Kroatien feiert den Einzug ins WM-Finale Eine ganze Nation im Rausch

Kroatien feiert den Einzug ins WM-Finale. Die Euphorie über die Siege ihrer Mannschaft verdrängt die großen Probleme des kleinen Balkanstaats. Aber die Realität wird die Einwohner nach dem Endspiel einholen.

REUTERS

Euphorie wäre eine maßlose Untertreibung: Kroatien ist schon seit Wochen in einem beispiellosen nationalen Freudenrausch. Doch nach dem Halbfinalsieg der "Feurigen", wie die Fußballnationalmannschaft im Land auch genannt wird, kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Denn Kroatien als Weltmeister - das wäre der größte Erfolg in der Sportgeschichte des kleinen Balkanstaats.

Überall im Land feierten Zehntausende die ganze Nacht durch. "Ein historischer Tag für Kroatien, unbeschreiblich!", schrieb die Regierung auf Twitter. Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic jubelte auf Facebook: "Leute, Ihr könnt es!!!!!! Bravo, Feurige! Bravo, Fans! KROATIEN IST IM FIIIIIINAAAALEEEEEEE!!!!!". Wegen des Nato-Gipfels in London konnten sie nicht wie zuvor im Viertelfinale mit der Nationalelf in der Kabine feiern.

Die Zeitung "Jutarnji list" fasst die Stimmung so zusammen: "Eine ganze Nation in Trance!" Angesichts dessen schrieb das Portal "Index" ironisch, es sei schwer vorherzusehen, wie der heutige Arbeitstag in Kroatien verlaufen werde.

"Es gibt keine Probleme mehr"

Der sensationelle Erfolg der Mannschaft um Superstar Luka Modric geht ausgerechnet mit einem der größten Korruptionsskandale des kroatischen Fußballs einher: Anfang Juni wurden mehrere Fußballmanager, darunter die Brüder Zoran und Zdravko Mamic, wegen Unterschlagung und Steuerhinterziehung zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt; Zdravko Mamic, der "Pate" des kroatischen Fußballs, floh noch vor der Urteilsverkündung nach Bosnien-Herzegowina, wurde dort gefasst, will sich den kroatischen Behörden aber nicht stellen. Verwickelt in die Affäre ist auch Kapitän Modric. Er wurde im Prozess gegen Mamic als Zeuge gehört und machte mutmaßlich Falschaussage, wofür ihm nun ein Prozess droht.

All das ist momentan freilich vergessen - wie so vieles andere auch, was auf Kroatien lastet. "Wir sind ein kleines Land mit einem großen Team und in diesem Augenblick eine völlig geeinte Nation", sagt der Zagreber Politologe Zarko Puhovski im Gespräch mit dem SPIEGEL über die Stimmung in Kroatien. "Die massenhafte Begeisterung hat das Land homogenisiert, es gibt keine Probleme mehr. Dabei herrscht ein Zwangsoptimismus im sozialen Sinn, denn natürlich haben wir schwerwiegende Probleme."

Korruption und Vetternwirtschaft

Tatsächlich wirkt die augenblickliche Stimmung im Land wie die Kehrseite der normalen Befindlichkeit vieler Menschen in Kroatien. Zwei Jahrzehnte nach Kriegsende und fünf Jahre nach dem EU-Beitritt im Juli 2013 haben viele Kroaten die Zuversicht über eine gute politische und wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes verloren, sehen mangelnde Lebensperspektiven, Korruption und Vetternwirtschaft als Hauptprobleme an und verlassen das Land in Scharen.

Kroatien mit seinen gut vier Millionen Einwohnern ist in Mittel- und Südosteuropa eines der am meisten betroffenen Länder von Abwanderung und demografischem Niedergang - so sehr, dass die Politik das Thema schon seit Längerem zum Problemfall Nummer eins erklärt hat. Bei der Diskussion um Lösungsansätze stritten Staatspräsidentin Grabar-Kitarovic und die Regierung unter Premier Andrej Plenkovic in den vergangenen Wochen allerdings in kleinlicher Weise und hinterließen in der Öffentlichkeit einen frustrierenden Eindruck.

Stellvertretend für die schlechte ökonomische Entwicklung der vergangenen Jahre und auch für die verbreitete Vetternwirtschaft steht der Fall des Lebensmittelkonzerns Agrokor, eines der größten Unternehmen der Westbalkan-Region mit rund 60.000 Angestellten. Wegen der verfehlten Expansionspolitik des Eigentümers Ivica Todoric häufte der Konzern 6,5 Milliarden Euro Schulden an, knapp ein Sechstel des kroatischen Bruttosozialproduktes.

Schlechte Beziehungen zu den Nachbarn

Statt Agrokor abzuwickeln, wurde der Konzern wegen seiner vermeintlichen Systemrelevanz vergangenes Jahr unter staatliche Aufsicht gestellt und restrukturiert. Unabhängige Ökonomen bezweifeln jedoch, dass ein Agrokor-Konkurs die kroatische Wirtschaft in den Abgrund reißen würde. Sie sehen den Fall vielmehr als symbolisch für die intransparente Verflechtung von Wirtschaft und Politik im Land an. So arbeitete etwa Finanzminister Zdravko Maric vor seiner Ernennung als Agrokor-Manager und steht damit unter dem Verdacht des Interessenkonfliktes. Im Mai musste die Wirtschaftsministerin Martina Dalic wegen einer Korruptionsaffäre im Zusammenhang mit der Agrokor-Rettung zurücktreten.

Auch außenpolitisch steht Kroatien nicht gut da - die Beziehungen zu seinen wichtigsten Nachbarländern sind nachhaltig vergiftet:

  • Mit Serbien nimmt der historische Streit über die Aufarbeitung der Vergangenheit vom Zweiten Weltkrieg bis hin zu den Jugoslawien-Kriegen kein Ende.
  • Mit Slowenien streitet Kroatien seit Jahren um einige Quadratkilometer Seegebiet der Piran-Bucht in der nordöstlichen Adria. Das internationale Schiedsgericht in Den Haag sprach im vergangenen Jahr Slowenien das umstrittene Gebiet zu. Doch Kroatien erkennt das Urteil nicht an, zeitweise drohten deshalb Scharmützel der Küstenwache beider Ländern.
  • In Bosnien-Herzegowina wiederum unterstützt Kroatien tendenziell separatistische Bestrebungen der bosnischen Kroaten und liegt außerdem wegen eines Brückenbaus an der Adria im Zwist mit der bosnischen Regierung.

Als Ersatzhandlung dient in dieser Situation zunehmend eine Verklärung der Vergangenheit, die der Politologe Zarko Puhovski als "rechtsnationale Patriotisierung" bezeichnet. Ausdruck dafür ist beispielsweise der langjährige Streit darum, ob der faschistische Ustascha-Gruß "Za dom - spremni!", zu deutsch: "Für die Heimat - bereit!", in der Öffentlichkeit verwendet werden darf oder nicht. Bei Gedenkveranstaltungen, Rechtsrockkonzerten und Fußballspielen wird dieser Gruß immer wieder skandiert.

Auch die Nationalelf sorgte in diesem Zusammenhang in Moskau für Aufruhr: Nach dem Spiel gegen Argentinien sangen die kroatischen Fußballer in der Kabine Zeilen aus einem beliebten patriotischen Lied des umstrittenen Sängers Marko Perkovic "Thompson", dem der Ustascha-Gruß vorangestellt ist, und posteten ein Video davon.

Der Politologe Zarko Puhovski glaubt dennoch, dass Kroatien schon bald zur Tagesordnung zurückkehren und sich der Realität stellen müsse. "Selbst wenn wir Weltmeister werden, ist das Spiel der Mannschaft vorbei, und dann bleibt am Ende dieses kleine Land mit seinen großen Problemen."



insgesamt 45 Beiträge
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gruebi01 12.07.2018
1. Kroatien, Fussball WM - da war doch was?
Richtig, Suzana guckt Fußball: ab 7:54 Min.
spiegelklammer 12.07.2018
2. Aber Aber Aber....
Darf man sich mal einfach freuen.
hektor2 12.07.2018
3. Neid
Hergott nochmal! Und wenn die 2 Wochen lang Party machen! Gut so! Neidisch, oder was?
StefanXX 12.07.2018
4. Gefährliches Spiel beim kroatischen Ausgleich
Also am besten fand ich gestern den - unfreiwillig - komischen Kommentar von Oliver Schmidt: "Ist das hohes Bein? Ich bin der Meinung nein!". Zur Erklärung für alle, die es nicht gesehen haben: Der kroatische Spieler hatte den Fuß so hoch, wie ihn ein Normalsterblicher niemals bekommen würde, in 1,8 Meter Höhe direkt neben dem Kopf eines Engländers. Selten so gelacht :-)
!!!Fovea!!! 12.07.2018
5. Na dann hoffen
wir mal, dass die Franzosen ebenso unsensibel mit den Kroaten umgehen, wie diese mit den Engländern umgegangen sind. Vorbilder sind ja dann Zidane und Ribery.
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