AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2018

Nahost-Konflikt Warum ein Mädchen einen Soldaten ohrfeigte

Ein palästinensisches Mädchen schlägt einen israelischen Soldaten, die Bilder gehen um die Welt. Für ihre Familie ist sie eine Heldin - für andere eine Hassfigur.

Angeklagte Tamimi im Militärgericht Ofer
AFP

Angeklagte Tamimi im Militärgericht Ofer


Etwas über zwei Minuten dauert das Video, das Ahed Tamimi, 16 Jahre alt, für die einen zur Heldin macht, für die anderen zur Staatsfeindin. Es ist ein frühlingshafter Dezembertag in den Hügeln Palästinas, und zwei israelische Soldaten stehen am Eingang zum Garten der Familie Tamimi im Dorf Nabi Salih. Ahed Tamimi will, dass sie gehen.

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Heft 11/2018
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

Sie schiebt den einen Soldaten, schubst und tritt ihn, dann gibt sie ihm eine Ohrfeige und ruft: Verschwinde! Der Soldat weicht aus, er ist einen Kopf größer als sie, trägt Uniform, Helm und ein Sturmgewehr. Dann geht sie auf einen zweiten Soldaten los, aber auch er dreht sich weg.

Ihre Cousine Nour steht neben ihr und filmt die Soldaten mit dem Smartphone. Eine Frau und zwei Jungen kommen dazu, sie nehmen das wütende Mädchen bei den Händen und stellen sich gegenüber den Soldaten auf. Damit hört das Video auf, das Ahed Tamimis Mutter Nariman live auf Facebook streamt.

Danach gehen die Mädchen wieder ins Haus zurück. Die Soldaten bleiben. Sie melden den Vorfall nicht, zu geringfügig erscheint er ihnen offenbar. So hätte es enden können.

Elfjährige Tamimi, Soldat 2012
AP

Elfjährige Tamimi, Soldat 2012

Aber dann entdeckt ein rechter israelischer Blogger das Video und verbreitet es. Plötzlich ist Ahed Tamimi überall.

Jeder scheint den Vorfall anders wahrzunehmen. Viele Palästinenser und Araber sehen in Ahed Tamimi eine Heldin und Widerstandskämpferin. Westliche Zuschauer sehen in ihr ein Opfer der Besatzung und die Soldaten als Vorbild - wie schön, dass sie friedlich blieben! Die meisten Israelis sehen in der Ohrfeige dagegen vor allem eine Schmach für ihre Armee.

Danach fordert der Bildungsminister, Ahed Tamimi solle für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis. Der Verteidigungsminister verkündet, die Strafe für sie und ihre Familie müsse hart sein und "für Abschreckung sorgen". Und er droht, nicht nur das Mädchen, auch alle anderen aus ihrem Umfeld würden bestraft werden. Ein einflussreicher Journalist schreibt, man sollte sie den Preis zahlen lassen, "im Dunkeln, ohne Zeugen und Kameras".

Vier Tage nach der Ohrfeige wird Ahed Tamimi verhaftet. Mitten in der Nacht stürmen Soldaten ihr Elternhaus, sie filmen die Verhaftung und veröffentlichen das Video, wie eine Trophäe: Wir haben sie!

Der Fall spaltet seither Israel und macht weltweit Schlagzeilen. Ein israelischer Dichter, der sie mit Anne Frank vergleicht, muss sich entschuldigen. Von Berlin bis New York demonstrieren Menschen für ihre Freilassung. Ihr Bild, oft in Heldenpose verfremdet, überschwemmt Facebook.

Das liegt auch daran, dass Ahed Tamimi keine Unbekannte ist, Bilder von ihr gingen bereits öfter um die Welt. Mal drohte sie einem Soldaten mit der Faust, da war sie 11; mal biss sie einen Soldaten in die Hand, da war sie 14. So wurde sie zu einem Postergirl des neuen palästinensischen Widerstands, der vor allem über Fotos, Videos und soziale Medien funktioniert.

An einem Februarmorgen fast zwei Monate nach ihrer Verhaftung öffnet sich die Tür von Saal Nummer 2 im Militärgericht Ofer, und Ahed Tamimi betritt den Raum, ein Mädchen mit blonden Locken, das vor wenigen Tagen 17 Jahre alt geworden ist, sie trägt eine braune Gefängnisjacke, Hände und Füße sind aneinandergekettet.

Ahed Tamimi will die Hände hochreißen, die Finger formen das Victory-Zeichen, aber eine Aufpasserin drückt ihre Arme nach unten.

Sie schaut herüber zu ihrem Vater Bassem, der ganz hinten auf einer Bank sitzt und jetzt aufspringt; ihr Blick ist selbstbewusst und gleichzeitig seltsam entrückt. Sie schweigt trotzig, so wie sie auch schon während des Verhörs geschwiegen hat.

Vater Bassem Tamimi beim Prozess seiner Tochter
Getty Images

Vater Bassem Tamimi beim Prozess seiner Tochter

Sie scheint nicht mitzubekommen, was um sie herum passiert, all die Journalisten, Fotografen, ausländischen Diplomaten und Aktivisten, die sich in dem engen Raum drängen. Und die alle ihretwegen da sind.

Zwölf Anklagepunkte hat der Militärstaatsanwalt zusammengetragen, darunter: Körperverletzung, Anstiftung zur Gewalt, Steinewerfen. Einige angebliche Vorfälle liegen schon länger zurück. Die Höchststrafe: fünf bis zehn Jahre Haft. Für jeden einzelnen der Anklagepunkte. Aber eigentlich geht es um viel mehr, nicht um eine Ohrfeige, sondern um Ahed Tamimis größtes Verbrechen: dass sie die sinnlose Brutalität der Besatzung bloßgestellt hat.

Daher wird nun im Militärgericht Ofer auch die Frage verhandelt, wie es weitergeht im Jahr 70 dessen, was die einen als ihre Staatsgründung feiern und die anderen als Nakba, als Katastrophe, betrauern. Im Jahr 51 der Besatzung, die scheinbar nicht mehr zu beenden ist. In einer Zeit, in der immer deutlicher wird, dass es längst keinen Friedensprozess mehr gibt; in der Israel zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren wieder neue Siedlungen gründet und rechte Politiker offen über die Annexion des Westjordanlands reden.

In Israel ist eine Regierung an der Macht, die den Konflikt nicht mehr lösen will, sondern sich Palästina nach und nach einverleibt. Im Westjordanland gibt es immer mehr Palästinenser, die von einer Einstaatenlösung reden, wohl wissend, dass sie in diesem Staat bald die Mehrheit stellen würden. Und an der Spitze steht eine Führung, vergreist und autokratisch, die den Oslo-Prozess für gescheitert erklärt und doch keine Idee hat, wie es weitergehen soll.

Vor diesem Hintergrund spielt der Prozess gegen Ahed Tamimi, und man kann darin all die Widersprüche einer Demokratie erkennen, die ein anderes Volk beherrscht. Eines Landes, das sich ausgedehnt hat in ein anderes und das sich vor wenigen Dingen mehr fürchtet als vor dem Virus des friedlichen Widerstands. Das deshalb Demonstrationen nicht erlaubt und brutal auflöst, Minderjährige monatelang ins Gefängnis steckt und mit großem Gleichmut hinnimmt, dass immer wieder Menschen sterben. Und das Recht biegt, damit es richtet, was sich immer weniger richten lässt.

Die Gerichtsmitarbeiter in Saal 2 tragen fast alle Uniform: Richter, Staatsanwalt, Übersetzer, Protokollant. Ihr Chef ist der Verteidigungsminister. Seitdem Israel das Westjordanland erobert hat, gilt für die rund drei Millionen Palästinenser dort Militärrecht, für die 380.000 Siedler dagegen Zivilrecht; selbst bei identischen Vergehen fallen die Strafen für Israelis damit stets geringer aus.

Knapp 6000 Palästinenser, darunter rund 320 Minderjährige, sitzen derzeit in israelischen Gefängnissen. Wer einmal verhaftet ist, bleibt fast immer bis zum Prozessende hinter Gittern; und wer angeklagt ist, wird eigentlich immer schuldig gesprochen. Was auch daran liegt, dass fast kein Palästinenser das ganze Gerichtsverfahren durchläuft. Sie alle lassen sich auf einen Handel ein: Sie liefern das erwünschte Geständnis gegen Straferlass. Denn Gerechtigkeit erwarten sie ohnehin nicht. Ein Verfahren mit Zeugen und Beweisen, an dessen Ende ein Richter zu einem ausgewogenen Urteil kommt - das gibt es praktisch nie. Die Militärgerichte sind nicht Folge der Besatzung, sie sind die Besatzung.

Auf dem Tisch von Ahed Tamimis israelischer Anwältin liegen an diesem ersten Prozesstag zwei Bücher: die Genfer Konventionen und das Buch "Den zivilen Widerstand verteidigen". Gaby Lasky ist Menschenrechtsanwältin aus Tel Aviv, sie hat Dutzende Palästinenser verteidigt.

Aber dieser Fall, sagt sie, sei anders: "Das hier ist kein normaler juristischer Fall, das ist eine Art Rachefeldzug Israels. Denn die größte Bedrohung der Besatzung ist nicht der Terror. Es ist der friedliche Widerstand." Deshalb sei die Ohrfeige, die ein Mädchen einem Soldaten verpasse, so gefährlich für Israel.

Und deshalb hat die Anwältin sich entschieden, ebenso zu antworten: indem sie der Besatzung den Prozess macht.

Ihr wichtigstes Argument: Eine militärische Besatzung dürfe nach den Genfer Konventionen nur vorübergehend sein. Aber kann man nach 51 Jahren von "vorübergehend" sprechen? Und wenn die Besatzung illegal sei, so argumentiert sie, dann sei auch das Militärgericht illegal. Dann dürfe es diesen Prozess gar nicht geben.

Das Gericht reagiert auf seine Weise: Es schließt nach den ersten zehn Minuten alle Beobachter vom Prozess aus. Nur die Angehörigen dürfen bleiben. Die Begründung, sie ist schon fast zum Lachen: zum Schutze der Minderjährigen.

Nach der ersten Anhörung vertagt sich das Gericht. Der nächste Termin: in einem Monat, Mitte März. 47 Zeugen hat der Staatsanwalt benannt; so könnte das Verfahren Monate, gar Jahre dauern. Es ist wohl der Versuch, die Angeklagte zu zermürben. Damit sie am Ende doch in einen Deal einwilligt. Es scheint so, als sehne sich Israel in diesen Tagen nach nichts mehr als dem Schuldeingeständnis einer 17-Jährigen.

Auch die Mutter des Mädchens ist angeklagt wegen Aufstachelung zum Hass, weil sie das Video verbreitet hat; die Cousine ebenfalls wegen Körperverletzung.

Der Vater bleibt bis zum Schluss der drei Verhandlungstermine, es ist später Nachmittag, als er das Gericht verlässt, durch eine Drehtür nach Palästina. Die israelischen und ausländischen Beobachter verlassen es durch eine Drehtür nach Israel. Das Militärgericht Ofer sitzt wie eine Festung auf der Grenze zwischen Jerusalem und Ramallah, ein Labyrinth aus Zäunen und Sperren. Es ist das Sinnbild der perfektionierten Besatzungsinfrastruktur: Für Palästinenser ist der Weg nach Israel versperrt; für Israelis dagegen ist die Grenze vielerorts kaum spürbar.

Er war so oft an diesem Ort, zu oft, seufzt Bassem Tamimi, 50 Jahre alt, ein Mann mit grauem Haar und Schnurrbart; keiner, der oft lächelt. Zehnmal saß er in israelischen Gefängnissen. Einmal, so sagt er, sei er gefoltert worden, Hirnblutung, Koma, danach sei er wochenlang gelähmt gewesen. Die Schwester sei gestorben, als sie zu Besuch ins Gefängnis kam, von der Treppe gestoßen von einer Soldatin, Genickbruch.

Nun ist seine einzige Tochter hier. Und eigentlich konnte es nicht anders kommen.

Die Antwort darauf, warum eine 17-Jährige für die einen zur Heldin und für die anderen zur Hassfigur wird, ja wer diese Ahed Tamimi überhaupt ist und wieso sie einen Soldaten ohrfeigt - sie findet sich im Heimatdorf der Tamimis, in Nabi Salih.

Es liegt rund 20 Kilometer nördlich des Militärgerichts, 30 Kilometer östlich von Tel Aviv, von den Hügeln kann man bei gutem Wetter das Mittelmeer sehen. Die meisten Dorfbewohner waren noch nie dort. Nabi Salih, das ist nicht mehr als eine Hauptstraße, eine Moschee, ein Laden, eine Tankstelle, die Häuser grau und unfertig. Gegenüber des Tals die israelische Siedlung Halamisch, Luftlinie keine 500 Meter, die Häuser sind weiß, die Dächer rot, es gibt ein Schwimmbad, Kreisverkehr, Hollywoodschaukeln. Ein Vorstadtleben im Konfliktgebiet.

Häuser in Nabi Salih, im Hintergrund Halamisch
Amit Shabi / DER SPIEGEL

Häuser in Nabi Salih, im Hintergrund Halamisch

Wie alle Siedlungen im von Israel besetzten Westjordanland ist auch diese nach internationalem Recht illegal, und dennoch floriert Halamisch. Während den Palästinensern gegenüber das Bauen de facto verboten ist, bereiten Bagger hier gerade Grund und Boden für ein Dutzend neuer Häuser vor. So wohnen in Nabi Salih rund 600 Menschen, fast alle heißen Tamimi mit Nachnamen, und in Halamisch inzwischen mehr als doppelt so viele.

Seit ihrer Gründung 1977 hat sich die Siedlung ausgedehnt, sie hat Nabi Salih den Hügel genommen, die Felder, die Olivenbäume. Am Ende nahmen die Siedler auch noch eine Quelle in Beschlag. Da schlossen sich die Dorfbewohner zusammen und zogen im Dezember 2009 zum ersten Mal zur Quelle, angeführt von Bassem Tamimi. So fing es an.

"Wir wussten", sagt Bassem Tamimi, "dass wir so nicht die Besatzung beenden würden. Aber es sollte ein Zeichen sein, dass wir uns nicht einfach unterordnen." An die Zweistaatenlösung glaubte er da schon lange nicht mehr. Oslo, das ist für ihn ein Schimpfwort; die Formel für die Zerteilung Palästinas und das unaufhaltsame Wachstum der Siedlungen.

Bassem Tamimi sitzt auf einem Sofa im Wohnzimmer seines Hauses, es ist kalt, er hat seine Jacke nicht ausgezogen. Man hört in jedem Satz die Wut; als sei sie schon immer da gewesen, und vermutlich ist das auch so. Als Israel im Juni 1967 das Westjordanland eroberte, war er wenige Wochen alt, seine Mutter versteckte sich mit ihm in einer Höhle. Als junger Mann schloss er sich der Fatah an, organisierte die erste Intifada 1987 mit, einen Massenaufstand, der 1993 zu den Verhandlungen von Oslo führte. Ein Leben im Widerstand, gewaltfrei jedoch.

Der Widerstand zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Dorfes, und er war nicht immer friedlich. 1948 kämpften sie gegen Israel, später schlossen sich einige der PLO an. Von hier kamen auch die drei Männer, die nach Oslo einen Siedler ermordeten, um den ihrer Meinung nach falschen Frieden zu verhindern. Und von hier kam die Studentin Ahlam, die 2001 einen Attentäter nach Jerusalem brachte, wo er sich in einer Pizzeria in die Luft sprengte und 15 Menschen tötete. Alle vier heißen mit Nachnamen Tamimi.

Die meisten Dorfbewohner unterstützen die Taten der vier nicht, aber sie verurteilen sie auch nicht. Sie haben gefeiert, als sie aus der Haft freikamen, der Letzte 2014. Vielleicht kann der, der stets selbst Opfer ist, irgendwann kein Mitleid mehr spüren.

So erwähnt auch niemand in Nabi Salih die Morde in Halamisch.

Im Juli 2017 erstach dort ein junger Palästinenser drei Siedler; er kam aus einem Dorf bei Ramallah und stand der Hamas nahe. Mit Nabi Salih hatte er nichts zu tun. Und trotzdem: kein Wort des Bedauerns.

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"Wer hat denn Ahlam dazu gebracht, bei einem Selbstmordattentat zu helfen? Es war die Besatzung", sagt Bassem Tamimi. Und baute nicht auch Mandela Bomben? Und haben nicht auch die Israelis gemordet, um ihre Unabhängigkeit zu gewinnen? So fragt er. Jedes Argument geschliffen wie ein Kieselstein vom vielen Gebrauch.

Er hält Gewalt gegen die Besatzer nicht grundsätzlich für falsch. "Aber gewaltsamer Widerstand ist nicht effektiv. Seit 1948 haben wir das probiert, und es ist immer nur schlimmer geworden." Die zweite Intifada, sie sei eine Katastrophe gewesen, sagt er. Wegen der vielen Toten auf beiden Seiten und weil sich die Weltöffentlichkeit gegen die Palästinenser wandte.

Also marschierten sie von jenem Dezember 2009 an jeden Freitag, mehr als sieben Jahre lang, bis zum Sommer 2017. Dann hörten sie auf. Der Preis war einfach zu hoch. Zwei Tote, 550 Verletzte, 214 Verhaftete, 30 Hausbrände. Am Ende waren mehr Demonstranten in Haft als auf der Straße. Es gab ständig nächtliche Durchsuchungen. Das Dorf war gespalten. Und der Funke, den Bassem Tamimi hatte entzünden wollen, war nicht übergesprungen.

Jeden Freitag rückte Israel mit Dutzenden Soldaten an, mit Tränengas, mit Blendgranaten, mit einem Wagen voll stinkender Flüssigkeit, mit Kaliber-.22-Munition und mit Gummigeschossen, ein verniedlichendes Wort für Metallkugeln, mit Gummi ummantelt. Die Dorfbewohner kamen mit Flaggen und Plakaten, und nachdem die Soldaten angefangen hatten, ihr Tränengas, ihre Blendgranaten und ihre Gummigeschosse zu verschießen, warfen die Jugendlichen meist Steine. Es war fast schon ein Ritual.

Aber natürlich war die israelische Reaktion so gefürchtet wie erwünscht. Oft waren Journalisten und Fotografen dabei, so verbreiteten sich die Bilder vom heldenhaften Nabi Salih. Sie starteten ihre eigene kleine Social-Media-Intifada. Hunderte Videos haben allein die Tamimis an diesen Freitagen gedreht und auf YouTube hochgeladen; sie posteten auf Facebook und sprachen in jede Fernsehkamera. So verbreitete sich Nabi Salih in der Welt. Eine Art gallisches Dorf im Westjordanland.

Auch Ahed Tamimi marschierte freitags mit, zusammen mit ihren drei Brüdern. Als die Proteste begannen, war sie acht Jahre alt. Wenn die Soldaten Tränengas verschossen, rannte sie kreischend weg. Ein schüchternes Mädchen eigentlich, das sagen viele, die sie kennen.

Und doch, als die Soldaten einmal ihre Mutter verhaften wollten, baute sie sich vor ihnen auf, eine Elfjährige mit dünnen Armen und Pferdeschwanz, sie schwang ihre Faust. Drei Jahre später, da war sie 14, pinkfarbenes T-Shirt, geflochtener Zopf, biss sie einem Soldaten in die Hand, der ihren jüngeren Bruder festnehmen wollte.

Die Bilder von beiden Vorfällen machten sie berühmt. Ahed Tamimi wurde eingeladen in die Türkei, nach Südafrika und ins Europäische Parlament. Es gibt ein Video von ihr, man sieht darauf, wie sie auf einem Schiff den Bosporus entlangfährt, die Villen am Ufer filmt und die Möwen füttert. Auf einem anderen sieht man sie mit Recep Tayyip Erdogan, in der Hand einen riesigen Strauß weißer Lilien. Sie wurde zum Maskottchen der Israel-Hasser und Palästina-Aktivisten. Ein kleines, ernstes Mädchen, das selten lächelt. Am schönsten in der Türkei fand sie das Meer.

Eine Kindheit in Nabi Salih, das ist die ständige Angst vor Gewalt und Willkür. Nicht nur Ahed Tamimis Vater, auch ihre Mutter wurde fünfmal festgenommen, ein Jahr ging sie an Krücken, nachdem eine israelische Kugel ihren Oberschenkelknochen zertrümmert hatte. Ihr Bruder Waed saß mehrere Monate lang im Gefängnis.

In einem Fernsehinterview, da war sie 15, sagte Ahed Tamimi: "Jederzeit können die Soldaten kommen und uns töten. Auch wenn ich keine Angst vor dem Tod habe, fürchte ich immer, meine Familie zu verlieren, diejenigen, die ich liebe, meine Freunde." Um den Hals trug sie die Hülse der Kugel, mit der ihr Onkel Rushdie während einer Demonstration getötet worden war.

Ende 2012 war das, die Soldaten hatten so lange Tränengas verschossen, bis es alle war. Also feuerten sie mit echter Munition, 80 Schuss, einer traf den Onkel. Und obwohl die Armee feststellte, dass der Einsatz von Schusswaffen nicht gerechtfertigt war, blieb sein Tod ohne juristische Folgen. Wie auch schon bei ihrem Cousin Mustafa Tamimi, gestorben ein Jahr zuvor, den eine Tränengaskartusche aus unmittelbarer Nähe im Gesicht getroffen hatte.

Nun ist sie also selbst in Haft.

Zwei Wochen vor Prozessbeginn, am 31. Januar, wird Ahed Tamimi 17 Jahre alt, und ihre Schulfreundinnen kommen nach Nabi Salih. Als in der Siedlung gegenüber die Straßenbeleuchtung anspringt und Nabi Salih in der Dunkelheit versinkt, zünden sie Teelichte an, auf deren Gläser sie Aheds Foto geklebt haben. Sie erzählen, ihre Freundin habe im Unterricht am liebsten Frauengesichter gemalt, sie gehe gern shoppen, wolle Anwältin werden oder Fußballerin. Dann zeigen sie Selfies auf ihren pinkfarbenen Smartphones, wie sie Teenager überall machen: Kussmund, Grimassen, in Pose geworfen, mal mit Blumengirlanden im Haar, mal in Schuluniform; Ahed mittendrin.

Die Presse ist da, viele Aktivisten, der palästinensische Minister für Gefangene. Sie singen die Nationalhymne und essen einen Kuchen mit Aheds Foto darauf. Und Bassem Tamimi ist stolz und unendlich traurig zugleich. Es sei hart zu wissen, dass Ahed im Gefängnis sei, sagt er, dass sie nun das Gleiche durchmache wie er einst.

Fühlt er sich schuldig, weil er seine Tochter nicht vor der Haft bewahrt hat?

Er verzieht das Gesicht, er hat diese Frage schon so oft gehört. Den Vorwurf darin. "Was soll ich tun? Gibt es eine Wahl?", fragt er zurück. Wie soll man die Kinder bewahren vor dem, was die Besatzung bedeutet, vor dem Anblick der Soldaten, der Gewalt, die jederzeit ausbrechen kann? "Das Einzige, was wir tun können, ist, sie vorzubereiten. Sie stark zu machen."

Die Kinder hier erleben die Machtlosigkeit ihrer Eltern jeden Tag, das nimmt ihnen das Gefühl der Sicherheit, sie werden rebellischer, sie lassen sich nichts vorschreiben. Es gibt im Dorf so gut wie kein Haus ohne Kinder, die nicht versehrt oder schon mal verhaftet worden sind; sie haben nachts Albträume, tagsüber rasten sie aus. Die Demonstrationen, das Steinewerfen, das ist für sie halb Spiel, halb bitterer Ernst. Sie sind es, die den höchsten Preis zahlen, eine Generation, die mit einem Trauma heranwächst.

Es sind Kinder wie Mohammed Tamimi, 15, ein Junge mit einem zerstörten Gesicht. Er sitzt auf einem braunen Sofa im abgedunkelten Wohnzimmer, eine Narbe zieht sich über seine linke Gesichtshälfte, ein Teil seiner Schädeldecke fehlt, das Gehirn ist noch immer geschwollen. Er trägt ein Basecap, er nimmt es nur widerwillig ab.

Sie hatten an jenem 15. Dezember des vergangenen Jahres gegen Donald Trumps Entscheidung protestiert, Jerusalem als israelische Hauptstadt anzuerkennen, und in Nabi Salih tobte der übliche Stellungskrieg. Mohammed war wie immer dabei, er kletterte auf eine Mauer, auf der anderen Seite saß ein Soldat und feuerte ihm ein Gummigeschoss ins Gesicht, überall Blut. Seine Freunde dachten, er sei tot. Und Ahed Tamimi, seine Cousine, hörte die Nachricht und schlug den Soldaten.

Mohammed überlebte, er wurde operiert, sechs Tage später wachte er auf.

Verletzter Mohammed Tamimi
Amit Shabi / DER SPIEGEL

Verletzter Mohammed Tamimi

Die Mutter, leise: Er wird jetzt schnell wütend, schreit, fängt an zu weinen, er kann seine Reaktionen nicht kontrollieren. "Er ist nicht mehr derselbe."

Mohammed: "Angst hatte ich nie, der Protest gegen die Soldaten war für uns wie ein Spiel." Angst, sagt er, habe er nur vor dem Gefängnis. Drei Monate lang war er damals dort, ein 14-Jähriger, der Steine auf ein Armeefahrzeug geworfen hatte. Stundenlange Verhöre, sie brüllten ihn an, er durfte seine Eltern nicht sehen. Jetzt ist diese Angst wieder da, die Soldaten haben angekündigt, ihn bald abzuholen.

2013 hat Unicef in einem Bericht Israel vorgeworfen, die Rechte verhafteter Kinder systematisch zu verletzen. Sie dürfen ihre Eltern oft nicht kontaktieren, sitzen tagelang in Isolationshaft, werden bedroht und schikaniert. In Nabi Salih hat die Armee 2012 alle Kinder fotografiert und Pläne erstellt, die zeigen, wo sich ihre Betten befinden, so erzählt es die Anwältin Gaby Lasky. Eine Drohgebärde gegenüber den Eltern, sagt sie: Haltet euch zurück.

Die Kinder von Nabi Salih können fachsimpeln über die Art des Tränengases und die beste Taktik gegenüber den Soldaten. Sie reden über den Konflikt wie Erwachsene, und sie sagen Sätze wie: "Wir Palästinenser haben gelernt, unsere Furcht zu kontrollieren - und sie nicht die Kontrolle über uns gewinnen zu lassen. Ich würde nie vor den anderen Kindern weinen."

Das sagt Janna Tamimi, elf Jahre alt, auch sie eine Cousine von Ahed, ein hübsches Mädchen mit grünen Augen, das sich auf Facebook Janna Jihad nennt und 278.619 Follower hat. Sie war mit drei Jahren zum ersten Mal demonstrieren.

Cousine Janna Tamimi
Amit Shabi / DER SPIEGEL

Cousine Janna Tamimi

Wogegen demonstriert sie? "Dagegen, dass wir nicht ohne Angst in die Schule gehen können, dass wir ständig um unsere Sicherheit fürchten müssen. Dass wir nicht überallhin können. Dass Leute verletzt werden. Freunde von mir wurden angeschossen, einer hatte einen Nierenriss." Sie sagt tatsächlich: Nierenriss. Auf Englisch.

"Wenn es ginge, würde ich gern eine normale Kindheit haben", das sagt sie zum Schluss. Der Blick ernst, die Sätze wie auswendig gelernt, so viele Interviews hat sie schon gegeben. Für das Foto legt ihre Mutter ihr ein Palästinensertuch um.

Rechte Aktivisten sprechen auch deshalb gern von Pallywood; sie wittern überall die Inszenierung und haben sogar unterstellt, Ahed Tamimi sei eine angeheuerte Schauspielerin. Nicht irgendwer sagte das, sondern ein Abgeordneter, ehemals Botschafter Israels in den USA.

Die Wahrheit ist viel einfacher: Die Kinder reden so, weil sie nie etwas anderes kennengelernt haben, weil die Besatzung ihr Alltag ist, genauso wie der Protest dagegen. Und vielleicht ist das noch schlimmer. Gleichzeitig wissen sie in Nabi Salih natürlich, dass ihre so ernsten und zugleich verletzlichen Kinder die stärkste Erzählung sind, die sie haben. Das ist der Zwiespalt, in dem auch Bassem Tamimi feststeckt, als Vater und als Anführer des Widerstands.

"Ich bin glücklich, dass meine Tochter eine Ikone des palästinensischen Widerstands geworden ist", sagt Bassem Tamimi; sie sei Teil einer "neuen Generation von Freiheitskämpfern". Er hofft immer noch, dass sich mehr Palästinenser dem Widerstand anschließen, dass es eine dritte Intifada gibt, die der ersten ähnelt. Der Fall seiner Tochter sei doch das beste Beispiel für den Erfolg dieser Strategie. "Für die Israelis ist Ahed ein Symbol des friedlichen Widerstands. Deshalb wollen sie sie brechen." Vielleicht, sagt er, sei ihr Prozess jetzt der entscheidende Funke.

Damit könnte die Geschichte enden. Aber sie geht noch weiter. Kurz nach Ahed Tamimi wurden auch drei junge Männer aus dem Dorf verhaftet, fast drei Wochen verbrachten sie in Einzelhaft und wurden immer wieder verhört. Danach beschuldigten sie Freunde und Angehörige, Steine geworfen zu haben. Es klingt nach dem verzweifelten Versuch, Belastendes zu erfinden, um der Haft zu entkommen. Und es scheint genau jene Rache zu sein, die der Verteidigungsminister angedroht hat.

Vergangene Woche werden dann elf weitere Dorfbewohner mitten in der Nacht von Soldaten verhaftet, auf Grundlage dieser Beschuldigungen, darunter fünf Minderjährige. Auch Mohammed ist dabei, der 15-Jährige mit dem zerstörten Gesicht, der solche Angst vor dem Gefängnis hat.

Wenige Stunden später kommt er frei. Er hat ein Geständnis unterschrieben, dass er keine Kugel in den Kopf bekommen hat. Sondern vom Fahrrad gefallen ist.



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