NFL-Team Philadelphia Eagles Plötzlich Außenseiter

Star-Quarterback Carson Wentz ist verletzt, nun soll sein Ersatz Nick Foles die Philadelphia Eagles zum ersten NFL-Titel seit 58 Jahren führen. Die Skepsis ist groß.

AFP

1960 gewann Philadelphia das letzte Mal die Meisterschaft im American Football. In diesem Jahr sollte Quarterback Carson Wentz die Durststrecke beenden, die Chance war da. Doch kurz vor den Playoffs riss sich der neue Superstar das Kreuzband im linken Knie. Deshalb ist nun ausgerechnet dessen Vor-Vorgänger der neue Hoffnungsträger der Eagles.

Den Super Bowl gab es noch nicht, als Philadelphia damals das letzte Mal eine Meisterschaft in der National Football League feierte. Am zweiten Weihnachtsfeiertag warf "The Dutchman" Norman van Brocklin die Eagles zum dritten Titel der Klubgeschichte. Es ist bis heute der letzte. Der erste Super Bowl fand erst 1967 statt.

Philadelphia ist eine Football-Stadt. Tickets sind schwer zu ergattern. Heimspiele sind seit 1999 ausverkauft. Die Warteliste für Saisontickets umfasst mehr als 40.000 Namen. Sie wird Jahr für Jahr länger, denn mehr als 99 Prozent der Anhänger verlängern ihr Abo, obwohl sie bislang vergeblich auf den Titel warten.

2017 ruhten die Hoffnungen der Fans bis in den Dezember hinein auf den Schultern eines 1,96 Meter großen Hünen. Quarterback Carson Wentz spielte in seinem erst zweiten Profijahr nahezu fehlerfrei, die Eagles standen mit zehn Siegen an der Spitze ihrer Division.

Auf den Spuren von Cunningham und McNabb

Wentz scheint die Qualitäten zu haben, in die Fußstapfen der Klublegenden Randall Cunningham und Donovan McNabb zu treten. Die Fans hatten ihn schon ein Jahr zuvor bestaunt, als er der erste Rookie seit 1970 war, der seine ersten beiden Ligaspiele gewinnen konnte. Er pulverisierte Klub- und Ligarekorde nach Belieben, eroberte von Beginn an einen Stammplatz im Team und belebte die Erinnerungen an die zwei Altstars auf dieser Position.

Neben der Hauptaufgabe den Ball an seine Mitspieler zu verteilen, rannte Cunningham oft selbst mit dem Ei über das Feld und übersprang geschickt im Tiefflug herannahenden Gegner. Von 1988 bis 1992 führte er sein Team viermal in die Playoffs, dort scheiterte er aber ausnahmslos. Als Cunningham die Eagles 1995 verließ, wies er die drittmeisten Rushing-Yards der Klubhistorie auf - wohlgemerkt als Quarterback.

Neun Jahre später war der Titel zum Greifen nah. McNabbs Wurfkünste beförderten Philadelphia endlich in den Super Bowl. Damit standen die Eagles zum zweiten Mal nach 1980 im wichtigsten Endspiel der amerikanischen Profiligen. Doch McNabbs Griff nach der großen Schale gegen die New England Patriots missriet. Zwar steuerte er drei Touchdowns bei, doch drei seiner Pässe landeten direkt beim Gegner und am Ende stand eine 21:24-Niederlage.

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NFL-Team Philadelphia Eagles: Die zweite Chance des Nick Foles

Mit Wentz sollte es nun besser laufen. Doch dann kam der 10. Dezember 2017: Im dritten Viertel riss das Kreuzband. Wentz blieb trotz Verletzung auf dem Feld und warf er sein Team mit einem letzten wohlgetimten Pass gegen die Los Angeles Rams in Führung, um danach humpelnd in der Kabine zu verschwinden. Sofort waren die Eagles bei den Buchmachern nur noch Außenseiter.

Normalerweise kann ein Team das Aus eines dominierenden Spielmachers nicht verkraften. Für Wentz sprang Nick Foles ein. Der Texaner hatte 2015 nach einem Schlüsselbeinbruch als Teil eines Spielertauschs die Eagles verlassen müssen. Zu Beginn der Saison war er nach erfolglosen Jahren in St. Louis und Kansas City zurückgekehrt.

Am Samstag treffen die Eagles als top-gesetztes Team auf dieAtlanta Falcons (22.35 Uhr, TV: ProSieben; Stream: DAZN), die es gerade so in die Playoffs geschafft haben.

"Ich werde ihm sagen: Sei einfach Nick."

Das Vertrauen der Experten und Fans in Foles Künste ist gering. Seine Passquote ist im Vergleich zu Wentz um vier Prozent schlechter, die Pässe sind im Schnitt über zwei Yards kürzer. Und er ist weniger robust. Foles läuft selbst fast nie selbst mit dem Ball im Arm, verliert ihn aber häufiger als sein Vorgänger.

Coach Doug Pedersen muss seinen Schützling notgedrungen stark reden: "Ich werde ihm sagen: Sei einfach Nick. Spiel Dein Spiel." Dass dies nahezu perfekt sein kann, bewies Foles 2013 vor seiner schweren Verletzung. Seine beste Saison beendete er mit 27 Touchdown-Pässen bei nur zwei Interceptions - der zweitbesten Touchdown-Interception-Ratio der NFL.

Diese Statistik wurde nur 2016 vom fünfmaligen Super-Bowl-Champion Tom Brady übertroffen. Aber die Top-Form von Foles liegt eben über vier Jahre zurück.



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