Produktdesign von Victor Papanek Nur noch kurz die Welt retten

In den Siebzigerjahren revolutionierte Victor Papanek mit markigen Slogans den Designbegriff. Eine Ausstellung im Vitra Design Museum blickt erstmals umfassend auf sein Werk zurück. Was bedeutet es für die Gegenwart?

Universität für angewandte Kunst Wien/ Victor J. Papanek Foundation

Ein paar trauen es sich dann doch noch zu sagen. Nach der Eröffnung, in kleiner Runde, bei Rieslingsekt und Salzgebäck. Also Victor Papanek, den Namen, den hätten sie ja bisher nur am Rande mitbekommen. Dem folgt meist ein verschämter Blick, dem wiederum oft Bestätigung der anderen.

Das macht die Herausforderung deutlich, der sich das Vitra Design Museum in Weil am Rhein mit dieser Ausstellung stellt: Hier muss man den Besuchern ein bisschen was mit auf den Weg geben. Als Untertitel wählte man deshalb: "The Politics Of Design".

Das ist catchy, aber auch ein wenig irreführend, denn um Politik im herkömmlichen Sinne ging es Papanek am wenigsten. Eher um eine Erweiterung des Designbegriffes in gesellschaftliche und soziale Bereiche hinein. 1971 veröffentlichte er sein Standardwerk "Design For The Real World". Es wurde in 34 Sprachen übersetzt und ist das meistverkaufte Buch zum Thema Design überhaupt. Papanek postuliert darin ebenso fundiert wie pointiert einen ganz neuen Designbegriff, der weit über das Thema Gestaltung hinausreicht.

Er erinnert an die Macht, die Designer haben, im Guten wie im Schlechten, spart dabei nicht mit Kollegenschelte und erklärt das große Ganze anhand vieler kleiner Beispiele. Vieles von dem, was uns heute selbstverständlich erscheint, wird von Papanek vorweggenommen - nicht nur im Bereich der Nachhaltigkeit, sondern auch, was etwa Produktsicherheit angeht. "Design For The Real World" ist ein Lesevergnügen - dessen deutsche Ausgabe leider seit Jahren vergriffen ist; Versuche eines Nachdrucks scheiterten an urheberrechtlichen Problemen.

Am Anfang war der Stuhl

In Weil am Rhein erzählt zunächst eine Timeline von Papanek, dem österreichischen Immigranten, der sich ab den Vierzigerjahren als klassischer Designer verdingt. Er lernt beim legendären Architekten Frank Lloyd Wright. Seine Möbelstücke erinnern an große Modernisten wie George Nelson. Mit dem Samisen-Esszimmerstuhl entwirft er sogar ein Stück, das man durchaus als Beitrag zum Kanon der modernen Möbelkunst zählen kann.

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Ausstellung "The Politics of Design": Nicht schön im klassischen Sinne

Doch schon in den Fünfzigern, Papanek hat eine erste Dozentenstelle am Ontario College Of Art, verändert sich sein Designansatz. Ein "Kommunikator und Diplomat", so schreibt er 1957 in einem Aufsatz, müsse ein Designer sein. Ab 1961 moderiert er die Fernsehsendung "Design Dimension", für die er klare Thesen erstellt. "A Designer Appreciates Nature" lautet eine davon, "A Designer Uses Technology" eine andere.

Entsprechend verändern sich auch die Arbeiten Papaneks. Am Carolina State College entwickelt er gemeinsam mit seinen Studenten eines der ersten Zelte für humanitäre Hilfsmissionen. Es folgen Dinge wie ein Spielgerät für Kinder mit zerebraler Lähmung und ein behindertengerechtes Taxi. Das heute noch auf der ganzen Welt verwendete Icon für den Rollstuhl wurde in einem der Universitätskurse Papaneks entwickelt.

Radio aus Kuhdung

Nebenbei schreibt er weitere Bücher; erwähnenswert ist vor allem das mit James Hennessey verfasste "Nomadic Furniture", eine der ersten Anleitungen zum Selbstbau von Möbeln. Die sehen praktisch aus, schön in einem klassischen Sinne sind sie nicht. Ohnehin ist Ästhetik bei Papaneks Designbegriff längst keine Triebfeder mehr: In den Sechzigern entwirft er etwa das "Tin Can Radio", einen Low-Cost-Radioempfänger für Entwicklungsländer. Es besteht teilweise aus Kuhdung.

In den 80er- und 90er-Jahren gerät Papanek außer Mode, gesellschaftliche Aspekte spielten im Design kaum eine Rolle mehr. Erst seit der Jahrtausendwende werden seine Positionen wieder gehört. Das liegt zum einen daran, dass sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass der Designbegriff nicht nur haptische Objekte umfasst, sondern auch auf ganze Prozesse und Handlungen anwendbar ist. All das wird in Weil am Rhein ausführlich erklärt und eingeordnet.

Richtig interessant wird es aber, wenn sich die Ausstellung in die Gegenwart öffnet. Denn die großen Themen der ausgehenden Sechzigerjahre sind auch die von 2018: Krieg, Rassismus, soziale Ungerechtigkeit, Geschlechterfragen, Inklusion, alles originäre Papanek-Themen. Im Obergeschoss des Museums werden deshalb aktuelle Arbeiten anderer Designer gezeigt, die sich mit diesen Fragen beschäftigen.

"Totomoxtle" von Fernando Laposse etwa. Der Designer hat ein Furnier entwickelt aus den Außenblättern einer alten Maissorte, die durch die Globalisierung kaum mehr rentabel anbaubar ist. Und Natsai Audrey Chieza untersucht mit ihren "Faber Futures" seit einigen Jahren Stofffärbung durch lebende Organismen. Ihre Vision: Textilfabriken ohne giftige Färbeprozesse. Das mag nach Zukunftsmusik klingen, ist aber interessanter und auch dringlicher als vieles, was heute unter dem Begriff "Social Design" läuft, wo die Absicht gut und greifbar erscheint, einiges an PR bekommt, um dann in irgendeiner Schublade zu landen.

Design ist immer noch weiß und männlich

Dass Papanek heute wieder gehört wird, liegt aber auch an einem Generationenwechsel. "Heute sind Papaneks Studenten an Positionen, wo sie seine Gedanken an Jüngere weitergeben", sagt Amelie Klein, eine der Kuratorinnen der Ausstellung. Bis in die Wirtschaft reicht dieser Einfluss: So würden sich weltweit agierende Designunternehmen wie IDEO - sie entwarfen die erste Computer-Maus für Apple, aber auch den ersten Insulinstift und ein Transportsystem für Nierentransplantate - ganz klar auf Papanek beziehen.

1992 hielt Papanek noch Vorträge bei Apple. Doch würde die aktuelle Politik des Konzerns und der anderen großen Technologie-Firmen seinen Segen finden? Amelie Klein bezweifelt das. Außerdem seien die meisten Designer im Silicon Valley weiß und männlich - wie fast überall. "Das hat natürlich Auswirkungen. Wenn ein weißer Mann etwas designt, dürfen wir uns nicht wundern, dass es für weiße Männer designt wurde. Es geht halt nicht anders. Man kann nicht aus seiner Haut", sagt Klein.

Nach einer Weile findet sie aber dennoch ein Beispiel dafür, dass im Designbereich Internet und Technologie Platz für angewandtes Social Design ist: "Seeing AI" sei ziemlich gut. "Das ist eine App, die nicht von einer der großen fünf Silicon-Valley-Firmen aufgekauft wurde. Sie hilft Menschen mit Sehbehinderung. Sie scannt Text und liest das vor." Kurzum: Diese App stellt Design in einen guten Dienst. Das würde Papanek gefallen. Denn der schrieb schließlich schon ins Vorwort seines Bestsellers folgenden Satz: "Es gibt Berufe, die mehr Schaden anrichten als der des Industriedesigners, aber viele sind es nicht."


Das Vitra Design Museum zeigt "Victor Papanek - The Politics of Design" noch bis zum 10. März 2019, täglich 10-18 Uhr.



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