Eine Milliarde Bußgeld für Volkswagen "Das ist eine kleine Nummer"

VW muss wegen der Dieselaffäre eine Milliarde Euro Bußgeld an Niedersachsen zahlen. Doch das Land sitzt mit zwei Vertretern im Aufsichtsrat des Konzerns. Das sei befremdlich, findet der Ökonom Christian Strenger.

Volkswagenlogo an einem VW Golf glänzt vor dem Unternehmenshauptsitz
DPA

Volkswagenlogo an einem VW Golf glänzt vor dem Unternehmenshauptsitz

Ein Interview von Margret Hucko


SPIEGEL ONLINE: Herr Strenger, in der Dieselaffäre bekommt das Land Niedersachsen eine Milliarde Euro Bußgeld von Volkswagen überwiesen. Ist das gerecht?

  • DWS
    Christian Strenger, geb. 1943, Wirtschaftswissenschaftler mit den Schwerpunkten Corporate Governance und Asset Management. Strenger ist Gründungsmitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex und sitzt heute im Aufsichtsrat der DWS Investment, dessen Sprecher der Geschäftsführung er lange Zeit war.

Strenger: Das sieht schon nach rechter Tasche, linker Tasche aus. Niedersachsen gehört zu den Kontrollaktionären von VW und sitzt im Aufsichtsratspräsidium. Es wäre doch die Aufgabe der beiden Landesvertreter gewesen, den Vorstand und seine langjährigen Aktivitäten effizient zu kontrollieren. Nun kassiert Niedersachsen für seine mangelhafte Kontrolle viel Geld - das ist ziemlich absurd.

SPIEGEL ONLINE: Wofür sollte Niedersachsen das Geld ausgeben?

Strenger: Das Land wäre gut beraten, das Geld für die Luftverbesserung einzusetzen. Das dürfte aber kaum passieren, denn es wäre ja das Eingeständnis, im Dieselskandal versagt zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Fällt das Bußgeld hoch genug aus?

Strenger: Im Verhältnis zu elf Millionen manipulierter Motoren ist das Bußgeld eine kleine Nummer. Allein in Nordamerika musste VW bisher Strafen und Entschädigungen von 25 Milliarden Euro zahlen. Das Gute aber ist, dass die Staatsanwaltschaft Braunschweig in ihrer Begründung zu dem Schluss kommt, dass bei VW "Aufsichtspflichtverletzungen" vorliegen, die weitere Konsequenzen haben dürften.

SPIEGEL ONLINE: Was bringt das aus Ihrer Sicht?

Strenger: Für VW wird es jetzt noch schwieriger, die Konzernführung weiterhin aus der Verantwortlichkeit für den Dieselskandal herauszuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Strenger: Selbst die harmlos klingende Einstufung als Ordnungswidrigkeit dürfte für Aufsichtsrat und Vorstand nicht folgenlos bleiben. Laut Gesetz müssen diese Gremien nämlich für gravierende Aufsichtspflichtverletzungen als sogenanntes Organisationsverschulden einstehen.

SPIEGEL ONLINE: Laut einer Mitteilung von VW bezieht sich diese Aufsichtspflichtverletzung lediglich auf die Abteilung Aggregate Entwicklung. Von Vorstand oder Aufsichtsrat steht da nichts.

Strenger: Das hat die Staatsanwaltschaft sofort korrigiert, schon da die Motorenentwicklung ein Kernbereich von Volkswagen ist, für den mindestens ein Vorstand verantwortlich zeichnet. Das ist ja nicht die Poststelle! Es ist kaum mehr eine Frage der Zeit, bis auch das erste deutsche Gericht die Führungsebenen für den Dieselskandal verantwortlich sieht.

SPIEGEL ONLINE: Was liegt im Aufsichtsrat von VW im Argen?

Strenger: Es gibt praktisch keine unabhängigen Aufsichtsräte bei Volkswagen. Die Mitglieder werden überwiegend von den Familien Porsche/Piëch, Niedersachsen oder Katar gestellt. Wenn dort aber gestandene Aufsichtsräte mit wirklicher Unabhängigkeit säßen, würden die endlich die Ursachen der Dieselaffäre überzeugend abarbeiten und transparent machen.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Spiegelleserin57 15.06.2018
1. wer soll noch alles interviewt werden??
diese Meinung der Theoretiker kennen wir doch schon lange und da wurde schon viel diskutiert, besonders auch die realen Folgen für die tausenden Angestellten! Die Entscheidungen treffen letztendlich die Staatsanwälte und nicht irgendein Wissenschaftler. Viel interessanter wäre eine Recherche was denn mit all den anderen Autoherstellern geschieht die wohl auch ihre Software verändert haben. Da liest man leider leider wieder nichts!
melnibone 15.06.2018
2. Stimmt.
Hinter dieser Milliarde fehlt mindestens eine ´Stelle´, wenn nicht gar zwei. Seit 2007 ... erwiesenermaßen ... die Welt betrogen. Und immer bestens damit verdient. Und die Politik immer im VW-Gefüge mehr als deutlich involviert. Ich denke nicht nur Führungskräfte der VW Spitze gehören auf Anklagebänke. Ich vermisse da, den einen oder anderen Politiker aus Niedersachsen und aus den vergangenen Bundesregierungen in Ressortsverantwortung. Die Justiz kann vieles finden wollen.
global.payer 15.06.2018
3. Verdeckte Gewinnausschüttung
nennt man das wohl, wenn die Strafen dem Eigentümer zufließen. Wird wohl demnächst ein Sondermodell Golf Banane geben.
chattagam 15.06.2018
4.
Zitat von global.payernennt man das wohl, wenn die Strafen dem Eigentümer zufließen. Wird wohl demnächst ein Sondermodell Golf Banane geben.
Der Scirocco wurde doch dieses Jahr eingestellt.
bollocks1 15.06.2018
5. Die unabhaengige Staatsanwaltschaft Braunschweig...
...hat es Volkswagen aber gezeigt: 1 Milliarde Bussgeld! Man koennte auch sagen, linke Tasche, rechte Tasche...zumal das Geld an das Bundesland Niedersachsen fliesst, anstatt als Schadenersatz an die Kunden. Die Hoehe wird wohl vorher abgesprochen worden sein.
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