Architektur-Fotograf Kolehmainen "Gotteshäuser fühlen sich alle gleich an"

Ola Kolehmainen reiste drei Jahre durch Europa und fotografierte heilige Orte. Hier erzählt er, mit welchen Tricks er die riesigen Innenräume ablichtete - und warum die Wärter der Hagia Sophia seine Geschwister sind.

Ola Kolehmainen/ Hatje Cantz

Ein Interview von


Zur Person
    Ola Kolehmainen, Jahrgang 1964, ist ein finnischer Fotograf. Bekannt wurde er für seine abstrakten Fassadenaufnahmen. Er lebt in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kolehmainen, sonst fotografieren Sie nur Fassaden. Nun zeigen Sie Synagogen, Moscheen, Kirchen von innen. Wie kam's?

Ola Kolehmainen: Es war nicht einmal meine Idee. Ein Istanbuler Sammler beauftragte mich, Moscheen des ottomanischen Architekten Mimar Sinan zu porträtieren. Er hat die Bauweise von Moscheen grundlegend verändert: Bei ihm gibt es keine Säulen, er richtete sich damit nach den religiösen Bedürfnissen. Der Blick der Gläubigen ist unverstellt, egal ob auf den Imam oder nach Mekka. Und er entpuppte sich als idealer Ausgangspunkt für mein Projekt: Er war armenischer Christ, beeinflusst von römischer, byzantinischer und persischer Architektur.

SPIEGEL ONLINE: Heute schwer vorstellbar. Erst in den vergangenen Wochen wuchsen die Spannungen zwischen Juden und Muslimen wieder, dazu das wachsende Misstrauen zwischen Muslimen und Christen im sogenannten Westen. Ist Ihre Werkreihe "It's All One History, Almost" ein politischer Kommentar?

Kolehmainen: Über den politischen Teil dachte ich gar nicht nach, als ich 2014 begann. Ich hatte nur festgestellt, dass Sinan Zeitgenosse der anderen großen Kirchenbauer Michelangelo und Andrea Palladio war, sie sich aber nie getroffen hatten. Also beschloss ich, meinen Fokus zu erweitern. Derweil wurden die Beziehungen zwischen den Religionen angespannter, erst recht nach den Terroranschlägen in Paris. Die Welt wandelte sich um mein Werk herum. Das Projekt hat meine künstlerische Identität radikal verändert.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Kolehmainen: Mein Blick hat sich geweitet. Einer der Wendepunkte war mein Besuch in der Capella Scrovegni in Padua. Ich habe mich in den Raum verliebt. Denn auch wenn die Menschen dort nur Teil von Fresken sind: Figürliches vermied ich bislang strikt. Aber vor allem musste ich eine neue fotografische Sprache finden.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

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Fotostrecke: Visuelle Reise an heilige Orte

Kolehmainen: Um das schiere Volumen zu erfassen. Der Trick: Ich lichtete einen Raum in Sektionen ab und fügte sie hinterher leicht versetzt zusammen. Ein Werkzeug, das mir lange gefehlt hatte. Ich hatte es schon mal versucht, um 2000 in Paris. Ich wusste, dass es allein im 18. Arrondissement 100 Kirchen gibt. Nach Nummer 78 merkte ich: Es klappt nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber weshalb denn?

Kolehmainen: Es sah nach nichts aus. Ich schaffe es nicht, diese unglaublichen Räume zweidimensional festzuhalten. Man kann sagen: All die Jahre Arbeit mit Architektur seither waren mein Training für das aktuelle Projekt.

SPIEGEL ONLINE: Mit dieser Art der kubistischen Fotografie arbeitet der britische Künstler David Hockney schon lange, etwa in den Polaroid-Collagen. Hat er Sie inspiriert?

Kolehmainen: Ich finde, seine neuen Videoarbeiten wirken besonders stark. Ich hoffe, mich einmal mit ihm darüber unterhalten zu können. Mich fasziniert das, denn wir sehen ja genauso: in Fragmenten. Erst unser Hirn setzt die Bilder zusammen. Dieses Raumempfinden will ich hervorrufen, keine überdimensionierte Postkarte abliefern.

SPIEGEL ONLINE: Dank dieser Collagen zeigen sie auch Details, die wir sonst nicht sehen können. Wollen Sie die Gebäude demokratisieren?

Kolehmainen: Ich will sie zugänglich machen. Meine erste Aufnahme der Hagia Sophia etwa zeigt dank langer Belichtungszeit, wie die Decke wirklich aussieht. Es ist sonst einfach zu dunkel. Das Bild ist übrigens nicht im Buch - ich fand, ich habe es schon so oft gezeigt. Dafür andere, ich habe Tausende Studienfotos dort gemacht. Ich arbeitete sieben Monate lang in Istanbul und war dauernd in der Hagia Sophia.

SPIEGEL ONLINE: Wie erwischten Sie einen Moment, in dem sie leer war? Dort drängen sich doch die Menschenmassen.

Kolehmainen: Ich durfte jeden Montag rein, wenn sie offiziell geschlossen war. Ich hatte einen Sonderausweis. Übrigens: Jetzt ist die Hagia Sophia meist leer. Wegen der politischen Situation in der Türkei, wegen Erdogan, wegen der Terrorattacken bleiben die Touristen weg. Sonst waren es 20.000 bis 30.000 Leute pro Woche. Ich bin dem Gebäude verfallen. Auch als ich fertig war, bin ich jeden Montag hin, ich konnte nicht anders.

SPIEGEL ONLINE: Sie müssen die Wärter alle beim Vornamen gekannt haben.

Kolehmainen: Die haben alle gedacht, dieser Typ ist crazy. Sieben Monate - und er kommt immer noch! Danach waren die Sicherheitsleute und ich wie Geschwister. Alle lachten, grüßten, wenn ich kam. Ich verbrachte ja viel Zeit dort. Stellen Sie sich vor, Sie wollen eine Langzeitbelichtung machen und dann schaltet irgendwer irgendwo ein Licht an. Das Gebäude ist riesig, es dauert, bis Sie den finden, der es wieder ausknipst.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eigentlich getauft, religiös, gläubig?

Kolehmainen: Ob ich an etwas glaube, kann ich nicht sagen. Ich bin protestantisch getauft, auch wenn meine Eltern nicht sehr religiös waren. Nun bin ich schon zum dritten Mal Kirchenmitglied.

SPIEGEL ONLINE: Wieso das denn?

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Ola Kolehmainen (Fotograf), Mark Gisbourne (Autor):
It's All One History, Almost

Hatje Cantz Verlag; 128 Seiten; 40 Euro

Kolehmainen: Das erste Mal trat ich zu Schulzeiten aus, um nicht mehr zum Religionsunterricht zu müssen. Dann las ich ein Buch des finnischen Autors Pentti Saarikoski, ich weiß nicht mehr genau wieso, aber danach trat ich wieder ein. Nach zwei, drei Jahren trat ich wieder aus, aber ich wollte unbedingt in einer Kirche heiraten, die von Alvar Aalto entworfen worden war, also musste ich wieder Kirchenmitglied werden. Während des Projekts bereute ich übrigens, dass ich mich damals um den Schulunterricht gemogelt hatte - ich musste mir den ganzen Stoff von vorne draufschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Nun haben Sie so viele Heilige Orte besucht: Was ist den drei Religionen denn gemein?

Kolehmainen: Ich habe lange darüber nachgedacht, aber immer noch keine Antwort. Eine Annäherung ist: Es sind alles Abrahamitische Religionen. Auch wenn sie sich in ihrer Glaubenspraxis unterscheiden: Sie beziehen sich auf einen Urvater, Abraham bei den Juden und Christen und Ibrahim im Islam. Mittlerweile schaffe ich es, in den Räumen die Zeichen zu ignorieren, die mir sofort sagen "Das ist eine Synagoge", "eine Kirche", "eine Moschee", dann fühlen sich alle drei gleich an.

SPIEGEL ONLINE: Und wo positioniere ich mich für diesen Eindruck am besten?

Kolehmainen: Ungefähr in die Mitte, da können Sie das größte Innenvolumen wahrnehmen. Bei Sankt Peter sieht man von der Tür sofort 70 bis 100 Meter zum Altar. Nach diesen Extremen suche ich, erst die weiteste Perspektive, dann die kürzeste. Dann stehe ich ewig nur da, mache Fotos. Und schaue zu, wie sich das Licht verändert.


Die Ausstellung "It's All One History, Almost" ist noch bis 4. März 2018 im Helsinki Art Museum zu sehen.

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
wahlossi_80 14.01.2018
1.
Die Hagia Sophia ist keine Moschee, wie in der Bildunterschrift steht. Sie ist ein Museum. Gebaut wurde sie als Kirche, dann als Moschee umgeweiht, um schließlich von Atatürk zum Museum erklärt zu werden.
Kunstgriffe 14.01.2018
2.
Kolehmainen schafft mit seinen Arbeiten eine Hockney‘sche Ästhetik und künstlerische Fotografie, die hierdurch nicht mehr viel mit Dokumentation zu tun hat. Das ist völlig legitim und gelungen. Für jemanden, der sich für sakrale Architektur und deren Wirkung interessiert, ist das allerdings nicht so spannend, denn die Räumlichkeit ist so für den Betrachter schlecht nachvollziehbar. Mit anderen techinschen Mitteln wäre es möglich den ganzen Raum abzubilden - dies wäre alternativ ebenso spannend gewesen, wie die künstlerische Verzerrung von Kolehmainen.
saraphi 15.01.2018
3. Wer sich fuer kuenstlerische sakrale Fotografie interessiert ...
... der wird sicherlich auch Gefallen an den Werken des Schweizers Ernst Christen (Google ...) finden.
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