AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2018

Weckruf für Deutschland Was Japans Niedergang über unsere Zukunft verrät

Eine Serie von Skandalen erschüttert die japanische Industrie. Sie zeigt, was passiert, wenn alternde Volkswirtschaften sich Reformen verweigern.

Pressekonferenz von Kobe Steel mit Firmenchef Hiroya Kawasaki (M.)
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Pressekonferenz von Kobe Steel mit Firmenchef Hiroya Kawasaki (M.)

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Nur noch drei Zentimeter trennten die rund tausend Passagiere des japanischen Superschnellzugs Shinkansen von einer Katastrophe. So wenig fehlte, bevor ein tiefer Riss sich durch einen Teil des Fahrgestells hätte fressen können. Wäre es zerborsten, hätte der Zug, der mit bis zu 300 Kilometern pro Stunde von Südwestjapan Richtung Tokio raste, entgleisen können.

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Heft 2/2018
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Der sogenannte schwerwiegende Vorfall ereignete sich Mitte Dezember. Dass der Pannenzug in fast letzter Minute gestoppt und aus dem Verkehr gezogen wurde, gleicht einem Wunder. Schon frühzeitig hatte Eisenbahnpersonal ungewöhnliche Fahrgeräusche festgestellt. Gleichwohl durfte der Zug noch Hunderte Kilometer weiterfahren.

Der Shinkansen ist nicht irgendein Transportmittel. Er ist eine japanische Legende. Er verkörpert den Anspruch der drittgrößten Volkswirtschaft, globaler Technologieführer zu sein. Ähnlich wie die Deutschen rühmen sich die Japaner, meisterhafte Qualität zu liefern. "Monozukuri" nennen sie das liebevoll - zu Deutsch: "Dinge fertigen".

Anspruch und Wirklichkeit klaffen inzwischen weit auseinander. Und nicht nur beim Shinkansen: Eine Serie von Skandalen erschüttert seit Monaten das Vertrauen der Japaner in die eigene Ingenieurskunst. Ein Hersteller nach dem anderen musste einräumen, bei Qualitätskontrollen geschummelt zu haben.

Die Liste der betroffenen Firmen reicht von den Autobauern Nissan und Subaru über den Stahlkonzern Kobe Steel bis zum Chemiehersteller Toray, dem weltweit größten Produzenten von Spezialfasern, dessen ehemaliger Chef derzeit den Wirtschaftsdachverband Keidanren führt. Bei Nissan nahmen Mitarbeiter Neuwagen technisch ab, obwohl sie dafür nicht qualifiziert waren. Bei Kobe und Toray wurden Produktdaten gefälscht, um die Vorgaben von Großkunden zu erfüllen.

Die Szenen, die das japanische Fernsehen immer wieder sendet, gleichen sich. Sie sind typisch für eine Kultur, die Wert legt auf öffentliche Gesten der Demut: Vor laufenden Kameras verneigen sich Bosse betroffener Firmen lang, tief und möglichst im korrekten Winkel. Sie bekunden Reue, bitten um Verzeihung, geloben Besserung. "Shazai Kaiken" heißt das Ritual, "Entschuldigungs-Pressekonferenz". Manche Chefs haben es dabei zur Perfektion gebracht.

Auf den ersten Blick handelt es sich bei den Skandalen um ein rein japanisches Phänomen. Viele Betriebe verharren in einer Gruppenkultur, bei der die Firma als Familienersatz dient. In der Ära der Massenproduktion funktionierte diese Art der Harmonie prächtig. Derzeit aber dient sie vor allem dazu, die Schwächen eines Systems zu vertuschen, das sich überlebt hat. So räumten die Toray-Verantwortlichen die Schummeleien einer Tochterfirma erst ein, nachdem im Internet entsprechende Hinweise aufgetaucht waren.

Japan ist der Prototyp einer führenden Industrienation, die sich nur äußerst widerstrebend wandelt. Statt sich ängstlich an ihre Errungenschaften zu klammern, müsste sie entschlossen kreative Freiräume für Einzelne schaffen - und damit die Bereitschaft fördern, Verantwortung zu übernehmen für Erfolge, aber auch für Versäumnisse.

Bei allen Unterschieden in den Details bietet Japan ein abschreckendes Beispiel für Deutschland - eine Nation, die sich mindestens ebenso stolz an wirtschaftlichen Erfolgen berauscht und dabei Reformen oft scheut. Und die ebenfalls gern verdrängt, dass Mythos und Realität längst nicht mehr übereinstimmen.

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Man denke nur an den Dieselskandal, bei dem deutsche Autobauer mehr Kreativität darauf verwandt haben, technisches Unvermögen durch Schummelsoftware zu vertuschen, als die Mängel selbst zu beheben. Es herrschte, vor allem bei Volkswagen, eine Unternehmenskultur, die Mitarbeiter zu Befehlsempfängern degradierte. Niemand wagte es auszusprechen, dass die Vorgaben von oben nicht umzusetzen waren - jedenfalls nicht ohne Schummeleien.

Und wie in Japan gibt es auch hier eine ganze Reihe Ereignisse, die am Selbstbild der Ingenieursnation kratzen: das Desaster des Berliner Flughafens, die Milliardenbaustelle des Bahnhofs Stuttgart 21 oder die Pannen bei der neuen ICE-Strecke München¿-¿ Berlin.

Zudem hat sich Deutschland derzeit fast schon daran gewöhnt, dass es über drei Monate nach der Bundestagswahl noch keine neue Regierung gibt. So wird das Land zwar irgendwie verwaltet, aber Reformen für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit bleiben aus, insbesondere der digitale Ausbau der Infrastruktur, Änderungen bei den Unternehmenssteuern, die Energiewende, die Stärkung der EU.

Mit jedem Tag, an dem alternde Volkswirtschaften wie Deutschland und Japan es sich gemütlich machen beim Bewahren des Status quo, holen Wettbewerber auf - allen voran China. Was beide Länder brauchen, ist eine schonungslose Debatte über die eigenen Unzulänglichkeiten und, daraus abgeleitet, über dringende Reformen.

Bis dahin haben die Japaner allerdings einen kleinen Vorteil: Ihre Bosse, Beamte und Politiker beherrschen zumindest die Kunst, sich bei den Landsleuten für Fehler und Versäumnisse zu entschuldigen.

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