Belgiens Halbfinal-Niederlage So jung kommen sie nie wieder zusammen

Die unterhaltsamste Mannschaft des Turniers muss ihren Titeltraum begraben. Für Belgiens goldene Generation heißt die Halbfinalpleite gegen Frankreich auch, dass sie wohl unvollendet bleibt.

Vincent Kompany, Kevin De Bruyne und Axel Witsel (von links nach rechts)
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Vincent Kompany, Kevin De Bruyne und Axel Witsel (von links nach rechts)

Aus Sankt Petersburg berichtet


Es liegt vielleicht in unserer Natur, dass wir solche Verlierer bemitleiden. Belgien war in seiner Geschichte noch nie Weltmeister. Das Team spielte in Russland rührend riskanten Angriffsfußball. Es stand einmal, im Achtelfinale gegen Japan, knapp vor dem Aus, rettete sich aber in die nächste Runde, wo die Mannschaft dann für große Unterhaltung sorgte. Das sind ziemlich viele Pluspunkte und Stoff für eine gute Story.

Nun aber ist es vorbei mit all dem: 0:1 im Halbfinale gegen Frankreich verloren. Der Titeltraum ist geplatzt.

Roberto Martínez wirkte nicht wie jemand, der soeben ein WM-Halbfinale verloren hat. Er sei stolz auf seine Spieler, sagte Belgiens Trainer, sie hätten alles gegeben. Martínez sprach diese Sätze in perfektem Englisch, der Blick klar, die Stimme fest, er wirkte wie ein Wissenschaftler, der über die Resultate einer Laborprobe referiert. Diese Eindrücke waren nur schwer mit dem Fußball zusammenzubringen, den Martínez bei dieser WM spielen ließ.

Kein Team hat unterhaltsameren, offensiveren Fußball geboten als Belgien. Während andere Mannschaften nach dem Motto spielten: Hinten sicher stehen und vorne geht schon irgendwann einer rein, spielte bei Belgien mit Kevin de Bruyne ein offensiven Mittelfeldspieler auf der Sechs. Auf den Flügeln verteidigten Spieler, die ihre Karrieren als Stürmer verbracht hatten, Martínez wechselte zudem regelmäßig die Ausrichtung, mal wurde geflankt, mal gekontert, meist gedribbelt. Und: All das klappte irgendwie.

In der Vorrunde gelangen dem Team neun Tore. Und was war das für ein Spektakel im Achtelfinale gegen Japan! Alle fünf Treffer fielen in der zweiten Hälfte, als Belgien erst 0:2 in Rückstand geriet, um dann mit einem der schönsten Spielzüge des Turniers in der Nachspielzeit das Siegtor zu erzielen. Im Viertelfinale sorgte Belgien beim 2:1 gegen Brasilien für das wohl hochklassigste Spiel des Turniers. In einer K.-o.-Phase, die bei dieser WM von Spannung geprägt war, aber auch von fußballerischer Dürftigkeit.

Die französische Defensive aber war eine Nummer zu groß für Belgien. Trainer Martínez sprach zwar hinterher von nur einer einzigen Standardsituation, die den Unterschied gemacht habe, und ganze viermal nutzte er das Wörtchen "Glück". In Wahrheit aber gehörte die Vielzahl an klaren Chancen den Franzosen, insbesondere in der zweiten Hälfte.

Zunächst hatte es noch so ausgesehen, als könne die belgische Offensive nach Brasilien den zweiten Giganten kalt erwischen. Eden Hazard trickste sich durch die gegnerische Abwehr, gleich zweimal scheiterte er in der ersten Hälfte nur knapp. Aber dieses "knapp vorbei" zog sich aus belgischer Sicht durch die Partie, in der Offensive wie auch in der Abwehr, als Marouane Fellaini im Duell mit Frankreichs Samuel Umtiti ein paar Zentimeter fehlten, um das 0:1 zu verhindern. Und so bleibt die goldene Generation des belgischen Fußballs wohl eine unvollendete.

Aus der Startelf gegen Frankreich wird ein einziger Spieler bei der Winter-WM 2022 in Katar diesseits der 30 Jahre sein, Romelu Lukaku. Kevin de Bruyne und Hazard gehören mit ihren aktuell 27 Jahren zu den jüngsten im belgischen Team, es ist nicht ausgeschlossen, dass sie ihre Top-Form über die Jahre konservieren können, obgleich dies ab einem gewissen Niveau nur ziemlich wenigen Fußballern gelingt. Die Abwehr aber muss runderneuert werden; geeignete Nachfolger für die starken Toby Alderweireld und Jan Vertonghen sind jedoch nicht in Sicht.

Es ist keine zu gewagte Prognose, wenn man resümiert, die Chancen auf den WM-Titel werden in den kommenden Jahren nicht noch einmal so gut stehen, wie bei diesem Turnier. Der Kader war im Schnitt 27,7 Jahre alt, das entspricht in etwa dem Alter, in dem Fußballer ihren Zenit erreichen. In Martínez hatte das Team, anders als bei vergangenen Turnieren, einen Trainer, der das Offensivpotenzial zu aktivieren verstand.

Doch: Es nützte nicht für den Titel. Für De Bruyne, Hazard und ihre Mitspieler mag sich das wie eine einmalige Gelegenheit anfühlen, die verpasst wurde.

Was bleibt, ist zumindest die Gewissheit, dass sich Millionen Zuschauer am belgischen Fußball erfreut haben. Und so, wie Hazard und De Bruyne vielen Kindern weltweit zum Vorbild gereift sein dürften, könnte auch der belgische Angriffsstil anderen Mannschaften als Ideal dienen. Dann hätten die Belgier zwar immer noch nicht die WM geholt. Gewonnen hätten sie aber trotzdem, ein bisschen zumindest. Und für Mitleid gäbe es keinen Grund.

insgesamt 9 Beiträge
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johnsnow 11.07.2018
1. Der Anti-Fußball setzt sich durch!
ich mag ihn nicht und hoffe das Kroatien oder England den Pokal nach Hause nehmen! Der Stil ist nicht schön und ehrlich gesagt nervt er auch! Selbst die italiener im feinsten Catenaccio waren schöner anzusehen! Egal wer im Finale steht muss eigentlich nur eines machen Mbappe innerhalb der ersten 15 Minuten umhauen, und Freistöße von grießmann verhindern! dan ist ehrlich gesagt die Schlagkraft Frankreichs um 60% reduziert!
mcbarby 11.07.2018
2. WM-Aus?
Ich halte die fußballerischen Kenntnisse des werten Autors für arg verbesserungswürdig. Auch wenn Belgien nicht mehr um die WM-Krone spielen kann, ist dies noch nicht das WM-Aus. Ihnen bleibt noch das Spiel um Platz 3 - und das ist aller Ehren wert!
lordofaiur 11.07.2018
3. Frankreich
Wie sagte einst Klaus Toppmöller zu Berti Vogts. Ich sage das nun sinnbildlich zu den Franzosen. Hätte ich so Fussball gespielt wie Berti, hätte ich meine Fußballschuhe verbrannt... ekelhafter, unattraktiver Defensivfußball. Pfui Deibel.
_unwissender 11.07.2018
4. Ja, es ist an der Zeit, etwas zu ändern
Zitat von lordofaiurWie sagte einst Klaus Toppmöller zu Berti Vogts. Ich sage das nun sinnbildlich zu den Franzosen. Hätte ich so Fussball gespielt wie Berti, hätte ich meine Fußballschuhe verbrannt... ekelhafter, unattraktiver Defensivfußball. Pfui Deibel.
Die deutschen Kommentatoren haben es schon seit Jahren kapiert. Fußball in der jetzigen Form hat einen entscheidenden Fehler: die Tore. Wir sollten einfach konsequent sein und beim Prozessionsfußball das bewerten, was den Fußball ausmacht: eben - die Pozession. Tore abbauen und dann kann es losgehen.,
Crom 11.07.2018
5.
Unvollendet? Zum einen gibt es noch eine EM in zwei Jahren und da ist das Team dann noch deutlich gereifter und zum anderen ist Belgien nun einmal keine großes Land und da ist es schon aller Ehren wert unter den besten Vier zu kommen.
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