Hoeneß nach Bayern-Sieg über Athen "Wir sind nicht so arrogant, wie Sie immer denken"

Ehrliche Arbeit statt Zauberfußball: Die Bayern haben nach dem mühsamen 2:0 gegen AEK Athen ihre Rhetorik dem Spielstil angepasst. Und Präsident Uli Hoeneß erklärt sein Team gegen den BVB zum Außenseiter.

Von Christoph Leischwitz, München


Es gibt seit einigen Wochen etwas zu sehen bei den Heimspielen des FC Bayern München, das es zuvor jahrelang nicht gegeben hatte: leere Sitze. Hunderte. So auch beim 2:0-Sieg gegen AEK Athen in der Champions League. Offiziell ist das Stadion jedes Mal ausverkauft, weshalb es sich wohl um Sitze handelt, die Jahreskarteninhabern gehören. Die aber immer öfter niemanden finden, der für sie ins Stadion geht. Das könnte daran liegen, dass die Heimspiele des FC Bayern mittlerweile kein fußballerischer Genuss mehr sind.

Immerhin, am Mittwoch gelang das erste zu Null in der Arena unter Trainer Niko Kovac, und die zweite Halbzeit war phasenweise ansehnlich. Das reichte, um alleiniger Tabellenführer der Gruppe E zu werden. Und für die Qualifikation zum Achtelfinale benötigen die Bayern im Heimspiel gegen Benfica am 27. November einen Punkt.

Die beiden Tore zum Sieg allerdings fielen nicht aus dem Spiel heraus, und beide hatten fremde Hilfe nötig. Im ersten Fall vom Torrichter, der vor dem Elfmeter zum 1:0 ein zweifelhaftes Foul gesehen hatte (31.). Beim 2:0 nach einer Kimmich-Ecke lenkte ein Athener Abwehrspieler den Ball per Kopf direkt auf den Fuß des Doppelpackers Robert Lewandowski (71.). "Die Art und Weise war nicht überragend, es war wieder keine Glanzleistung", sagte Joshua Kimmich, der nach seinem kritisch beäugten Ausflug ins defensive Mittelfeld gegen den SC Freiburg (1:1) diesmal wieder als Rechtsverteidiger spielte.

"Es war kein Feuerwerk, aber das war heute auch nicht zu erwarten", sagte Trainer Niko Kovac. Dabei hatte er sich vor dem Spiel eigentlich ein solches erwartet: Drei, vier Tore, damit mal wieder der Knoten platzt. Und wenn nicht gegen so einen harmlosen Gegner wie AEK, wann dann?

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Matchwinner Lewandowski: Nummer 48 und 49

Positiv fiel aber die mannschaftliche Geschlossenheit auf. Wenn schon nicht im spielerischen Sinne, dann zumindest im Umgang miteinander. Franck Ribéry etwa hob ständig ermutigend den Daumen in Richtung Mitspieler, auch bei Fehlpässen. Man blieb geduldig miteinander. Beim Torjubel freuten sich alle brav gemeinsam. "Das ist die Basis für den Sieg." Diese Aussage tätigten auffallend viele Spieler nach dem 2:0-Sieg in identischer Wortwahl, um so den Teamgeist zu beschwören. Torwart Manuel Neuer meinte, man müsse sich zurzeit eben "alles erkämpfen und erarbeiten", weil die Leichtigkeit fehle. Und merkte in offenen Worten an: "Es ist auf jeden Fall eine schwierige Zeit."

Alles hörte sich so an, als hätten die Bayern eine Reset-Taste gedrückt. Vorbei die Zeiten der Guardiolaschen 7:0-Überlegenheit, vorbei mit der Leichtfüßigkeit wie unter Jupp Heynckes. Ärmel hochkrempeln, zusammenhalten, kämpfen und beißen - die Bayern passen ihre Rhetorik allmählich ihrem Spielstil an.

Auch oder gerade weil das mit dem Zusammenhalten nicht immer klappt. In der vergangenen Woche hatten Maulwürfe diverse Interna ausgeplaudert, Themenschwerpunkt: Trainingsmoral unter dem aktuellen Coach. Kovac sagte dazu am Mittwoch gegenüber Sky: "Ich finde, das sollte man abstellen. Ich weiß nicht, welchen Nutzen der- oder diejenigen haben. Aber wenn sie die beiden - …ach, die beiden, sag ich schon -, wenn sie denjenigen erwischen, geben Sie Bescheid." Vielleicht weiß Kovac also auch schon, um wen es sich da handelt. Gegen Athen aber gelang es den Bayern mühelos, geschlossener aufzutreten als der Gast. Uros Cosic zog seinem Mitspieler Niklas Hult nämlich nach einer schlechten Aktion einfach an den Haaren, um diesen zu maßregeln.

Der Auftritt des Uli Hoeneß

Aber wer könnte den Beweis, dass der FC Bayern es wirklich ernst meint mit der neuen Bescheidenheit, besser antreten als Uli Hoeneß?

Es klang zunächst wie die Androhung der nächsten Offensivattacke, als der Bayern-Präsident den Journalisten zurief: "Ich komm' gleich." Wenige Minuten später war aber klar: Hoeneß läutet gerade eine Zeitenwende ein, mit Sätzen wie diesen: "Die Meisterschaft würden wir gerne immer haben. Aber wenn's mal nicht so ist, wird der FC Bayern nicht untergehen." Nach Dortmund fahre man "nicht als Favorit, sondern als Außenseiter." Es tue ihm leid, dass er auf der Presseschelte-Konferenz den Ex-Spieler Juan Bernat beleidigt habe. Nein, gegen Maulwürfe werde man nicht vorgehen, "das ist ein Geschwür, das man nicht mehr losbekommt", so Hoeneß. Wichtiger sei es, "die Zuschauer wieder zufriedenzustellen."

Natürlich stehe er nach wie vor voll und ganz hinter Kovac. Man habe "eine Mannschaft im Umbruch" und "einen jungen Trainer, der sich reinarbeiten muss. Da muss man ein bisschen Geduld haben."

Drei Tage vor dem Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund gibt sich Hoeneß moderat. Er beruhigt, plädiert für Zusammenhalt, auch bei Misserfolg. "Wir sind nicht so arrogant, wie Sie immer denken", sagte er den Journalisten.

Das alles ging sogar manchen Spielern zu schnell. Dass man als Außenseiter nach Dortmund fahre, da stecke vielleicht "taktisches Kalkül" hinter der Aussage, mutmaßte Mats Hummels. Er selbst findet es "völlig wurscht", ob man als Außenseiter oder Favorit nach Dortmund reise. Manuel Neuer sagt: "Wir sind auf Augenhöhe." Aber vielleicht handelt es sich bei Hoeneß' Aussagen auch gar nicht um eine Zeitenwende. Ein Sieg beim BVB, der ja gerade erst die erste Niederlage verkraften musste, und alles könnte wieder beim Alten sein.

Bayern München - AEK Athen 2:0 (1:0)
1:0 Lewandowski (31. Foulelfmeter)
2:0 Lewandowski (71.)
München: Neuer - Kimmich, Boateng, Hummels, Alaba - Martínez - Gnabry (87. Renato Sanches), Müller, Goretzka, Ribéry (84. Rafinha) - Lewandowski (90.+1 Wagner)
Athen: Barkas - Bakakis, Lampropoulos, Tschygrynski, Cosic, Hult - Galanopoulos (78. Galo), Simoes, Alef - Ponce, Mantalos (80. Boyé)
Gelbe Karten: - / Cosic, Simoes, Lampropoulos
Schiedsrichter: Matej Jug (Slowenien)
Zuschauer: 70.000 (ausverkauft)

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ge1234 08.11.2018
1. Meine Güte...
... was soll er denn auch anderes sagen? Zugeben, dass Kovac, angeblicher alleinger "Wunschtrainer Nummer 1", sich als Irrtum Nummer 1 herausstellt, noch schlechter als Ancelotti? Dass sie mit Brazzo trotz einjähriger Suche genau das als Sportdirektor bekommen haben, was der Name verspricht? Das gestrige Spiel gegen einen grottenschlechten Gegner war armselig, von Spielidee, wie gehabt, immer noch keine Spur! Sofern nur die Niederlage am Samstag, von der ich ausgehe, eindeutig genug ist, muß Kovac endlich gehen, das weiß auch Hoeneß! Sonst wird die Jahreshauptversammlung auch für ihn äußerst ungemütlich! Mein Gott, was ist nur aus meinen Pep'schen, van Gaal'schen und Heynckes'schen Bayern geworden, die jeden Gegner nach Belieben zerlegten? P.S.: Dass ihm die Aussage ggü. Bernat leid tun würde, war schon am abend der unsäglichen Pressekonferenz klar!
Nonvaio01 08.11.2018
2. Im englishen tv
War das ein klarer elfmeter. Am trikot ziehen ist immer foul. Da ist nichts fragwuerdig. Und ein 2-0 ist ein gutes ergebnis.
golfstrom1 08.11.2018
3. Bayern
Ich bin gespannt ob die Aussagen von Uli Hoeneß auch noch Bestand haben, wenn man in Dortmund chancenlos verlieren sollte. Die Gefahr ist durchaus vorhanden, weil der Sieg gestern eher zustande kam, weil der Gegner eben noch schlechter spielte. Man hat das Gefühl, dass nicht die gesamte Mannschaft hinter Niko Kovac steht. Wie sollte sie dieses auch tun, ein Großteil der Spieler hat bereits unter Trainerstars wie Klopp, Guardiola, Ancellotti, Heynkes, Löw oder auch Tuchel trainiert und als Spieler vergleicht man nun mal auch die Arbeit seines Trainers mit der Arbeit der Vorgänger. Und hier sehe ich das derzeitige Problem der Bayern. Das Team um Niko Kovac hat eventuell eine ganz andere Art der Trainingsgestaltung als die vorherigen Trainerteams. Und die Spieler der Bayern haben eventuell ein großes Problem sich komplett darauf einzustellen, weil sie eventuell bis heute noch davon überzeugt werden konnten. Man merkt, dass kaum positive Dinge von den Spielern gegenüber dem Trainerteam gesagt werden. Der Verein traut sich, noch, nicht das Trainerteam jetzt schon abzulösen, weil es schlicht keine besseren Alternativen auf dem Markt gibt und dies natürlich auch klare Niederlage gegenüber der sportlichen Leitung dargestellt werden würde.
argonaut-10 08.11.2018
4. Ein typischer Höneß
wer wie ich, seit den 70er Jahren den Fussball verfolgt, die Scharmützel des U.H. kennt, der weiß, das ist nicht neu. Er nimmt den Druck von der Mannschaft notfalls... nur eine Spielart seiner Klaviatur an rhetorischen Möglichkeiten. Mit Demut hat das rein gar nichts zu tun. Ich kann nur hoffen, dass sich diese Aussage bei den Spielern von Dortmund nicht verfängt; bei Favre sicher schon mal nicht.
Anno2012 08.11.2018
5. Geschwindigkeit, Vorhersehbarkeit
Guten Morgen, ich war gestern mal wieder im Stadion und bin mit sehr gemischten Gefühlen nach Hause. Nahezu jeder Spielzug war voraussehbar, die Verschiebungen fanden sehr pomadig statt und die rechte Verteidigungsseite wirkte dann Boateng jederzeit anfällig. So waren es vielleicht 2x 5 Minuten, die das Fan-Herz erfreuten. Es wurde schneller gespielt, die Mitspieler bewegten sich auch mal ohne Ball und Chancen wurden kreiert. Da darf auch mal ein Pass daneben gehen, aber es ist "Action" auf dem Platz. Es wirkt irgendwie, als sei der Mannschaft der Spaß verloren gegangen, nun geht es Mittwochs und Samstags einfach nur noch zur Maloche. Vielleicht ist die Mehrheit "übersatt", vielleicht ist das alles Taktik um Energie für "wichtige" Spiele zu sammeln, berauschend ist es leider nicht. Und so stelle ich mir in letzter Zeit häufiger die Frage, ob ich mich drei Stunden vor einem Spiel aus der Arbeit stehle um dann hundemüde um 02.00 Uhr Nachts wieder zuhause zu sein. Wie der Artikel zurecht bemerkt, haben sich gerade in unserem Block gestern einige, ich würde sogar sagen, auffallend viele, dagegen entschieden. Anno2012
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