Designermode made in Palästina Lehrstoff

Die palästinensische Designerin Noora Khalifeh verkauft in Ramallah moderne Kleidung mit jahrhundertealten Stickmustern. Für sie ist die Bewahrung der traditionellen Feinarbeit ein politisches Statement.

Klaus Petrus

Von Andrea Jeska


Das Auftragsbuch war voll wie nie vor jenem Tag, an dem der Nabka gedacht wird. Zur Erinnerung an die Vertreibung aus ihrer Heimat wollten viele Palästinenserinnen Kleidung tragen, welche die reiche Tradition Palästinas zeigt: Mäntel, Kleider, Röcke und Seidenblusen mit aufwendigen Stickmustern. Motive, die Frauen vor vielen hundert, vielleicht schon tausend Jahren erfanden - und die seither kaum verändert wurden.

Nakba heißt Katastrophe und bezeichnet die Vertreibung von rund 700.000 Palästinensern aus dem ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina nach der israelischen Unabhängigkeit. Ein furchtbares Unglück, sagt Designerin Noora Khalifeh, 33, von dem sich ihr Volk nie wieder erholt habe. "Ein schlimmer Tag für die Menschen und ihr Leben, aber auch ein Einschnitt in der Kultur, vor allem in der Mode. Nie wieder war diese so kunstvoll wie zuvor."

In den Flüchtlingslagern hatten die Frauen weder Zeit noch Geld für die aufwendigen Stickarbeiten, mit denen sie ihre Abende in den Dörfern füllten. Als jedes Kleidungsstück zeigte, woher man kommt und welchen sozialen Status man besitzt, als man Gold- und Silberfäden in die Festgewänder stickte und die Muster Wünsche zeigten: Gesundheit, Glück, Liebe, Reichtum.

Schon immer war Stickkunst in Palästina die Kunst der Bauersfrauen. Die Muster wurden von Generation zu Generation weitergegeben, sie variierten von Dorf zu Dorf, spiegelten die Narrative und reale Ereignisse. Jedes Muster hatte eine eigene Bedeutung. Sie hießen "Auge des Huhns" oder "Ohr des Maiskolbens", sie zeigten Zypressenbäume und Palmen, Vögel und Blumen.

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Fotostrecke: In Ramallah bei Noora Khalifeh

Meist lernten die Mädchen bereits mit sieben oder acht Jahren das Sticken, studierten die Motive und den jeweiligen Stich. Sobald sie geübt genug waren, begannen sie ihre spätere Aussteuer zu besticken, ein Prozess, der Jahre dauerte, je nachdem wieviel Geld die Familie für Stoffe und Seidenfäden hatte. Neben den Alltagskleidern fertigten die Mädchen Gewänder für religiöse und weltliche Feste und für Pilgerreisen.

Jahrelange Handarbeit

Stets wurden nur Stoffteile bestickt - die Ärmel, die Brustverzierungen, die Seitenteile - und dann zusammengenäht. Die meisten Kleider waren recht formlos und hingen bis zu den Fesseln. Sie waren aus Baumwolle, die so offen gewebt war, dass sie lange hielt. Nur die Festkleider waren aus Samt. Muster aus dickem Seidenfaden bedeuteten Reichtum, ebenso dunkle Stoffe, die mehr Farbbad brauchten.

Wann genau die palästinensischen Frauen begannen, ihre Kleidung mit Ornamenten zu besticken, ist nicht bekannt, denn einmal abgetragen wurden die frühen Stücke nicht aufbewahrt. Die Mehrheit der arabischen Bauern Palästinas lebte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts recht ärmlich in achthundert Dörfern, verteilt entlang der Küste und in den Hügeln im Norden und Osten. Die reichere Stadtbevölkerung kleidete sich da schon seit Jahrzehnten nach türkischem, später nach britischem Vorbild.

Die Blütezeit der Stickkunst dauerte wohl von Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg, als Palästina britisches Mandatsgebiet wurde, war die Stickkunst wohl auf ihrem Zenit. Stoffe kamen nun aus Syrien, der Türkei und Europa. Pilger und Touristen besuchten das Land. Missionare, die den Wert der Stickereien erkannten, veranstalteten Stickkurse, um den Frauen nicht nur die christliche Botschaft zu bringen, sondern ihnen auch ein Einkommen zu schaffen. Zwangsläufig beeinflussten sie die Stickkunst, neue Motive und Symbole wurden verarbeitet, die ersten Bücher mit Stickmustern gedruckt.

"Jedes Bewahren ist eine Form des Widerstands"

Dank dieser Bücher ist es Noora Khalifeh gelungen, wieder aufleben zu lassen, was schon fast verloren war. Vor vier Jahren hat sie ihren Laden für Designermode made in Palästina auf einem der stillen Hügel von Ramallah eröffnet. "Kleidung ist eine Möglichkeit unsere Kultur zu zeigen", sagt Khalifeh. Aber sie ist auch Botschaft: "Wer Frieden will, möchte Tauben oder andere Vögel, wer Glück will, Regenbogen und Blumen. Wer die Wüste mag, wählt gelb, wer das Meer liebt, blau. Während der ersten Intifada wurden Hände in die Kleidung gestickt, es waren die Hände der Gefangenen."

Für Khalifeh hat ihre Arbeit eine höchst politische Botschaft: "Jedes Bewahren ist eine Form des Widerstands gegen jene, die behaupteten, dort, wo heute der Staat Israel ist, habe es zuvor nur Wüste und eine Handvoll kulturloser Bauern gegeben."

Designerin Noora Khalifeh in ihrem Laden
Klaus Petrus

Designerin Noora Khalifeh in ihrem Laden

Khalifeh hat einen gut verdienenden Ehemann und erwartet ihr drittes Kind. Ohne den Mann im Rücken könnte sie ihren Laden wohl kaum halten, denn die lokale Bevölkerung ist zu arm, die teuren Designerstücke zu kaufen. Ein Kleid kostet zwischen 500 und 4000 US-Dollar. Ihre Kundschaft kommt aus der kleinen Oberschicht der Palästinenser oder aus der Diaspora in Amerika und Europa. Nur zu Festtagen oder in den Wochen vor der Nakba kommt viel Kundschaft in den Laden.

Kleider beginnen bei 500 Dollar

Die Beschäftigung mit der Mode ihrer Heimat ist der Designerin in die Wiege gelegt. Ihr Vater betrieb einen Laden in Jerusalems Altstadt, wo er Kleidung und Souvenirs aus der heutigen Westbank und aus Gaza verkaufte. Als Kind begleitete Noora ihn, wenn er zu den Frauen fuhr, die für produzierten. "Ich sah stundenlang zu, wie die Frauen Stich um Stich machten, wie sie Perlen und Münzen an die Gewänder nähten. Und alles aus dem Kopf, oft hatten sie keine Vorlagen, malten die Muster nicht auf. Diese Frauen haben in mir Achtung und Liebe für die Kleidung meiner Heimat gesät."

Auch Khalifehs Lieferantinnen sind Frauen aus dem umkämpften und bitterarmen Gaza. Dort, am Ufer des Meeres, wurden schon immer die schönsten Kleider bestickt, arbeiteten die Näherinnen und Stickerinnen noch sorgfältiger. Bis heute, so erzählt es Khalifeh, können Kenner an manchen Stücken sehen, wo und von welcher Frau es gefertigt wurde.

Doch nach der Nakba, als die Zugehörigkeit zu einem Dorf, einer Familie oder Sippe verschwand und die Menschen nur noch Flüchtlinge waren, verschwand auch in den Dörfern Gazas der individuelle Stil. Heute sticken die Frauen im Rahmen von Hilfsprojekten und verzieren Jacken und Röcke, die später in den Souvenirshops verkauft werden. Oft sind es lieblose Arbeiten auf billigen Stoffen mit billigem Faden, die kaum noch etwas mit der ursprünglichen Handwerkskunst zu tun haben.

Khalifeh will mit ihren Aufträgen helfen. 80 Frauen haben durch sie ein Einkommen. Sie bringt ihren Stickerinnen Vorlagen alter Muster, wann immer sie welche findet. Nach diesen besticken sie Röcke und Geldbörsen, Blusen und winzige Stoffstücke, die sodann in Ringe und Armbänder eingebettet werden. Am arbeitsintensivsten sind noch immer die Hochzeitskleider aus Samt und Leinen, so üppig bestickt und mit Münzen verziert, dass sie drei bis vier Kilo wiegen.

Sonnenaufgang über Ramallah
Klaus Petrus

Sonnenaufgang über Ramallah

Die Kleidungsstücke aus Gaza nach Ramallah zu holen, ist schwierig. "Immer wieder muss ich mit israelischen und palästinensischen Behörden verhandeln, wird mir durch die Blume unterstellt, Terrorismus zu unterstützen. So weit ist es mit diesem Konflikt, dass selbst Mode zwischen die Fronten gerät."

Selbst die Palästinensertücher kommen aus China

Und noch eine andere Entwicklung macht Khalifeh das Leben schwer. Billige Importware hat die palästinensische Textilindustrie längst in die Knie gezwungen. Diese Kleider und Jacken kosten nur ein Bruchteil der handgefertigten Einzelstücke, die Khalifeh verkauft. Selbst die Kufiya, das schwarz-weiß karierte Tuch, das Jassir Arafat weltweit bekannt machte, und die bis heute ein Symbol des palästinensischen Kampfes um Freiheit ist, wird mittlerweile in China und Indien hergestellt.

Schaufenster in Ramallah
Klaus Petrus

Schaufenster in Ramallah

Künftig, sagt Khalifeh, wolle sie die Kontakte zu Boutiquen in Paris und New York intensivieren, nicht nur des betriebswirtschaftlichen Überlebens willen. Auch, um in diesen Zeiten, in denen der Konflikt mal wieder unlösbar scheint, dem Bild entgegenzuwirken, in Palästina gäbe es nur Leid und Terror. "Die Frauen in meinem Land strebten immer auch nach Schönheit und Eleganz. Das ist eine Seite, die wir der Welt zeigen müssen, wollen wir nicht reduziert werden auf Opfer oder Täter."



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