AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2018

Tipps vom Ordnungsprofi Wie man sein Leben aufräumt

Viele Menschen sind überfordert von den Dingen, die sie zu Hause angehäuft haben. Professionelle Beraterinnen versprechen Hilfe.

Ordnungshelferin Karine Paulon: Putzfrau und Psychologin
Anne Gabriel-Juergens/DER SPIEGEL

Ordnungshelferin Karine Paulon: Putzfrau und Psychologin

Von


Dominique Diezi hockt auf dem Kinderzimmerboden und fragt sich, woran man erkennt, dass ein Bettlaken glücklich macht. Um sie herum türmen sich Handtücher, Kissenbezüge, Gardinen, Kleidung, zwei große Berge. Diezi soll entscheiden, welches Teil ihr innerlich Freude macht. Und was getrost in den Müll kann. So hat es ihr Karine Paulon aufgetragen, die Aufräumberaterin, die neben ihr auf dem Boden kniet.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 15/2018
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Am Vormittag haben die beiden schon Diezis Büchersammlung verkleinert. Rosamunde Pilcher und Paulo Coelho durften bleiben. Dafür musste der "Fänger im Roggen" weichen. Er verschwand, wie vier Dutzend andere Bücher, in einer braunen Bananenkiste fürs Antiquariat.

Jetzt ist der Wandschrank dran, den Diezi nur "ihre Problemzone" nennt, weil darin alles gestapelt und gestopft ist, was sich bei einer Familie mit zwei kleinen Kindern ansammelt: seit Jahren unbenutzte Bettwäsche, ein mit Diezis Namen besticktes Handtuch, das sie "noch nie leiden konnte", zwei völlig vergessene T-Shirts.

Das Handtuch und die T-Shirts könnten weg, sagt Diezi. Aber aus der Bettwäsche ließe sich doch sicher noch eine Tischdecke nähen. Paulon schaut streng.

Diezi ist kein Messie und geht noch nicht mal besonders gern shoppen. In ihrem Haus im Schweizer Örtchen Laupen sieht es nicht chaotischer aus als anderswo. Das Problem sei, sagt Diezi, dass sie nichts wegschmeißen könne.

Karine Paulon, 43, hat dagegen "schon immer gern aufgeräumt", wie sie sagt. Dass daraus ihr Beruf wurde, ist die Schuld einer Japanerin namens Marie Kondo.

Kondo ist Begründerin der "KonMari-Methode", einer nach ihr benannten Aufräumbewegung. Ihre Jugend hat Kondo nach eigenen Angaben mit Aufräumen verbracht. Wenn sie aus der Schule kam, ging sie ins Bad und sortierte den Inhalt des Spiegelschranks neu.

Später arbeitete Kondo als Ordnungscoach in Tokio und veröffentlichte das Buch "Magic Cleaning", das sich bis heute acht Millionen Mal verkauft hat. Darin rät Kondo den Lesern, ihren gesamten Besitz auf eine Frage hin zu überprüfen: Was davon macht glücklich? Was den Test nicht besteht, kommt in den Müll oder wird verschenkt. Der Rest erhält einen festen Platz in der Wohnung. Wer diese zwei Regeln befolge, verspricht Kondo, müsse nie wieder aufräumen.

Kondo, die sich lieber mit Gegenständen als mit Menschen beschäftigt, wie sie sagt, hat inzwischen ein Unternehmen gegründet, das professionelle Aufräumberater ausbildet. Die Schweizerin Paulon ist seit vergangenem Herbst "KonMari Consultant", die erste im deutschsprachigen Raum. Für 80 bis 100 Franken die Stunde kann man sie buchen. Dann kommt sie vorbei und erklärt, dass es sinnlos sei, Bedienungsanleitungen aufzuheben, und man blöde Geschenke ruhig wegwerfen dürfe.

Ihre Kunden, sagt Paulon, fühlten sich erdrückt von ihrem Besitz. Sie sehnten sich nach Klarheit, nach weniger Konsum. Zugleich hätten manche vollkommen den Überblick verloren. Neulich habe sie mit einer Kundin deren Handtaschensammlung aufgeräumt, erzählt Paulon. In einer Tasche fanden sie den Verlobungsring der Kundin. Mit dem Mann war die Kundin inzwischen verheiratet.

Bei einem KonMari-Seminar in Chicago, das Paulon besuchte, seien dagegen auffällig viele Teilnehmerinnen frisch geschieden gewesen. Sie hätten neben ihrer Wohnung auch ihr Leben entrümpelt, glaubt Paulon. "Die dachten irgendwann: Ehemann? Kann weg!"

Dominique Diezi, die Kundin von Karine Paulon, will sich lediglich beruflich neu orientieren. Diezi, 40, war Profischwimmerin und trat bei Olympia an. Nach ihrem Karriereende bekam sie zwei Kinder. Jetzt will sie sich selbstständig machen. Das Aufräumcoaching mit Paulon sei "ein bisschen so ein Midlife-Crisis-Ding".

Glaubt man Marie Kondo, dann ist Aufräumen Therapie. Manche ihrer Kundinnen hätten danach auf magische Weise abgenommen. Andere berichteten von Erfolg im Job und schönerer Haut. Paulon sagt, dass sie "irgendwas zwischen Putzfrau und Psychologin" sei. Nachdem sie mit einem Kunden seinen Kleiderschrank ausgemistet hatte, sei er danach zwei Wochen lang nicht zu gebrauchen gewesen. Das erfuhr Paulon hinterher von der Ehefrau.

Der Mann war Paulons bislang einziger männlicher Kunde. Frauen fühlen sich noch immer selbstverständlich fürs Aufräumen zuständig, als besäßen sie irgendein Ordnungsgen, das Männern fehlte.

Das sieht offenbar auch Marie Kondo so. Lange bot sie Hausbesuche ausschließlich für junge Frauen an. Sie selbst habe immer nur davon geträumt, Hausfrau zu sein, so Kondo. Nun sei es ihre Mission, "die ganze Welt aufzuräumen".

Das erfordert hohen Einsatz. Einmal hatte Kondo bei einer Kundin stundenlang Kisten umhergeschleppt. Am nächsten Tag kam sie mit Schmerzen ins Krankenhaus. Diagnose: Nackenverrenkung aufgrund von zu viel Aufräumen.

Im Video: Aufräumen, aber richtig

DER SPIEGEL


© DER SPIEGEL 15/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.