Offensivspektakel in der NBA Wer zahlt schon fürs Verteidigen?

Die NBA befindet sich im Offensivrausch, es wird gepunktet wie seit fast 50 Jahren nicht mehr. Die Ursachen? Reichen von Regeländerungen über mangelnde Einsatzmoral bis hin zu einem Statistik-Narr.

Derrick Rose
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Derrick Rose

Von Philipp Awounou


Derrick Rose konnte die Tränen nicht zurückhalten. Der Point Guard hatte seine Minnesota Timberwolves gerade zum 128:125-Sieg gegen die Utah Jazz geführt, nun stand er im Pulk seiner Mitspieler und genoss Anfang November sichtlich gerührt deren Anerkennung. Sie war mehr als verdient: 50 Punkte hatte Rose zum Sieg Minnesotas beigetragen. Eine Ausnahmeleistung. Oder?

Nun ja, die Offensivgala des 30-Jährigen war außergewöhnlich - aber auch bereits die vierte 50-Punkte-Performance in der NBA binnen acht Tagen. Schon Blake Griffin (50 Punkte), Stephen Curry (51) und Klay Thompson (52) hatten die Marke in der noch jungen Saison durchbrochen.

Gemeinsam stehen ihre Leistungen sinnbildlich für eine NBA im Offensivrausch: 111,5 Punkte erzielen die 30 Teams derzeit pro Spiel, das sind rund fünf Zähler mehr als im Vorjahr (106,3) - und so viele wie seit fast 50 Jahren nicht mehr. Wie lässt sich diese Offensivexplosion erklären?

Die Daten-Revolution

Ein wesentlicher Grund ist die allgemeine Entwicklung des US-Basketballs. Schon seit Jahren wird das Spiel in der NBA einerseits schneller, andererseits werden häufiger Drei-Punkte-Würfe genommen. Beide Tendenzen treiben die Spielstände in die Höhe - und lassen sich auf eine stille Reform zurückführen, die die Liga in der vergangenen Dekade vollzogen hat: eine Art Daten-Revolution.

Vor rund zehn Jahren eroberten sogenannte "Advanced Stats" die NBA: detaillierte statistische Daten mit hoher Aussagekraft. Vor allem einer machte sich diese Werte zunutze: Daryl Morey, General Manager der Houston Rockets, und ausgewiesener Statistik-Narr. Auf Grundlage der "Advanced Stats" entwickelte er eine datenbasierte Angriffsphilosophie, die vorsah, sich radikal auf die mathematisch effizientesten Abschlüsse zu beschränken: Dreier, Korbleger, Freiwürfe und Fast-Break-Angriffe.

Mittlerweile haben weite Teile der Liga mindestens Ansätze dieses "Moreyball"-Prinzips adaptiert: Noch vor vier Jahren waren die Rockets das einzige Team gewesen, das mehr als 30 Dreier im Schnitt nahm (32,7). In dieser Saison sind es 18 - was die Spielstände steigen lässt.

"Mit den Händen auf dem Rücken"

Dass die Teams aktuell so viele Punkte auflegen, liegt jedoch nicht nur an spielerischen Entwicklungen. Es ist auch eine Folge des angepassten Regelwerks. Seit dieser Saison müssen Angriffe nach einem Offensivrebound binnen 14 Sekunden abgeschlossen werden. Vormals waren es 24 Sekunden gewesen, was das Spiel vor allem in knappen Schlussphasen verlangsamt hatte - zulasten weiterer Abschlüsse und Punkte.

Schwerer noch als diese konkrete Regeländerung wiegen jedoch die neuen Auslegungsrichtlinien der NBA. In diesen sogenannten "Points of Education" wies die Liga die Referees unter anderem an, unerlaubte Kontakte abseits des Balles strenger zu ahnden. Die Folge: Deutlich mehr Fouls (22,5) und Freiwürfe (24,2) als in der Vorsaison - und deutlich weniger Spielraum in der Verteidigung.

LeBron James
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LeBron James

"Es ist, als müsste man mit den Händen auf dem Rücken spielen. So wird das momentan gepfiffen", sagt Detroits Star-Center Andre Drummond, nachdem ihn Joel Embiid von den Philadelphia 76ers zu einem Foul nach dem anderen provoziert hatte. Trotz der teils kritischen Stimmen bekräftigte NBA-Commissioner Adam Silver zuletzt bei ESPN, dass man mit der Umsetzung der Regeln zufrieden sei. Kein Wunder: ein 140:138-Offensivspektakel lässt sich besser vermarkten als ein schnödes 87:85.

LeBron James hat keine Lust auf Verteidigung

Vor diesem Hintergrund sind durchaus Parallelen zwischen NBA und NFL erkennbar. Auch im American Football sorgen Regelanpassungen für deutlich mehr Touchdowns, höhere Spielstände und noch weitaus heftigere Diskussionen. Mehr noch als die NFL-Kollegen sollten NBA-Profis allerdings davon absehen, einfach mit dem Finger auf die Referees zu zeigen. Denn um sich allnächtlich 120, 130 oder mehr Punkte um die Ohren hauen zu lassen, braucht es nicht zuletzt auch: schwache Verteidigungen. Und die gibt es aktuell zuhauf.

Nicht immer mangelt es dabei an defensiven Fähigkeiten oder Systemen. Häufig fehlt schlicht der Wille, sich in der Verteidigung reinzuhängen. Das prominenteste Beispiel dieser Kategorie: Superstar LeBron James, der ein starker Verteidiger sein kann - in der Defense der L.A. Lakers allerdings keinen Finger rührt.

"Keiner bezahlt dich fürs Verteidigen", sagte Chicagos Jabari Parker vor Saisonbeginn über das lasche Abwehrverhalten vieler Profis. Ein überzogenes Statement, und doch trifft es einen Punkt: Über die Defensive definiert sich derzeit so gut wie keine Mannschaft - zumindest in der regulären Saison.

Wenn Ende April jedoch die Playoffs beginnen, dürfte sich das ändern. Spätestens dann wird es mehr Verteidigungen im Dunstkreis der Boston Celtics geben, die ihre Gegner zu Hause trotz Dreierwahn und Regelanpassungen bei unter 100 Punkten pro Spiel halten. Denn wie heißt es so schön: Offense wins games, Defense wins Championships.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
hplanghorst 08.11.2018
1. Die 450 besten Profis der Welt
sind in der NBA gepoolt. Da ist die offensive Ausfuehrung schon etliche Nummern besser als ueberall anders. Der Volksmund sagt um soviel gut ausgefuehrte Spielzuege wie in einem NBA Spiel zu sehen muss man 10 college Spiele gucken. Dann ist da das leidige 3 Punkt schiessen; jeder 10 jaehrige will heutzutage Steph Curry sein. Da sind natuerlich einige defensive Schnarchnasen, allen voran James Harden. Da gibt es bei ‘shaqtin a fool’ ein paar schoene Paradebeispiele. Insgesamt muss man sagen die Athleten werden immer besser, auch wegen gezielterem und fortschrittlicherem Training. Um die derzeit besten Defensiven zu sehen, mal Denver un Milwaukee gucken. The greek freak Giannis Antetokounmpo moechte Ich zur Zeit auch mal als den weltweit besten Spieler bezeichnen.
linksrechts 09.11.2018
2. 3-Sekunden-Regel
Sehr informativ, vielen Dank dafür. Ich verfolge Basketball zwar nur peripher, habe mich aber auch vor einiger Zeit gefragt, warum in der NBA so viel mehr Punkte gemacht werden als z.B. in der BBL. Basketballkenner sagten mir dann, das läge neben der höheren Qualität der Spieler u.a. auch daran, dass sich in der NBA auch die Verteidiger nicht länger als drei Sekunden (am Stück) in der Zone unter dem Korb aufhalten dürfen. In der BBL gilt diese Regel anscheinend nur für die Angreifer, weswegen unter dem Korb dann weniger Platz ist. Insofern dies zutreffen sollte, fehlt diese Information im Artikel. Ansonsten einen schönen Abend noch
stefan.p1 09.11.2018
3. Klingt interessant-
@1 ist aber nicht. Da will mal wieder einer mit seinem Fachwissen protzen. Richtig ist der Schlußsatz des Autors:Denn wie heißt es so schön: Offense wins games, Defense wins Championships. Allein aus diesem Grund dürfte LeBron James schwierigkeiten haben,jemals das Erbe von MJ anzutreten.
tizian 09.11.2018
4.
Zitat von stefan.p1@1 ist aber nicht. Da will mal wieder einer mit seinem Fachwissen protzen. Richtig ist der Schlußsatz des Autors:Denn wie heißt es so schön: Offense wins games, Defense wins Championships. Allein aus diesem Grund dürfte LeBron James schwierigkeiten haben,jemals das Erbe von MJ anzutreten.
Ich stimme Ihnen zu. James hat das bereits auch ohne die angesprochenen aktuellen Regeländerungen in den letzten zwei Finals gezeigt. Jeff van Gundy sprach als Kommentator bei James von "No-defense". Jordan hätte sich im Finale auch nie sweepen lassen.
dirk45 09.11.2018
5.
Zitat von linksrechtsSehr informativ, vielen Dank dafür. Ich verfolge Basketball zwar nur peripher, habe mich aber auch vor einiger Zeit gefragt, warum in der NBA so viel mehr Punkte gemacht werden als z.B. in der BBL. Basketballkenner sagten mir dann, das läge neben der höheren Qualität der Spieler u.a. auch daran, dass sich in der NBA auch die Verteidiger nicht länger als drei Sekunden (am Stück) in der Zone unter dem Korb aufhalten dürfen. In der BBL gilt diese Regel anscheinend nur für die Angreifer, weswegen unter dem Korb dann weniger Platz ist. Insofern dies zutreffen sollte, fehlt diese Information im Artikel. Ansonsten einen schönen Abend noch
Das trifft zwar zu, aber der Hauptgrund ist, dass in der BBL 4x10 Minuten gespielt wird, in der NBA hingegen 4x12. Auch sind in der NBA nicht die 450 besten Spieler der Welt. Spieler wie Sergio Llull gehören sicherlich auch dazu, sind aber lieber in Europa Stars als in der NBA gute Rollenspieler. Aber die meisten der besten Spieler der Welt sind schon da. Der Haupteffekt für die ansteigende Punktzahl dürften aber wirklich die Regeländerungen, die veränderte Philosophie und einige katastrophale Defenseauftritte (Suns, Bulls, LeBron James, etc.) sein.
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