Alles Wichtige zur Handball-EM Mission Titelverteidigung

Am Freitag beginnt die Handball-Europameisterschaft 2018 in Kroatien. Wie stehen die Chancen der DHB-Auswahl auf einen erneuten Triumph? Wer gilt als Favorit? Wo können Sie das Turnier verfolgen? Der Überblick.

Uwe Gensheimer
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Uwe Gensheimer

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Die spanischen Werfer verzweifelten. Ob Joan Cañellas oder Valero Rivera - der Sieger hieß fast immer Andreas Wolff. Am Ende ließ die deutsche Defensive um ihren Keeper nur 17 Gegentore zu, das bedeutete einen Gegentorrekord in einem EM-Finale. Die Stabilität in der Abwehr war einer der Schlüssel für den deutschen Erfolg bei der Handball-Europameisterschaft vor zwei Jahren. Nun beginnt die Mission Titelverteidigung für die DHB-Auswahl.

Am Freitag startet die Europameisterschaft 2018 in Kroatien, gespielt wird in Zagreb, Split, Varazdin und Porec. 16 Nationen sind qualifiziert, darunter Deutschland, das mit Christian Prokop seit März 2017 einen neuen Trainer für den nach Japan abgewanderten isländischen Top-Coach Dagur Sigurðsson hat. Kann Prokop das Team zum dritten EM-Titel nach 2004 und 2016 führen? Die wichtigsten Fragen und Antworten vor dem Turnierstart.

Wer ist der Titelfavorit?

Ein deutscher EM-Erfolg wäre keine Sensation wie vor zwei Jahren in Polen, allerdings eine Überraschung. Der Top-Favorit auf die Trophäe ist der dreimalige Europameister Frankreich (Finale am 28. Januar, eine Übersicht zum Spielplan finden Sie hier). Das Team reist als aktueller Weltmeister nach Kroatien und verfügt über eine routinierte Auswahl.

Allen voran: Welthandballer Nikola Karabatic. Der Rückraumspieler von Paris Saint-Germain ist auch im Alter von 33 Jahren noch immer einer der besten Profis der Welt. Dahinter tummeln sich junge Akteure, die ihre Klasse bereits unter Beweis gestellt haben - die Mischung aus alt und jung stimmt in diesem Team.

Gastgeber Kroatien gilt wegen des Heimvorteils als weiterer Titelkandidat, konnte den letzten großen Titel aber vor 14 Jahren gewinnen (Olympia-Gold). Dänemark mit dem zweimaligen Welthandballer Mikkel Hansen (Rückraum links) gehört ebenfalls zum Favoritenkreis. Der Olympiasieger von 2016 hat zudem etwas gutzumachen: Bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr scheiterte die dänische Auswahl sensationell im Achtelfinale an Ungarn. Auch die deutsche Mannschaft, bei der WM ebenfalls im Achtelfinale ausgeschieden, hat Titelchancen. Norwegen (Vizeweltmeister 2017) ist der Geheimfavorit.

Wie funktioniert der Modus?

Das Turnier teilt sich in drei Phasen: die Gruppenvorrunde (12. bis 17. Januar), die Hauptrunde (18. bis 24. Januar) und die Finalphase (26. bis 28. Januar). Zunächst treffen je vier Mannschaften in den Gruppen A bis D aufeinander, der Gruppenletzte muss nach Hause fahren, die ersten drei Teams ziehen in die Hauptrunde ein.

Dort werden zwei Gruppen à sechs Mannschaften gebildet, wobei die Vorrundengruppen vermischt werden: Die drei besten aus Gruppe A müssen sich gegen die drei besten der Gruppe B beweisen; genauso läuft es bei den Gruppen C und D. Allerdings spielt nicht jeder gegen jeden, sondern die Ergebnisse aus den Vorrundenspielen werden in die Hauptrunde mitgenommen und verrechnet. Die beiden jeweiligen Gruppenbesten qualifizieren sich für das Halbfinale. Die Sieger aus den Spielen stehen sich anschließend im Finale, die Verlierer im Spiel um Platz 3 gegenüber.

Wie stehen Deutschlands Chancen?

Mit sechs Siegen aus sechs Partien ist Deutschland eine souverän EM-Qualifikation nach dem WM-Schock mit dem Achtelfinal-Aus gegen Katar gelungen. Einer der Qualifikationsgegner war Slowenien (WM-Dritter 2017), das bei der Endrunde in Kroatien mit Deutschland in der Vorrundengruppe C (alle Partien in Zagreb) spielt. Die weiteren Gegner sind Montenegro und Mazedonien. Diese Aufgaben sollte die DHB-Auswahl ohne Punktverlust bewältigen.


Deutschlands Vorrundenspiele
Samstag, 13. Januar: D. - Montenegro (17.15 Uhr, ZDF)
Montag, 15. Januar: Slowenien - D. (18.15 Uhr, ARD)
Mittwoch, 17. Januar: D. - Mazedonien (18.15 Uhr, ARD)


Denn danach wird es schwierig: In der Hauptrunde bekommt es Deutschland mit den drei bestplatzierten der Gruppe D zu tun. Das dürften die Top-Teams Dänemark und Spanien sowie ein unangenehmes Ungarn sein, das vom früheren Flensburg-Coach Ljubomir Vranjes trainiert wird. Wenn Deutschland diese Hürden nimmt, sind auch Erfolge gegen Kroatien und vielleicht sogar Frankreich möglich.

Was macht dem deutschen Team Mut?

Das Team mit vielen hochtalentierten jungen Profis erreichte das zweitbeste Qualifikationsergebnis aller qualifizierten Teams, nur Spanien hatte mit ebenfalls zwölf Punkten ein noch besseres Torverhältnis (+72) als Deutschland (+36).

Das gute Abschneiden dieser sehr ausgeglichenen deutschen Mannschaft war keine Selbstverständlichkeit nach dem WM-Ärger und dem Abschied von Erfolgstrainer Sigurðsson, der den deutschen Handball mit dem EM-Sieg 2016 zurück in die Weltspitze geführt hatte. Der positive Trend seit der WM - der sich vor allem im starken und vielseitigen Angriff bemerkbar macht - ist auch ein Verdienst des neuen Bundestrainers Prokop, der ähnlich wie sein Vorgänger als kluger Taktiker gilt (zuletzt sorgte eine taktische Entscheidung mit der Nichtnominierung von Abwehrspezialist Finn Lemke für Aufregung) und mit seiner kommunikativen Art gut bei den Spielern ankommt.

Außerdem: keine Verletzungssorgen. Prokop werden Stand heute alle Leistungsträger beim Turnier in Kroatien zur Verfügung stehen. Torhüter Wolff spricht deshalb von einem stärkeren Kader als 2016. Außerdem ist denkbar, dass Deutschland ohne Punktverlust in die Hauptrunde geht. Den stärksten Vorrundengegner Slowenien schlug die DHB-Auswahl im Mai zweimal deutlich 32:23 und 25:20. Sechs Punkte aus der Vorrunde würden sich als großer Vorteil erweisen, da sich die in der Hauptrunde wohl kommenden Gegner Dänemark und Spanien in ihrer Vorrundengruppe gegenseitig Punkte nehmen werden.

Deutschlands EM-Kader
Tor: Silvio Heinevetter (Berlin), Andreas Wolff (Kiel)
Feld: Uwe Gensheimer (Paris Saint-Germain), Maximilian Janke (Leipzig)**, Julius Kühn (Melsungen), Paul Drux (Berlin), Steffen Fäth (Berlin), Philipp Weber (Leipzig), Kai Häfner (Hannover Burgdorf), Steffen Weinhold (Kiel), Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Tobias Reichmann (Melsungen), Jannik Kohlbacher (Wetzlar), Patrick Wiencek (Kiel), Hendrik Pekeler (Rhein-Neckar Löwen), Bastian Roschek (Leipzig)* *Finn Lemke wurde nach dem zweiten Vorrundenspiel für Bastian Roschek nachnominiert. **Rune Dahmke wurde nach dem ersten Spieltag der Hauptrunde für Maximilian Janke nachnominiert.

Was bereitet dem deutschen Team Sorgen?

Die deutsche Mannschaft wird nicht als Favorit starten, aber als Titelverteidiger trotzdem im Mittelpunkt stehen. Dass die im internationalen Vergleich eher junge Auswahl mit diesem Erwartungsdruck schlecht umgehen kann, zeigte sie bei der WM im Vorjahr, wo Kritiker ihr Überheblichkeit vorwarfen. Andere Nationen treten im Rampenlicht routinierter auf. Mit Slowenien, Montenegro und Mazedonien warten zudem drei Nationen aus dem ehemaligen Jugoslawien in der Vorrunde - und das in Kroatien. "Das bedeutetet drei Mal Hexenkessel", sagt DHB-Vizepräsident Bob Hanning.

Ein anderer Knackpunkt: Nur Uwe Gensheimer spielt mit Paris Saint-Germain bei einem internationalen Top-Klub. Die anderen Nationalspieler stehen bei Bundesligavereinen unter Vertrag - aber wer sich zur absoluten Elite zählt, trainiert mittlerweile mit Weltstars in Paris oder Skopje. In der Champions League wurden die deutschen Spitzenklubs zuletzt von der Konkurrenz aus Frankreich, Spanien, Mazedonien oder Ungarn abgehängt.

Wo kann ich die Handball-EM verfolgen?

Die Spiele der deutschen Nationalmannschaft werden live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen von ARD und ZDF übertragen. Zusätzlich zur Übertragung im Free-TV werden die deutschen Spiele im Livestream bei ARD und ZDF gezeigt. Sollte das DHB-Team frühzeitig ausscheiden, werden keine weiteren EM-Spiele übertragen. Die Partien ohne deutsche Beteiligung können Handballfans bei "Sportdeutschland.TV" und "Handball-Deutschland.TV" sehen.

insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
dollenschmiere 10.01.2018
1. Respekt
Eine gute Analyse, die die Chancen und die Risiken beleuchtet. Besonders der Respekt vor den Konkurrenten hat mir gefallen - es muss nicht immer "Deutschland, Deutschland über alles" sein
hibee 10.01.2018
2. Übertriebender Optimismus
wäre auch völlig fehl am Platze. In den meisten Turnieren der letzten Jahre hat Deutschland das angepeilte Ziel verfehlt - eine Ausnahme stellt der überraschende EM Gewinn vor zwei Jahren dar. Wirklich überrascht hat mich die Nichtnominierung von Finn Lemke, ich hoffe, dass sich das nicht noch rächt, scheint schon ein bisschen Leipzig lastiger Kader zu sein. Aber wer weiß, vielleicht war das am Ende ja auch eine gute Entscheidung, man darf gespannt sein.
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