AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2018

Tierarzt über die Schweinepest "Ich sag's mal so lax: Alles abschießen"

Thomas Blaha ist Tierschützer und Veterinär. Um die Schweinepest zu stoppen, rät er zu radikalen Maßnahmen. Andernfalls drohten verheerende Folgen.

Wildschweine in Polen: "Fairer Abwägungsprozess"
Hansjörg Hörseljau

Wildschweine in Polen: "Fairer Abwägungsprozess"

Ein Interview von


SPIEGEL: Vielerorts in Deutschland wird zur Jagd auf Schwarzwild aufgerufen. Was halten Sie als Tierschützer davon?

Blaha: Lassen wir den Tierschützer erst mal weg, von Haus aus bin ich ja Epidemiologe. Die Afrikanische Schweinepest kommt, wenn sie kommt, am wahrscheinlichsten über das Wildschwein. Sie kommt eher nicht, weil irgendein Mensch das Virus in den Stall trägt. Diese Gefahr der Übertragung ist geringer als bei der Klassischen Schweinepest, die bei uns in den Neunzigern wütete. Damals galt: Wenn ein infiziertes Tier sich in einem Stall an einen Menschen geschmiegt hat, dann konnte der noch 24 Stunden später andere Schweine anstecken. So übertrug sich die Seuche von Hof zu Hof.

SPIEGEL: Die Afrikanische Schweinepest ist also weniger ansteckend?

Blaha: Ja, zumindest auf dem eben beschriebenen Weg. Wir müssen unsere Präventionsmaßnahmen auf die Wildschweinpopulationen konzentrieren. In einer idealen Welt würde man an der Grenze zu Polen und zur Tschechischen Republik, wo die Seuche schon auftritt, die Wildschweine derartig bejagen, dass sie nicht über die Grenze kommen. Außer einer ferkelführenden Bache müsste man in einem Sicherheitsgürtel - ich sag's mal so lax - alles abschießen.

SPIEGEL: Aber würden Bache und Frischlinge dann nicht die Seuche einschleppen?

Blaha: Wenn Jagddruck da ist, bleibt die Bache eher fern. Schweine sind intelligent. Viele Menschen meinen, dass Wildschweine Dämmerungstiere seien. Ein Irrglaube! Sie sind einfach so klug, dass sie wissen, dass der Jäger sie im Hellen sieht. Deshalb kommen sie erst bei Dunkelheit raus.

SPIEGEL: Ist ein derartiges Massentöten von Wildtieren nicht trotzdem ein Frevel?

Blaha: An erster Stelle muss doch der gesellschaftliche Konsens auf der Grundlage eines fairen Abwägungsprozesses stehen, bei dem die Tierrechte berücksichtigt werden, aber nicht das einzige Kriterium sind. Konsens ist immer noch, dass wir Fleisch essen. Konsens ist, dass wir jagen, um Wildpopulationen in einer vernünftigen Dichte zu halten, damit wir Menschen und die Wildtiere in einer guten Koexistenz zusammenleben können.

SPIEGEL: Statt eines großen Schießens an der Grenze finden aber gerade überall in Deutschland Drückjagden statt...

Blaha: ...da es nicht ganz einfach ist, die Jägerschaft zu koordinieren. Die ist nicht deutschlandweit organisiert, das sind Privatleute, Menschen mit unterschiedlichen Interessen. Außerdem: Generelle Jagdanstrengungen sind ja nicht falsch. Wir haben eine viel zu hohe Wildschweindichte, sonst würden die Tiere nicht in den Großstädten auftauchen. Gegen eine Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest helfen solche Drückjagden allerdings nur bedingt.

        Blaha,        70, ist emeritierter Professor der Tierärztlichen Hochschule Hannover und seit 2007 Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz
imago / IPON

Blaha, 70, ist emeritierter Professor der Tierärztlichen Hochschule Hannover und seit 2007 Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz

SPIEGEL: Als Prävention reichte Ihrer Meinung nach die Jagd an den Grenzen?

Blaha: Plus intensiver Schulung und Aufklärung der Jäger! Wenn etwa ein jagender Landwirt ein infiziertes Wildschwein ausweidet, trägt er in der Tat eine relevante Viruslast, mit der er den eigenen Bestand anstecken könnte. Bei der Klassischen Schweinepest ist das tatsächlich passiert. Wir müssen alles dafür tun, dass Wildschwein- und Hausschweinkontakte bei Auslaufhaltung unterbunden werden - und zwar im ganzen Land, nicht nur an der Grenze.

SPIEGEL: Heißt das, Biobauern sollten ihre Schweine nur noch in Ställen halten?

Blaha: Nein. Da reicht eine doppelte Einzäunung. Die Klassische Schweinepest tritt ja seit Langem nicht mehr auf, weil alle dazugelernt haben. Weil die Landwirte seitdem Biosicherheitsmaßnahmen streng berücksichtigen, sich etwa umziehen, wenn sie in den Stall gehen.

SPIEGEL: Wie kommt dann das Wildschwein heute überhaupt noch zum Hausschwein?

Blaha: Unter der Afrikanischen Schweinepest leiden Georgien, Russland, Polen und Tschechien - Länder mit einer nicht so hoch organisierten Landwirtschaft. Da laufen mancherorts noch Schweine ums Haus. Wenn so eine Haussau dann rauscht, riecht das ein Keiler noch auf einen Kilometer Distanz. Und so ein junger behaarter Wildschweinkeiler findet eine nackte Hausschweinsau absolut appetitlich. Was meinen Sie, wie viele gestreifte Mischlingsferkel es früher in der DDR gab - ohne dass es der Verkäufer des Fleisches wusste. Er war ja nicht dabei, als der Keiler nachts die Sau beglückte.

SPIEGEL: Die Länder, die die Afrikanische Schweinepest haben, halten die Tiere also vergleichsweise extensiv. Ist die Gefahr in Deutschland dann nicht geringer als befürchtet wegen der Intensivhaltung?

Blaha: Ja, wir haben hier kein hohes systemisches Risiko. Nicht auszuschließen sind aber einzelne, unüberlegte und dumme Handlungen beziehungsweise "Zufälle". Bei der Afrikanischen Schweinepest besteht die eigentliche Krux aber darin, dass andere Länder Importverbote verhängen, wenn die Schweinepest auch nur einmal nachgewiesen wurde. Und da wir viel exportieren - nach China gehen etwa alle die Innereien, die wir nicht essen -, wäre eine Sperre ökonomisch gesehen eine ziemlich schlimme Sache.

SPIEGEL: Sobald ein einziges Schwein infiziert ist, drohen ganz Deutschland Handelssperren?

Blaha: Ja. Sogar dann, wenn nur Wildschweine infiziert sind - das ist den Polen passiert.



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