Unis in Ostdeutschland Warum die Wessis wegbleiben

Im Westen sind die Hörsäle voll, im Osten ist noch jede Menge Platz. Doch die West-Abiturienten bleiben lieber daheim. Warum wollen auch 27 Jahre nach der Einheit so wenige in den Osten?

DPA

Von Peter Neitzsch


Ein Strandkorb soll es richten. Die Fototapete dahinter zeigt blauen Himmel und einen Streifen Sandstrand, idyllisch von der Sonne beschienen. Das Ensemble möchte verführen - zum Studium in Mecklenburg-Vorpommern. Im Vergleich zur kühl-professionellen Atmosphäre der Messe in der Hamburger HafenCity ist das tatsächlich ein verlockender Anblick, wo es doch draußen so herbstlich weht. Melike Oral posiert mit einer Freundin im Strandkorb, das Erinnerungsfoto gibt's gratis dazu. Die 17-Jährige besucht die zwölfte Klasse in Hamburg-Harburg, ihr Abitur möchte sie 2019 machen. Wie - und vor allem wo - es danach weitergehen soll, will sie auf der Messe herausfinden.

Am Messestand Nummer 28 zählt Studienberaterin Ulrike Ladendorf von der Uni Rostock die Vorzüge ihres Arbeitgebers auf: niedrige Lebenshaltungskosten, viele Wohnheimplätze, 140 Studiengänge, bei gerade einmal 14.000 Studierenden. "Wir sind eine Voll-Uni ohne übervolle Hörsäle - direkt am Meer, Strand ist natürlich auch da." Ein halbes Dutzend solcher Messestände betreut Ladendorf jedes Jahr überall in Deutschland. "Wir wollen Aufmerksamkeit erzeugen", sagt sie. "Weil uns vielleicht nicht jeder auf dem Schirm hat."

Studieren in Mecklenburg-Vorpommern? Doch, das könnte sie sich schon vorstellen, meint Melike. Aber sie müsste sich erst mal selbst vor Ort ein Bild machen. "Ich bin da noch nie gewesen." Fürs Erste nimmt sie ein paar Broschüren mit - "Studieren mit Meerwert" steht darauf. Doch die Konkurrenz ist groß, nicht nur auf der Messe: "Vielleicht gehe ich auch ins Ausland", überlegt die Schülerin. Etwas Zeit hat sie ja noch.

Jahr für Jahr meldet das Statistische Bundesamt neue Rekordzahlen für Deutschlands Studienanfänger. Mehr als einehalbe Million waren es im letzten Wintersemester. Trotzdem plagt Mecklenburg-Vorpommern, aber auch die anderen Ostländer, eine Sorge, die vor diesem Hintergrund grotesk erscheint: zu wenige Studierende. "In den neuen Ländern stehen wir vor der Herausforderung, die nach der Wende aufgebauten Studienplätze zu erhalten", sagt Christiane Lindner von der Uni Halle-Wittenberg. Lindner leitet eine Kampagne, die Studierende nach Sachsen-Anhalt locken soll. "Unsere Unis haben eine Topausstattung - Forschung und Lehre auf höchstem Niveau", wirbt sie. Viele Studierende wüssten gar nicht, wie gut die Voraussetzungen in ihrem Bundesland seien. Das habe eine wissenschaftliche Analyse des Studienstandorts ergeben. Zudem sei das Verhältnis von Lernenden und Lehrenden sehr persönlich - anders als im Westen. Dort gibt es das umgekehrte Problem: Die Studenten drängen sich in übervollen Hörsälen.

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Die Lösung aus der Sicht von Hochschulmanagern und Politikern: Abiturienten aus dem Westen sollen sich im Osten einschreiben. Doch die zieren sich. Umgezogen wird meist nur in die Gegenrichtung: von Ost nach West. Das ist das Ergebnis der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, für die mehr als 55.000 Hochschüler befragt wurden. Mehr als ein Drittel aller ostdeutschen Studenten ist im Westen eingeschrieben. Umgekehrt entscheiden sich gerade einmal fünf Prozent der Studierenden aus dem Westen für eine Hochschule in den neuen Ländern.

Gäbe es den Numerus clausus nicht, der gut 40 Prozent aller Studiengänge in Deutschland beschränkt, wäre der Unterschied noch drastischer, glaubt der Dresdner Soziologieprofessor Karl-Siegbert Rehberg. "Der NC sorgt für mehr Mobilität, davon profitieren die Unis im Osten."

Dabei gibt es viele gute Argumente für ein Studium in Jena, Leipzig oder Greifswald: "Die Mieten sind sehr viel günstiger als im Westen", sagt Stefan Grob, Sprecher des Deutschen Studentenwerks. In Hamburg zahlen Studenten im Durchschnitt 373 Euro für ihre Unterkunft, in Sachsen nur 259 Euro. Aber auch die übrigen Rahmenbedingungen stimmen: Die Öffnungszeiten der Bibliotheken und die Qualität der Mensen könnten sich sehen lassen, so Grob, und wären teilweise besser als in den alten Ländern.

Warum zieht es dann trotz aller Vorzüge so wenige in den Osten? Experten haben dafür zwei Gründe ausgemacht.

  • Erstens: "Das Bild vom mobilen Studenten stimmt so nicht", erklärt Stefan Grob. Gerade junge Leute aus dem Westen seien sehr sesshaft, anders als frühere Generationen. Viele würden heute aus Kostengründen bei den Eltern wohnen. In den neuen Ländern dagegen gehören Umzüge gerade bei den Gutqualifizierten mittlerweile dazu - auch weil es in den ländlichen Regionen kaum anders geht. Während in Nordrhein-Westfalen nur jeder fünfte Student in einem anderen Bundesland studiert, sind es in Brandenburg 77 Prozent.
  • Zweitens: "Ostdeutschland hat weiterhin ein Schmuddelimage", sagt der Dresdner Soziologe Rehberg, der selbst in den Neunzigerjahren aus dem Rheinland nach Sachsen zog. In den Familien hielten sich die Vorurteile hartnäckig: "Erzählungen wie 'Wir müssen den Soli bezahlen!' sind sehr präsent im Westen." Und das, obwohl die heutige Studentengeneration erst nach der Wende geboren wurde. Dass der Osten fremd geblieben sei, zeige sich auch in anderen Bereichen, etwa im Tourismus. Vor einigen Jahren hat Rehberg deshalb selbst Werbung gemacht für den Studienstandort Ost. Im Rahmen der Kampagne "Studieren in Fernost" hielt er Probevorlesungen vor Abiturienten - in westdeutschen Wohnzimmern. Er würde Abiturienten gern nach Dresden einladen. "Damit sie sehen, wie modern die Hörsäle, Labors und Bibliotheken hier sind."

Die aktuellen politischen Entwicklungen tragen nicht unbedingt dazu bei, das Image des Ostens aufzupolieren. Auch Rechtsextreme, die für Negativschlagzeilen sorgen, schreckten potenzielle Bewerber ab, glaubt Christiane Lindner, Kampagnenleiterin an der Universität Halle-Wittenberg. Professor Rehberg aus Dresden bestätigt den Eindruck seiner Kollegin. Dass sich immer weniger Schulabgänger, aber auch wissenschaftliches Personal in Sachsen bewerbe, "hängt auch mit Pegida zusammen", urteilt er. Selbst Firmen hätten mittlerweile Schwierigkeiten, internationales Personal zu finden.

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Ost-Unis: Tradition, Gründergeist und freie Plätze

Doch der Soziologe sagt auch: "Wer den Schritt in den Osten einmal gemacht hat, ist hinterher oft hocherfreut darüber."

Nerea Eschle ist eine, die diesen Schritt gewagt hat: 2015 schrieb sich die Studentin aus Furtwangen im Schwarzwald an der TU Dresden ein, im Bachelor-Studiengang Medienforschung und Medienpraxis. Nach dem Abitur hatte sich die 21-Jährige gleich eine Reihe ostdeutscher Unis angesehen, auch Leipzig und Chemnitz waren in der engeren Auswahl. "Ich wollte raus aus meinem Heimatort - und zwar nicht nur bis nach Stuttgart", erzählt sie. Stattdessen stand ihr der Sinn nach einem "Studienort mit Charakter". Den hat sie nun mit Dresden gefunden. Jetzt braucht sie mehr als acht Stunden mit dem Zug in die alte Heimat, was ihre Freunde dort natürlich bedauern. Nerea aber ist zufrieden mit ihrer Wahl.

Nach Furtwangen mit weniger als 10.000 Einwohnern sei Dresden eine richtige Großstadt. "Hier gibt es auch eine tolle Kneipenkultur mit vielen Studentenklubs", schwärmt Nerea. "Manche gab es schon in der DDR." Viele Klubs werden von den Studenten selbst betrieben und bieten neben günstigen Preisen auch ein studentisches Kulturprogramm.

Dabei hatte auch Nerea anfangs Vorurteile. "Der Osten war eigentlich ein dunkler Fleck auf meiner persönlichen Landkarte", erinnert sie sich. Im Internet sei sie dann auf die Kampagne "Pack dein Studium - in Sachsen" gestoßen. Die dort aufgeführten Argumente, vor allem die günstigen Mieten, überzeugten sie schließlich.

Dass der Osten politisch anders ticke als der Schwarzwald spiele im Alltag kaum eine Rolle, sagt Nerea. Natürlich gebe es manchmal unterschiedliche Ansichten, etwa auch bei Diskussionen über die Linkspartei. Aber das mache es ja auch spannend. "Wir sind viel mehr als nur Pegida", sagt Nerea überzeugt. Und mit "wir" meint sie: wir Dresdner!

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sametime 30.12.2017
1. Kein Wunder
Unbewohnte oder nahezu unbewohnte Orte und die Rechtsradikalität sind die besten Argumente, dort weder zu studieren noch zu arbeiten.
rimaldo 30.12.2017
2. Viele West-Abiturienten sehen halt nicht deutsch aus
Im Osten ist es nicht nur gefährlicher für ausländisch aussehende Studenten, man wird auch allerorts deutlich mehr diskriminiert. Ich kenne viele Studenten, die aus Angst oder auch einfach sich-nicht-willkommen-fühlens nicht in die neuen Bundesländer gegangen sind.
Profdoc1 30.12.2017
3. Schöner Artikel
Gefällt mir, was ich das lese. Warum? Als Wessi-Prof. im Wessiland kann ich nur allen Studieninteressierten zuraten sich die ostdeutschen Unis anzuschauen. Es studiert sich einfach entspannter dort. Kein Vergleich zu den westdeutschen Massen-Unis. Dazu kommt, dass die Betreuung dort sehr gut ist; die Qualität von Lehre und Forschung ist auch exzellent. Auch interessant für Wechsler. So, jetzt habe ich das eigene Nest beschmutzt, finde es aber trotzdem richtig, dass hier aufzuschreiben.
AlternativeMeinung 30.12.2017
4. entspannter studieren
Ich kann nur jedem raten, an einem nicht überlaufenden Ort zu studieren. Insbesondere kommt man schneller im Studium voran. Man hat auch weniger Ablenkung und es ist gemütlicher, sei es bei den Praktika, sei es abends in der Kneipe. Am Ende zählt der Schein und eventuell die Studienzeit. Ein weiterer Grund, warum Ostdeutschland nicht so attraktiv ist, ist die Einstellung vieler junger Menschen hinsichtlich der Lebenseinstellung. Viele wollen Glamour und den findet man eben eher in Westdeutschland.
Zaunsfeld 30.12.2017
5.
Die ostdeutschen Unis sind vor allem stark in Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften. Wer irgendwas mit Bergbau studieren will, wird an der Uni Freiberg in Sachsen nicht vorbeikommen. In Sachen Werkstoffe und Materialien sind Jena, aber auch Ilmenau, Dresden und Greifswald sehr gut. Bei vielen sonstigen Ingenieurwissenschaften (Maschinenbau, Verfahrenstechnik etc.) sind unter anderem Dresden, Magdeburg, Ilmenau sehr weit vorn. Die Uni Jena ist eine der wenigen Universitäten in Deutschland, an der man Astrophysik studieren kann. Dort gibt es auch einen der wenigen Lehrstühle für Gravitationsforschung in Deutschland. Auch bei allem, was mit Optik und Gläsern im weitestens Sinne zu tun hat, wird man an Jena kaum vorbeikommen. Was Sozialwissenschaften angeht, bewegt man sich bei ostdeutschen Universitäten eher im Mittelfeld, außer vielleicht an der Humboldt-Uni in Ost-Berlin.
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