Psychologisches Experiment Wenn man ein Affenbaby wie ein Menschenkind erzieht

Ein amerikanischer Psychologe nahm ein Schimpansenbaby wie ein zweites Kind in seine Familie auf - ein bizarres Experiment: Was lernt das Tier, was der Mensch?

Schimpansenmädchen Gua, Baby Donald
Pennsylvania State University

Schimpansenmädchen Gua, Baby Donald

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Am 26. Juni 1931 zog ein neues Familienmitglied bei den Kelloggs in Florida ein. Gua hieß die Kleine, sie war siebeneinhalb Monate alt und damit zweieinhalb Monate jünger als ihr neuer Bruder Donald. Winthrop Kellogg und seine Frau Luella wollten Gua gemeinsam mit ihrem Sohn aufwachsen lassen. In einem Haus unter Menschen, statt im Käfig unter Affen. Gua war ein Schimpansenbaby.

In den folgenden neun Monaten wurde Gua zur Hauptfigur eines der schillerndsten Experimente der Psychologiegeschichte. Den Psychologieprofessor Winthrop Kellogg faszinierte nicht nur Moglis Geschichte aus dem "Dschungelbuch", er hatte sich auch mit den wenigen realen Fällen beschäftigt, in denen Kinder unter Tieren aufgewachsen waren. Er wollte wissen: Ist unser Verhalten nur erlernt? Oder gibt es genetische Determinationen?

Da die Kelloggs ihren Sohn nicht im Dschungel aussetzen wollten, gingen sie den umgekehrten Weg und adoptierten Gua. Was würde sie lernen? Wie weit würde sie sich von ihren Artgenossen entfernen?

Aus SPIEGEL WISSEN 5/2017

Die Kelloggs erlegten sich - und allen Helfern und Besuchern - auf, Gua genauso zu erziehen wie Donald und sie niemals wie ein Tier zu behandeln. Nach einer Woche hatte Gua sich an Windeln und Schuhe gewöhnt und schlief im Babybett. Nach zwei Wochen ließ sie sich die Fingernägel schneiden, nach vier Wochen hatte sie akzeptiert, dass ihre Zähne geputzt wurden. Und nach ein paar Monaten konnte sie auch längere Strecken auf zwei Beinen gehen.

Nach wenigen Tagen war Winthrop Kellogg für Gua zur neuen Bezugsperson geworden. Sie suchte unentwegt Körperkontakt, klammerte sich an sein Hosenbein und wurde panisch, sobald er sie allein ließ. Ob dies in ihrem Schimpansenwesen lag oder aber Folge der traumatischen Trennung von ihrer Mutter war, fand Kellogg nicht heraus. Furcht war und blieb Guas stärkste Emotion.

Ein ganz normales Familienleben führten die Kelloggs nicht. Denn nach dem Frühstück begannen die Tests, die physiologischen Untersuchungen, die Beobachtungen. Auch am Nachmittag war eine halbe Stunde für Experimente und Tests vorgesehen.

Zum Beispiel: Wie stark reagieren Affe und Mensch auf erschreckende akustische Signale? Dafür wurde hinter dem Rücken der beiden eine Pistole abgeschossen. Ergebnis: Gua konnte sich an den Knall nie gewöhnen.

Wie genau können die beiden Stimmen orten? Dafür wurden ihnen die Augen verbunden (und Gua zusätzlich die Hände hinter dem Rücken gefesselt), und sie wurden mehr als 60-mal gerufen. Gua erwies sich als deutlich erfolgreicher darin, den Weg zu den Versuchsleitern zu finden.

Obwohl Gua jünger und kleiner war als Donald, war sie dem Jungen in vielen Dingen überlegen. Sie kletterte wie ein vierjähriges Kind und hatte die Kraft eines Achtjährigen. Sie lernte schneller, einen Löffel zu benutzen, sie konnte früher die Fenster öffnen, sie verstand eher als Donald, dass das Wort "Orange" der Name ihrer Lieblingsfrucht war. Sie begriff auch flotter, dass sie einen Stuhl durch den Raum schieben musste, um an einen von der Decke baumelnden Keks zu kommen.

Manche Fehler machten beide: Wenn sie Bilder betrachteten, versuchten sie eine Zeit lang, die interessanten Dinge darauf mit den Fingern zu greifen. Donald allerdings begriff eher den Unterschied zwischen 2-D und 3-D. Manche Vorlieben teilten Gua und Donald: Beide liebten es, sich in einem Wägelchen herumfahren zu lassen. Und manches gelang beiden nie: direkt aus einer Saftflasche zu trinken.

Zu den "Erziehungsmethoden" von Gua und Donald gehörten auch Schläge – das Schimpansenmädchen wurde häufiger gezüchtigt.
Pennsylvania State University

Zu den "Erziehungsmethoden" von Gua und Donald gehörten auch Schläge – das Schimpansenmädchen wurde häufiger gezüchtigt.

Gua zeigte verschiedene differenzierte Emotionen, sie bat mit Küsschen um Verzeihung und seufzte danach hörbar erleichtert auf. Sie konnte eifersüchtig werden und stellte sich zwischen Donald und seinen Vater. Sie versteckte sich hinter einem Stuhl, wenn sie verbotenerweise auf neuen Bauklötzen herumgenagt hatte. Auf Ermahnungen reagierte Gua sofort. Das Verbot wirkte aber nur wenige Minuten. Donald, der sich von Gua abgeschaut hatte, an Tapeten zu knabbern, ignorierte die Ermahnung und musste weggezerrt werden. Allerdings hielt er sich dann an das Verbot.

Die größten Unterschiede zwischen den beiden waren das Durchhaltevermögen, hier war Donald weit überlegen, und die Fähigkeit zur Imitation, die bei Donald viel größer war. Dies war auch der Grund, warum Donald viel mehr von Gua lernte als umgekehrt. Er entwickelte großes Interesse am Klettern, er legte sich wie Gua auf den Boden, um unter Türschlitzen einen Blick zu erhaschen. Er lernte zwei Laute ihrer Sprache, die allerdings nur aus vier Lauten bestand.

Und genau hier begann das Problem: Während der neun Monate des Experiments lernte Donald nur neun Wörter, und zu keinem Zeitpunkt beherrschte er mehr als sechs gleichzeitig. Gua schaffte nicht mal das: Trotz intensivster Versuche gelang es Kellogg nicht, dem Affen das Wort "Papa" beizubringen, obwohl er es rein physisch hätte aussprechen können.

Am 28. März 1932 wurde das Experiment beendet, und Gua zog, nach einer Eingewöhnungszeit, wieder zu ihren Artgenossen in den Käfig.

Eigentlich hatte Kellogg vorgehabt, Gua für fünf Jahre in der Familie zu belassen. Aber nach den neun Monaten sah er es als erwiesen an, dass das Verhalten und das Lernvermögen eines Affen genetische Grenzen haben. Donald hingegen lernte sprechen und führte ein ganz normales Menschenleben.



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