Absurder Elfmeterpfiff in der Champions League Hätte Sterling beichten müssen?

Er trat in den Boden, dann gab es Strafstoß: Raheem Sterling von Manchester City profitierte gegen Donezk von einer krassen Fehlentscheidung. Wie viel Fairplay darf man von Profis erwarten?

Raheem Sterling (l.)
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Raheem Sterling (l.)

Von Alex Feuerherdt


Im Nachhinein tat es Raheem Sterling leid. "Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich habe keinen Kontakt gespürt und möchte mich beim Schiedsrichter entschuldigen", sagte der Angreifer von Manchester City nach der Champions-League-Partie gegen Schachtar Donezk (6:0).

Der Grund für Sterlings Entschuldigung war dieser: Nach 24 Minuten hatte der 23-Jährige beim Versuch, den Ball über den Torwart zu lupfen, ohne jede gegnerische Einwirkung in den Rasen getreten. Sterling stürzte. Zur Überraschung aller entschied Schiedsrichter Viktor Kassai auf Strafstoß. Offenbar hatte der erfahrene ungarische Unparteiische aus der Art und Weise, wie Sterling fiel, auf ein Foul geschlossen. Gabriel Jesus verwandelte den Elfmeter zum 2:0 für City.

Hätte Sterling zum Schiedsrichter gehen sollen?

Eine krasse Fehlentscheidung, die zu verhindern gewesen wäre, wenn ein Video-Assistent die Szene überprüft hätte. Den aber gibt es in der Königsklasse erst ab der kommenden Saison, zumindest falls die Uefa ihre Pläne nicht ändert.

Hätte Sterling zum Schiedsrichter gehen und ihm mitteilen sollen, dass er nicht gefoult wurde? Hätte der Referee den Spieler befragen sollen? Kann und soll man das eine oder das andere erwarten, gar verlangen?

In den Fußballregeln findet man dazu jedenfalls keine Antwort. Dort heißt es lediglich: "Der Schiedsrichter entscheidet nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne der Spielregeln und im 'Geist des Fußballs'. Er trifft die Entscheidungen basierend auf seiner Einschätzung und hat die Ermessenskompetenz, die angemessenen Maßnahmen im Rahmen der Spielregeln durchzusetzen." Ändern darf er eine Entscheidung grundsätzlich bis zur Spielfortsetzung, "wenn er feststellt, dass diese nicht korrekt ist, oder von einem anderen Spieloffiziellen einen Hinweis erhalten hat".

Es gibt im Fußball jedoch auch so etwas wie ungeschriebene Gesetze. Eines davon lautet: Die Befragung eines Spielers durch den Schiedsrichter ist prinzipiell statthaft, aber die Ultima Ratio, also die absolute Ausnahme. Sie soll es nur geben, wenn dem Unparteiischen beispielsweise aufgrund ungewöhnlich heftiger Proteste in einer spielrelevanten Situation, etwa nach einem Elfmeterpfiff, erhebliche Zweifel an der Richtigkeit seiner Entscheidung kommen und ihm auch seine Assistenten nicht weiterhelfen können.

Allerdings greift kein Schiedsrichter gerne zu diesem Mittel. Schließlich geht damit immer die Gefahr eines Autoritäts- und Kontrollverlustes einher - weil eine Schwäche eingeräumt wird, die von den Spielern ausgenutzt werden könnte.

Spieler nehmen die Ausnahme gerne zum Anlass, um den Referee bei den nächsten sich bietenden Gelegenheiten erneut dazu aufzufordern, doch bitteschön den Gegner ins Gebet zu nehmen. Zudem setzt der Unparteiische mit einer Befragung den Betreffenden unter Druck, er bürdet ihm die Verantwortung für eine Entscheidung auf, die laut Regelwerk ausschließlich er selbst zu treffen hat.

Der Schiedsrichter liefert sich aus

Gleichzeitig liefert er sich der Antwort des Spielers aus. Wenn er Glück hat, ist der Befragte ehrlich, wenn er Pech hat, zieht dieser sich darauf zurück, es selbst nicht so genau zu wissen - oder er sagt gar die Unwahrheit.

So wie Oliver Held vom FC Schalke 04 im Bundesligaspiel gegen den 1. FC Köln Ende April 1998. Beim Stand von 0:0 hatte er auf der eigenen Torlinie einen Schuss von Toni Polster absichtlich mit der Hand abgewehrt, doch Schiedsrichter Uwe Kemmling war das entgangen. Die abstiegsbedrohten Kölner tobten, Kemmling befragte Held daraufhin - und der Schalker sagte, er habe den Ball mit dem Kopf geklärt. Den Elfmeter gab es nicht, Schalke gewann, Köln stieg ab - und Held wurde vom DFB wegen seiner Falschaussage für zwei Spiele gesperrt.

Denn von den Spielern wird Fairness erwartet. Dazu gehört, bei einer Befragung durch den Schiedsrichter nicht zu lügen. Im Gegenzug wird auf eine etwaige persönliche Strafe verzichtet. Hätte Held die Wahrheit gesagt, hätte das zwar den Strafstoß zur Folge gehabt. Um den fälligen Platzverweis wegen der Verhinderung einer offensichtlichen Torchance aber wäre er herumgekommen. Für den Fall Sterling heißt das, dass es nur einen Schiedsrichter-Ball gegeben hätte.

"So wollen wir kein Spiel gewinnen"

Ähnlich selten wie eine Befragung durch den Schiedsrichter kommt es vor, dass Spieler von sich aus auf den Referee zugehen und beichten, dass sie von seinem Fehler profitieren. Wer handelt schon freiwillig zum eigenen Nachteil, wenn viel auf dem Spiel steht? In der Bundesliga wurde zuletzt im März 2014 ein Strafstoß zurückgenommen, weil der vermeintlich Gefoulte den Unparteiischen darauf aufmerksam machte, nicht regelwidrig zu Fall gebracht worden zu sein.

Aaron Hunt, damals noch in Diensten von Werder Bremen, war im Spiel beim 1. FC Nürnberg nach einem Zweikampf mit Javier Pinola im Strafraum zu Boden gegangen. Schiedsrichter Manuel Gräfe entschied auf Strafstoß, doch Hunt klärte ihn darüber auf, dass er freiwillig gefallen war. "Ich wollte den Elfmeter haben, aber es war nicht die richtige Entscheidung von mir", sagte er. "Es war schnell klar für mich, dass ich da die Wahrheit sage. So wollen wir kein Spiel gewinnen, auch wenn es im Abstiegskampf ist."

Bei Raheem Sterling kam die Reue erst nach dem Schlusspfiff, als niemand mehr etwas davon hatte.



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gammoncrack 08.11.2018
1. Hier war das Ergebnis eindeutig und der Elfmeter wohl nicht
relevant. Das war natürlich da noch nicht absehbar. Ja, ich weiß, vielleicht wäre ohne diesen Elfer alles anders gelaufen. Da muss aber wirklich dran glauben. Für den Spieler entsteht hier das Problem, dass bei einem letztlich anderen Spielverlauf, wohl etliche andere Spieler, der Club und viele Fans null Verständnis für ein freiwilliges Eingeständnis gehabt hätte. Er wäre der böse Bube gewesen, allerdings für die nicht oder positiv Betroffenen ein Held der Fairness. Schwierig!
BettyB. 08.11.2018
2. Fairplay
Nun ja, Amateursport und Fairplay sind ja vorstellbar, solange nicht das Geld nicht die Amateure lockt, dass mit der weiteren Karriere verbunden wäre, Profisport und Fairplay aber, welche Idee. Das fängt doch schon damit an, dass die Gehältsunterschiede zwischen jenen der meisten Fans und denen Profis extrem hoch und unbegründbar sind. Ach ja, die Einnahmen. Preise für Eintrittspreise könnte man aber nicht nur halbieren, was Sportjournalisten aber schwerlich "aus der Feder tropft"...
MarkusW77 08.11.2018
3. @gammoncrack
das sehe ich nicht so. Für mich wäre auch bei einer anschließenden Niederlage der faire Spieler immer der "Held". Ausnahme höchstens im Finale gegen Bayern, da haben wir noch mindestens 3 Szenen gut ;-)
mundi 08.11.2018
4. Die Frage der Sportart
Es scheint eine Frage zu sein, um welche Sportart handelt es sich, wenn über fair Play diskutiert wird. Im Fußball herrschen seltsame Bräuche. Zum Beispiel: Geht ein Ball ins Seitenaus, heben Spieler beider Mannschaft die Hand. Was wollen Sie Anzeigen? Beim Volleyball hebt man die Hand, wenn man den Fehler macht, einen ins Aus fliegenden Ball zu berühren, wenn der Schiri nicht pfeift. Ich habe noch nie Schlägerein unter Zuschauern beim Schwimmen oder Tennis gesehen.
gammoncrack 08.11.2018
5. Nach Außen in wird er immer der Held sein.
Zitat von MarkusW77das sehe ich nicht so. Für mich wäre auch bei einer anschließenden Niederlage der faire Spieler immer der "Held". Ausnahme höchstens im Finale gegen Bayern, da haben wir noch mindestens 3 Szenen gut ;-)
Wenn man wegen dieser Fairness aus der CL ausscheidet, was sich auswirkungstechnisch im hohen zweistelligen MIllionenbereich abspielen würde, sieht das intern wohl etwas anders aus. Ich bin natürlich bei Ihnen, dass, nehmen wir die Weltbevölkerung als Bezugspunkt, wären diejenigen, die ein sofortiges Eingeständnis schlecht fänden, prozentual mit etlichen Stellen hinter dem Komma vertreten.
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