AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2018

Laylas Mutter sitzt im Gefängnis "Mama, wann kommst du nach Hause?"

Einmal im Monat darf die achtjährige Layla ihre Mutter im Gefängnis besuchen. Sie sitzt dort wegen Totschlags. Was ist das für ein Leben?

Layla, Mutter Magan im Besucherraum des Gefängnisses: "Ich möchte heute nicht gehen"
Sara Naomi Lewkowicz/ DER SPIEGEL

Layla, Mutter Magan im Besucherraum des Gefängnisses: "Ich möchte heute nicht gehen"

Von , Fotos: Sara Naomi Lewkowicz


Südlich des Colorado ist ihre Angst geboren, sagt Tina Cordova, in der Vorstadt, wo die Straßen harmlos klingen. "Orangenblüte" heißen sie hier, "Segelnde Brise" oder "Fließendes Wasser". Tief in einen Lehnstuhl gedrückt, im Schein einer Stehlampe, sagt Cordova, man könne hier eine gute Kindheit verleben, ihre aber war es nicht.

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Heft 15/2018
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Ihre frühen Erinnerungen sind lückenhaft, es gibt nur Fragmente in ihrem Gedächtnis, wie die Reste einer verbrannten Karte. Als Kind dachte Cordova, es sei normal, dass ihre Großmutter in Schuhe pinkelt, wenn sie wieder zu viel getrunken hat. Normal, dass sie ihren Vater nicht kennt, weil er im Gefängnis ist. Normal, jeden Tag Hunger zu haben. Einmal schrieb sie mit roter Farbe in das Waschbecken "Please stop".

Sie hoffte, dass ihre Mutter es lesen würde, wenn sie mal zu Hause war, um Heroin zu spritzen. Aber die Mutter hörte nicht auf. Es würde alles besser werden, glaubte die Tochter, wenn ihr Vater aus dem Gefängnis käme. Sie stellte sich vor, wie dieser Mann, den sie nicht kannte, sie in den Arm nähme und ihr einfach nur sagte, dass er sie liebe. Diesen Satz hatte sie noch nie gehört.

Cordova ist heute 52 Jahre alt, eine müde, schöne Frau mit schulterlangem schwarzem Haar. Sie will nicht getröstet werden, sagt sie, sie kann schlecht mit Mitleid umgehen, sie will einfach nur ihre Geschichte erzählen, vielleicht hilft es irgendeinem da draußen.

Sie zeigt vage aus dem Fenster, in Richtung der Stadt, die sie nie verlassen hat, Austin in Texas. Sie würde gern einmal in ein anderes Land fahren, nur um zu sehen, wie das so ist, aber es kommt ihr abenteuerlich und auch etwas absonderlich vor.

Ihre Enkelin betritt das Wohnzimmer, ein scheues Mädchen, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Layla heißt sie, acht Jahre alt, seit fünf Jahren kümmert sich die Großmutter um das Mädchen, weil ihre Tochter es nicht mehr kann. Layla schaut aus dunklen Augen ihre Großmutter an, sieht die Tränen, dann schaut sie schnell zu Boden. "Geh nach draußen, geh spielen", sagt Cordova. Sie versucht, leise zu reden, wenn Layla in der Nähe ist, damit das Mädchen das Schlimmste nicht hört.

Manchmal nimmt sie Layla mit zu den Anonymen Alkoholikern, aber dann spart sie manche Erzählungen aus. Das Mädchen weiß nicht, dass seine Mutter betrunken einen Mann totgefahren hat. Es weiß nur, dass sie im Gefängnis ist, weil sie etwas Schlechtes getan hat. Morgen werden sich die beiden sehen, zur Besuchszeit, die nur gewährt wird, wenn die Mutter sich gut verhält im Gefängnis, keine Schlägereien anfängt, die Wärterinnen nicht beschimpft.

Tochter Layla vor Gefängnistor in Texas: "Was ist, wenn ich dich befreie?"
Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

Tochter Layla vor Gefängnistor in Texas: "Was ist, wenn ich dich befreie?"

Wenn es ein Versuchslabor gäbe für kaputte Familien, Cordovas Familie wäre Teil davon. Seit Generationen sind Mitglieder ihrer Familie süchtig, im Gefängnis, werden geschlagen, schlagen selbst zu. "Cycle of abuse", Kreislauf des Missbrauchs, nennen das Wissenschaftler. Wer selbst als Kind Gewalt erlebt hat, ist eher bereit, seine Kinder zu schlagen. Wer selbst im Gefängnis war, dessen Kinder landen öfter im Gefängnis. Wer Alkoholiker ist, dessen Kinder werden leichter zu Alkoholikern. Das passiert, obwohl die Eltern es nicht wollen und sich selbst dafür verabscheuen. Erst in den letzten Jahren haben Forscher herausgefunden, dass Gewalt Veränderungen an der DNA bewirken kann. Eine Gewalterfahrung während der Schwangerschaft ist im Erbgut der zwei folgenden Generationen nachweisbar. Kinder, die Gewalt erleben, werden häufig zu guten Beobachtern, weil sie Bedrohungen schneller wahrnehmen müssen, und sie haben es gleichzeitig schwer, ihre Gefühle einzuordnen, weil es ihnen niemand beigebracht hat.

Eine Erinnerung der Großmutter: Sie ist vier Jahre alt und irrt durch das Haus, aber niemand ist da, wie so oft. Sie setzt sich auf die großen, hölzernen Stufen der Veranda. Es ist Abend, und sie sieht dem Sonnenuntergang zu, der Himmel ist erfüllt mit weißem Wolken und orangefarbenem Licht. Vor sich sieht sie das große Weizenfeld, die Nachbarhäuser, kein Mensch ist zu sehen. Sie fragt sich, ob sie vielleicht der einzige Mensch in der Stadt ist, ob alle fortgegangen sind und sie allein zurückgelassen haben. Vielleicht, denkt sie, ist etwas Schreckliches passiert. Vielleicht ist sie der einzige Mensch auf der ganzen Welt. Sie spürt wieder das Gefühl, das ihr den Hals zuschnürt, sie kann es schwer beschreiben, das Gefühl, von dem sie denkt, es sei normal: Angst.

Tina Cordova ging gern in die Schule, weil sie wusste, dass es dort etwas zu essen gibt. Mit 13 Jahren wird sie zum ersten Mal von einem älteren Jungen vergewaltigt. Sie wird schwanger. Der Junge nimmt sie mit zu sich nach Hause. Ihre Mutter meldet sie als vermisst. Als die Polizisten sie finden, bringen sie Cordova in den Jugendarrest, weil sie in der Schule fehlte und damit als Ausreißerin gilt. Ihr Vater besucht sie, selbst aus dem Gefängnis entlassen, ein fremder Mann, betrunken, der ihr in einer Geste der Unbeholfenheit hundert Dollar zusteckt und sie wieder alleinlässt. Ihre Mutter beschließt, sie zu verheiraten, um die Ehre ihrer Tochter zu bewahren. "Es war erbärmlich", sagt Cordova. Mit Hochzeitsringen, die ihr nicht passen, mit einem hastig geliehenen Kleid, das ihr zu groß ist, steht sie vor dem Altar mit einem Sadisten, vor dem sie sich fürchtet. Eine Woche später steht sie für Essenmarken an, ein Kind, das als erwachsen gilt, sie soll nun selbst für ihr Leben aufkommen.

Großmutter Cordova mit Layla: "Gefängnis ist einfach"
Sara Naomi Lewkowicz/ DER SPIEGEL

Großmutter Cordova mit Layla: "Gefängnis ist einfach"

Sie lebt wie Aschenputtel, sagt Cordova, wie das Mädchen im Märchen, das in der Asche neben dem Herd schläft. Nur der Prinz kam nie. Sie isst das, was ihre Schwiegereltern übrig lassen, sie trägt die Klamotten auf, die ihre Verwandten nicht mehr wollen. Sie wird verantwortlich gemacht, wenn ihr Mann aggressiv wird. Er schlägt sie jeden Tag. Ihrem Sohn bringt er bei, einen Hund mit einer Plastiktüte zu ersticken. Sie spürt in sich eine Wut heranwachsen, auf ihren Mann, auf ihre Schwiegermutter, auf die Welt, vor allem aber auf sich selbst. Sie denkt oft darüber nach, warum sie geschlagen wird, irgendwie müsse sie es ja verdienen, als ob es einen Grund dafür gäbe. Und sie schwört sich: Ihre Kinder werden nicht geschlagen. Sie wird keine Drogen nehmen. Und der Kühlschrank wird immer voll sein. Aber nur den letzten Schwur wird sie halten.

Am Abend bevor Layla ihre Mutter im Gefängnis besucht, backt sie die Muffins, die ihre Mutter am liebsten isst. Sie erhitzt Schokolade auf dem Herd, wäscht die Erdbeeren, rührt den Teig. "Gefängnis ist einfach", sagt sie, "man muss nur seine Schuhe am Eingang ausziehen." Sie kocht für ihre Mutter, sie tröstet sie am Telefon, sie erzählt ihr vom Leben draußen, das ihre Mutter nicht mehr kennt. Wenn sie im Lotto gewinnen würde, sagt Layla, und eine Million Dollar hätte, dann würde sie ihrer Mutter einen Anwalt organisieren, um sie endlich rauszuholen. Als Layla fünf Jahre alt war, fragte sie ihre Mutter, ob die nicht einfach aus dem Fenster klettern könne. "Nein", antwortete sie, "hier sind Leute, die aufpassen." - "Und was ist, wenn ich dich befreie?", fragte Layla.

Kinder wie Layla werden früher erwachsen als ihre Mitschüler, sie lernen, die Geheimnisse der Erwachsenen zu bewahren, mitzuspielen. Wenn jemand Layla nun fragt, wo ihre Mutter sei, sagt sie: "Sie studiert." Das ist nicht gelogen, das ist ihr wichtig, denn im Gefängnis hat ihre Mutter ein Fernstudium angefangen. "Parentifizierung" nennen Soziologen Laylas Verhalten, wenn sich die Rollen umkehren, wenn die Kinder Eltern ihrer Eltern werden.

Laylas Mutter, Cordovas Tochter, heißt Magan, sie musste als Kind nie nach Essbarem suchen. Sie lernt Französisch, sie schreibt gute Noten, sie spielt Volleyball. Cordova kontrolliert alles, was ihre Tochter Magan macht, sie soll es einmal besser haben als sie, nicht von der Schule fliegen, nicht die falschen Männer kennenlernen. Sie verfolgt Magan bis in den Klassenraum, um zu sehen, ob sie auch hingeht, sie überprüft ihre Hausaufgaben, sie wird wütend, wenn sie kurze Röcke trägt. In der Schule setzt sich ein Junge neben Magan. Er ist anders, wild, ihn interessieren die Regeln nicht. Er trägt die Kleider seiner älteren Brüder, er nimmt Kokain, seine Klassenkameraden haben Respekt vor ihm. Magan verliebt sich. Er schlägt sie das erste Mal, zwei Monate später, vor ihren Freunden.

Auch ihre Mutter schlägt Magan jetzt, weil sie immer öfter betrunken nach Hause kommt, auf Partys geht, eines Nachts liegt sie bewusstlos auf der Veranda, die Augen verdreht, die Hose aufgeknöpft, abgelegt nach einer Party, von mehreren Jungs missbraucht, die alles gefilmt haben, wie sie am nächsten Tag in der Schule erfährt. An diesem Tag verliert sie den Respekt vor sich selbst. Ihr helfen die Tabletten, die ihr Freund ihr gibt. Es ist Xanax, ein Medikament, das den Menschen die Furcht nimmt - mit Xanax fühlt sie sich stark, unabhängig, sie ist dann weg von ihrer kontrollwütigen Mutter, vergisst die Prügel ihres Freundes. Auch ohne Xanax glaubt sie, es gehöre dazu, geschlagen zu werden. Männer sind im Leben von Tochter und Mutter entweder eine Bedrohung oder abwesend. Sie schlagen, vergewaltigen, besorgen Drogen. Sobald ein Kind da ist, hauen sie ab. Cordova sagt: "Wir haben uns diese Männer gesucht, weil sie uns so behandeln, wie wir uns fühlen: wertlos."

Die ersten zwei Jahre nach der Inhaftierung wusste Layla nicht, dass ihre Mutter im Gefängnis war, sie sagten ihr, die Mama würde studieren. Layla verstand nie, warum sie nicht trotzdem wenigstens einmal nach Hause kommen konnte. Wenn Eltern ins Gefängnis kommen, glauben Kinder oft, sie hätten etwas falsch gemacht, ihre Eltern würden sie nicht mehr lieben und hätten sie deshalb verlassen. Kinder entschuldigen sich dann oft beim ersten Wiedersehen. Als Layla Magan das erste Mal besuchte, saßen sie an einem Plastiktisch im Gefängnis, ein Wärter daneben, sie sah eine fremde Frau vor sich. "Wer ist das?", fragte sie ihre Großmutter. "Deine Mutter", sagte die.

In ihrem Kinderzimmer hat sich Layla einen Altar aufgebaut mit allen Dingen, die sie an ihre Mutter erinnern sollen: CDs mit Einschlafgeschichten, die ihre Mutter im Gefängnis eingelesen hat; Handabdrücken auf Papier, die aussehen, als ob sie sich berührten; einem Tagebuch, in das sie notiert, was sie erlebt hat, damit sie es ihrer Mutter einmal vorlesen kann. Vor dem Schlafengehen sortiert Layla ihre Actionfiguren, die sie in der Kommode neben dem Bett aufbewahrt: den starken, grünen Hulk, unbesiegbar; Spiderman, der jedes Hindernis überwindet; Batman, reich und unabhängig, der keine Angst kennt; und das Flugzeug von Wonder Woman, mit dem sie jedem Konflikt aus dem Weg fliegen kann. Wenn sie sich eine Superkraft wünschen könnte, sagt Layla, dann wäre es, unsichtbar zu sein.

Als es dämmert, draußen in der Vorstadt, da verwandelt sich Layla von der Mutter wieder in ein kleines Kind, das Angst hat vor der Dunkelheit. Auf dem Teppichboden wachen ihre Superhelden, der grüne Hulk hängt neben den Fotos ihrer Mutter, und das Flugzeug von Wonder Woman hat sie unter ihr Bett geschoben. Im Schlafanzug redet sie mit ihrer Oma über den Tag, dann, wenn sie allein sind, so erzählen es die beiden, spricht Layla ihre Gebete, und wenn sie sehr traurig ist, dann liest sie, was ihre Mutter ihr aus dem Gefängnis geschrieben hat: "Für die Tage, an denen wir nicht reden können", steht auf einem handgeschriebenen Zettel am Kopfende ihres Bettes, und darunter: "Ich liebe dich bis zum Mond und zurück."

Am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, besteigt Layla müde den kleinen Bus, der sie ins Gefängnis bringen soll. Ihre Großmutter kommt nicht mit. Die Zeit soll Mutter und Tochter gehören, sagt sie. Am Steuer sitzt die Leiterin ihrer Pfadfindergruppe, daneben eine Therapeutin, die die Treffen begleitet. Layla schaut schweigend nach draußen, während die Häuser weniger und die Felder größer werden. Gefängnisse werden in den USA, dem Land der Massenverhaftungen, meist auf billigem Land gebaut, weit außerhalb der Städte, die Fahrt dauert zwei Stunden. Ohne die Pfadfinder könnte sich Laylas Familie die Reise nicht leisten. "Troop 1500" heißt die Gruppe, alle ihre Mitglieder haben Mütter im Gefängnis, hier können sie das Geheimnis erzählen, ohne verachtet zu werden. Ein kleiner Kreis von Mädchen, die eine Chance haben. Mehr als 1,2 Millionen Kinder allein in Texas haben einen Vater oder eine Mutter im Gefängnis.

Nicht alle Mütter schaffen es wie Magan, ihre Tochter in den Arm zu nehmen.

Layla beginnt, von Wonder Woman zu erzählen, der Amazonin, die im Weltkrieg das Böse besiegt. Wonder Woman ist stark, und sie trifft immer die richtigen Entscheidungen. Laylas Lieblingsszene ist die, als ihre Heldin aus dem Schützengraben springt, um im feindlichen Feuer ein Dorf voller Zivilisten zu retten. Als sich am Horizont die Türme des Gefängnisses abzeichnen, rutscht Layla unruhig auf dem Stuhl hin und her. Sie fährt sich mit dem Finger durch die Haare. Sie will schön aussehen für ihre Mutter, sagt sie.

Der Gefängniskomplex, in dem Magan einsitzt, heißt "Mountain View", Bergblick. Doch es gibt hier keine Berge und auch keinen Blick. Hinter hölzernen Baracken erstrecken sich lange Backsteingebäude. Es wirkt wie der Parkplatz eines Gewerbegebiets in der Ebene von Zentral-Texas, nur mit Stacheldraht und Türmen. In diesem Gefängnis warten die Todeskandidatinnen von Texas auf ihre Exekution, hier sitzen Mörderinnen ohne die Möglichkeit der Bewährung: Frauen, die ihre Männer mit einem Hammer erschlagen haben, die 80-jährige Nachbarn mit einem Schlachtermesser erstochen oder ihren eigenen Sohn getötet haben. Und Laylas Mutter. "Die Kinder zuerst", sagt der Wärter an der Sicherheitsschleuse. Layla legt ihre Schuhe am Eingang ab, betritt den Metalldetektor, wie sie es gelernt hat. Zwei Beamte durchsuchen die Box mit den Muffins. Layla zeigt ihren Ausweis, der Wärter spricht Anweisungen ins Funkgerät, die Pforte öffnet sich, dahinter wartet ihre Mutter. Sie haben jetzt vier Stunden.

Magan ist heute Morgen um 4.30 Uhr aufgestanden, um einen Boiler im Gefängnis zu warten, später muss sie noch einen Essay im Fach Kunstgeschichte schreiben. Sie arbeitet jeden Tag, sie kriegt dafür kein Geld, für das Studium hat sie einen Kredit aufgenommen, aber beides hilft ihr, ihre Tochter zu sehen. Besuchstermine gibt es nur bei guter Führung. Am Vormittag legen ihr die Wärterinnen Handschellen an, zweimal wird jede Stelle ihres Körpers abgetastet, dann darf sie den Käfig des Gefangenentransporters betreten, der sie zum Lehrraum des Gefängnisses bringt, wo sie ihre Tochter sehen kann.

Layla (2.v.r.) bei Fußballturnier: Wann wird ein Spiel wichtiger sein als die Mutter?
Sara Naomi Lewkowicz/ DER SPIEGEL

Layla (2.v.r.) bei Fußballturnier: Wann wird ein Spiel wichtiger sein als die Mutter?

Als sie 21 Jahre alt war, hat Magan sich von ihrem Freund getrennt. Sie hat einen Mann kennengelernt, der sie nicht schlägt, und endlich eine eigene Wohnung gefunden. Sie hat eine Ausbildung beendet, zur Arzthelferin. Dann, an einem Juniabend vor fünf Jahren, überredet eine Freundin sie, auf einen Drink mitzukommen. Magan bringt ihr Kind zu ihrem Bruder, es ist das letzte Mal, dass sie ihre Tochter in Freiheit sehen wird. Die Freundin besorgt ihr Xanax. "Nur noch einmal feiern", sagt sie. Sie fühlt sich leicht. Ein Bekannter ist da, der ihr mehr Tabletten gibt, er will wissen, wo sie wohnt, er wird aufdringlich. Sie streiten sich, beide sind betrunken. Magan will nach Hause. Der Mann fährt hinter ihr her, so erzählt es Magan. Sie übersieht die Ampel, reißt das Steuer herum und rast in eine Wäscherei. Dort arbeitet Adan Recendez-Guevara, den sie zwischen Wagen und Trockner einquetscht. Noch am Steuer wird sie festgenommen. Sie zeigt keine Reaktion. 19 Tage später stirbt Adan, Familienvater, an seinen Verletzungen. 15 Jahre Haft ordnet das Gericht an. Layla ist drei Jahre alt. Einige Menschen machen kleine Fehler, andere machen große Fehler, sagt Magan. Sie hat einen großen Fehler gemacht.

Als das Tor aufgeht und Layla vor Freude auf und ab springt, dürfen sich die beiden nicht begrüßen. Sie stehen aufgereiht an einer gelben Linie, erst auf das Signal der Wärter laufen sie in den Raum hinein, in dem das Schweigen endet, dort, wo Magan für ein paar Stunden im Monat Mutter sein kann.

Als Layla endlich ihre Mutter in den Arm nehmen darf, geht sie ganz nah an ihr Ohr heran. "Ich habe dich so vermisst", flüstert sie. Ganz lange bleiben sie einfach in ihrer Umarmung stehen, und Magan betastet jede einzelne Erhebung der Wirbelsäule ihrer Tochter, als müsste sie sich vergewissern, ob sie noch da sei. Sie öffnet die Haare des Kindes und fängt an, sie zu einem Zopf zu flechten. "Wo warst du?", fragt sie Layla. Es klingt so, als wäre sie gerade von der Arbeit nach Hause gekommen und nicht seit fünf Jahren im Gefängnis. Und Layla erzählt, vom Fußballspiel morgen und von der Klassenarbeit und von Wonder Woman. Als ob auch sie gerade aus der Schule gekommen wäre.

Durch ein kleines Fenster oben fällt Licht in das Zimmer. Ein Wärterin steht hinter Panzerglas und beobachtet jede Bewegung. "Wo Leben ist, ist Hoffnung", steht an der Wand, und: "Du bist so frei, wie du willst". Vier Gefangene sitzen hier ihren Töchtern gegenüber. Einige schweigen einfach nur miteinander. Nicht alle Mütter schaffen es wie Magan, ihre Tochter in den Arm zu nehmen. Die Mutter neben Magan unterhält sich lieber mit den Betreuern der Pfadfindergruppe. Während Layla aufsteht, um die Muffins für ihre Mutter auf einen Teller zu schichten, sagt Magan: "Es ist leichter, seine Familie zu vergessen, als immer wieder daran erinnert zu werden, was man verpasst."

Alle Mütter und Töchter stellen sich in einen Kreis und singen das Lied, das sie immer vor dem Essen singen: "Grüne Bäume um uns, der blaue Himmel über uns, Freunde um mich, die Welt gefüllt mit Liebe". Dann setzen sie sich nebeneinander, essen Laylas Muffins und tun so, als ob Magan keine weiße Sträflingskleidung anhätte, als ob keine drei Mauern um sie wären, keine Panzerglasscheibe, keine Waffen, kein Stacheldraht. Es ist schwierig, nur einmal im Monat Mutter zu sein, sagt Magan schließlich, eigentlich sei es Folter.

Man will dann nicht streiten, aber wie soll das gehen, wenn man seine Kinder erziehen will? Als Layla ihren Sportkurs nicht weiter besuchen wollte, weil ihr der Rücken wehtat, sagte Magan, sie dürfe nicht gleich aufgeben, Layla hat dann weitergemacht. Aber welche Autorität hat sie hier? Manchmal spürt sie bei ihrer Tochter dieselbe Sturheit, die sie selbst hatte. Dann bekommt sie Angst. Wenn sie aus dem Gefängnis kommt, wird ihre Tochter wahrscheinlich in der Pubertät sein. Wird sich dann alles wiederholen? Heute, hier im Gefängnis, will Layla mit Magan spielen, will sich fallen lassen und von ihrer Mutter aufgefangen werden. "Ich traue dir nie mehr, wenn du mich nicht auffängst", sagt sie. Sie lässt sich nach hinten fallen. Und Magan fängt sie in ihren Armen auf. Wie lange wird Layla das Spiel noch spielen wollen?

Kinder brauchen Sicherheit, sagt die Großmutter Cordova. Sie brauchen Liebe, sagt die Mutter Magan. Sie brauchen einen unsichtbaren Jet, sagt die Enkelin Layla. Kinder, sagen Soziologen, lernen von ihren Eltern, Ängste zu überwinden und erwachsen zu werden. Sobald die Beziehung einmal da ist, bleibt sie in den meisten Fällen bestehen - egal, was passiert. Wenn ein Elternteil aber verschwindet, dann erstarrt die Beziehung in dem Zustand, den sie zuletzt erreicht hat. Manche Kinder ziehen sich zurück, werden depressiv oder aggressiv. Psychologen nennen es das Phänomen des "Uneindeutigen Verlusts", wenn Angehörige abwesend und anwesend zugleich sind, körperlich nicht mehr greifbar, aber mental anwesend, oder umgekehrt. Kriegsverschollene, Flüchtlinge, unauffindbare Entführungsopfer, Demenzerkrankte, Wachkomapatienten, aber auch Inhaftierte gehören dazu. Man fühlt sich jemandem nah, der doch nicht erreichbar ist. Das Abschiednehmen dauert ständig an, es hört nie auf. Jeden Monat feiern Layla und Magan ein Wiedersehen und einen Abschied zugleich.

Layla im Garten der Großmutter: Sie kocht für ihre Mutter, sie tröstet sie am Telefon, sie erzählt vom Leben draußen
Sara Naomi Lewkowicz/ DER SPIEGEL

Layla im Garten der Großmutter: Sie kocht für ihre Mutter, sie tröstet sie am Telefon, sie erzählt vom Leben draußen

"Komm, setz dich noch einmal zu mir", ruft Magan ihrer Tochter zu. Aber die will lieber jetzt mit einem anderen Kind der Pfadfindergruppe durch die Gänge tanzen. Die Betreuer werden langsam unruhig, die Besuchszeit läuft ab, die Wärter klappern mit den Schlüsseln. Magan und Layla erzählen sich noch einmal, wie sie es immer tun, was sie alles machen werden, sobald die Mutter draußen ist. Einmal bowlen gehen. Einmal zur Pediküre. Freunde einladen, die bei ihnen übernachten dürfen. Einen Film gucken. Einmal Knuspermüsli zum Frühstück essen, so viel sie wollen. Zeit miteinander verbringen, ohne dass jemand sagt, sie sei jetzt vorbei. Dann fassen sich Eltern und Kinder zum Abschlusskreis an den Händen und sagen ihr Pfadfinderversprechen auf. "Auf meine Ehre, ich werde den Menschen immer helfen." Magan und Layla umarmen sich und sagen kaum hörbar: "Ich liebe dich bis zum Mond." "Ich liebe dich bis zur Unendlichkeit." - "Ich liebe dich zehnmal mehr." Dann, als fast alles vorbei ist, sagt Layla: "Ich möchte heute nicht gehen." - "Aber du musst", sagt ihre Mutter. Und dann geht Layla, wie es ihre Mutter gesagt hat, aus der Tür und macht noch durch das Panzerglas ein Zeichen, spreizt den kleinen Finger, den Zeigefinger und den Daumen ab. Es ist ihr Zeichen für: Ich liebe dich. Als Layla geht, werden Magans Augen ganz stumpf. Sie sackt auf ihrem Stuhl zusammen, als hätte jemand die Fäden einer Marionette durchtrennt. "Aufstellung", rufen die Wärter.

Auf der Rückfahrt sitzt Layla schweigend im Bus. Sie sieht draußen in der Ebene von Texas einen kreisenden Raubvogel, über Pferden auf der Prärie. Sie macht die Augen zu und schläft ein. Nach dem Aufwachen redet sie nicht mehr von ihrer Mutter. Morgen wird sie über den Rasen laufen und Fußball spielen, es ist ihr erstes Turnier, das interessiert sie jetzt. Heute hat ihre Mannschaft ohne sie gespielt. Irgendwann, glaubt die Großmutter Cordova, wird vielleicht der Zeitpunkt kommen, an dem Layla ein Fußballspiel wichtiger sein wird als vier Stunden Autofahrt, um gemeinsam zu weinen. Den Tag wird sie nicht überleben, glaubt Magan.

Sie geht an diesem Nachmittag wieder an die Arbeit im Gefängnis. Sie wird die Beleidigungen erdulden und keinen Streit anfangen. Sie wird, wenn es dunkel geworden ist, nach draußen durch die Gitter auf den Mond schauen, denn sie weiß, dass es derselbe Mond ist, den auch ihre Tochter anschaut. Sie hat noch nie ein Video ihrer Tochter gesehen. Nicht das von der Einschulung, nicht das, wo sie Rad fahren lernt, nicht das, wo sie ihren ersten Milchzahn verliert und unter dem Kopfkissen versteckt und die Großmutter das macht, was eigentlich sie, die Mutter, hätte machen müssen: Glitzer auf das Kopfkissen streuen und die Geschichte von der Zahnfee erzählen. Am Anfang, als ihre Tochter das erste Mal zu Besuch ins Gefängnis kam, hat sie vor allem ihren Duft aufgesogen, um ihn nicht zu vergessen. An diesem Abend wird Magan im Gefängnis nach der weißen Box unter ihrem Bett greifen - der einzige Ort, an dem sie persönliche Gegenstände aufbewahren darf - , sie wird den Schlüssel um ihrem Hals abnehmen, die Box aufschließen und eine Karte herausnehmen, die Layla gebastelt hat. Ein Herz ist darauf gemalt, darunter steht: "Mir geht es nicht gut, Mama, wann kommst du nach Hause?"

Am nächsten Tag ruft Magan aus dem Gefängnis an. Ihre Stimme klingt leise, jedes Gespräch wird überwacht, sie hat nur 20 Minuten, dann wird das Telefonat automatisch unterbrochen, neben ihr stehen Mitgefangene. Eine Sache wollte sie noch sagen, sagt sie, die sie nicht vor ihrer Tochter Layla sagen wollte. Sie verdiene diese Strafe, sagt sie. Draußen habe sie oft gedacht, dass es selbstverständlich sei, Zeit mit ihrem Kind zu verbringen. Sie sei manchmal genervt und oft überfordert gewesen. Es sei deshalb gut, dass sie ins Gefängnis gekommen ist, sagt sie. Sie wache jeden Morgen auf und wisse, dass jede Minute mit ihrem Kind kostbar sei.

Vielleicht wird Layla die Erste ihrer Familie, die nicht von Drogen abhängig wird, nicht von der Schule fliegt, die einen Schulabschluss macht, die studiert. Vielleicht wird sie die Erste, die eine Beziehung zu einem Mann entwickelt, die auf Vertrauen beruht, auf Fürsorge, vielleicht sogar, darunter konnte sich keine ihrer Vorgängerinnen etwas vorstellen: auf Liebe. Vielleicht wird sie immer nur als Besucherin ein Gefängnis betreten. Dann wird Layla etwas gelingen, wovon ihre Mutter, ihre Großmutter, ihre Urgroßmutter und die vielen vor ihr nur träumten. Sie wird ein Leben führen, das für sie außergewöhnlich sein wird, als Pionierin in einem unbekannten Gebiet, sie wird das entdecken, was auf jedes Kind warten sollte: ein gutes Leben.

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