Fairtrade-Schmuck Goldrichtig

Ringe, Kettchen, Anhänger: Schmuck aus fairer Produktion beschränkt sich nicht auf Holz, Horn und Leder. Doch wie sauber sind Edelmetalle und Steine wirklich?

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In der Vitrine liegt ein goldener Ring: schlicht, rund, ohne Stein. Ein klassischer Ehering, so scheint es, wie Millionen andere auch. Aber dieser Ring ist eine Rarität. Denn: Er hat keine Minenarbeiter auf dem Gewissen, keinen Fluss vergiftet, keinen Krieg finanziert - er ist aus Fairtrade-Gold. "Immer mehr Kunden wollen keinen Ehering, hinter dem Unglück steht", sagt der Fairtrade-Goldschmied Jan Spille.

Eheringe von Jan Spille
Miguel Ferraz

Eheringe von Jan Spille

Spille stellt in seinem Atelier in Hamburg seit 2005 Schmuck aus fair gehandelten Steinen und Edelmetallen her. Seine Designs sind grafisch schlicht, reduziert auf klare Formen, sehr hochwertig. Material, Farbe, Form, Oberfläche und Gravur können die Kunden selbst auswählen. "Doch dann frage ich noch: Welches Rohstoff-Konzept wollt Ihr?"

Sauber gehandelt oder recycelt

Im Angebot hat er: ökologisches Fairtrade-Gold - das sind Gold-Nuggets, aus Flüssen gewaschen, es ist das nachhaltigste Gold auf dem Markt. Oder, mit ein paar Abstrichen beim Umweltschutz, Fairtrade-Gold und -Silber aus Golderzen. Außerdem recyceltes Gold oder Silber - denn Spille upcycelt alte Schmuckstücke, Münzen oder Barren seiner Kunden in einer eigenen Anlage. Und, letzte Option: regionales Fluss-Gold aus Rhein oder Eder, letztlich ein Abfallprodukt der Kiesproduktion. "Je teurer der Goldpreis, desto attraktiver werden auch solche Goldquellen", sagt Spille. Ein Vorteil von Rheingold: Arbeiter und Umwelt werden in Deutschland fair behandelt.

Das ist bei über 99 Prozent des weltweit gehandelten Goldes nicht der Fall. Wenige Bergbaukonzerne sprengen etwa 90 Prozent des weltweit geförderten Primärgolds als Golderz aus den Bergen, vor allem in China, Russland, Australien, Nord- und Lateinamerika. Die restlichen zehn Prozent fördern 15 bis 20 Millionen Kleinschürfer in oft schlecht gesicherten Minen und an Flüssen vor allem in Entwicklungsländern.

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Fairtrade-Schmuck: Luxus, aber fair

Immer wieder verunglücken dabei Arbeiter. Unter hohem CO2-Ausstoß zermahlen sie die Golderze, lösen das Edelmetall mit Cyanid oder Quecksilber heraus und leiten die Chemikalien fast immer achtlos in Flüsse ab. Die Folge: giftige Gewässer, kranke Menschen, karge Mondlandschaften. Ein einzelner Ring verursacht mehrere Tonnen Abraum. Ein etwas umweltfreundlicherer Weg ist, Gold-Nuggets an Flüssen aus den oberen Erdschichten zu waschen. Doch für alle Kleinschürfer gilt: Sie können von ihrem Lohn kaum leben, Kinderarbeit und Prostitution sind in den Minenstädten weit verbreitet.

Viel Elend für das Luxusprodukt Gold. Das Berliner Schmuck-Label Quite Quiet setzt daher ebenfalls auf Fairtrade-zertifizierte Materialien und Produktion in Deutschland. Die Designs sind von einer ruhigen Ästhetik, die Armreifen, Ketten und Ringe spielen mit geometrischen Formen. Die Gründer Johanna Schoemaker und Jonas Buck besetzen die Teile ausschließlich mit nachhaltig produzierten Südseeperlen - oder konfliktfreien Edelsteinen: Sie stammen aus dem Labor.

Ökologisches Fairtrade-Gold
Jan Spille

Ökologisches Fairtrade-Gold

Das Heidelberger Schmucklabel Fremdformat verzichtet dagegen fast komplett auf Gold - und setzt auf Metall-Industrieabfälle aus der Region. Aus Stanzabschnitten kreieren die Macherinnen Julia und Steffi Gerner modern-robuste Edelstahl-Armreifen, aus Messingresten schmale Halsreifen, aus Kupfer Armbänder mit runden oder stabförmigen Anhängern. Für ihre eher kräftigen, gradlinigen Entwürfe lassen sie sich vom Ursprungsformat inspirieren. Denn: "Wir schmelzen unsere Metalle nicht ein, sondern verbiegen, sägen oder hämmern sie in Form. Auch deswegen sind unsere Designs nicht so minimalistisch", sagt Julia Gerner. Dafür ist jedes Stück ein Unikat. Vergoldet oder versilbert ist nur eine kleine Fremdformat-Kollektion, aber nur mit recyceltem Edelmetall.

Handarbeit für den "Lohn zum Leben"

Ausgesprochen zart sind dagegen die Stücke der niederländischen Schmuck-Firma A beautiful Story. Angefangen hat das Label mit "lucky bracelets": Armbändern, in Scherben gefasst, weil die ja bekanntlich Glück bringen. Heute gibt es feine Ketten wie die "Delicate Leaf" mit einem vergoldeten Blättchen als Anhänger. Eine andere Halskette zieren winzige Rosenquarze. Ein Dutzend Silberschmiede aus Nepal stellt die meisten Schmuckstücke in Handarbeit her, bekommt den "Lohn zum Leben" - statt des Mindestlohns. "Wir wissen, dass die Arbeitsbedingungen den Fairtrade-Vorgaben entsprechen", sagt Jacqueline van Dooren von A beautiful Story.

Bei den Rohstoffen verliert sich die Spur dagegen im Ungewissen: Die Edelmetalle und die Edelsteine kaufen die Produktionsstätten vor Ort selbst - Ursprung relativ unklar. Immerhin setzt das Label auch Recycling-Silber und zertifizierte Perlen ein. "Wir arbeiten daran, auch unsere Ressourcen fair zu handeln. Im Moment fokussieren wir uns auf die Arbeitsstätten, wo unsere Schmuckstücke entstehen", erklärt van Dooren.

Arbeiter einer Bergbaukooperative
Jan Spille

Arbeiter einer Bergbaukooperative

Beim bayerischen Schmuck-Label Hiitu bestehen die unverspielten, aber femininen Schmuckstücke aus (Recycling-)Messing, die Perlen aus Keramik. Beides unproblematischere Alternativen. Apart, simpel, reduziert auf das Wesentliche sind die offenen Ringe und Armreifen. Gekrönt von zwei bunten Faitrade-Perlen an jedem Ende, in Weiß und Beige oder Rosa und Hellgrün. Produziert wird in Nairobi, die kenianischen Messingschmiede erhalten überdurchschnittliche Löhne, in ihrer Werkstatt sind sie fest angestellt - eine Seltenheit in Kenia. Einziger Wermutstropfen beim neuen Messing: Das dafür benötigte Kupfer wird wie Gold als Kupfererz aus dem Berg gesprengt - mit ähnlich desaströsen Folgen.

Fairtrade-Goldfinder

Bleibt festzuhalten: Eine bis ins letzte Details sauber aufgeräumte Lieferkette scheinen also die wenigsten Schmuckfirmen zu haben. Zu diesen seltenen Betrieben gehört in jedem Fall der von Fairtrade-Pionier Jan Spille. Er hat mehrere Fairtrade-Bergbaukooperativen in Peru, Bolivien und Argentinien selbst besucht und weiß: Die Kleinschürfer arbeiten unter strengen Sicherheitsvorschriften, erhalten einen garantierten Mindestpreis für das Gold. Eine Fairtrade-Prämie finanziert Schulen und Gesundheitszentren. Die Minen sind legal, damit die Rechte der Arbeiter geschützt werden können. Auf Chemikalien wird so weit wie möglich verzichtet, auf jeden Fall werden sie im Kreislauf geführt - so gelangt kein Cyanid mehr in die Umwelt. Frauen und Männer sind gleichberechtigt, Kinder arbeiten dort nicht.

Weitere Fairtrade-Goldschmiede in Deutschland findet man über den Fairtrade-Goldfinder. Oder man kauft nur noch Schmuck aus Recycling-Gold oder -Silber. Doch ausschließen sollte man Labels wie Hiitu oder A beautiful Story deshalb nicht - dafür sind sie zu schön. Und deutlich besser als konventioneller Schmuck sind sie allemal.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
dasfred 09.07.2018
1. Das Konzept klingt erstmal gut
Ich frage mich allerdings, ob bei Schmuck aus Deutschland überhaupt neu industriell geschürftes Gold eingesetzt wird, oder ob die Zulieferer der Schmuckhersteller und freien Goldschmiede nicht ausreichend Edelmetalle aus Recycling anbieten. Außerdem machen sich die Designer, die in Nepal oder Kenia fertigen lassen immer noch ein riesiges Lohngefälle zu nutze. Da würde mich doch der Lohnkosten Anteil am Endverbraucher Preis interessieren. Bei Designer Schmuck hat der Goldpreis oder noch stärker der Silberpreis auch nur einen kleinen Anteil am Endpreis. Es ist wohl eher eine Frage des "guten Gewissens", dass hier mitverkauft wird.
fact. 09.07.2018
2. Vieri fehlt im Artikel!
Gerade das Traditionsunternehmen Vieri ist im Bereich der Haute Joaillerie eins der wenigen, die sich für ethisch einwandfreies Gold stark machen. Es existiert zu diesem Zweck auch eine Stiftung, die Earthbeat Foundation. Auch die Unternehmensgeschichte ist interessant, da die Unternehmensnachfolge durch Guya Merkle einen Bruch mit dem Alterhergebrachten und die Umstellung auf faires Gold zur Folge hatte. In dieser Form einzigartig im Schmuck-Business!
juri. 10.07.2018
3. Und wie immer gilt:
Man muß dem Papier, auf welchem der einwandfreie Ursprung des Edelmetalles zertifiziert ist, auch vertrauen können, vor allem in der Hinsicht, das es nicht allzu geduldig war. Jeder dieser Papiertiger ist eine ABM für Bürokraten, Sicherheit in der Hinsicht ist aber keine Bürokratie-Frage - sicher ist nur was man mit eigenem Auge gesehen hat. Zumal bei als Recycling-Ware markiertes Gold nicht mal geochemische Kontrollen noch Sinn machen - kann ja alles drin vermamelt werden...
Ge-spiegelt 12.07.2018
4. Schlecht überprüfbar
Also eine Art Ablass für das Gewissen. Altes Zahngold dürfte also mehr wert sein
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