fachblatt "Science" beschreibt ein zweites Team um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen die Resultate aus der Analyse von 15 Genomen von Menschen, deren Überreste zwischen Alaska und Patagonien entdeckt wurden. Sechs davon lebten vor mindestens 10.000 Jahren.

Die Analyse ergab, dass die Ausbreitung nach Südamerika nicht allmählich durch Populationsdruck erfolgte, sondern dass die Menschen sehr zügig südwärts zogen und den Kontinent rasch erschlossen.

Für Rätselraten sorgt allerdings ein Teilresultat dieser Untersuchung: Schon vor drei Jahren hatten Forscher bei Angehörigen der Surui und Karitiana, zwei recht isolierten Populationen im Amazonas-Gebiet, eine entfernte Verwandtschaft zu australasischen Gruppen entdeckt - also zu Menschen aus Neuguinea, Australien und von der Inselgruppe der Andamanen im Golf von Bengalen.

Diese Verwandtschaft fanden sie nun auch bei einem 10.400 Jahre alten Menschen aus der Region Lagoa Santa im Südosten von Brasilien. Allerdings betrifft die Verwandtschaft nur grob drei Prozent des Genoms.

Anpassung an extreme Höhe

Erstautor Victor Moreno-Mayar sieht dafür zwei Erklärungsmöglichkeiten: "Entweder waren Gruppen mit dem australasischen Signal schon in Südamerika, als Zuwanderer damals die Region erreichten, oder aber die australasischen Gruppen kamen später." Dann hätten sie aber auf ihrem gesamten Weg durch Nordamerika keine genetischen Spuren hinterlassen.

"Dieses Signal ist sehr interessant, aber wir sahen es in unseren Daten nicht", sagt Posth zu dieser Arbeit. Überraschend sei, dass das Signal über einen Zeitraum von etwa 10.000 Jahren konstant bei etwa drei Prozent geblieben sei. "Wenn man in der Zeit zurückgeht, müsste das Signal eigentlich stärker werden. Deshalb ist die größte Frage: Wie kann ein Signal 10.000 Jahre lang bis heute konstant bleiben? Diese Frage können wir zurzeit nicht beantworten."

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Besiedlung Amerikas: Von Menschen und Höhlen

Im dritten Projekt untersuchten Forscher um John Lindo von der University of Chicago die Geschichte des Andenraums während der letzten 7000 Jahre. Dazu analysierten sie sieben Genome aus der Region um den Titicaca-See. Im Fachblatt "Science Advances" berichtet das Team unter anderem, dass sich die Menschen an das Leben in extremer Höhe bei geringem Sauerstoffgehalt anders anpassten als die Bevölkerungen im Himalaya.

Schutz gegen Pocken

Demnach haben Andenbewohner eine vergrößerte rechte Herzkammer, was die Aufnahme von Sauerstoff und die Durchblutung der Lunge fördert. Zudem tragen diese Menschen ein Verdauungsenzym, das im Dünndarm die Verwertung stärkehaltiger Nahrung etwa von Kartoffeln verbessert. Die Kartoffel stammt aus den Anden und ist dort bis heute vielerorts das wichtigste Grundnahrungsmittel.

Die Studie deutet auch darauf hin, dass die Ankunft der Europäer den Andenbewohnern weniger zusetzte als anderen Ureinwohnern Amerikas. Bislang dachten Forscher, dass die damalige Bevölkerung der Bergregion vor allem durch eingeschleppte Krankheiten um etwa 90 Prozent schrumpfte.

Die jetzige Studie schätzt dagegen, dass die Population lediglich um 27 Prozent zurückging. Demnach boten Erbanlagen den Menschen einen Schutz vor allem gegen die Pocken.

Von Walter Willems, dpa/joe

insgesamt 6 Beiträge
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Sissy.Voss 09.11.2018
1. Warum? Ich kann mir nicht recht vorstellen...
"Auffällig ist, dass die Zusammensetzung der neuen Gruppe über die Jahrtausende bis heute teilweise recht konstant blieb. Dies ist umso erstaunlicher, als die Bevölkerungen etwa in Europa, Westasien und Afrika in diesem Zeitraum mehrmals durch große Zuwanderungswellen stark verändert wurden." Ich kann mir nicht recht vorstellen, was daran erstaunlich sein sollte. Der euro-asiatische Raum war in seiner ganzen Weite immer uneingeschränkt zugänglich, ebenso der nordafrikanische. Im Gegensatz dazu waren die amerikanischen Kontinente nach dem Wegfall der Beringbrücke nur noch auf dem Seeweg erreichbar und die Handvoll Neusiedler gingen in der Bevölkerung der Amerikas noch nachhaltiger unter, wie es 10.000 Jahre später die paar Wikinger taten, die in Vinland siedelten. Mittlerweile scheint klar zu sein, dass außer den Clovisleuten nach andere Bevölkerungsströme von Ostasien nach Amerika migrierten. Dass man Gruppen nachweisen kann, die eventuell viel später über den Seeweg kamen und sich lokal abgegrenzt und durchgesetzt haben ist eine interessante Nachricht.
gunpot 09.11.2018
2. Um zur Lösung des Rätsels beizutragen
warum man Gene, wenn auch nur zu 3%, von Menschen findet, die nur dem Pazifikiraum zuzuordnen sind, so könnte es doch sein, dass es einigen wenigen gelang, über die Osterinsel im Westen des südamerikanischen Kontinents anzulanden. Schauen Sie sich mal die Entfernung von Tahiti zur Osterinsel an. das ist enorm. Nun nur noch den Faden weiterspinnen, Wer von den letzten bewohnten Inseln im Ostpazifik bis zur Osterinsel gelangte, dem ist auch zuzutrauen, dass er es von dort bis Chile schaffte.
gunpot 09.11.2018
3. Ich habe wegen des Nachweises
australasischer Gruppen in Südamerika noch einmal die Entfernungen etwas genauer gecheckt. Die Entfernung zwischen der Osterinsel und Chile oder Peru beträgt knapp 3.800 km. Die von Frz. Polynesien (Tahiti) zur Osterinsel kanapp 4.300 km. Die Insel Pitcairn, bekannt durch die Meuterer auf der Bounty liegt 2.o88 km von der Osterinsel entfernt. Sie war bis zur Ankunft der Meuterer unbewohnt, sie könnte aber als Zwischenstation der australischen Gruppen auf ihren Weg nach Osten, sprich Osterinsel oder sogar Chile/Peru gedient haben. Es war diesen australischen Gruppen durchaus zuzutrauen, über die Osterinsel den südamerikanischen Kontinent erreicht zu haben.
permissiveactionlink 09.11.2018
4. Australasiatisches Signal
Wenn man berücksichtigt, dass die ersten Sapiens Neuguinea und Australien schon vor ca 40000 Jahren erreichten, dann könnte man annehmen, dass sie auch Südamerika vor mehr als 10000 Jahren über den Seeweg erreicht haben könnten. Dies ist aber in erster Näherung unmöglich. Nimmt man als Ausgangspunkt der Seereise Port Moresby im Osten Neuguineas (9° 28' S, 147° 10' E) an und als Ankunftsort Manta an der Westküste Equadors (0° 57,74' S, 80° 42,75' W), dann sind schon am Äquator 132 Längengerade zu überwinden, was 14667 km entspricht. (Die sphärische Distanz beträgt 14579 km). Die Logistik für ein Inselhopping (von den Fähigkeiten zum Bau hochseefähiger Boote und zur Navigation unter dem Sternenhimmel ganz abgesehen) hatte 6000 - 7000 Jahre vor Stonehenge niemand. Und noch etwas anderes ist wichtig : Die Passatwinde wehen im Pazifik für gewöhnlich von Ost nach West, was eine Seereise in Gegenrichtung nahezu unmöglich macht. Ein solcher Trip wäre auch heute noch mit geeigneten Booten, Sextant, nautischen Tabellen, einer exakten Borduhr und der Fähigkeit, gegen den vorherrschenden Wind zu kreuzen, ein Himmelfahrtskommando. Das hätte keiner überlebt, schon gar nicht ohne geeignete Nahrungsmitteldepots auf den im Südostpazifik liegenden Inseln (Pitcairn, Henderson, Easter-Island etc.). Ich halte es für wahrscheinlicher, dass sich Einwanderer mit dieser australasiatischen Genausstattung mit Kanus vergleichsweise schnell an der Westküste Nord- und Mittelamerikas vorbeibewegten, ohne dort Wurzeln zu schlagen. Vielleicht waren sie dort unerwünscht und zogen einfach weiter.
eswirdbesser 10.11.2018
5. Bevölkerung ausgetauscht ?
Die Menschen, verwandt mit denen der nordamerikanischen Cloviskultur, verschwanden vor 9000 Jahren . Ab da siedelte eine andere Menschenpopulation. Wie habe ich mir das vorzustellen? Geonzid, Verdrängung in Richtung Mittel-und Nordamerika ?Was ist mit denen geschehen?
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