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11. Juli 2018, 23:59 Uhr

Englands Aus im WM-Halbfinale

Football is not coming home

Von Tim Pommerenke

In England war die Zuversicht vor dem WM-Halbfinale riesig, die Euphorie schien das junge Team gegen ausgelaugte Kroaten ins Finale zu tragen. Doch die gaben den Spielverderber.

Die Frage des Spiels: Lässt sich ein WM-Titel herbeibeschwören? Ganz England hatte seit einigen Tagen ein Mantra vor sich hingebetet: "It's coming home" - der WM-Pokal kehrt endlich wieder ins Mutterland des Fußballs zurück. Sie raunen es sich beim Afternoon Tea zu, sie skandieren es in Pubs, der passende Song "Three Lions" läuft rauf und runter. Selbst das Königshaus lässt sich anstecken: "Is football coming home?" wurde Prinz Harry kürzlich gefragt. "Most definitely", war seine zuversichtliche Antwort.

Die wahre Antwort: Nein.

Das Ergebnis: Kroatien geht in Russland zum dritten Mal in Folge in die Verlängerung, entscheidet das Spiel jedoch vor dem Elfmeterschießen 2:1 für sich. Hier geht's zum Spielbericht.

Die Szene des Spiels: Mario Mandzukic hatte den Blick schon Richtung Boden gesenkt und sich nach einer abgewehrten kroatischen Flanke vom englischen Tor abgewandt. 108 Minuten hatte er gegen Dänemark durchgehalten, gegen Russland biss er sich unter Krämpfen durch die 120 Minuten. Doch als Kyle Walker den Ball nicht richtig klärte, Ivan Perisic ihn mit dem Hinterkopf in den Strafraum wuchtete, da fixierte der kroatische Stürmer den Ball kurz und schoss ihn aus der Drehung an Jordan Pickford vorbei. Die späte Entscheidung.

Die erste Hälfte: Im ersten Durchgang war es ein ausgeglichenes Spiel. Beide Teams schossen jeweils einmal aufs Tor, wobei die Chance von Harry Kane aus der 30. Minute die deutlich aussichtsreichere war. Allerding konnte der Stürmer den Ball nicht an Danijel Subasic vorbeistochern. Weitaus eleganter hatte es Kieran Trippier gemacht, der bereits in der fünften Minute einen direkten Freistoß sehenswert zum 1:0 verwandelte.

Standard-Könige: Zwölf Tore hat England bei dieser WM erzielt - neun davon fielen nach Standardsituationen. Seit der systematischen Aufzeichnung dieser Daten bei der Weltmeisterschaft 1966 ist dies ein neuer Höchstwert. Damit liegt das Team voll im Trend, denn 69 der bis dahin 158 erzielten Treffer fielen bei der WM nach ruhenden Bällen.

Bend it like Beckham: Die gleiche Datenbank verrät auch, dass es seit 1966 nur einem englischen Spieler gelungen war, bei einer Weltmeisterschaft einen direkten Freistoß zu verwandeln. David Beckham traf auf diese Weise 1998 in der Gruppenphase gegen Kolumbien und 2006 im Achtelfinale zum 1:0-Sieg über Ecuador.

Junge Löwen: Mit Ashley Young, Kyle Walker und Jordan Henderson waren nur drei Spieler aus der Startelf von Gareth Southgate bereits geboren, als England sein bislang letztes Halbfinale 1990 bei der WM in Rom spielte. Damals unterlag das Team dem späteren Weltmeister Deutschland. Der englische Kader ist mit durchschnittlich 25,7 Jahren deutlich jünger besetzt als Kroatien (29,1 Jahre).

Die zweite Hälfte: "Die Kraft für England ist selbstverständlich da", hatte Trainer Zlatko Dalic vor dem Spiel trotzig verkündet. Danach sah es lange nicht aus. Der Tank der Kroaten schien leer, das Team entwickelte offensiv kaum Ideen. Aber der Wille war da, insbesondere bei Ivan Perisic: Der erzielte in der 68. Minute den akrobatischen Ausgleich für sein Team und scheiterte in der 72. Minute nach einer starken Einzelleistung knapp am Pfosten. Die letzten zwanzig Minuten schien Kroatien dem Tor näher, doch zur Entscheidung in der regulären Spielzeit reichte es erneut nicht.

Die Verlängerung: In der 99. Minute hätte Jon Stones England fast per Kopfball in Führung gebracht. Doch Sime Vrsaljko rettete für seinen geschlagenen Keeper Subasic auf der Linie. Kurz nach dem Wiederanpfiff war Mandzukic das erste Mal nah dran, doch Jordan Pickford rettete stark (105.+2). In der 109. Minute probierte der Stürmer es erneut und erzielte den 2:1-Siegtreffer für Kroatien.

Und nun? Kroatien zieht ins Finale gegen Frankreich ein. Reicht die Kraft, um das französische Defensivbollwerk niederzuringen? England spielt gegen Belgien um den dritten Platz und muss feststellen: "It's not coming home."

Kroatien - England 2:1 n. V. (1:1)
0:1 Trippier (5.)
1:1 Perisic (68.)
2:1 Mandzukic (109.)
Kroatien: Subasic - Vrsaljko, Lovren, Vida, Strinic (95. Pivaric)- Rakitic, Brozovic - Rebic (101. Kramaric), Modric (119. Badelj), Perisic - Mandzukic (115. Corluka)
England: Pickford - Maguire, Stones, Walker (112. Vardy) - Trippier, Henderson (97. Dier), Young (90. Rose) - Alli, Lingard - Kane, Sterling (74. Rashford)
Schiedsrichter: Cakir (Türkei)
Gelbe Karten: Mandzukic, Rebic / Walker
Zuschauer: 78.011 (ausverkauft)

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