Football Leaks Die Super League ist genau das, was der Fußball braucht

Der FC Bayern und andere Topklubs haben den Ausstieg aus den nationalen Ligen geprüft. Die Empörung ist gewaltig. Aber warum eigentlich? Die Idee ist zeitgemäß und richtig. Der Skandal ist ein anderer.

Benedikt Rugar/ DER SPIEGEL

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Der FC Bayern hat also einen möglichen Ausstieg aus der Bundesliga geprüft. Am Wochenende hatte der SPIEGEL darüber berichtet, wie die Münchner gemeinsam mit anderen europäischen Topvereinen eine Loslösung aus dem nationalen Fußballbetrieb vorbereiteten - mit dem Ziel, eine neue europäische Super League zu gründen. Die Recherchen beruhen auf den Datensätzen der Plattform Football Leaks. Der Aufschrei war erwartungsgemäß groß, nicht nur bei den Fans.

Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sah sich genötigt, ein einigermaßen zähflüssiges Bekenntnis abzulegen. Klar, juristisch abgeklopft habe man das Thema Ausstieg zwar, aber: "Der FC Bayern München steht zu seiner Mitgliedschaft in der Fußball-Bundesliga." Auch sein BVB-Kollege Hans-Joachim Watzke übte sich in der Fußball-Königsdisziplin Treueschwur. Es sei ausgeschlossen, dass Borussia Dortmund "für irgendeinen Wettbewerb dieses Planeten die Bundesliga verlassen könnte".

Warum eigentlich? Eine europäische Super League wäre schließlich genau das, was der Fußball aktuell braucht.

Klubs wie der FC Bayern, Juventus oder Paris Saint-Germain spielen national ohnehin seit Jahren in einer eigenen Liga. Was also spricht dagegen, dass sie das künftig auch organisiert und gemeinsam tun? Zur Einordnung: Von den vergangenen 18 Meistertiteln in Deutschland, Italien und Frankreich holte dieses Trio 17. Der sportliche Wettbewerb dort ist mittlerweile stark beschädigt, auch in Spanien und England ist der Kreis der echten Titelanwärter klein. Eine gemeinsame Spielklasse oberhalb der nationalen Ligen würde das Spannungselement zurückbringen.

Im Fußball gilt: So wie es aktuell ist, ist es am besten

Nun sind jedoch wenige Branchen konservativer als der Fußball, das betrifft sowohl die Entscheider als auch die Anhänger. Stets gilt: So wie es aktuell ist, ist es am besten. Jede Neuerung ist grundsätzlich erst einmal Teufelszeug, 50+1, die Nations League oder der Videobeweis sind die jüngsten Beispiele. Dabei muss man sich nur einmal vor Augen führen, dass auch die jetzt unisono zum obersten Kulturgut erklärte Bundesliga nicht mit dem Urknall entstanden ist.

Bis 1963 waren die deutschen Klubs noch in fünf regionalen Staffeln organisiert, erst dann löste die Bundesliga die Oberligen ab. Mehr als 40 Vereine bewarben sich damals um die nur 16 Plätze in der neuen Liga, die aus damaliger Perspektive auch eine Super League war. Es gab erbitterte Diskussionen darüber, wer dabei sein würde. Gewichtete Abschlusspositionen der zwölf Vorjahre, Erfolge in den Meisterschaftsrunden, dazu weichere Faktoren wie infrastrukturelle Voraussetzungen - jede Veränderung des DFB-Schlüssels produzierte andere Gewinner und Verlierer.

Auch das Projekt Bundesliga galt damals manchem Beobachter als obszöner Größenwahn: Im Oktober 1962 berichtete das "Hamburger Abendblatt" noch im Brustton der Empörung von "Hand- und Treuegeldern in Höhe bis zu 10.000 DM", das Jahr 1963 werde "zum Schicksalsjahr für manchen alten und verdienten Pionier des deutschen Fußballs". Im Rückblick war die Bundesliga aber vor allem: eine Erfolgsgeschichte.

Lieber Arsenal gegen Atlético als Bremen gegen Augsburg

Warum sollte die Super League nicht auch eine werden? Ich schaue mir doch auch lieber ein Spiel zwischen Arsenal und Atlético an als eines zwischen Bremen und Augsburg - bei allem Respekt. Die Verbindung zwischen London und Madrid dürfte übrigens inzwischen sogar schneller und günstiger sein als die zwischen Augsburg und Bremen, auch das ist also ein Argument, das immer schwächer wird. Wer sagt denn, dass europäische Duelle nur zwischen Dienstag und Donnerstag ausgetragen werden können, der Nationalstaat aber der unkaputtbare Bezugsrahmen fürs Wochenende sein muss?

Nicht die Idee einer Super League ist verwerflich, sie ist sogar fortschrittlicher und moderner, als es vielen gefällt. Der skandalöse Kern der Football-Leaks-Enthüllungen ist ein anderer. Es ist die völlige Intransparenz mit der ein solches Projekt vorangetrieben wurde, dass sich sechs Topklubs heimlich zusammengetan haben und im Ergebnis ab dieser Saison von der Uefa bessere Konditionen und mehr für sich selbst erreicht haben.

Und es ist die gewaltige Anmaßung, das System von Auf- und Abstieg zumindest für einige Gründungsmitglieder dieser Super League auszuhebeln. Der Fußball lebt von der einfachen Prämisse, dass Kreisklasse-Kicker theoretisch in wenigen Jahren auch den Meistertitel in der höchsten Liga erringen können. Umgekehrt müsste eine Super League dann auch so funktionieren, dass der FC Bayern nach einer komplett verkorksten Spielzeit mindestens ein Jahr lang auch wieder nach Bremen und Augsburg reist. Dann ist die Bundesliga eben zweitklassig.

Ob übrigens die Champions League in ihrer aktuellen Form neben einem solchen Konstrukt noch sinnvoll wäre, ist eine andere Frage. Warum nicht unter der Woche einen großen Europapokal mit 1024 Teams aus allen Uefa-Mitgliedstaaten in einem Topf? Keine Setzliste, K.-o.-Spiele bei Flutlicht, zehn Runden bis zum Pokalsieg. Vielleicht versöhnt das sogar den einen oder anderen, der sich noch nostalgisch an Vergangenheit und Gegenwart klammert.

Denken wir den Fußball doch einfach mal komplett europäisch. Das wäre übrigens auch jenseits des Rasens ein wunderbares Zeichen.

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insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
Fliggx 08.11.2018
1.
Danke! Super Artikel, stimme dem absolut zu, auch in der Kritik wie es gelaufen ist. Eine Europaliga, wo man auch auf und absteigen kann wäre doch geil! Es steigt automatisch der schlechteste eines Landes ab, auch wenn er vielleicht nicht der letzte der Euopaliga ist und der Meister der Bundesliga steigt automatisch auf!
kleseb9 08.11.2018
2. Setzliste
Volle Zustimmung, ausser das eine Setzliste sowohl in einem hypothetischen Int Wettbewerb als auch im DFB Pokal sinnvoll wäre.
sachlich bleiben 08.11.2018
3. Mastvieh
"Ich schaue mir doch auch lieber ein Spiel zwischen Arsenal und Atlético an als eines zwischen Bremen und Augsburg" - wow, das ist doch zumindest mal exotisch, um es nett zu formulieren. Und warum in einigen Ländern kein Wettbewerb mehr existiert und nur noch die über Jahre gemästeten Klubs oben stehen, stört uns auch nicht. Am Bedenklichsten ist jedoch, dass sich kaum jemand die Mühe macht, wenigstens mal um eine Ecke zu denken: Wie schon in der jetzt aktualisierten Form der Champions League läuft es darauf hinaus, dass irgendwann nur noch Duelle Oligarchenhobby gegen Scheichspielzeug zu sehen sind. Wenn das jemand toll findet, ok, aber dann bitte nicht unter dem Deckmantel UEFA oder Champions League.
stogaetr 08.11.2018
4. Superleague = super Idee!
Dann werden die nationalen Ligen wieder spannend und interessanter. Championsleague interessiert mich nicht, so lange mein Verein dort nicht antritt - wie die meisten anderen Vereine auch nicht. Deswegen würde mich eine SL auch nicht interessieren - geschweige denn, dass ich dafür etwas bezahlen würde, um mir das anzugucken. Sollen sie in ihrer eigenen Suppe brodeln - mir wumpe.
m.klagge 08.11.2018
5. Ein Schritt in die richtige Richtung.
Und vielleicht ist die Super Liga sogar in der Lage selbst den dümmsten Politikern klar zu machen, dass es bei Profisport einzig und allein um Profit geht. Was bedeutet, dass die beteilgten Firmen selbst für die Sicherheit ihrer Kunden sorgen müssen und wie jeder andere Geschäftsbetrieb Steuern zu zahlen haben.
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