Mumie aus dem Eis Ötzi verspeiste giftigen Farn vor seinem Tod

Er ist seit mehr als 5000 Jahren tot und die wohl am besten untersuchte Leiche der Welt: Doch auch nach Jahren der Forschung finden Wissenschaftler Neues über Ötzi heraus - diesmal über seine letzte Mahlzeit.

Southtyrolarchaeologymuseum/Eurac/M.Samadelli

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Es hätte nicht viel gefehlt und Ötzi wäre als verunglückter, namenloser Wanderer begraben worden. Denn bei seiner Entdeckung 1991 durch Alpinisten ahnte zunächst niemand, dass der Mann aus dem Eis nicht vor wenigen Jahrzehnten, sondern während der Steinzeit gelebt hatte.

Entsprechend rabiat ging der Bergungstrupp mit der Leiche um. Mit Pickel und Presslufthammer stemmten sie die Gletschermumie aus dem Eis. Danach wurde die Leiche, die wegen des Fundorts in den Ötztaler Alpen später den Spitznamen Ötzi erhielt, und alles, was bei ihr gefunden wurde, in einen Plastiksack gesteckt. Weil der Bogen zu groß für den Sack war, wurde er kurzerhand zerbrochen.

So erging es auch wenig später Ötzi. Als ein Bestatter ihn in einen Sarg zwängte, musste er den Arm der Mumie brechen und den Deckel fest zudrücken - sonst wäre der Arm direkt wieder hinausgeschnellt. Konnte ja niemand ahnen, dass er bereits Jahrtausende überdauert hatte.

Ein Gerichtsmediziner wollte die Leiche schon zur Bestattung freigeben, als der Archäologe Konrad Spindler von Ötzi erfuhr und die Mumie genauer untersuchte. Ihm war schnell klar, dass der Mann aus dem Eis vor Urzeiten gelebt haben muss. Spätere Analysen von Gewebe- und Knochenteilen bestätigten den Verdacht: Ötzi starb etwa vor 5300 Jahren.

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Gletschermann Ötzi: Leiden in der Jungsteinzeit

Wirklich jeder Zentimeter seines Körpers und alles, was er dabeihatte, wurde in den folgenden Jahren haarklein analysiert, bis hin zu seinen Schuhen und seiner "Russenmütze". Und doch stoßen die Wissenschaftler immer wieder auf Überraschungen - diesmal in seinem Magen.

Ein Forscherteam um Frank Maixner vom Institut für Mumienforschung im italienischen Bozen hatte mithilfe von Mikroskopaufnahmen und DNA-Analysen Ötzis Mageninhalt genauer untersucht, wie sie im Fachblatt "Current Biology" schreiben. Sie konnten bisherige Forschungen bestätigen, nachdem Ötzi immerhin satt gestorben war.

Sein Magen war gefüllt mit Fleisch, Getreide und wie die Forscher nun überraschend herausfanden: Adlerfarn. Dabei ist die gesamte Pflanze giftig und enthält beispielsweise Blausäureglykoside. Wer den Farn verzehrt, riskiert beispielsweise Störungen des zentralen Nervensystems.

Was wollte Ötzi mit dem giftigen Kraut?

Die Forscher vermuten, dass er an heftigen Darmbeschwerden litt, ausgelöst durch Bakterien, die in seinem Darm entdeckt wurden. Vielleicht nutzte er den Adlerfarn als Arznei gegen die Symptome. Oder er wickelte sein Essen in die großen Blätter des Farns und nahm so das giftige Gewächs unabsichtlich auf.

Die Forscher stellten außerdem fest, dass Ötzis letzte Mahlzeit außergewöhnlich reich an Fetten war. "Der Mageninhalt war verglichen mit zuvor analysierten Dünndarmproben außerordentlich gut konserviert und er enthielt auch große Mengen einzigartiger Biomoleküle wie Lipide", sagt Maixner.

Die Analyse bestätigte vorherige Untersuchungen, nach denen mehr als die Hälfte des Mageninhalts aus fettigem Fleisch vom Steinbock bestand, heute am ehesten zu vergleichen mit dem Südtiroler Speck. Fettreiche Ernährung ist laut den Forschern eine exzellente Wahl für Wanderer in den Bergen.

Die letzten Stunden

"Die hohe und kalte Umgebung stellt eine besondere Herausforderung für die menschliche Physiologie dar und erfordert eine optimale Nährstoffversorgung, um Verhungern und Energieverlust zu vermeiden", sagt Albert Zink, der ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat. Ötzi sei sich dessen wohl bewusst gewesen.

Abgesehen von seiner letzten, üppigen Mahlzeit, war Ötzi kurz vor seinem Tod in einer desolaten Lage. Neuere Analysen seiner Werkzeuge zeigten, dass er wahrscheinlich ein Getriebener war und sozial isoliert. So trug er zwar wertwolle Werkzeuge mit sich herum, diese waren jedoch schon so oft nachgeschärft worden, dass sie kaum noch zu gebrauchen waren. Ötzi hatte offenbar Probleme, an Nachschub zu kommen.

Im Video: Wie Wissenschaftler Mumien haltbar machen

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Zu der These des Gehetzten passt auch, dass er nur Stunden vor seinem Tod zuerst von 2500 Meter Höhe auf 1200 Meter hinabstieg, nur um kurz danach das 3000 Meter hohe Tisenjoch zu erklimmen, wo er hinterrücks mit einem Pfeil erschossen wurde.

Es ist nicht der einzige spannende Einblick in das Leben des Mannes aus dem Eis. Forscher haben mittlerweile auch herausgefunden, dass Ötzi keine Milch vertrug, stark abgenutzte Zähne hatte sowie Dutzende Tattoos, einen erhöhten Cholesterinspiegel und verkalkte Arterien.

Außerdem entschlüsselten Forscher sein Erbgut und fanden so heraus, dass Ötzis heutige Verwandten auf Sardinien und Korsika leben.



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