Frankreich gegen Belgien Die Zeitschinder

Das war "Antifußball" - Belgiens Top-Stars sind nach dem WM-Aus verärgert über Frankreichs Verzögerungen. Ist an dem Vorwurf etwas dran? Wir haben die Nachspielzeit überprüft.

Kylian Mbappé schirmt den Ball gegen zwei Belgier ab
AP

Kylian Mbappé schirmt den Ball gegen zwei Belgier ab

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Frankreich hat das WM-Finale erreicht. Das ist die sportliche Nachricht. Nach dem 1:0-Erfolg gegen Belgien gab es aber auch Kritik am Weiterkommen der Franzosen. Der Aufreger: Frankreichs Verzögerungen, besonders in der Nachspielzeit. Oder, um es mit den Worten von Belgiens Torwart Thibaut Courtois zu sagen: "Frankreich spielte Anti-Fußball." Spielmacher Eden Hazard wollte sogar lieber mit Belgien verlieren, "als mit Frankreich zu gewinnen".

So nachvollziehbar der Ärger der ausgeschiedenen Belgier, so gängig das Mittel der Franzosen. Langes Warten beim Ausführen des Freistoßes, den Ball an der Eckfahne abschirmen, nach einem Foul am Boden wälzen - jeder Kreisligaspieler kennt die Tricks, mit denen dem Gegner wichtige Sekunden für eine spielentscheidende Aktion genommen werden sollen. Und die Nationalspieler dieser WM kennen diese Tricks auch, wie eine Auswertung zum Zeitspiel in der Vorrunde zeigt.

Lag eine Mannschaft in der Vorrunde in Führung, dauerte die Ausführung einer Standardsituation gegenüber der Ausführung in Rückstand zwischen 4,4 bis 6,1 Sekunden länger. Auswechslungen sogar knapp acht Sekunden länger. Der Schiedsrichter entscheidet, ob er auf Zeitschinderei mit Gelben Karten oder einer entsprechenden Nachspielzeit nach der regulären Spielzeit reagiert.

Im Halbfinale zwischen Frankreich und Belgien gab Schiedsrichter Andrés Cunha aus Uruguay sechs Minuten zusätzlich - das ist eine verhältnismäßig lange Nachspielzeit. Wenn man den gesamten Spielverlauf mit nur wenigen Unterbrechungen betrachtet, hat Cunha also auf die französische Verzögerungstaktik reagiert.

Belgien reichten die sechs Minuten trotzdem nicht für das Ausgleichstor, das sie in die Verlängerung gerettet hätte. Das Problem: Die "Roten Teufel" kamen in den sechs Minuten kaum an den Ball - und gaben keinen Torschuss mehr ab. Das zeigt die Analyse der Nachspielzeit des ersten WM-Halbfinales.

Die Analyse zeigt auch: Courtois' Vorwurf vom "Antifußball" trifft nur teilweise zu. Frankreich nutzte zwar jede Gelegenheit, um den Ball ruhen zu lassen (das war von den insgesamt sechs Minuten Nachspielzeit knapp zweieinhalb Minuten der Fall). Allerdings erspielte sich die Équipe Tricolore auch zwei Top-Chancen und hätte höher gewinnen können.

Aber sehen Sie selbst, das ist der komplette Verlauf der Nachspielzeit in der Übersicht:

Minute 0:01 - 0:16: Frankreich befindet sich im Angriff. Belgiens Nacer Chadli stoppt diesen per Foul.
0:17 - 1:15: Frankreich wartet mit der Freistoßausführung. In dieser Zeit wechselt Belgien. Der Ball ruht fast eine komplette Minute.
1:16 - 1:44: Frankreich führt den Freistoß aus und befindet sich kurz im Angriff. Belgien unterbindet diesen, es gibt Einwurf. Wieder vergehen einige Sekunden, am Ende der Szene verliert Frankreich den Ball.

Kylian Mbappé sieht Gelb für Zeitspiel
AFP

Kylian Mbappé sieht Gelb für Zeitspiel

1:45 - 2:14: Belgien wird am Einwurf gehindert - Kylian Mbappé sieht Gelb für sein Zeitspiel.
2:14 - 2:22: Frankreich erobert den Ball, Antoine Griezmann vergibt eine Großchance zum 2:0.
2:23 - 2:46: Belgien befindet sich in der Nachspielzeit erstmals im Angriff, dieser endet ohne Torschuss und mit einem Ballverlust.
2:47 - 3:00: Frankreich greift an, ohne Abschluss.
3:01 - 3:20: Belgien im Angriff, ohne Abschluss.
3:21 - 3:32: Frankreich greift wieder an, Foul an Mbappé, Gelb für Belgien.
3:32 - 4:08/4:17: Es vergehen fast 40 Sekunden, bis Frankreich den Freistoß ausführt. Danach erobert Belgien den Ball.
4:17 - 4:31: Belgien ist im Angriff, bekommt den Ball aber nicht unter Kontrolle.
4:31 - 4:45: Frankreich greift an, Belgien unterbindet die Offensivszene - Einwurf für Frankreich.
4:45 - 5:07: Es vergehen 22 Sekunden, bis der Einwurf ausgeführt wird.

Thibaut Courtois
AFP

Thibaut Courtois

5:07 - 5:15: Corentin Tolisso vergibt Frankreichs zweite Top-Chance in der Nachspielzeit. Torwart Courtois klärt zur Ecke.
5:16 bis 5:54: Knapp 30 Sekunden Warten auf die Eckball-Ausführung.
5:55 - 6:14: Frankreich bleibt nach dem Eckball im Angriff, verliert den Ball an der Eckfahne - Schiedsrichter Cunha pfeift ab. Frankreich steht im Finale.

Anm. der Red.: Wir haben im zweiten Absatz "legitim" durch "gängig" ersetzt.



insgesamt 64 Beiträge
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taglöhner 11.07.2018
1. Antifußball
Es ist nicht schön, so weiterzukommen, die Belgier hätten eine Verlängerung dicke verdient gehabt. Sie hätten allerdings in der ersten Halbzeit ihre Überlegenheit auch besser nutzen müssen.
Strichnid 11.07.2018
2.
Ich fand, der Schiri hat schon sehr pro Frankreich bewertet gegen Ende. Er hat ihnen damit dieses zusätzliche Zeitspiel innerhalb der 6 Minuten ermöglicht, und dieses auch nicht nachspielen lassen.
gandhiforever 11.07.2018
3. Die belgische Kritik
Die belgische Kritik an der Spielweise der Franzosen basiert auf der Enttaeuschung ueber die eigene Niederlage. Wieso haetten die Blauen so spielen sollen, wie die Belgier es wollten? Eine Mannschaft spielt, um zu gewinnen, dabei ist die Analyse der gegnerischen Spielweise nicht unerheblich. Wer gegen die Tricolore gewinnen will, muss eben in deren Spiel Schwachpunkte aufdecken , um sie dann auszunutzen. Sicher, die Belgier hatten auch Chancen, doch unverdient ist der Sieg der Franzosen nicht. Und, vor allem, ihnen gelang ein Tor.
kodu 11.07.2018
4. "Modern ist, was erfolgreich ist"
Dieses Zitat stammt von Otto Rehhagel und war auf die Kritik des angeblich antiquierten Spielsystems gerichtet, das er dem Europameister Griechenland verordnet hatte. Daß sich Frankreich und Belgien neutralisieren würden, musste man befürchten, und genauso, daß die Siegchancen derjenigen Elf rasant steigen würden, die das erste Tor macht. Im modernen Fußball gibt es nur noch wenig Raum für "kreative" Momente, fast alles ist vorher am Computer ausgetüftelt worden, inclusive doppelter Sicherungen bei eigenen Fehlern (sofern sie nicht der Klasse "KATASTROPHAL" zuzuordnen sind). Angesichts dessen, ist das Verhalten der Franzosen sicher nicht schön, aber normal. Zumal, wenn sich der zahlende Zuschauer, ob im Stadion oder am TV, diesen Mist als Spitzenfußball verkaufen lässt. Meine Empfehlung: Besucht die Spiele Eures Vereins um die Ecke, egal in welcher unteren Liga der spielt. Das ist allemal interessanter und es fördert ein wirkliches echtes Gemeinschaftsgefühl.
anke1805 11.07.2018
5. reine Spielzeit?
Ich frage mich schon seit Jahren, warum die zum Beispiel vom Handball oder auch Basketball bekannte Beschränkung auf die tatsächliche Spielzeit nicht auch beim Fußball eingeführt wird (z.B. 60 Minuten?). vielleicht kann mir jemand aus dem Kreis der geschätzten Mitforisten hierauf eine begründete Antwort geben?
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