Handball-Nationalspieler Gensheimer Uwe und die Grenzen der Physik

Linksaußen Uwe Gensheimer trifft nicht nur oft, sondern auch trickreich. Mit seinen Drehwürfen begeistert der Handball-Nationalspieler die Fans. In einer Umfrage des "Handball-Magazin" wählte ihn die Konkurrenz nun zum besten Spieler der Saison.

Nationalspieler Gensheimer: "Unglaublich, was der macht"
dpa

Nationalspieler Gensheimer: "Unglaublich, was der macht"


Ball und Harz sind seine Freunde. Das hat Uwe Gensheimer unlängst wieder unter Beweis gestellt. Beim Final Four der Champions League in Köln warf er Tore, die jenseits der Physik zu liegen schienen. Als er einen Heber mit Effet in den langen Winkel schnippelte, raunten die knapp 20.000 Zuschauer in der Arena, als wohnten sie einem Naturschauspiel bei.

Dieses Vermögen, den Ball derart geschickt um den Torwart herumzudrehen, hat den Linksaußen der Rhein Neckar-Löwen zu einem der besten Flügelspieler der Welt werden lassen. Gensheimer ist dabei nicht nur das Staunen des Publikums gewiss. Auch die Kollegen würdigen seine Technik: Die Trainer und Kapitäne der Handball-Bundesliga haben ihn bei der traditionellen Wahl des "Handball-Magazins" nun mit Abstand zum besten Spieler der abgelaufenen Saison gewählt. "Es ist für mich eine tolle Bestätigung und Anerkennung meiner Leistungen in der vergangenen Saison", freut sich Gensheimer.

Der Mann mit den Gummi-Handgelenken

Als der Mann mit den Gummi-Handgelenken wird der 24-Jährige in der Szene verehrt. "Unglaublich, was der macht", sagt Stefan Kretzschmar, im Nationaltrikot einer seiner Vorgänger auf dieser Position. Gensheimer selbst betrachtet sein Repertoire an Wurfvarianten als Ergebnis harter Arbeit. "Wenn ich etwas bei den Stars in der Bundesliga sah, habe ich versucht, das nachzumachen", sagte er vor einem Jahr. "Mit der Zeit bekommt man dann immer mehr Variationen und verfeinert die dann noch. Insgesamt denke ich, dass man Spaß daran haben muss, etwas Neues zu probieren."

Vorbilder sind für Gensheimer der dänischen Rekordnationalspieler Lars Christiansen, der bis 2010 für die SG Flensburg-Handewitt wirkte - und eben der Ex-Magdeburger Kretzschmar. Ein weiterer bekannter Profi aus der Generation dieser Namen ist Florian Kehrmann. Der Rechtsaußen des TBV Lemgo wurde gefeiert, als er im olympischen Viertelfinale von 2004 gegen Spanien einen solchen Wurf aus vollem Tempo (und schwer bedrängt) am spanischen Torwart vorbeizirkelte.

Der erste deutsche Handballer, der diesen Wurf perfektioniert hatte, war Jochen Fraatz. "Ich war in Deutschland der Erste, der diesen Dreher im Wettkampf angewandt hat", sagt Fraatz. Nach der Erinnerung des früheren Linksaußen von Tusem Essen war dies irgendwann zwischen 1986 und 1987. Fraatz berichtet, dass sein damaliger Trainer Petre Ivanescu ihm diese Trickwürfe eigentlich verboten hatte. Aber als er mit zwei Drehern ein Spiel beim TBV Lemgo kippte, kommentierte Ivanescu: "Bist du bescheuert! Aber gut."

"Er lässt kein Kind ohne Autogramm stehen. Ein wichtiger Charakterzug"

Gensheimer kümmert sich nicht so sehr um die rund 30-jährige Geschichte dieser Trickwürfe. Er sagt, er versuche eher, weiter an der Qualität der vorhandenen Varianten zu feilen. "Wenn man ehrlich ist, gibt es ja nicht mehr so viele neue Würfe, die man erfinden könnte. Jetzt geht es vielmehr darum, in den entscheidenden Momenten die richtigen Entscheidungen zu treffen."

Die enorme Entwicklung, die der Junioren-Europameister von 2006 in Mannheim genommen hat, sei auch eine Frage des Charakters, findet Löwen-Manager Thorsten Storm. "Uwe hat sich von Jahr zu Jahr gesteigert. Ein tolles Beispiel für einen deutschen Nationalspieler, der sich in der Champions League durchsetzt. Als Spieler und als Ausnahmesportler auch neben dem Spielfeld", sagt Storm. Gensheimer sei bei den Löwen zu einem absoluten Führungsspieler gereift: "Und er gehört zu den Spielern, die kein Kind ohne Autogramm nach einer Partie stehen lassen. Ein ganz wichtiger Charakterzug. Uwe ist eben ein Klassetyp."

In der Nationalmannschaft aber gibt es noch Luft nach oben. Bei der EM 2010 in Österreich, seinem ersten großen Turnier, ging er unter, und auch bei der WM 2011 in Schweden zeigte seine Leistungskurve nach dem überragenden Auftakt gegen Ägypten abwärts. In Schweden war er jedoch auch sehr mit der neuen und kraftraubenden Rolle als vorgezogener Verteidiger auf halblinks beschäftigt.

Unbestritten ist seine Rolle bei den Löwen, für die er bereits seit sieben Jahren auf Torejagd geht. Dort ist er das Gesicht des Clubs. Es sei ein Traum, in der modernen Arena in Mannheim zu spielen, nur einen Steinwurf von seinem Elternhaus entfernt. Andererseits betonte er auch, dass er sich nach Ablauf seines bis 2014 laufenden Vertrages auch einen Wechsel vorstellen könne.

Interessenten für den Top-Torjägers der Champions-League-Saison 2010/2011 gibt es eine Menge. Beim Final-Four-Turnier in Köln war zu hören, dass er den Verantwortlichen des FC Barcelona als Nachfolger von Juanin Garcia vorschwebe.



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