Streamingdienst Alle fürchten Netflix

Vom DVD-Verleih zum Branchenschreck: Wie Netflix den US-Medienmarkt aufmischt - und sich die etablierten Konzerne retten wollen. Die Übersicht.

DPA/David Giesbre / Netflix

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Die US-Medienbranche steckt in einem tief greifenden Umbruch. Die Fusion von AT&T mit Time Warner und die angestrebte Übernahme der Entertainmentsparte des Medienkonzerns 21st Century Fox durch Walt Disney sind Abwehrschlachten gegen ein Unternehmen, das vor rund 20 Jahren als Videoverleih per Post gegründet wurde und inzwischen die gesamte Medienlandschaft umkrempelt: Netflix.

Doch wie kommt es, dass die gesamte Unterhaltungsbranche sich vor einem Newcomer fürchtet, der bis vor wenigen Jahren noch als potenzieller Übernahmekandidat galt? Immer wieder gibt es Gerüchte, dass beispielsweise Apple den Streaminganbieter übernehmen könnte.

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Vom DVD-Verleih zum Disney-Konkurrenten: Wie die Netflix-Story begann

Für die Wettbewerber aus der Unterhaltungsindustrie ist Netflix inzwischen wohl eine Nummer zu groß: Im Mai war das Unternehmen mit einem Marktwert von 153 Milliarden Dollar an der Börse kurzzeitig mehr wert als Disney. Netflix hat im ersten Quartal 2018 mit 125 Millionen Nutzern einen Umsatz von 3,7 Milliarden Dollar erzielt.

Die Zahl der Abonnenten wuchs auf inzwischen rund 120 Millionen zahlende Kunden weltweit. Allein in diesem Jahr sollen acht Milliarden Dollar in Fernsehserien und Filme investiert werden. Neben exklusiven Inhalten hat Netflix auch viele Spielfilme und Serien anderer Studios im Programm.

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Alle gegen Netflix: Der Kampf um die Inhalte

Aus mit Maus

So hält Netflix seit 2016 auch das US-Exklusivrecht für Disney-Produktionen, zu denen unter anderem Titel von Lucasfilm sowie Marvel- und Pixar-Produktionen gehören. Die Inhalte des Micky-Maus-Konzerns gehören zu den beliebten Angeboten von Netflix. Aber nicht mehr lange: Im August 2017 kündigte Disney an, die Partnerschaft mit dem Wettbewerber im kommenden Jahr zu beenden. Der Grund: Im Herbst 2019 will Disney einen eigenen Streamingdienst starten.

Es sind solche Zahlen, die den unaufhaltsamen Aufstieg von Netflix verdeutlichen und zuletzt auch Disney nervös machte. Neben Disney steht die gesamte Medienbranche in den USA vor einem Umbau. Ein Überblick:

Jagd auf Fox

Wegen der zunehmenden Konkurrenz durch Netflix und Amazon will sich auch der Telekomkonzern AT&T mit Inhalten für die neuen Herausforderungen rüsten. Im Oktober 2016 wurde bekannt, dass der Konzern das Medienunternehmen Time Warner übernehmen will.

Sender wie HBO und CNN sowie das Filmstudio Warner Bros sollen AT&T die Inhalte für seine Netze liefern. Jetzt wurde die Fusion, die zunächst vom US-Justizministerium blockiert wurde, ohne Auflagen genehmigt. Die erwartete Freigabe wiederum hat auch Comcast dazu erwogen, noch einmal seine Chancen bei Fox auszuloten und Disney bei dem Deal noch auszustechen.

Diamonds in the Sky

Rupert Murdochs 21st Century Fox will die Filmsparte 20th Century Fox mit den Filmstudios, sowie Spartensender wie FX und National Geographic verkaufen. Ein weiteres Asset, auf das sowohl Comcast als auch Disney scharf sind, ist der 39-prozentige Anteil von Fox an der Sky-Gruppe.

Comcast hatte zunächst ebenfalls Interesse an den Fox-Anteilen. Der Konzern hatte sich allerdings zurückgezogen, weil das Fox-Management kartellrechtliche Bedenken fürchtete. Jetzt, wo der AT&T-Time-Warner-Deal durchgewinkt ist, wird erwartet, dass Comcast erneut ein verlockendes Angebot für die Fox-Assets vorlegt. Der Konzern dürfte das Urteil als Signal werten, dass von Seiten der Kartellbehörden weniger Widerstand zu erwarten ist. Im Gegensatz zu Disney, das die Übernahme mit Aktien bezahlen will, bereitet Comcast ein Barangebot vor.

Zu den umkämpften Anteilen gehören auch die restlichen Anteile am britischen Pay-TV-Sender Sky. Die Regierung in London hat erst kürzlich den Weg für den Bieterwettbewerb freigemacht. Sowohl Murdochs 21st Century Fox als auch Comcast können nun für 61 Prozent an Sky bieten. Sollte Fox den Zuschlag bekommen, müsste allerdings der Nachrichtensender Sky News ausgegliedert werden.

Fox könnte Sky direkt weiter an Disney durchreichen und würde damit seine Anteile für den Konzern noch wertvoller machen. Sollte Comcast allerdings den Zuschlag bekommen, wäre das Gesamtpaket für Disney weniger attraktiv.

Hulu

Die Bieter sind an einer weiteren Beteiligung interessiert, der Videoplattform Hulu. Sie liegt zwar mit zuletzt 20 Millionen US-Abonnenten hinter Netflix zurück, das rund 55 Millionen Kunden in den USA zählt. Dennoch wuchs Hulu zuletzt im Heimatmarkt schneller als der Konkurrent.

Der Anteil von Fox an der Plattform ist hoch begehrt. Bei Hulu handelt es sich um ein Joint Venture, an dem Disney über die Tochter ABC 30 Prozent hält. Fox kontrolliert ebenfalls 30 Prozent - genau wie Comcast über NBC. Die restlichen zehn Prozent hält Time Warner.

Hulu lag Ende 2017 mit 17 Millionen zahlenden Kunden weit hinter Netflix zurück, wird aber vorwiegend in den USA genutzt. Wer sich schließlich bei den Fox-Anteilen durchsetzt, bekommt damit also auch die Mehrheit an dem Streaminganbieter - für Disney ein gutes Standbein, um sein eigenes Angebot auszubauen und im Herbst mit einer großen Plattform zuzuschlagen.

Amazon Prime

Auf dem Markt ist neben Netflix noch ein weiterer potenter Konzern vertreten: Amazon. Der Internetkonzern bündelt seinen Videodienst mit dem Prime-Angebot und gibt keine separaten Nutzerzahlen preis. Amazon Prime hat Angaben von Unternehmenschef Jeff Bezos zufolge inzwischen weltweit mehr als 100 Millionen zahlende Nutzer.

Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge streamen davon allein in den USA 26 Millionen Nutzer Angebote von Amazon. Auch der Internetkonzern will seine Eigenproduktionen ausbauen. Doch gegen Disneys gebündelte Blockbuster-Macht könnt der Konzern es schwer haben. Zumal Disney auch preislich unter den elf Dollar bleiben will, die Netflix für sein Abo nimmt. Der Prime-Video-Service von Amazon kostet neun Dollar im Monat.

Zusammengefasst: Die US-Medienbranche steht vor mehreren großen Übernahmen. Damit wollen sich die etablierten Konzerne fit machen für den Wettbewerb mit dem Streamingdienst Netflix. Der ist in nur zwanzig Jahren vom DVD-Verleih mit Eigenproduktionen zum ernsten Konkurrenten von Disney geworden - und hat kurzzeitig sogar dessen Marktwert überholt.



insgesamt 24 Beiträge
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Nania 13.06.2018
1.
Streaming Dienste haben einen riesigen Vorteil: Die meisten sind weltweit verfügbar. Erst neulich konnte man anhand einiger abgesetzten Serien im US-amerikanischen Fernsehen erkennen, dass die Zeit linearen Fernsehens zu ende geht. Insbesondere auch die Tatsache, dass die "normalen" Fernsehquoten herzlich wenig aussagen über die Größe des tatsächlichen Publikums. Wenn viele Serien (Filme etc.) nicht mehr über das lineare Fernsehen schauen, sondern auf Streaming-Angebote zurückgreifen, bzw. zurückgreifen müssen, weil sie auf das Angebot der Sender keinen Zugriff haben, dann ist das ein Zeichen dafür, dass die mediale Landschaft sich langsam aber sicher ändert. Das gilt INSBESONDERE für englischsprachige Serien und Filme. Immer mehr (junge) Menschen schauen in Deutschland und anderswo Serien im Originalton und müssen nicht mehr auf die synchronisierte Fassung, die dann im deutschen, linearen TV läuft, warten. Ich persönlich bin dankbar, dass mittlerweile Streaming Dienste das Fernsehen revolutionieren. Und übrigens auch die Art und Weise, wie Serien erzählt werden.
so-long 13.06.2018
2. Abwarten
Inhalte/Content zu produzieren ist teuer und erfordert mehr als eine Kamera und einen Sprecher. Das kann Disney zweifelsfrei. Disney verkauft Rechte an Netflix. Wie lange noch und zu welchen Bedingungen? Einen Streamingdienst aufzubauen ist technisch nicht kompliziert und vom Marketing versteht Disney auch etwas. Die von Netflix bisher produzierten Inhalte reißen große Löcher in die Bilanzen. Abwarten.
Phleon 13.06.2018
3.
In meinem Kreis ist bei jungen Leuten Netflix Standard, normales TV ist dagegen wenig verbreitet. Es gibt zwar Maxdome, aber Netflix ist denen weit weit vorraus. Warum sollte man Maxdome Netflix vorziehen?
Flugzeugfreak1 13.06.2018
4. Netflix seit Weihnachten
und sehr glücklich damit. Ich muss nicht warten bis das ZDF oder die ARD mal einen guten Film präsentieren, der nicht ein Krimi ist. Ich muss mir nicht das "Vergnügen" bei den Privaten mit den vielen Werbepausen gönnen. Netflix Titel, zumindest einige, kann ich mir sogar begrenzt herunterladen und anschauen wenn ich mal kein Netz hab, was im Flieger doch schon vorteilhaft sein kann. Allerdings fänd ich es schade wenn Disney Produktionen aus dem Netflix Angebot herausfallen. Insbesondere die Marvel Produktionen sind "marvellous". Und blöd wäre es, wenn es dann nicht mehr ein Angebot gibt das viele Werke von jedem hat, sondern 3 Angebote mit jeweils den paar Titeln, die ich will und dem Großteil, den ich nicht will. Das wäre dann tricky. Der Reiz von Netflix ist es ja, viele Titel bereitzustellen die die Leute sehen wollen, seit dem es Netflix Deutschland gibt sind die Besucherzahlen von Kinox und Co gefallen.
01099 13.06.2018
5.
Wenn Netflix irgendwann noch die "Arthaus"-Filme in das Programm nimmt, können alle anderen Anbieter einpacken. Was ich zudem sehr schade finde ist, dass Filme wieder verschwinden und das Anlegen einer persönlichen Liste daher wenig sinnvoll ist. Ansonsten ist das Streaming á la Netflix die Zukunft, auch wenn Deutschland vor lauter Verschnarchtheit stoisch am überkommenen Fernsehen festhält. Die neue Generation nutzt dieses Medium kaum noch. Die Letzten dürften mit dem schwachsinnigen Umstellen des DVB-T-Standards vergrault worden sein. Millionen von Receivern und USB-Sticks plötzlich unbrauchbar. Ganz große Leistung!
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