Studium auf den Philippinen Der Krieg nebenan

In der philippinischen Stadt Marawi kämpft die Armee gegen islamistische Rebellen. Auf dem Campus geht der Uni-Betrieb weiter - an den Lärm der Flugzeuge und Bomben haben sich die Studenten gewöhnt.

Florian Neuhof / UNI SPIEGEL

Von Florian Neuhof


Als die Studenten nach der Sommerpause in ihre Wohnheime zurückkehrten, zogen sie neben dem Krieg ein. Vom Campus ihrer Universität aus, der Mindanao State University auf der philippinischen Insel Mindanao, sahen sie die Rauchschwaden.

Noch vor Unterrichtsbeginn tauchten täglich Flugzeuge der philippinischen Luftwaffe am Horizont auf. Zogen die propellergetriebenen Sturzkampfbomber ab, jagten wenig später Düsenjets im Tiefflug über die Stadt. Ihr ohrenbetäubender Triebwerkslärm kündigte den scheppernden Knall der Bomben an. Immer wieder kamen die Bomber, um die Truppen am Boden zu unterstützen. Ziel war die Maute-Gruppe, ein philippinischer Ableger des "Islamischen Staates" (IS), der sich in der Stadt verschanzt hatte.

Die Philippinen sind weitgehend ein christliches Land. Nur hier, im Westen der Insel Mindanao, erstreckt sich ein muslimisches Autonomiegebiet. Marawi ist die einzige Stadt, deren Bewohner fast ausschließlich dem Islam angehören. Schon seit Jahrzehnten kämpft die Regierung auf Mindanao gegen Rebellen, seit einigen Jahren auch mit radikalen Dschihadistengruppen wie den Mautes oder Abu Sayyaf, die immer wieder durch Geiselnahmen von Ausländern Schlagzeilen machen.

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Als die Mautes am 23. Mai dieses Jahres Marawi im Handstreich eingenommen hatten, schrieben die Studenten an der Uni die letzten Examen. Während IS-Kämpfer durch die Stadt zogen, um Polizisten zu töten, Christen als Geiseln zu nehmen und eine Kirche in Brand zu stecken, organisierte die Uni-Leitung eilig Fahrzeuge für die noch anwesenden Studenten und Dozenten. Sie schlossen sich den rund 200.000 Einwohnern Marawis an, die aus der Stadt flohen.

Sie entkamen auf einer palmengesäumten Landstraße, auf der schon bald tarnfarbene Militärjeeps und Panzerwagen in die Gegenrichtung rollten - voller Soldaten. Schnell entbrannte ein erbitterter Häuserkampf, in dem das Militär unter schweren Verlusten seinen Gegner langsam im Stadtzentrum einkesselte. Über Monate flog die Luftwaffe Angriffe gegen die Dschihadisten. Im Oktober hatte die Armee ihr Ziel erreicht. Die Mautes waren besiegt. Doch Marawi lag in Schutt und Asche.

Der Marawi-Campus ist der umfangreichste von elf Standorten der Uni, die über ganz Mindanao verstreut sind. Rund 9000 Studenten sind hier eingeschrieben. Mit rund 78.000 Studierenden ist die MSU die größte Universität der Philippinen. Das Universitätsviertel "Emishu" - abgeleitet von den Initialen der Mindanao State University "MSU" - liegt außerhalb der Stadt. Die Mautes haben es nie eingenommen. Zwar landeten gelegentlich Geschosse im Uni-Bezirk, einmal erschienen Aufständische und griffen dort eine Militärbasis an. Trotzdem galt der Vorort als sicher.

"Ich bin gewohnt, Schüsse zu hören"

Und so fing im September der Unterricht wieder an, die Studenten strömten zurück in die Hörsäle. Sie besuchten Vorlesungen und Seminare, lernten in der Bibliothek und versuchten, den Krieg nebenan auszublenden - so gut es eben ging.

"Es ist schon beunruhigend, wenn plötzlich Bomben in der Nähe einschlagen", erzählt Mahib Mangonta, der im dritten Jahr Literatur studiert. Das lenke manchmal vom Unterricht ab, aber man gewöhne sich daran.

Mahib ist in Marawi aufgewachsen, er ist Muslim. Er bemüht sich, die Krise gelassen zu sehen. "Im Gegensatz zu anderen Studenten bin ich es gewohnt, Schüsse zu hören." In Marawi gebe es ständig irgendwelche Konflikte - zum Beispiel einen Streit zwischen zwei Familien. "Es ist normal, dass dabei geschossen wird."

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Fast alle Studenten kehrten zu Semesterbeginn auf den Campus zurück, was angesichts der Umstände an ein Wunder grenzt. Studentinnen mit Kopftuch laufen zielstrebig zu ihren Seminaren, eine Gruppe junger Männer plaudert vor dem Eingang des Hauptgebäudes, an dem ein ständiges Kommen und Gehen herrscht.

"Es war nicht einfach, die Studenten zu überzeugen, dass der Campus sicher ist", berichtet der Rektor Habib Macaayong. Aber Militär und Polizei würden dafür sorgen, dass der Lehrbetrieb ungestört weitergehe. Die Fakultäten liegen mitten im saftigen Grün der Tropen. Der Putz der Gebäude bröckelt und ist wegen der Luftfeuchtigkeit von Schimmel überzogen. Das Büro des Rektors liegt in einem einfachen Verwaltungsgebäude am Rande des Campus, ein großer Raum mit kahlen Wänden, in mattes Licht getaucht.

Auf den ersten Blick: Alles ruhig so weit. Doch so sicher, wie Macaayong meint, ist das Leben auf dem Campus nicht. Im September starb ein hoher Beamter der Autonomiebehörde beim Verlassen der Uni in seinem Auto. Auf der Landstraße, die aus Emishu herausführt, traf ihn eine verirrte Kugel in den Kopf. Von den angepriesenen Sicherheitsvorkehrungen ist kaum etwas zu sehen. Gelegentlich hat das Militär Checkpoints am Straßenrand eingerichtet, an denen eine kleine Gruppe Soldaten sitzt - froh, nicht im Stadtzentrum kämpfen zu müssen.

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Die Studenten gehen das Risiko ein. Denn die Universität bietet ihnen die Chance auf ein besseres Leben, ein Leben ohne Armut. Mehr als ein Drittel der fast 22 Millionen Einwohner Mindanaos lebt unter der Armutsgrenze, weit mehr als im Rest des Landes. Besonders schlimm ist es im muslimischen Autonomiegebiet. Die MSU wurde 1961 mit dem Ziel gegründet, die Kluft zwischen der Insel und dem Rest des Landes zu schließen. Die Hochschule soll helfen, Muslime und die hier lebende Volksgruppe der Lumaden wirtschaftlich zu integrieren - durch Bildung. Wer hier arbeitet, spricht stolz von der "Special Mission" der MSU.

"Die Mission der Universität ist es, Frieden und Entwicklung auf Mindanao zu fördern", sagt Florencio Recolecto, der Vizekanzler für akademische Angelegenheiten. Alle Campusse wären bewusst in Gegenden gebaut worden, in denen es viel Armut und Konflikte gebe. "Das ist einmalig. Keine andere Universität auf den Philippinen hat diesen Ansatz." Damit sich auch arme junge Leute das Studium leisten können, erhebt die MSU nur sehr geringe Studiengebühren.

Eine dieser Studentinnen ist Yvonne Bertiko. Die Christin stammt aus dem Osten Mindanaos, sie studiert Marketing im zweiten Jahr. Für die junge Frau stand es außer Zweifel, dass sie zu Semesterbeginn wieder in ihren Vorlesungen sitzen würde - trotz des Bürgerkriegs. Schon in der Sommerpause redete sie auf befreundete Kommilitonen ein, niemand sollte sich drücken. "Das ist unsere Uni, unser zweites Zuhause." Wären die Studierenden nicht zurückgekommen, dann würde es bald keine MSU mehr geben, da ist sich Yvonne sicher. Keine Hochschule für all jene, die sich die hohen Studiengebühren an anderen Einrichtungen des Landes nicht leisten können.

In Hörweite der Maschinengewehre der Mautes verfolgen christliche und muslimische Studenten das gleiche Ziel: Sie wollen der Armut entkommen. Für religiösen Hass bleibt da kein Raum. "Es gibt auf dem Campus keine Spannungen wegen der Religion", sagt die Dozentin Johara Alangca-Aziz. In den Klassenräumen lernen alle gemeinsam. Erst gestern hätten sie sich im Seminar mit Extremismus befasst: "Beide Seiten waren dem Thema gegenüber sehr aufgeschlossen und wollten mehr darüber wissen."

Indem sie Bildung auf Mindanao erschwinglich macht, erfüllt die MSU einen sozialen Auftrag. Aber sie stellt sich auch gegen den radikalen Islam, der auf der Insel bei armen Muslimen großen Zulauf findet. "Wir müssen dem Extremismus mit Bildung entgegentreten", sagt Alangca-Aziz. Das wird vielleicht nirgends so deutlich wie hier: Während sie spricht, fallen wenige Kilometer entfernt die Bomben auf Marawi.



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