Forschergenie mit Seelenpein Wie Darwin dem Geheimnis des Lebens auf die Spur kam

Mit seinem Werk "Über die Entstehung der Arten" stellte Charles Darwin die Gewissheiten seiner Mitmenschen auf den Kopf. Doch auch er selbst durchlitt Seelenqualen - wegen seiner tiefgläubigen Frau.

Charles Darwin als affenähnliches Geschöpf: Spottkarikatur von 1874.
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Charles Darwin als affenähnliches Geschöpf: Spottkarikatur von 1874.

Von Rainer Traub


Der Kampf ums Dasein, der zu einem Schlüsselbegriff seiner Lehre wurde, war sein persönliches Schicksal nicht. Denn als Sohn eines angesehenen und wohlhabenden englischen Landarztes sah Charles Darwin, geboren 1809, einer geruhsamen, sorgenfreien Zukunft entgegen. Wie sollte es ihm, der die Pastorenlaufbahn vor Augen hatte, in den Sinn kommen, an der Erschaffung der Welt durch einen allmächtigen Denker und Lenker zu zweifeln? Die Meere und Gebirge, die Wüsten und Urwälder, die Pflanzen- und Tierarten und die Menschen hatte ein göttlicher Meisterarchitekt entworfen - davon war er noch als junger Erwachsener überzeugt.

Dass er trotzdem dieses Weltbild von Grund auf umwälzen sollte, verdankte sich, wie so oft in der Geschichte geistiger Durchbrüche, auch einer Reihe von glücklichen Umständen.

Aus SPIEGEL Geschichte 4/2017

Zu ihnen gehörte das üppige Vermögen, das Darwin die Zwänge der Erwerbsarbeit ersparte und den Weg in die lebenslange, unabhängige Pionierarbeit als Privatgelehrter ebnete. Um allerdings eine einzigartige Gelegenheit, die sich ihm im Alter von 22 Jahren unverhofft bot, zur "gewaltigsten wissenschaftlichen Revolution seit den Anfängen der Wissenschaft" zu nutzen, wie der berühmte Biologe Ernst Mayr (1904 bis 2005) gesagt hat, bedurfte es einer singulären Begabung.

Darwins evolutionsbiologischer Nachfolger im 20. Jahrhundert hat sie so zusammengefasst: "Ein glänzender Verstand, großartige intellektuelle Kühnheit und die Fähigkeit, die besten Eigenschaften eines Naturkundler-Beobachters, philosophischen Theoretikers und Experimentators in sich zu vereinen - bislang hat die Welt nur eine solche Kombination gesehen, und zwar in der Person Charles Darwin."

Ursprünglich sollte Darwin Arzt werden wie sein Vater und sein Großvater. Doch der einfühlsame Student floh angesichts der markerschütternden Schreie eines ohne Narkose operierten Kindes vor der unkundigen Medizin seiner Zeit.

Bereitwillig folgte er dem väterlichen Rat, sich ersatzweise der Theologie zuzuwenden. Das beschauliche Leben eines Landgeistlichen würde ihm genügend Zeit für seine liebste Beschäftigung lassen: Die Erkundung von Flora und Fauna hatte ihn von klein auf fasziniert. Im England seiner Zeit war die Verbindung von Naturkunde und Theologie in Studium und Beruf ein geläufiges Lebensmodell. Gerade die Wunder der belebten Welt galten ja der etablierten Naturtheologie als unumstößliche Beweise für die Existenz Gottes: Nur ein überirdischer Architekt könnte doch jede Blüte und Biene so vollkommen erschaffen haben.

Darwin
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Darwin

Darwins Vorbild war einer seiner Professoren in Cambridge, der Botaniker und anglikanische Pastor John Henslow. Dieser empfahl seinen begabten Lieblingsschüler, als die königliche Admiralität im Jahr 1831 für eine Weltreise einen Naturkundler suchte. Der Kandidat sollte bei einer mehrjährigen Expedition des Forschungsschiffs "Beagle" über Atlantik und Pazifik möglichst viele Proben von Gestein, Flora und Fauna sammeln. Der Hauptzweck des Unternehmens war die hydrografische Vermessung von Südamerikas Küsten und Inseln für die Seekarten des Empire, nebenher sollten aber auch die Wissenschaft und Museen von seiner umfangreichen Naturkundesammlung profitieren.

Die HMS "Beagle"
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Die HMS "Beagle"

Fast hätte der 22-jährige Darwin die unerhörte Chance, die ihn jubilieren ließ, verpasst. Denn erst legte der strenge Vater, dem er sich nie widersetzt hätte, sein Veto gegen die riskante und in seinen Augen unnütze Unternehmung des examinierten Theologen ein. Zum Glück ließ der Vater sich aber von einem prominenten Verwandten umstimmen, dem Porzellanfabrikanten Josiah Wedgwood, Charles' geliebtem Onkel - und künftigem Schwiegervater.

Dann nahm der "Beagle"-Kapitän Robert FitzRoy ausgerechnet an Darwins Nase Anstoß: Als überzeugter Anhänger des Schweizer Aufklärungsdenkers Johann Caspar Lavater, der den menschlichen Charakter aus der Physiognomie herleitete, befürchtete er einen Mangel an Energie bei Darwin. Der Reisegefährte, mit dem der Kapitän seine Kajüte teilen wollte, durfte jedoch keinesfalls antriebsarm sein. Irgendetwas am jungen Naturforscher muss FritzRoy am Ende doch beeindruckt haben, sodass er über das ominöse Riechorgan hinwegsah.

Kapitän Robert Fitzroy
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Kapitän Robert Fitzroy

Jahrzehnte später sinnierte der längst weltberühmte Darwin in seiner Autobiografie darüber, dass die legendäre Expedition, bei der er Abertausende Puzzleteile eines Welträtsels zusammentrug, an FitzRoys Verdacht "um Haaresbreite" gescheitert wäre: "Im Nachhinein konnte er sich beruhigt sagen, dass meine Nase ein falsches Zeugnis abgelegt hatte." Die fünfjährige Reise mit der "Beagle" sei "das wichtigste Ereignis" seines Lebens gewesen und habe seine "ganze Berufslaufbahn bestimmt".

Unterwegs erheiterte der junge Gentleman, der sich aufgrund seines bescheidenen, freundlichen Wesens allseitiger Beliebtheit an Bord erfreute, die Offiziere mit Bekenntnissen seines buchstäblichen Bibelglaubens.

Noch im letzten Jahr seiner Reise notierte er in Australien beim Vergleich von Fangtrichtern der einheimischen Ameisenlöwen mit jenen Europas: "Was sagt jetzt der Ungläubige dazu? Würden zwei Werkleute zufällig auf eine so schöne, so einfache und doch so künstliche Einrichtung kommen? Das ist nicht vorstellbar. Die eine Hand gestaltet das ganze Universum."

Eine radikal andere Erklärung der Natur und ihrer Geschichte drängte ihm wenig später die wissenschaftliche Auswertung und Klassifizierung seiner Schätze auf, die nach seiner Rückkehr - er war inzwischen 27 Jahre alt - einige Zeit in Anspruch nahm. Je mehr sich Darwins Puzzleteile nach zwei Jahren zu einem Gesamtbild zusammenfügten, desto unhaltbarer erschien ihm die herrschende Auffassung, an der unter dem Einfluss der Religion auch die überwiegende Mehrheit der Naturwissenschaftler festhielt: Alle einmal von Gott geschaffenen Arten seien unveränderlich.

Die wenigen Abweichler, die wie der Franzose Jean-Baptiste de Lamarck (1744 bis 1829) oder Darwins Großvater, Erasmus Darwin (1731 bis 1802) eine Art natürlicher Evolution behauptet hatten, begründeten ihre Vermutung rein spekulativ und ohne jeden Beleg. Charles Darwin aber, der "Millionär von seltsamen und wunderlichen kleinen Tatsachen", wie er sich nannte, verfügte über unzählige Hinweise auf die natürliche Veränderung der Arten. Dazu gehörten zum Beispiel die Fossilien ausgestorbener Riesenfaultiere, die lebenden Arten verblüffend ähnelten, aber ungleich größer waren. Ausgegraben hatte Darwin sie in der argentinischen Pampa.

Ein berühmter Beleg für seine Evolutionstheorie wurden später die sogenannten Darwinfinken auf den Galápagos-Inseln im Pazifik. Die Inseln führten ihn, wie er einem seiner zahlreichen Korrespondenzpartner 1876 schrieb, "auf das Studium des Ursprungs der Arten". Es waren jedoch nicht die Finken, die Darwin inspirierten, sondern die Spottdrosseln des Archipels. Auf dem gesamten südamerikanischen Kontinent hatte er nur drei Arten von Spottdrosseln gefunden.

Auf den Galápagos-Inseln traf er auf ähnliche Vögel, die nahe verwandt mit den kontinentalen Spezies waren. Vom britischen Ornithologen John Gould erfuhr Darwin jedoch, dass es sich nicht um "Varietäten", sondern um drei verschiedene Arten von Spottdrosseln handelte. Darwin machte genaue Angaben zu den Inseln, auf denen er die Spottdrosseln gefunden hatte. Im Sommer 1837 notierte er: "Tiere auf separierten Inseln unter leicht differierenden Bedingungen sollten verschieden werden, wenn nur lang genug getrennt gehalten."

Katalogisierte Spottdrosseln
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Katalogisierte Spottdrosseln

Noch war Darwin seiner Autobiografie zufolge "nicht willens", den christlichen Glauben aufzugeben. Er war aufgewühlt, in Tagträumen erschienen ihm zu dieser Zeit manchmal "besonders kluge Römer", die bei Ausgrabungen in Pompeji schlagende Beweise für die Richtigkeit aller Angaben der Evangelien gefunden hatten. Aber die Fakten und Argumente wogen immer schwerer.

Wie konnte ein gütiger Gott so viel Leiden über die Welt bringen und eine Grausamkeit wie die Sklaverei zulassen, deren Alltag Darwin auf der Reise immer wieder erlebt hatte? "So beschlich mich der Unglaube ganz langsam", schrieb er. Mit 28 Jahren begann er ein Notizbuch zur "Transmutation" zu führen, wie er die Veränderung der Arten jetzt für sich nannte. Er skizzierte einen unregelmäßig verzweigten Baum, um die genealogische Geschichte von Arten zu illustrieren.

Die Entwicklungslinien sind mal kürzer, mal länger ohne erkennbares Ziel. Manche Linien ragen als tote Enden ins Leere, sie repräsentieren ausgestorbene Arten. Weil das Leben den Wechselfällen des Klimas folge, so hielt er fest, gebe es keinen Maßstab für Fortschritt, das Leben passe sich schlicht den Kapriolen des jeweiligen Habitats an.

Was bewirkte aber, dass manche Arten sich behaupteten oder durch Anpassung an neue Umstände veränderten und viele andere untergingen? Offenkundig war ja, dass die Natur ständig gewaltige Überschüsse an Nachkommen hervorbrachte und auf deren ebenso regelmäßige Vernichtung angewiesen war. Denn das biologische Gleichgewicht einer Landschaft, des Lebensraums für Pflanzen und Tiere, wäre in kürzester Zeit zerstört, wenn alle Lebewesen sich ohne Fressfeinde, Naturkatastrophen, Tier- und Pflanzenseuchen ungestört vermehren könnten.

Eins von Darwins Mikroskopen
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Eins von Darwins Mikroskopen

Eine zufällige Freizeitlektüre brachte Darwin 1838 den entscheidenden Schritt voran: Der Nationalökonom Thomas Malthus hatte in einem hitzig diskutierten Buch die These aufgestellt, der übliche Kinderreichtum bedrohe die Menschheit mit einer Bevölkerungsexplosion. Die werde die Nahrungsreserven der Erde überfordern und zu einem erbarmungslosen Daseinskampf ("struggle for existence") führen. Dieses Stichwort elektrisierte Darwin, der es sofort auf die Natur anwandte: "Man könnte sagen, dass es eine Kraft wie hunderttausend Keile gibt", notierte er, "die versucht, jede angepasste Struktur in die Lücken des Naturhaushalts zu zwingen, oder eher Lücken zu bilden, indem Schwächere herausgestoßen werden." Er nannte diese Kraft im Daseinswettbewerb "natural selection", "natürliche Auslese".

Der theoretische Durchbruch zu dem, was er erst später als "Evolution" bezeichnen sollte, war erreicht. Doch zwei Jahrzehnte lang scheute Charles Darwin vor der Veröffentlichung seiner brisanten Universaltheorie zurück. Um jeden denkbaren Zweifel bei sich selbst und anderen auszuräumen, unternahm er immer neue Experimente und Züchtungen, tauschte sich mit einem engen Kreis bedeutender Wissenschaftler aus und häufte insgeheim Beweis auf Beweis.

Nichts wollte er weniger sein als ein Revolutionär, der mit fliegenden Fahnen seine eigenen früheren Glaubenssätze fallen ließ, den lieben Gott entthronte und den moralischen Grund seiner Gesellschaft dauerhaft unterminierte. Der Gedanke an eine Pastorenlaufbahn war auf der Reise gestorben; dass er den Rest seines Lebens der Naturforschung widmen würde, stand für ihn fest. Aber wie wollte er sein privates Leben gestalten - sollte er mit seinen knapp 30 Jahren etwa Junggeselle bleiben? Diese Frage ging er ähnlich methodisch und gründlich wie seine Forschungen über den Artenwandel an. Handschriftlich und säuberlich notierte er auf einem Zettel Pro und Kontra:

"HEIRATEN: Kinder (wenn es Gott gefällt), ständige Gesellschaft (und eine Freundin im Alter), die sich für einen interessiert, ein Objekt, das man lieben und mit dem man spielen kann - jedenfalls besser als ein Hund -, ein Heim und jemand, der das Haus versorgt - die Annehmlichkeiten von Musik und weiblichem Geplauder. Diese Dinge gut für die Gesundheit. Zwang, Verwandte zu besuchen und zu empfangen, aber schrecklicher Zeitverlust. Mein Gott, es ist unerträglich, sich vorzustellen, ein Leben nur wie eine geschlechtslose Arbeitsbiene zuzubringen, nur Arbeit, Arbeit und nichts sonst. Nein, nein, das geht nicht.

NICHT HEIRATEN: Freiheit zu gehen, wohin man will - die Wahl der Gesellschaft, auch möglichst wenig davon. Unterhaltung mit klugen Männern in Klubs. - Kein Zwang zu Verwandtenbesuchen und zum Nachgeben in jeder Kleinigkeit - die Kosten und Sorgen, die Kinder bedeuten, fallen weg - vielleicht Streitigkeiten."

Das Fazit fiel eindeutig aus. Eine Frau war einem Hund vorzuziehen: "Heirate - heirate - heirate."

Er entschied sich für eine Cousine: Emma Wedgwood, die er seit Kindertagen als Tochter seines Onkels Josiah kannte, erfüllte alle Punkte seiner Wunschliste bis hin zur häuslichen Musik; Klavierunterricht genoss sie bei keinem Geringeren als Frédéric Chopin. Obendrein brachte sie als Miterbin der berühmten Porzellanfabrik Wedgwood eine Mitgift in die Ehe ein, die das Vermögen von Darwins Vater noch übertraf.

Emma erwies sich als treue Gefährtin und hingebungsvolle Ehefrau, die zehn Kinder gebar, und Darwin wurde ein rührend besorgter Familienvater, der die Liebe seiner Frau aufrichtig erwiderte. Die Tatsache, dass sie eine tiefgläubige Christin war, stellte beide jedoch immer wieder vor Probleme. Er überließ ihr die religiöse Erziehung der Kinder; beim Thema Evolution war er sehr vorsichtig.

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Um keinen Preis wollte Darwin angesichts der Hungeraufstände und Massendemonstrationen, die sich zu jener Zeit im Land des Manchester-Kapitalismus zuspitzten, Munition für die sozialistischen Agitatoren liefern, die verkündeten, die Religion diene nur den Besitzenden und die Natur bedürfe keines Schöpfers.

Nur wenigen Vertrauten gegenüber deutete Darwin an, was er herausgefunden hatte und welche Gewissensnöte er litt; so in einem Brief von 1844 an den Botaniker Joseph Dalton Hooker, der ihm ein lebenslanger Freund und Gesprächspartner wurde. Er sei "mit einem sehr vermessenen Werke beschäftigt und kenne keinen Menschen, der es nicht töricht heißen würde ... . Ich bin nahezu überzeugt, dass die Spezies nicht unveränderlich sind (mir ist, als gestände ich einen Mord)".

Heimlich aber fasste er seine Theorie vom Artenwandel in einem Entwurf von 231 Seiten zusammen. In einer Schublade verschloss er den Begleitbrief an seine Frau, der nur im Fall seines plötzlichen Todes zu öffnen war, mit der feierlichen Bitte, den Essay postum einem kompetenten Herausgeber zur Veröffentlichung zu geben: "Wenn, so wie ich glaube, meine Theorie wahr ist ... bedeutet dies einen beträchtlichen Schritt für die Wissenschaft."

Inzwischen hatte Darwin für sich und seine schnell wachsende Familie den großen Landsitz Down House in der Grafschaft Kent erworben, von wo London in einer zweistündigen Kutschfahrt zu erreichen war. Während der Entwurf seines brisanten Hauptwerks in der Schublade ruhte, widmete sich der naturwissenschaftliche Autodidakt, umgeben von der Familie und einer Dienerschar, unverfänglichen Studien zur Entwicklung der Arten. Sie reichten von einem tausendseitigen Werk über die Rankenfußkrebse bis zur Taubenzucht, die er neben seinem Haus betrieb.

"Mein Leben ist wie ein Uhrwerk", schrieb er an Kapitän FitzRoy. Doch immer wieder wurden seine exakt getakteten Arbeitstage von Attacken einer rätselhaften Krankheit unterbrochen: Heftige Bauchschmerzen und Übelkeit mit schweren Brechanfällen, für die neben Darwins Schreibtisch eine Zinkwanne bereitstand, machten ihn für Stunden und Tage, manchmal für Monate arbeitsunfähig. Etliche Biografen, Ärzte und Wissenschaftshistoriker halten eine psychosomatische Reaktion auf seine innere Zerrissenheit für wahrscheinlich.

Im April 1856 begann er endlich sein "Artenbuch", wie er es nannte. Etliche Kapitel des Riesenprojektes waren fertiggestellt, als ihn im Juni 1858 ein Brief des britischen Naturforschers Alfred Russel Wallace von den Molukken erreichte. Der sammelte und sichtete seit Jahren auf den Inseln des Malaiischen Archipels Tiere, lebte vom Verkauf der Präparate und schätzte den längst als naturwissenschaftliche Autorität anerkannten Darwin hoch. Er bat ihn, ein beigelegtes Manuskript zu prüfen. Bestürzt las Darwin, dass der ihm bekannte Kollege in der Ferne zu demselben Schluss gekommen war wie er: Wallace skizzierte, zum Teil sogar mit denselben Begriffen wie Darwin und wie dieser stimuliert durch den Ökonomen Malthus, die Theorie einer Evolution aus gemeinsamem Ursprung durch natürliche Auslese.

Skizze Darwins in einem Notizbuch von 1837
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Skizze Darwins in einem Notizbuch von 1837

Darwins Integrität schloss unehrenhafte Manöver zum Nachteil des Abwesenden aus. "Lieber würde ich mein Buch verbrennen", schrieb er einem Freund. Was aber konnte er dann tun, um seine unveröffentlichte Entdeckung nicht allein einem anderen zu überlassen?

Er wandte sich an zwei renommierte Wissenschaftler, die seit Langem in seine Evolutionstheorie eingeweiht waren. Sie schlugen eine salomonische Lösung vor: Bei der nächsten Tagung der naturwissenschaftlichen Londoner Linnean Society sollten sowohl Auszüge aus Darwins unveröffentlichten Aufzeichnungen wie der 25-seitige Essay von Wallace präsentiert werden. Erleichtert stimmte Darwin zu.

Wie üblich las der Sekretär der Vereinigung mangels einfacher Vervielfältigungsmöglichkeiten am 1. Juli 1858 vor etwa 30 anwesenden Wissenschaftlern die revolutionären Erkenntnisse der beiden Autoren vor. Und es geschah - nichts. Die überfüllte Tagesordnung mag ihren Anteil daran gehabt haben: Vorgetragen wurden an jenem Abend fünf weitere, unspektakuläre Beiträge zu verschiedenen Spezialfragen der zeitgenössischen Naturwissenschaft; die brisanten Schriften zum Artenwandel waren erst im letzten Moment der Agenda hinzugefügt worden.

Ausgerechnet ein Gremium von Sachkennern nahm die größte theoretische Revolution in der Geschichte der Biologie kommentarlos zur Kenntnis. Darwin selbst fehlte. Er war zu niedergedrückt vom Tod seines kleinen Sohns Charles Waring, der gerade an Scharlach gestorben war. An diesem Tag wurde er beerdigt. So entging ihm das seltsame Erlebnis, dass das, was ihm wie ein Mordgeständnis erschienen war, zunächst keinerlei Reaktion hervorrief, sondern auf scheinbare Gleichgültigkeit stieß.

Wallace, der in Fernost brieflich von dem Doppelvortrag erfahren hatte, war völlig zufrieden damit. Zeit seines langen Lebens (1823 bis 1913) erhob er nie Anspruch auf einen Vorrang seiner Arbeit, die auch deshalb im Schatten der Wissenschaftsgeschichte versank. "Ich hatte einen 'Lichtblick' über diesen Gegenstand", schrieb er später an Darwin, "meine Arbeit hätte nie jemanden überzeugt und wäre höchstens als geistreiche Spekulation aufgefasst worden." Darwin dagegen habe mit seinem Werk die Naturwissenschaft revolutioniert.

Dieser versicherte Wallace wiederholt, wie sehr er dessen "hochherzige Art" bewundere. "Es gibt wenige Dinge in meinem Leben", schrieb er ihm noch im Alter, "die mir mehr Freude machen als das Bewusstsein, dass wir nie Eifersucht empfunden haben, obschon wir in gewissem Sinne Rivalen waren."

Bescheiden bis an die Grenze der Selbstverleugnung, gab Wallace einige Jahre nach Darwins Tod einem umfassenden Sammelband sogar den Titel "Der Darwinismus". Als Herausgeber wünschte er sich, "dass jeder denkende Leser sich danach eine klare Anschauung von den darwinschen Leistungen bilden und ein Verständnis der Wichtigkeit und Tragweite seines großen Prinzips" machen könnte.

Im September 1858 legte Darwin die fertigen Kapitel des angefangenen Riesenwälzers, der kaum ein großes Publikum erreicht hätte, beiseite. Binnen 13 Monaten brachte er stattdessen seinen etwa 500 Seiten langen Band "On the Origin of Species" ("Über die Entstehung der Arten") zu Papier.

Der lebendige Stil unterschied sich deutlich von dem akademischer Werke: Der Autor nahm seine Leser in einem persönlichen Ton gleichsam an die Hand ("Wir können nun sehen, dass ...", "Lassen Sie uns betrachten, wie ..."). So wurde das Buch, im November 1859 erschienen und in kurzer Zeit ausverkauft, zur Sensation und langfristig zu einem der folgenreichsten Dokumente der Wissenschaftsgeschichte.

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Die Vorstellung einer Natur ohne Gott war für die meisten Zeitgenossen noch immer eine ungeheure Zumutung; die Mehrzahl der Rezensionen fiel entsprechend negativ aus. Bischöfe und selbst ernannte Sittenwächter entrüsteten sich, doch mit moralischen Einwänden war dem dichten, feinen Gewebe von Tatsachen und Argumenten, Entdeckungen und Experimenten nicht beizukommen. Die brisanteste Frage hob sich Darwin jedoch für ein weiteres Werk auf, dessen Erscheinen er am Ende der "Entstehung der Arten" andeutete: "Licht wird auch fallen auf den Menschen und seine Geschichte."

Das Buch über die Herkunft des Menschen und dessen äffische Verwandtschaft, in dem Darwin erstmals den Begriff "Evolution" benutzte, kam 1871 heraus. Vor allem "Die Abstammung des Menschen" zeigt, wie fern Darwin der Ideologie des sogenannten Sozialdarwinismus ist, der zufolge seine Theorie angeblich das Recht des Stärkeren und die Ausmerzung der Schwachen rechtfertige oder gar propagiere. Darwin betont, der Mensch zeichne sich gerade durch die Anlage zur Empathie und die Fürsorge für die Schwachen und Hilfsbedürftigen aus.

Nie kam es ihm in den Sinn, aus der Natur Gesetze zur Normierung menschlichen Handelns abzuleiten. In einer ausgezeichneten Darwin-Studie hat die Wissenschaftshistorikerin Julia Voss geschrieben: "Aus der körperlichen Schwäche des Tiers Mensch leitete Darwin dessen moralischen Charakter ab, seine Geselligkeit sowie Liebe und Sympathie." Wenige Monate später ließ Darwin ein weiteres Buch folgen, das als zweiter Teil der "Abstammung des Menschen" gelesen werden kann.

Darwin als affenähnliches Geschöpf, das seiner Mitkreatur den Spiegel vorhält: Spottkarikaturen wie diese von 1874 gab es zuhauf.
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Darwin als affenähnliches Geschöpf, das seiner Mitkreatur den Spiegel vorhält: Spottkarikaturen wie diese von 1874 gab es zuhauf.

"Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren" ist das am besten illustrierte Darwin-Werk und demonstriert mit zahlreichen Fotografien, wie die Engländer ihren Haustieren ähnelten. "Die Bilder straften Lügen", so Voss, "was seine schärfsten Kritiker immer wieder gegen ihn ins Feld geführt hatten: die tierische Verwandtschaft degradiere den Menschen. Bei Darwin adelte sie das Tier. Die Verbindung zwischen Mensch und Tier schuf nicht der animalische Mensch, sondern das menschliche Tier."

Der "Eremit von Down", wie er nun genannt wurde, war längst ein ehrwürdiger Greis mit wallendem Bart geworden. Karikaturisten zeichneten ihn als entrückten Gottvater des Unglaubens, der den Menschen aus Würmern und Affen hervorwachsen lässt. Amüsiert und stolz verwahrte der humorbegabte Darwin solche Darstellungen in einer Mappe.

Bei aller Anerkennung hatte ihm das Leben Schicksalsschläge und andere Verlusterfahrungen nicht erspart. Drei seiner zehn Kinder waren früh verstorben, unter ihnen 1851 die zärtlich geliebte kleine Anne, deren Tod ihm die letzten Reste des einstigen Gottvertrauens raubte.

Auch die einseitige, lebenslange Konzentration auf die Naturwissenschaft hatte ihren Preis. Im Alter widerfuhr ihm, wie er traurig bemerkte, "dieser seltsame, beklagenswerte Verlust der höheren ästhetischen Empfindungen". Große Dichtung und Musik, die ihn einst tief bewegt hatten, ließen ihn inzwischen kalt.

Unerbittlich klar auch in der Selbstbeobachtung, resignierte er: "Mir scheint, mein Geist ist eine Maschine geworden, wie gemacht dafür, allgemeine Gesetze knirschend aus großen Tatsachensammlungen auszumahlen."

Er starb schließlich, im Alter von 73 Jahren, an Herzversagen. Im Dorf Downe, wo er 40 Jahre lang sein Lebenswerk geschaffen hatte, sollte er bestattet werden. Doch als sich 1882 die Nachricht von Darwins Tod verbreitete, schwoll die öffentliche Forderung nach einem nationalen Ehrenbegräbnis so mächtig an, dass seine Witwe nachgab.

Einer der neun Prominenten und Kollegen, die den Sarg in der Londoner Westminster Abbey zur letzten Ruhe trugen, in der Nähe Isaac Newtons, war sein Freund Alfred Russel Wallace. Das hätte den Revolutionär wider Willen, bei aller Bescheidenheit, wohl doch gefreut.



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