Mourinhos Triumph gegen Juventus Endlich wieder böse

85 Minuten lang hat Juventus Manchester United dominiert - und stand am Ende doch als Verlierer da. Provokateur José Mourinho durfte den Sieg genießen, die Rolle des Titelfavoriten bleibt dennoch in Turin.

Aus Turin berichtet


In diesem Spiel sind sage und schreibe drei Tore gefallen. Wie kann das sein, wenn die Großmeister des Defensivfußballs von Juventus auf ein Team des Destruktionskünstlers José Mourinho treffen? Ein 0:0 wäre das logische Resultat gewesen.

Wie kann das sein? Dies ist ohnehin die Frage des Abends von Turin gewesen: Wie kann es sein, dass Manchester United diese Partie am Ende 2:1 gewinnen konnte? Und andersherum: Wie konnte Juventus so ein Spiel verlieren?

85 Minuten lang beherrschte der italienische Meister die Szenerie. Dass er bis dahin nur ein einziges Tor durch Cristiano Ronaldo geschossen hatte, erschien angesichts der Dominanz zwar etwas ärgerlich, war aber auch zu vernachlässigen.

Schließlich kombinierte sich Juve souverän dem vierten Sieg im vierten Gruppenspiel der Champions League entgegen, ein 1:0 ist immer schon ein Turiner Lieblingsergebnis gewesen, und beim Gegner aus England hatte man bereits fünf Minuten nach Anpfiff das Gefühl, er könnte Stunden spielen, ohne ein Tor zu erzielen.

Wieder einmal ein United-2:1 kurz vor Schluss

Das war ein Irrtum. Sie brauchten nur 85 Minuten. Zunächst platzierte Juan Mata einen Freistoß formschön ins Juve-Tor, und in der 89. Minute verirrte sich eine Flanke von Ashley Young irgendwie zunächst in den Strafraum, dann in den Fünfmeterraum und kullerte, niemand konnte anschließend genau beschreiben, wie, auch noch ins Tor.

Manchester United hat eine gewisse Routine darin, Champions-League-Partien aus einem Rückstand kurz vor Schluss noch in einen 2:1-Sieg umzudrehen, doch diesmal waren die Red Devils noch weit unterlegener als beim legendären Endspiel 1999 gegen die Bayern, in dem ihnen dies Kunststück auch einmal gelang. Das Spiel war urplötzlich vollständig auf links gedreht.

Ein Spielverlauf also wie gemalt für den bösen Mann im Trainergeschäft. José Mourinho, während des Spiels in seinem langen Mantel wie Napoleon in der Coaching Zone auf und ab tigernd, konnte eine solche Gelegenheit nicht ungenutzt liegen lassen. Als der Schlusspfiff kam, hielt er demonstrativ die Hand ans Ohr Richtung Juve-Fans. Die Geste ist bekannt: Leute, ich höre nichts von euch.

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Manchester-Sieg gegen Juventus: Drei Wechsel, vier Minuten, zwei Tore

Mourinho und die Juventus-Anhänger: Das hat eine Geschichte. Schließlich hat der Portugiese auf seinen Feldzügen durch Europa auch einmal in Italien Station gemacht. Inter Mailand führte er 2009 und 2010 nicht nur zur Meisterschaft, er gewann mit den Mailändern auch noch die Champions League. Das ist seitdem keinem italienischen Team mehr gelungen. Man muss genauer sagen: Das ist Juventus nicht gelungen.

"Ich hätte das vielleicht nicht tun sollen, aber wenn ich, meine Familie und auch die Inter-Familie von den Fans beleidigt werden, dann reagiere ich eben so", sagte Mourinho nachher, halb reuig, halb noch in seiner gängigen Angriffslaune. Viele Triumphgefühle hat Mourinho in dieser Saison noch nicht ausleben können, man darf es deswegen vielleicht auch nachsehen, die Chance zu ergreifen, wenn er sie hat. Wer weiß, wann sie wiederkommt.

Schließlich ist es wahrscheinlicher, dass im weiteren Verlauf dieser Champions-League-Saison dann doch wieder sein Gegenüber Massimiliano Allegri häufiger jubeln darf als der United-Coach. Die Niederlage, so jäh sie auch über die Juve-Spieler hereinbrach, kam dabei sogar hilfreich sein. Die gute, alte Regel niemals zu vergessen, dass ein Spiel erst mit dem Abpfiff endet. Die ersten 85 Minuten der Partie waren jedenfalls Anschauungsmaterial für all die, die Juventus in dieser Spielzeit in der Rolle des europäischen Titelfavoriten sehen.

Als Lehrbeispiel für die Bayern

Die beiden Defensivberserker Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci bestechen auch im fortgeschrittenen Alter durch ihre Übersicht, ihren Einsatzwillen und sind damit auch ein schönes Lehrbeispiel für ihren deutschen Kollegen Jérôme Boateng und Mats Hummels, dass Alter nicht vor Topform schützt.

Für Ronaldo im Sturm gilt dies ohnehin. Der Portugiese mit all seinen Meriten kann bei Juve sogar noch einen Tick wertvoller sein als bei Real Madrid. Weil er in Turin sein bei Real gepflegtes "Ich-bin-der-König-von-Madrid-und-warum-hast-du-mir-den-Ball nicht-abgegeben"-Gehabe ablegen muss. In Turin ist er in eine Mannschaft gekommen, in der andere seit Langem das Sagen haben. Das scheint er akzeptiert zu haben. Seine Ambitionen wirken ohnehin ungebrochen. Es ist vielleicht Ronaldos größte Leistung, sich den Ehrgeiz über all die Jahre in der Weltspitze erhalten zu haben. Der Mann hat nie genug.

Ronaldo ist mittlerweile 33, Chiellini 34, Bonucci 31, Mario Mandzukic 32, Sami Khedira, den gibt es ja auch noch, 31. Es ist für die älteren Juve-Herren vielleicht die letzte Chance auf den ganz großen Coup. Reif genug dafür ist das Team. Im Grunde schreibt man dies zwar in jedem Jahr über Juventus. Aber wer eine Prognose nur oft genug wiederholt, hat eben ab und an auch das Glück, dass sie irgendwann eintritt. In dieser Saison könnte das der Fall sein.

Juventus - Manchester United 1:2 (0:0)
1:0 Ronaldo (65.)
1:1 Mata (86.)
1:2 Alex Sandro (90., Eigentor)
Juventus: Szczesny - De Sciglio (83. Barzagli), Bonucci, Chiellini, Alex Sandro - Betancour, Pjanic, Khedira (61. Matuidi) - Cuadrado (90.+2), Cristiano Ronaldo, Dybala
Manchester:
De Gea - Young, Smalling, Lindelöf, Shaw - Herrera (79. Mata), Matic, Pogba - Lingard (79. Rashford), A. Sánchez (79. Fellaini), Martial
Schiedsrichter: Ovidiu Hategan
Gelbe Karten: Alex Sandro, Dybala / Matic, Herrera, Martial
Zuschauer: 40.000



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
spadoni 08.11.2018
1.
So dominant wie SPON hier schreibt war Juventus Turin gar nicht! United konnte durchaus mithalten.
jack14 08.11.2018
2. @spadoni
Dann habe ich ein anderes Spiel gesehen. Außer den zwei glücklichen Toren nach Standards kam so gut wie nichts von Manu. Extrem glücklich, dieser Sieg, hält typisch Morinho.
pfzt 08.11.2018
3.
Das Tor von Ronaldo war spektakulär, ebenso der Pass vorher. Wieso wird das im Artikel nicht erwähnt? Am besten mit Verlinkung eines Videos.
golfstrom1 08.11.2018
4. ManU
So untypisch ist das gar nicht für ManU. Ich habe letztens deren Leistung beim FC Chelsea gesehen und das lief ähnlich. Die ersten 50-60min war Chelsea drückend überlegen, um dann hinten raus zunehmend schwächer zu werden und ManU das Feld zu überlassen. Es ist die Taktik von Mourinho, den Gegner nicht mit Offensivfußball an die Wand zu spielen. Bei Mourinho dreht sich alles um Kompaktheit, Geschlossenheit und schlicht auch darum weniger Fehler zu machen. Es dreht sich viel darum den Gegner aus der Reserve zu locken und auch darum den Gegner zu zermürben. Mourinhos Teams sind normalerweise extrem fit und schwierig zu besiegen, weil sie wenig bis gar keine Fehler machen und sehr gut als gesamtes Team verteidigen. Offensiv dreht sich bei Mourinho viel um das Ausnutzen von Räumen und Fehlern des Gegners. Zudem sind seine Teams normalerweise auch bei Standards sehr stark. Ich bin schon der Meinung, dass man mit dem Spielermaterial von ManU einen anderen, vor allem deutlich offensiveren, Fußball spielen lassen könnte und bezweifele auch, dass Mourinho derzeit aus diesem Team das Optimum rausholt, aber solche Siege wie gestern werden immer möglich sein mit diesem Stil.
Blindman68 08.11.2018
5. Juventus,
hat sich einfach selbst geschlagen. Selten einen unverdienteren Sieg gesehen. Bisschen wie das Finale Dahoam...
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