AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2018

Illegaler Reptilienhandel Wie Hamm in Westfalen zur Drehscheibe des Tierschmuggels wurde

Der Handel mit geschützten Tierarten ist verboten, aber hochprofitabel. Unsere Autorin zeigt auf, wie das globale Geschäft funktioniert.

Parsons Chamäleon
Agentur Focus

Parsons Chamäleon

Von Andrea Rehmsmeier


Die Touristenführerin dreht sich abrupt um. "Fragen Sie das nicht! Es ist ein Geheimnis", zischt sie. Dann aber hakt sie nach: "Also Parsons Chamäleons wollen Sie kaufen? Wie viele?"

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Heft 15/2018
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Der Urwaldpfad in Madagaskar schlängelt sich zwischen Farnen und moosbewachsenen Lianen hindurch, wenige Sonnenstrahlen durchbrechen das Schummerlicht im Nationalpark Ranomafana. Von Baumwipfeln herab, unter Blättern hervor, durch Gestrüpp hindurch blitzen die Augen kleiner Wesen. Hier leben Lemuren, Frösche, Geckos. Die meisten Arten kommen nur in Madagaskar vor.

Die Insel vor der Ostküste Afrikas ist ein Artenparadies. Die Exoten sind niedlich, bizarr, selten - und sie können demjenigen eine Menge Geld bringen, der weiß, welche Tierart auf dem Weltmarkt für Exoten gerade in Mode ist.

Auf dem Urwaldtrail zückt die Fremdenführerin ihr Mobiltelefon. "Sie gehören wohl zu den Reptilienzüchtern? Ja, in Deutschland gibt es viele, das ist hier bekannt." Sie tippt, spricht mit jemandem am anderen Ende der Leitung. Dann ist das diskrete Geschäft vermittelt. Treffpunkt soll ein Hotelzimmer sein.

Der hagere Mann, der nach dem Anruf mit Lederaktentasche und Handy pünktlich in der Lodge am Nationalpark erscheint, ist Teil eines Netzwerks von Tierschmugglern. Er stellt sich aber vor als landesweit bekannter Reptilienkundler und Fachbuchautor. Von deutschen Wissenschaftlern werde er oft als Expeditionsleiter gebucht. Eine Handelslizenz für geschützte Chamäleons kann er nicht vorweisen, dafür nennt er einen guten Preis für die Exoten: "Mit 30 Euro pro Tier sind Sie dabei."

Sein Kompagnon sei Besitzer einer nahe gelegenen Kaffeeplantage. Der, berichtet der geschäftstüchtige Kriechtierexperte, beauftrage seine Arbeiter damit, die Chamäleons in der Wildnis aufzuspüren.

Das leuchtend grüne, türkisfarbene oder gelbe Parsons Chamäleon ist mit bis zu 68 Zentimeter Länge eines der größten und bekanntesten unter Madagaskars Chamäleons. Liebhaber in den Industrieländern zahlen bis zu 3000 Dollar für ein Exemplar der Art Calumma parsonii, denn das empfindliche Reptil lässt sich nur schwer züchten. Und weil der Handel den Bestand der Art nicht gefährden soll, begrenzt Madagaskar Exporte auf 300 Exemplare pro Jahr.

Auf dem Weltmarkt gelten die Handelsauflagen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (Cites). Cites ist ein Regelwerk, das den Erhalt von rund 5800 Tier- und 30.000 Pflanzenarten in 183 Unterzeichnerstaaten sichern soll. Der kommerzielle Handel mit Parsons Chamäleons ist nur nach einer Unbedenklichkeitsprüfung des Ausfuhrstaates möglich. Die Europäische Union untersagt den Import von Tieren, die in der Wildnis gefangen wurden, sogar ganz.

So weit die Theorie. In der Wirklichkeit aber können die langwierig ausgehandelten Artenschutzregeln den Handel mit bedrohten Arten oft nicht eindämmen. Allzu leicht können Zuchtfarmen gewilderte Tiere als legale Nachzucht ausgeben. Gewiefte Zwischenhändler können Pfade schlagen durch die uneinheitlichen globalen, europäischen und nationalen Artenschutzregularien. Geschäfte mit in Gefangenschaft gezüchteten Tieren sind zulässig. Und am Tier selbst lässt sich meist nur schwer erkennen, ob es in der Wildnis oder in einem Terrarium geschlüpft ist. Das stellt Beamte überall auf der Welt vor kaum lösbare Probleme.

Der Chamäleonhandel von Madagaskar über Händler in Osteuropa bis hin nach Deutschland zeigt beispielhaft, wie schwierig es ist, die Einhaltung von Regeln zum Schutz bedrohter Tierarten zu kontrollieren. Mehr noch: Manche Artenschützer fürchten sogar, dass Handelsauflagen die Schwarzmarktpreise in die Höhe treiben und das Geschäft erst recht profitabel machen. Denn die Gewinnmargen sind hoch, das Risiko, entdeckt zu werden, ist gering.

Der Ausgangspunkt der Recherche zu diesem Artikel war eine Razzia in Nordrhein-Westfalen vor mehr als zwei Jahren. Der SPIEGEL begann, den Weg eines dort sichergestellten Chamäleonweibchens zurückzuverfolgen.

Bei Terrarienfreunden berühmt, bei Artenschützern berüchtigt: Hamm in Westfalen.

Es gehört einer Art an, die nur in Madagaskar vorkommt. Auf welchem Weg ist es auf den Exotenschwarzmarkt in Deutschland gelangt? Und warum haben all die nationalen und internationalen Regularien versagt, die es hätten schützen sollen? Die Recherche führte in den bitterarmen Inselstaat und in die Ukraine. Sie dauerte länger als ein Jahr, es gab Begegnungen mit ausgebufften Schmugglern, windigen Händlern und Behördenvertretern, die selbst häufig hilflos waren. Am Ende war klar, dass nicht selten die ehrbaren Experten selbst an dem zweifelhaften Geschäft mitverdienen.

Der illegale Handel mit gewilderten Tieren und Pflanzen sei inzwischen ein Multimilliardenbusiness, warnen Interpol, Europol und das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung. Das Geschäft mit geschützten Arten bedroht weit mehr als nur Ikonen wie Elefanten, Nashörner und Störe. Weil Europa ein wichtiger Umschlagplatz und Zielmarkt ist, hat die Europäische Kommission ihre Mitgliedstaaten im Jahr 2016 mit einem EU-Aktionsplan in die Pflicht genommen. Die Kommission beklagte, dass die Strafverfolgung in vielen Ländern nicht ernst genug genommen werde.

In Madagaskar schrumpft durch Brandrodung der Lebensraum für seltene Chamäleonarten, in den Industrieländern tauchen immer mehr der farbenprächtigen Reptilien als Wohnzimmeraccessoires auf.

Oft haben sie dann eine qualvolle Odyssee in Plastikdosen und unscheinbaren Gepäckstücken hinter sich, wurden durch Röntgenscanner geschleust, umgepackt und weiterverkauft. Wie viele seltene Tiere in Frischhalteboxen, Plastiktüten oder ausgehöhlten Büchern kläglich verenden, weiß niemand.

Das kleine Chamäleonweibchen, das seinen Drachenkörper derzeit in Berlin unter einer Wärmelampe wiegt, hat überlebt. Calumma globifer ist in der Roten Liste als "stark gefährdet" eingestuft. Das Herkunftsland Madagaskar hat vor Jahren jeglichen Export wild lebender Tiere dieser Art verboten. Der Hobbyzüchter David Hellendrung hat das Tier vom Zoll übernommen und ein passendes Männchen dazu gefunden. Er sagt: "Wenn die natürlichen Lebensräume schwinden, dann sind Terrarien die Arche Noah."

2015 hatten nordrhein-westfälische Behörden in einem Hotelzimmer mehr als 130 Reptilien und Amphibien gefunden, für deren Unterbringung sie erfahrene Halter suchten. Schauplatz der Durchsuchung war eine Stadt, die bei Terrarienfreunden berühmt, bei Artenschützern berüchtigt ist: Hamm in Westfalen.

"For Hamm" ist in Exotenforen und geschlossenen Facebook-Gruppen ein bekanntes Kleinanzeigenschlagwort. Viermal im Jahr öffnet in der Ruhrgebietsstadt die "Terraristika", nach eigenen Angaben die "weltweit größte Börse für Terrarientiere". Drinnen, in den behördenüberwachten Messehallen, kaufen die Besucher vorschriftsmäßig gekennzeichnete mexikanische Vipern, kolumbianische Leguane und indonesische Warane. Draußen aber floriert der Schwarzmarkt.

Parsons Chamäleon
Picture Press/ Nick Garbutt

Parsons Chamäleon

Die heiße Ware, die Zollfahnder am 11. Dezember 2015 beschlagnahmten, waren Chamäleons, Schildkröten und Salamander, allesamt Vertreter von Arten, die das Bundesnaturschutzgesetz schützt, weil sie als besonders bedroht gelten. Solche Tiere dürfen, wenn sie in der Wildnis gefangen wurden, hierzulande weder angeboten noch vermarktet werden.

Die drei Händler, bei denen Fahnder die Tiere damals entdeckten, sind für die Artenschutzbeauftragten in der EU alte Bekannte: Es sind ukrainische Staatsbürger, Vertreter zweier Firmen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten Zehntausende Tiere geschützter Arten in die EU eingeführt haben: das Bion Terrarium Center und Ekzo Ltd. aus Kiew.

Stets verwiesen die Firmenchefs auf ihre angeblich so großen Zuchterfolge. Immer wieder erteilten die Behörden die Importerlaubnis letztendlich. Nur das deutsche Bundesamt für Naturschutz misstraute der Herkunft der vorgeblich gezüchteten Tiere - trotz gültiger Exportgenehmigung des ukrainischen Ministeriums für Ökologie und Natürliche Ressourcen. Anfang des Jahres 2015 verweigerte es der Ekzo Ltd. die Importerlaubnis für zehn Parsons Chamäleons: Die Betreiber hatten auch auf Nachfrage die angeforderten Dokumente und Zuchtbelege nicht eingereicht.

Bei der Razzia in Hamm war die lebende Ware eindeutig illegal. Die Handelspapiere der Tiere, die Bion-Inhaber Dmitrij Tkatschow vorzeigte, erwiesen sich als gefälscht. Die Beschuldigten rechtfertigten sich: Sie seien selbst Betrugsopfer, hätten die Tiere von einem schwedischen Tierhändler erworben. Anzeige gegen den angeblichen Betrüger erstatteten sie nicht. Das Zollfahndungsamt Essen und die Staatsanwaltschaft Dortmund nahmen Ermittlungen auf.

Doch bei Ermittlern hat in Zeiten von Terrorbekämpfung und Drogenfahndung die Verfolgung von Delikten an Tieren und Pflanzen einen schweren Stand. Artenschutzermittlungen gelten als knifflig, angesichts von Abertausenden Spezies mit spezifischen Handelsauflagen - aber nicht als karriereförderlich.

Das Naturschutzamt registriert jedes Jahr zwischen 900 und knapp 1500 Verfahren wegen Verstößen gegen Artenschutzgesetze. Doch von 2012 bis 2016 wurden nur in rund 50 Fällen Geld- oder Freiheitsstrafen verhängt, die meisten zur Bewährung ausgesetzt.

Dabei genießt Deutschland im Ausland einen Ruf als Artenschutzmusterschüler. Bund und Länder leisten sich einen weitverzweigten Beamtenapparat, den sie tagein, tagaus mit dem Ausstellen von Export- und Importgenehmigungen für geschützte Tiere und Pflanzen beschäftigen. Aber beeindruckt das auch die Kriminellen?

"Unsere Zollbeamten finden die Tiere nicht, weil sie sie nicht finden wollen."

"Hinsichtlich der Abschreckung hat Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedstaaten einen vollkommen angemessenen Strafrahmen", teilt das Naturschutzamt mit. Das Bundesnaturschutzgesetz sehe Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren für den illegalen Handel mit streng geschützten Arten vor. Allerdings sei dieser Strafrahmen bislang, "soweit bekannt", nicht ausgenutzt worden.

Bei der EU herrscht dagegen Alarmstimmung. "Ein verblüffendes Paradox" beschreibt die EU-Justizbehörde Eurojust. "Auf internationaler Ebene wächst die Bereitschaft, Umweltkriminalität als schwere Straftat anzuerkennen", heißt es dort, die "Kriminalstatistik der Mitgliedstaaten jedoch scheint dieses in keiner Weise widerzuspiegeln".

Im Jahr 2013 bestellte Eurojust die Artenschutzbeauftragten der EU-Staaten zum Rapport. Diese fanden viele Erklärungen für ihre jämmerlichen Aufklärungsraten: Personalmangel, mickrige Budgets, Gesetzeswirrwarr, die schwierige Nachweisbarkeit von Straftaten, Sprach- und Bürokratieprobleme. Eurojust konstatierte: Vonseiten der Behörden scheine es ein "Fehlen an Ernsthaftigkeit bei der Strafverfolgung" von Taten zu geben, deren Opfer "keine Stimme haben".

Wie stehen da die Chancen für die Aufklärung einer Straftat an einem Chamäleon?

Das Cites-Sekretariat in Genf soll eigentlich den Überblick über die Handelsströme mit geschützten Arten behalten. Alle Unterzeichnerstaaten müssen sämtliche genehmigten Export- und Importtransaktionen melden. Eine Suchanfrage über den Chamäleonhandel in der Ukraine bringt Erstaunliches zutage: Für seltene Globifer-Chamäleons hat die ukrainische Cites-Behörde von 2002 bis 2014 insgesamt 133 Exportgenehmigungen ausgestellt. Aber die Datenbank weist nicht ein einziges legal importiertes Tier aus.

Für Parsons Chamäleons stellte die Ukraine laut Cites-Datenbank im selben Zeitraum sogar 987 Exportgenehmigungen aus. Und das, obwohl sie lediglich den Import von 2 Tieren im Jahr 2014 erlaubte. Wie also können die Ukrainer so etwas genehmigen?

Ortsbesuch in Kiew: In Leuchtschrift schwebt der Schriftzug "Dream Town" in riesigen Lettern über einem Einkaufszentrum. Zwischen Boutiquen und Restaurants lockt das Eingangsportal des Privatzoos Ekzoland. In Dutzenden Terrarien und Käfigen kreischen Papageien, rotieren Äffchen hinter Gittern, ertragen Leguane starr alles Glotzen und Klopfen. Stadtkinder lauschen den Pflegerinnen, die abenteuerliche Geschichten über die Tiere erzählen. Ein Mädchen, das von einer Pflegerin ein Chamäleon gereicht bekommt, strahlt über das ganze Gesicht, als sich die winzigen Füße um seinen Finger krallen.

Nationalpark Ranomafana in Madagaskar: "Mit 30 Euro pro Tier sind Sie dabei"
Berthold Steinhilber/ Laif

Nationalpark Ranomafana in Madagaskar: "Mit 30 Euro pro Tier sind Sie dabei"

In der Ukraine entspricht der Wert eines Parsons Chamäleons dem mehrfachen Monatssold eines Beamten. Ekzoland-Betreiber Dmitrij Tkatschow - jener Händler, den Zollfahnder in Hamm bei der Razzia antrafen - gehört auch das Bion Terrarium Center, er ist hier ein wohlhabender und angesehener Mann. Mit dem ukrainischen Ministerium für Ökologie organisiert er Fachkonferenzen, als Geschäftsführer der Ukrainischen Gesellschaft für Zoos und Aquarien unterhält er enge Beziehungen zu Privatzoos und Züchtern im In- und Ausland.

In der spezialisierten Branche der Exotenhändler ist die Firma Bion ein Global Player, das Unternehmen importiert nach eigenen Angaben aus 15 Ländern und exportiert in 37. Allein das Angebot an Reptilien, die ausschließlich in Madagaskar vorkommen, umfasst mehrere Arten, die so bedroht sind, dass der Inselstaat seit Jahren jeglichen Export dieser Wildtiere untersagt. Auf welchem Weg sind Tiere dieser Gattungen in die Ukraine gelangt? Die Cites-Handelsdatenbank liefert in diesen Fällen auf Suchanfragen nach offiziell bekannten Importen keine Treffer.

Wer im Bion Terrarium Center Reptilien und Amphibien kaufen will, betritt ein bungalowähnliches, von einer Mauer umgebenes Gebäude mit drei tropisch beheizten Stockwerken voller Käfige und Terrarien: Geckos, Schildkröten, Pfeilgiftfrösche und mehrere Hundert Parsons Chamäleons. In Inkubatoren werden Reptilieneier ausgebrütet. "Chamäleons zu züchten ist aufwendig, aber in der Ukraine haben wir eine Methode entwickelt", berichtet eine Tierpflegerin. "Teilweise züchten wir selbst, teilweise arbeiten wir mit anderen Privatzüchtern zusammen. Wir verkaufen unsere Tiere nur mit gültigen Cites-Genehmigungen, das ist klar."

Doch was ist eine solche Genehmigung wert, wenn der Staat, der sie ausstellt, die betreffende geschützte Art nur exportiert, ohne sie laut Cites je offiziell importiert zu haben? Im Jahr 2016 fragten die niederländischen Cites-Beauftragten bei Bion nach, weil sie Importgenehmigungen für 22 Parsons Chamäleons ausstellen sollten, die für einen Exotenhändler in Amsterdam bestimmt waren. Bion antwortete, drei Männchen und vier Weibchen, die einst die Zucht begründet hätten, seien 1998 in einer Zoohandlung in Odessa gekauft worden. Cites-Formalitäten waren zu der Zeit noch nicht nötig, denn die Ukraine war dem Artenschutzübereinkommen noch nicht beigetreten.

Reichen sieben Chamäleons aus, um trotz hoch komplizierter Zuchtbedingungen und Inzuchtrisiken Aberhunderte Nachkommen aufzuziehen und zu exportieren? Eine DNA-Analyse hätte die Erklärung von Bion untermauern oder widerlegen können. Die forderten die Niederländer aber nicht. Sie genehmigten den Import.

Es gibt noch andere Indizien, dass die spektakuläre Vermehrung der Chamäleons aus Odessa im Hause Bion so möglicherweise nicht stattgefunden hat. "Sie züchten tatsächlich Chamäleonbabys, aber das ist nur ein kleiner Teil des Geschäfts", berichtet ein ehemaliger Bion-Mitarbeiter, der anonym bleiben will.

Der Tierpfleger versorgte die Jungtiere, wie er berichtet, er habe immer wieder Lieferungen wild gefangener Tiere entgegengenommen. "Wenn du dann am nächsten Morgen zur Arbeit kamst, waren fast alle tot. Chamäleons sind sehr empfindlich, viele sterben sogar unter allerbesten Haltungsbedingungen."

Händler Tkatschow: Spektakuläre Vermehrung
Bion

Händler Tkatschow: Spektakuläre Vermehrung

Bion-Inhaber Tkatschow weist auf SPIEGEL-Anfrage alle Verdächtigungen zurück, seine Firma umgehe die Artenschutzgesetze. Und die Aussagen des ehemaligen Mitarbeiters? Er habe einen Tierpfleger wegen illegalen Tierhandels entlassen müssen, so Tkatschow. Dieser versuche nun, den Ruf von Bion mit Unwahrheiten zu ruinieren.

Bion importiere seine Chamäleons legal, die Tiere überlebten den Transport gut. Die Zucht der Globifer-Chamäleons sei vor dem Beitritt der Ukraine zum Artenschutzübereinkommen begonnen worden. Die Zucht der Parsons Chamäleons sei seit 2014 mit legal eingeführten Tieren ergänzt worden. Dass seine Firma in den vergangenen vier Jahren wenigstens ein Tier legal importiert hat, kann Inhaber Tkatschow mit Cites-Papieren belegen.

Der Antwort beigelegt ist das Protokoll einer Vor-Ort-Inspektion durch ukrainische Artenschutzbeauftragte vom November 2017. Darin werden das kompetente Personal und die artgerechte Tierhaltung bei Bion gelobt. Von DNA-Tests, die eine legale Abstammung solcher Tiere hätten verifizieren können, ist nicht die Rede.

Das ukrainische Ministerium für Ökologie und Natürliche Ressourcen wiederholt auf Nachfrage Tkatschows Argumentation: Die Zucht von Calumma globifer und Calumma parsonii sei vor dem Cites-Beitritt der Ukraine begonnen worden. Dazu schicken die Beamten aus Kiew folgenden Hinweis: "Wir entschuldigen uns, wenn unsere Daten Ungenauigkeiten aufweisen oder veraltet sind. Gleichzeitig handelt es sich um die einzigen offiziellen Informationen, über die das Ministerium derzeit verfügt."

Auch den Fachleuten in Madagaskar ist das erstaunliche Chamäleonangebot aus Osteuropa aufgefallen. Dass geschützte Arten über dunkle Kanäle verschwinden, wundert in dem Inselstaat zwar niemanden. Dass diese mit den gültigen Cites-Papieren anderer Staaten ganz offensichtlich später im offiziellen Handel wieder auftauchen, allerdings schon. "Langjährige Kunden kaufen ihre Tiere heute in Osteuropa ein, weil sie dort billiger sind", empört sich der Präsident des madagassischen Zoohändler-Verbandes, Jean Baptiste Donty. Lobbyarbeit sei aber das Einzige, was er gegen das illegale Wildtiergeschäft unternehmen könne.

Zwar zählt Madagaskar zu den wenigen Ländern der Erde, die Freiheitsstrafen für Tierschmuggel nicht nur androhen, sondern auch verhängen. Doch der Gewinn, der den armen Madagassen durch Geschäfte mit Ausländern winkt, ist zu hoch. "Unsere Zollbeamten finden die Tiere nicht, weil sie sie nicht finden wollen", sagt Donty und zuckt entschuldigend mit den Schultern. "Madagaskar hat ein Korruptionsproblem. Ich bin ja nicht der Erste, der das zugibt."

Ein Satz ist im Gedränge am Flughafen in Antananarivo oft zu hören: "Gib ein kleines Geschenk, und es ist okay." Dubiose Dienstleister in offiziell anmutenden Uniformen umringen die Reisenden und versprechen, jedes Gepäckproblem für wenige Dollar zu lösen.

Beschlagnahmte Tiere in Hamm: "Im Koffer zwei Tage überleben"
DPA

Beschlagnahmte Tiere in Hamm: "Im Koffer zwei Tage überleben"

In der Haupthalle hat das Umweltministerium ein Büro, gerade groß genug für einen Drehstuhl. "Chamäleons überleben in einem Koffer etwa zwei Tage", berichtet der Artenschutzbeauftragte Parani Rapemanetani. "Schildkröten sind zäher: Die können mehrere Wochen ohne Futter und Wasser auskommen."

Vier- oder fünfmal im Monat zögen die Zollbeamten einen Koffer mit lebendem Schmuggelgut vom Gepäckband, oft seien dann zwischen 40 und 400 Lebewesen darin. "Wenn die Tiere gut abgeschirmt sind, dann sieht man auf dem Gepäckscanner gar nichts", sagt Rapemanetani. "Die Schmuggler sind Profis."

Rapemanetani sagt, er hätte gern Spürhunde, Hightech-Röntgengeräte und schnelle Fahrzeuge, um die einzigartige Tierwelt Madagaskars vor dem Ausverkauf ins Ausland zu retten. Sein Sold jedoch reiche "höchstens zum Schlafen".

Der Beamte wünscht sich, dass Ermittler in Europa und überall in der Welt ertappte Schmuggler systematisch über ihre Kontaktleute in Madagaskar und anderswo verhörten. Wenn sie dann diese Informationen mit ihm und anderen teilen würden, könnten Behörden weltweit gemeinsam die Netzwerke ausheben. "In der Praxis passiert das nicht."

Aber was nützt ein weltumspannender Artenschutz-Verwaltungsapparat in 183 Staaten, wenn Verstöße nur selten geahndet werden und wenn sogar Händler, die unter verschärfter Behördenbeobachtung stehen, ihr Geschäft oft unbehelligt weiterführen können? Was ist von einem Kontrollsystem zu halten, das bei der Erteilung von Handelsgenehmigungen nicht selten auf blumige Ausreden vertraut? Was bringen Ermittlungen, wenn am Ende häufig weder Schuld noch Unschuld festgestellt werden? Privatzüchter sehen sich zu Unrecht in der Kritik, sie argumentieren, dass sie den Arterhalt wenigstens in Terrarien sichern.

Im Jahr 2016 endeten von 979 Verfahren in Deutschland gerade mal 10 mit einem Urteil oder einem Strafbefehl. Der Fall des Globifer-Chamäleons aus dem Hotelzimmer in Hamm gehörte nicht dazu. Die Behörden konnten nicht ermitteln, ob die Ukrainer um das Bion Terrarium Center die mehr als 130 Reptilien und Amphibien illegal eingeführt hatten. Der Tatverdacht wegen illegalen Handels mit besonders geschützten Arten blieb bestehen. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren aber gegen Geldzahlungen ein. Die Beschuldigten seien in Deutschland vorher ja nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten.

"For Hamm" steht in den Kleinanzeigen, in denen Bion bis heute viermal im Jahr Chamäleons und andere Reptilien anbietet. Geliefert werden sollen die Tiere über einen Geschäftspartner in Amsterdam. 2016 haben die Bion-Inhaber ihr Geschäftsfeld erweitert: Sie haben in Edinburgh die Firma Turnkey Zoo LP registriert. Diese bietet Steinadler im Wert von bis zu 8000 Dollar pro Tier, Saiga-Antilopen für 5000 Dollar und streng geschützte Himalajabären für 7000 Dollar an.

"Cites-Genehmigungen" seien verfügbar, so steht es unter allen Angeboten.


Diese Recherche wurde unterstützt von der Olin-Stiftung und der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche.



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