AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2016

Falsche Retter Wie hilfsbereite Menschen Tierbabys gefährden

Jetzt im Sommer wimmelt es in der Natur von Eichhörnchenbabys, Jungvögeln, Feldhasenkindern. Manchen Tierchen wird ihre Niedlichkeit zum Verhängnis - weil selbst ernannte Retter ihnen helfen wollen: oft mit tödlichen Folgen. Von Julia Koch


Verwaistes Igeljunges im Nabu-Artenschutzzentrum Leiferde
NABU

Verwaistes Igeljunges im Nabu-Artenschutzzentrum Leiferde

Bärbel Rogoschik ist Biologin, und sie dachte, sie habe einen Beruf gewählt, der mit Tieren zu tun hat. Jetzt stellt sich heraus, dass sie bei einer Studienberatung ebenso gut "was mit Menschen" hätte ankreuzen können. Die muss sie nämlich erziehen, das ist ihr Alltag. Sie muss ihnen beibringen, Tiere am Leben zu lassen.

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Heft 32/2016
Wie man sein Smartphone beherrscht - und Ruhe findet

Rogoschik leitet für den Naturschutzbund Deutschland im niedersächsischen Leiferde ein Artenschutzzentrum. Und gerade zerrt der Job ziemlich an ihren Nerven. "Mehr geht echt nicht", sagt sie und muss schon wieder los, einen kranken Storch versorgen.

Allein im Juni und im Juli kamen 650 Jungtiere in die Station: Verletzte oder verwaiste Mauersegler, Amseln, Schwalben, Störche, Eulen, Turmfalken, Iltisse, Hermeline und ein Fuchs gehören gegenwärtig zu Rogoschiks Schützlingen. An manchen Tagen müssen sie und ihr Team 5000 Fütterungen abarbeiten.

Denn Scharen von selbst ernannten Rettern stellen in freier Natur Tieren nach - in guter Absicht, aber oft mit tödlichen Folgen.

Vom Frühjahr bis zum Spätsommer bekommen die meisten Wildtiere Nachwuchs. Für die Auffangstationen bedeutet das: viele Pfleglinge, die man fit machen muss fürs Weiterleben in Freiheit, möglichst fern des Menschen.

Denn wenn es in Wald und Flur, in Parks und Vorgärten wimmelt von tollpatschigen Jungvögeln, kulleräugigen Feldhasenkindern und flauschigen Eichhörnchenbabys, dann schlägt auch die Stunde der selbst ernannten Wildtierretter.

Findelkind Eichhörnchen
Oliver Kienitz

Findelkind Eichhörnchen

Es sind die Wochen, in denen Bärbel Rogoschik einen Großteil ihrer Zeit damit zubringen muss, den Leuten simpelste Grundlagen der Wildbiologie beizubringen. Dann wüssten sie nämlich, dass viele Vögel als sogenannte Ästlinge das Fliegen lernen. Sie hopsen mitunter auf dem Boden herum und lassen sich leider auch einfangen - kein Grund, sie der Vogelmutter zu entreißen, die meist ganz in der Nähe die ersten Flugversuche überwacht.

Rehe und Feldhasen lassen ihren Nachwuchs fast den ganzen Tag allein - ein Schutzmechanismus, um keine Feinde anzulocken. Wer ein Hasenkind mitnimmt, erschreckt es oft zu Tode oder bricht ihm die noch zarten Knochen. Und kappt, vor allem, dessen lebenswichtigen Zugang zur Muttermilch. "Meist füttern die Finder ein paar Tage irgendwas", sagt Rogoschik, "und bringen das Tier erst zu uns, wenn's ihm offensichtlich schlecht geht."

Im Video: Wie man Fledermäuse aufzieht

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So landen ständig Opfer missglückter Rettungsaktionen im Artenschutzzentrum. Etwa der junge Baumläufer, ein insektenfressender Sperlingsvogel, den Menschen mit Brot und Milch gefüttert hatten. Er starb. Andere hatten einem Iltis Kuhmilch verabreicht, die nächsten einem Igel Cornflakes und Schokolade, das sei im Internet empfohlen worden.

Immer wieder chauffiert Rogoschik vermeintlich verwaiste Feldhasen zurück zur Fundstelle - und hofft, dass Mama Hase sie weiter säugt. Katzenbesitzer bringen die Beute ihrer streunenden Lieblinge: zerrupfte Vögel oder angenagte Mäuse. "Da ist etwas aus der Spur geraten", sagt die Biologin. "Die Entfremdung von der Natur wird immer größer."

Es scheint ein Phänomen überall in der westlichen Welt zu sein: Wer sich in virtuellen Vereinigungen von Wildtierrettern etwa auf Facebook umschaut, muss sich fragen, ob überhaupt noch ein Jungtier unbehelligt in freier Natur heranwächst. Jeder Igel ("Er atmet ganz schwer"), jedes Eichhörnchen, jeder kleine Hase wird da unter mitfühlendem Zuspruch der Netzgemeinde erst einmal in die gute Stube geschleppt. Manche Nutzer wollen Wespen aufpäppeln oder das zerbröselte Haus einer Weinbergschnecke flicken. "Die Empathie ist vorhanden", sagt Anne Berger vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, "aber das Wissen fehlt."

In den USA gelangte diesen Sommer ein Bisonkalb zu trauriger Berühmtheit, das Touristen im Yellowstone-Nationalpark fanden und in den Kofferraum ihres SUV luden, weil es aussah, als fröre es. Die Herde nahm das Tier nicht wieder auf, auch zeigte das Kälbchen sich hernach allzu aufgeschlossen gegenüber Menschen - keine gute Eigenschaft für einen ausgewachsenen Bison. Es wurde eingeschläfert. Die Möchtegernretter, Vater und Sohn, mussten eine Geldstrafe zahlen.

Bisonkalb im Kofferraum
CBC

Bisonkalb im Kofferraum

Die Naturfreunde, die kurze Zeit später in den Wäldern der La Plata Mountains in Colorado ein Hirschkalb fanden, schreckte das nicht. Auch sie packten es ins Auto und fuhren zum nächsten Tierheim. "Das Kitz musste getötet werden", erzählt Joe Lewandowski von der Colorado Parks and Wildlife's Southwest Region.

Regelmäßig, so Lewandowski, kidnappten wohlmeinende Parkbesucher neugeborene Waldbewohner - vergangenes Jahr etwa einen kleinen Gabelbock, auch er musste eingeschläfert werden. "Es wäre gut, wenn die Menschen einfach die Schönheit wilder Tiere bewundern könnten", sagt er. "Sie sind über Jahrtausende bestens ohne uns zurechtgekommen und werden das auch weiterhin tun."

Dies zu akzeptieren scheint schwerzufallen. "Dass wir Tierbabys niedlich finden, ist Teil unserer genetischen Ausstattung", erklärt Wildbiologin Berger. Das sogenannte Kindchenschema, rundes Gesicht mit riesigen Augen, sei der Auslöser.

Zahlreichen jungen Wilden wird dieser Bambi-Effekt zum Verhängnis - und der Drang zum Heldenstatus im Internet: Mehr als 600.000-mal wurde ein YouTube-Video geklickt, in dem zwei Totaltrottel in Bermudashorts ein Seehundbaby aus seinem Versteck am Strand zerren und ins Meer schleppen. Die Flucht des halb strangulierten Säugers - einer der Pseudoretter hatte ihn an der Kehle gepackt - unterlegten sie mit dramatischer Musik.

"Ich würde gern glauben, dass der Kleine es zurück zum Strand geschafft hat, wo die Mutter ihn abgelegt hatte", sagt Kai Williams vom International Wildlife Rehabilitation Council im US-Bundesstaat Oregon, "aber ich fürchte, er ist verhungert."

Mausetot jedenfalls ist der Seehund, den eine Frau im US-Bundesstaat Washington in einer Plastiktüte nach Hause trug. Als sie auf die Idee kam, beim örtlichen Aquarium Rat zu suchen, war es zu spät.

In der Plastiktüte transportierter Seehund
Marc Myrsell / Westport Aquarium

In der Plastiktüte transportierter Seehund

Kai Williams bildet professionelle Wildtierhelfer aus und versucht zugleich, möglichst vielen Laien zu vermitteln, wie Natur funktioniert. Der Trick sei, die ebenso treuherzigen wie fehlgeleiteten Wohltäter nicht allzu sehr zu verschrecken. "Die Menschen sind ja stolz auf das, was sie getan haben", erklärt Williams, "wenn wir sie einfach nur tadeln, lernen sie nichts. Aber wenn sie verstehen, warum ihr Eingreifen falsch war, helfen sie vielleicht sogar, unsere Botschaft zu verbreiten."

Darauf setzt auch Philip Jenni, Leiter des Wildlife Rehabilitation Center in Roseville, Minnesota. Frühjahr für Frühjahr gibt er Interviews, lädt Presse und Fernsehteams in seine Station und erläutert, wann ein Wildtier Hilfe braucht - und wann nicht. In dieser Saison wurden bislang rund 9000 Tiere ins Center gebracht; etwa 400 davon erwiesen sich als kerngesund und wurden wieder am Fundort ausgesetzt. "Das waren vor allem Kaninchen und Waschbären", erzählt Jenni. "Für uns ist dieser relativ geringe Anteil an falschem Alarm ein Erfolg."

Erst fragen, dann grabschen - um die Kinderstuben der Kegelrobben herum funktioniert dieses Prinzip auch in Deutschland. "Es kommt sehr selten vor, dass Touristen junge Robben anfassen oder sogar mitnehmen", sagt Janne Sundermeyer, Biologin an der Seehundstation im schleswig-holsteinischen Friedrichskoog.

Aber: "Einige der Jungtiere hatten Bissverletzungen", sagt Sundermeyer. Wahrscheinlich stammen sie von Hunden - woran auch wieder Menschen schuld seien, sagt sie. In der Nähe der Liegeplätze gehörten Hunde unbedingt an die Leine.

Rehkitz
Minden Pictures / Mauritius Images

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Daniel Blumstein, Ökologe an der University of California in Los Angeles, glaubt, dass auch der Naturtourismus schwerwiegende Folgen haben kann. Dadurch, dass die Tierbeobachter durch die Lebensräume der Wildtiere spazierten, gewöhnten diese sich an die menschliche Nähe - wodurch sie "weniger wachsam" würden, schreibt Blumstein im Fachblatt "Trends in Ecology & Evolution", "auch gegenüber ihren natürlichen Feinden".

Menschen waren es wohl ebenfalls, die das vorwitzige Verhalten von Niedersachsens Problemwolf MT6 verschuldet haben. Weil er sich immer wieder Spaziergängern und Hunden näherte, wurde der junge Rüde Ende April erschossen. Nun sind Handyfotos und -videos vom Truppenübungsplatz Munster aufgetaucht. Darauf zu sehen sind Menschen, die sich MT6 und seinen Geschwistern, damals noch im Welpenalter, bis auf wenige Meter nähern. Möglich, dass die Wölfchen gefüttert wurden. "Für Raubtiere ist es ein Riesenproblem, wenn sie die Scheu vor Menschen verlieren", erklärt Wildtierschützer Jenni, "sie müssen dann meist getötet werden."

Nabu-Frau Rogoschik setzt bei ihrer Aufklärungsarbeit auf die Einsicht der Menschenkinder. "Wenn ich Schülern von Fällen aus der Praxis erzähle", sagt sie, "und sie frage, was sie in der Situation mit dem Tier machen würden, dann treffen die aus dem Bauch raus meist die richtige Entscheidung." Der Nachwuchs akzeptiere größtenteils auch, dass der Tod zur Natur gehöre. "Eigentlich", sagt Rogoschik, "könnte ich die Kinder unsere Telefonberatung machen lassen."

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Wie man sein Smartphone beherrscht - und Ruhe findet


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Seite 1
genutztername 07.08.2016
1. Lobenswerter Aufruf
auch wenn ich ihn nicht gelesen habe. Allerdings wäre es sinnvoller gewesen, diesen Artikel im März zu bringen, denn entgegen dee erwähnten Zeitraumes, werden die Jungen meisten der genannten Tierarten im Frühling gesetzt und aufgezogen. Der kritische Zeitraum für "gefundene Tierbabys" ist also in erster Linie von April bis Juni.
mwegner3 07.08.2016
2. Kosenpflichtiger Artikel?
Wenn euch wirklich etwas daran liegt, das Verhalten von Menschen zu ändern und Tierbabys zu schützen, wieso ist dann nur dieser Artikel kostenpflichtig? So werden wohl sehr viele eurer hilfsbereiten Leser weiterhin vielen Tierbabys den Tod bringen. Macht das doch bei anderen Artikeln, die nur der Information dienen und nicht Leben retten können.
Jasro 07.08.2016
3. Und auch hier...
...gilt wieder das Zitat von Kurt Tucholsky (1890-1935): "Das Gegenteil von 'gut' ist nicht 'böse' sondern 'gut gemeint'."
Grorm 07.08.2016
4.
Ich las den Artikel auch nicht, ich wollte mich nicht irgendwo anmelden Aber sollte es heissen, man könne keine Jungvögel anfassen, so ist das absolut falsch. Meine Mutter zog einmal ein ganzes Gelege Gartenrotschwänzchen auf (das Nest war in einem Neubau in der Nähe, in dem über Winter nicht gearbeitet worden war und die Vögel früher da waren als die Arbeiter - diese brachten das Nest zu ihr, weil sie eh schon bekannt dafür war, Wildvögel aufzupäppeln und die Arbeiter wollten gerne, dass sich jemand um die kleinen Vögelchen kümmerte). Als die Jungen alt genug waren, stellten wir sie im Käfig auf den Balkon. Und dann kamen die Elterntiere und fütterten allen Ernstes ihre Jungen, die sie immerhin gute 4 Wochen nicht mehr gesehen hatten, durch die Gitterstäbe. Es waren 5 Stück, die wir dann freiliessen, als sie fliegen konnten. 3 blieben in der Natur, 2 kehrten wieder zurück und setzten sich in ihren Käfig. Voilà, 2 Haustiere mehr! Seitdem hebe ich jeden Jungvogel, der auf dem Boden sitzt, auf und setze ihn wieder auf einen Baum und diese Vögelchen wurden bisher *immer* von ihren Eltern wieder angenommen ...
parrotadvice4u 07.08.2016
5. Jedes Jahr.....
Zitat von GrormIch las den Artikel auch nicht, ich wollte mich nicht irgendwo anmelden Aber sollte es heissen, man könne keine Jungvögel anfassen, so ist das absolut falsch. Meine Mutter zog einmal ein ganzes Gelege Gartenrotschwänzchen auf (das Nest war in einem Neubau in der Nähe, in dem über Winter nicht gearbeitet worden war und die Vögel früher da waren als die Arbeiter - diese brachten das Nest zu ihr, weil sie eh schon bekannt dafür war, Wildvögel aufzupäppeln und die Arbeiter wollten gerne, dass sich jemand um die kleinen Vögelchen kümmerte). Als die Jungen alt genug waren, stellten wir sie im Käfig auf den Balkon. Und dann kamen die Elterntiere und fütterten allen Ernstes ihre Jungen, die sie immerhin gute 4 Wochen nicht mehr gesehen hatten, durch die Gitterstäbe. Es waren 5 Stück, die wir dann freiliessen, als sie fliegen konnten. 3 blieben in der Natur, 2 kehrten wieder zurück und setzten sich in ihren Käfig. Voilà, 2 Haustiere mehr! Seitdem hebe ich jeden Jungvogel, der auf dem Boden sitzt, auf und setze ihn wieder auf einen Baum und diese Vögelchen wurden bisher *immer* von ihren Eltern wieder angenommen ...
werden alle im Garten gefundenen Jungvögel, alle der Art entsprechend in einen jeweiligen Käfig gesetzt, an der Stelle wo Sie gefunden wurden. Die Käfige werden mit Sitzstangen ausgestattet und haben ein Dach um Regen draußen zu halten und sind in etwa 2 Metern Höhe angebracht neben einem Busch, Baum etc.. Die Sitzstangen ragen durch die Gitter durch, damit die Eltern Vögel die Jungen von außen weiter füttern können. Manchmal muss ich die ersten Tage zufüttern, in den meisten Fällen jedoch nicht, da dies die Eltern erledigen. Sehe ich die Jungvögel können von Sitzstange zu Sitzstange fliegen und nehmen eigenständig Futter im Käfig auf, dann ist auch der Zeitpunkt gekommen den Käfig zu öffnen. Dann übernehmen die Eltern auch weiter die "Erziehung" im Garten. Lediglich bei Saatkrähen und Dohlen, die auch in meinem Garten nisten, sind die Käfige etwa 6 Meter vom Boden angebracht, da deren Eltern NICHT weiter runter kommen in meinem Garten. Klappt wunderbar und ja, alle Arten werden dementsprechend Ihrer Art gefuttert. Ach so bin Vogel Biologe.
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