AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2017

Ewig online So ordnen Sie Ihr digitales Erbe

Es geht um E-Mails, Fotos, den Socialmedia-Account, Musik und E-Books: Neben Schmuck und Immobilien liefern zunehmend digitale Nachlässe Gründe für Erbstreitigkeiten - unter Angehörigen, aber auch mit Anbietern wie Facebook & Co.

Michael Walter/ DER SPIEGEL


Wenn Stephanie Herzog mit ihren Mandanten spricht, geht es häufig um Leben und Tod - die Anwältin hat sich auf Erbrecht spezialisiert. Immer öfter wollen ihre Mandanten neben Immobilien oder dem Familiensilber auch über andere postmortale Fragen sprechen: den Zugang zu E-Mail-Konten, Facebook-Accounts und Festplatten. Die Anwältin aus Würselen ist damit nicht allein, häufig landen Streitereien ums digitale Erbe inzwischen sogar vor Gericht.

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Heft 22/2017
Der letzte Wille entzweit Familien - doch es geht auch friedlich. Eine Gebrauchsanweisung

In einem Fall zanken zwei Söhne um den Rechner des verstorbenen Vaters. Der eine wähnt auf der Festplatte Beweise für Immobilienkäufe, potenzielle Millionenwerte. Der andere will seine private Mailkorrespondenz mit dem Vater schützen. Die Sache beschäftigt schon die zweite Instanz.

In einem anderen Fall ist ein 47-Jähriger plötzlich verstorben. Er hatte einen minderjährigen Sohn und lebte in einer neuen Beziehung. Die neue Partnerin nutzt die bestehenden Bankkonten weiter, etwa um online einzukaufen. Erbe ist allerdings der Sohn, für den die frühere Ehefrau sorgeberechtigt ist - und die möchte die Shoppingtouren gern unterbinden.

Noch vor wenigen Jahren hätten selbst viele Kollegen das digitale Erbe als Randproblem angesehen, sagt Herzog. Das ändere sich gerade rasant. Fast jeder Deutsche hat eine Mailadresse, 84 Prozent nutzen das Netz, rund 29 Millionen sind auf Facebook aktiv. Hinzu kommen Mitgliedschaften bei Fotoportalen, Karrierenetzwerken und Datingplattformen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung erledigt Bankgeschäfte online.

Für viele Hinterbliebene wirft das zusätzliche, oft belastende Fragen auf. Was geschieht mit den Nutzerkonten? Was mit den darin enthaltenen Daten? Wie kann man vermeiden, dass "Geisterprofile" von Verstorbenen weiter automatisierte Nachrichten verschicken?

Noch herrscht rund um das digitale Erbe vor allem eines: Ratlosigkeit. 93 Prozent der Internetnutzer hätten diesbezüglich keinerlei Vorsorge getroffen, ergab eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom. Drei Viertel gaben an, sich damit unwohl zu fühlen.

Den Umgang mit den Onlinerelikten bestimmen derzeit noch vor allem die Anbieter digitaler Dienstleistungen, und zwar in den allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). Der Deutsche Anwaltverein sprach in einer ausführlichen Stellungnahme bereits 2013 von "erheblichen praktischen Problemen". Eigentlich müsste der gesamte digitale Nachlass auf die Erben übergehen, heißt es in dem Papier. Doch die meisten AGB sehen das nicht vor. "Da brodelt etwas", sagt Rechtsanwältin Herzog und prophezeit: "Schon bald rollt eine Lawine ungeklärter Fragen auf die Gesellschaft und die Gerichte zu."

Es geht dabei nicht allein um einen pietätvollen Umgang mit dem Onlineerbe oder um ideelle Werte wie Fotos, Videos oder Schriftstücke. In digitalen Accounts können erhebliche Werte schlummern - bei einem über Jahre gepflegten iTunes-Musikarchiv oder gut sortierten E-Book-Bibliotheken kann die Erbmasse schnell in die Tausende gehen. Schon weil Erben auch laufende Verträge übernehmen, ist es in ihrem Interesse, sich einen Überblick zu verschaffen - etwaige Gebühren laufen fortan bei ihnen auf.

Digitales Erben ist kompliziert, etwa wenn der Verblichene eine virtuelle Brieftasche ("wallet") in der Kryptowährung Bitcoin unterhielt. Hier haben Erben nur eine Chance, an die Mittel zu kommen, wenn ihnen der Verstorbene genaue Instruktionen und die notwendigen privaten Schlüssel hinterlassen hat.

Generell gilt: Internetnutzer gehen nie ganz. Das irdische Dasein mag enden, Datenspuren und Profile bleiben. Offline und abgemeldet ist man mit seinem Tod jedenfalls noch lange nicht. Das müssen meist andere übernehmen. Helfen kann dabei der Zugang zu den Mailkonten der Verstorbenen, denn über sie lassen sich häufig auch Mitgliedschaften in anderen Portalen rekonstruieren.

Mailanbieter gehen unterschiedlich mit Anfragen um: Bei GMX und Web.de kann man Konten nach Vorlage einer Sterbeurkunde löschen lassen und mit einem Erbschein auch einsehen. Anbieter wie Yahoo hingegen schließen das kategorisch aus.

Google bietet für seine Dienste wie Gmail, YouTube und Picasa an, bei längerer Inaktivität vom Nutzer benannte Vertrauenspersonen zu informieren und ihnen auf Wunsch auch Zugang zu Daten zu gewähren. Nutzer können aber anweisen, dass ihr Account in diesem Fall gelöscht wird.

Auch bei Facebook können Erben das Konto von Verstorbenen löschen oder in einen "Gedenkzustand" versetzen lassen. Falls die Kontoinhaber zu Lebzeiten einen "Nachlasskontakt" bestimmt haben, kann dieser das Profilbild mit einem Trauerrand versehen und eine feste Botschaft posten. Allerdings darf er weder die gespeicherten Nachrichten des Verstorbenen lesen noch dessen Chronik verändern.

Die Weigerung vieler Anbieter, Erben Zugang zu den persönlichen Daten zu gewähren, sorgt für Konflikte. So verlangte etwa die Mutter einer Jugendlichen, die unter ungeklärten Umständen von einer U-Bahn erfasst wurde und an den Verletzungen starb, von Facebook Zugang zu den Inhalten ihrer Tochter - um zu klären, ob sich darin Motive für einen Suizid finden ließen.

Als Facebook sich weigerte, klagte die Mutter und bekam vor dem Landgericht Berlin recht. Die Richter schlossen sich der Linie des Anwaltsverbands an und erklärten, der Nutzungsvertrag der Minderjährigen mit Facebook gehe auf die Erben über. Die Facebook-Anwälte legten Berufung ein. In zweiter Instanz entschied nun das Kammergericht: Facebook muss das Konto nicht an die Eltern freigeben.

Erbrechtlerin Herzog hält auch viele andere Geschäftsbedingungen für unwirksam, etwa wenn es um materielle Güter wie E-Books geht: "In den Shops sprechen viele Anbieter davon, dass sie die digitalen Güter verkaufen. Im Kleingedruckten soll es dann plötzlich nur um Nutzungsrechte gehen", sagt die Anwältin: "Das wird vor deutschen Gerichten kaum standhalten."

Wer seinen Erben kein digitales Chaos hinterlassen will, sollte vorsorgen. Verbraucherschützer empfehlen, zu Lebzeiten eine Liste der bestehenden Konten samt Passwörtern anzulegen, auf einem verschlüsselten USB-Stick zu speichern, diesen an einem sicheren Ort zu verwahren und eine Vertrauensperson als digitalen Nachlassverwalter zu bestellen. Dieser Person kann man in einer "Vollmacht über den Tod hinaus" dann detailliert vorgeben, was mit Konten, Daten und Endgeräten geschehen soll.

Längst haben Unternehmer den Wirrwarr rund ums digitale Erbe als Geschäftsmodell ausgemacht. Einige dieser digitalen Bestatter bieten an, gegen monatliche oder jährliche Gebühren schon zu Lebzeiten alle Vorkehrungen für den letzten digitalen Willen zu treffen. Das erfordert allerdings hohes Vertrauen in die Seriosität der Anbieter - nicht wenige dieser Start-ups haben schon wieder das Zeitliche gesegnet, lange vor ihren Kunden.



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