AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2018

Jan Böhmermann Die selbst ernannte Speerspitze des Guten

Der TV-Moderator Jan Böhmermann will das Internet vor rechten Trollen retten - und sorgt damit für Zulauf bei den Extremisten.

Provokateur Böhmermann: "Dem Hass im Netz Liebe entgegensetzen"
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Provokateur Böhmermann: "Dem Hass im Netz Liebe entgegensetzen"

Von und


Für Jan Böhmermann ist der Traum jedes deutschen Entertainers wahr geworden: Er hat es in die USA geschafft. Nur vielleicht nicht so, wie er sich das vorgestellt hat. "Kill that faggot", übersetzt "Bring die Schwuchtel um", fordert etwa ein Nutzer des Forums 4chan. Ähnlich hasserfüllt wird er gerade in Foren der Alt Right geschmäht.

Böhmermann, Satiriker, Moderator, Provokateur, ist in kürzester Zeit zum neuen Lieblingsfeind rechter Onlineaktivisten avanciert. Kürzlich hatte er in seiner Sendung "Neo Magazin Royale" dazu aufgerufen, das Internet von den extremistischen Internettrollen zurückzuerobern, die dem angeblichen Establishment, zu dem sie auch seinen öffentlich-rechtlichen Arbeitgeber zählen, den Informationskrieg erklärt haben.

Böhmermann trat mit Sturmhaube und Stahlhelm vor die Kamera und erklärte, es sei an der Zeit "den Wichsern, die uns den Spaß am Internet verderben, den Spaß am Internet zu verderben". Mehr als 50.000 Nutzer folgten innerhalb einer Woche seinem Aufruf und versuchen nun mit den Mitteln der Netzguerilla "dem Hass im Netz Liebe entgegenzusetzen".

"Reconquista Internet" nennt Böhmermann seine Aktion. Sie ist als Gegenbewegung zur rechtsextremen Trollarmee "Reconquista Germanica" angelegt, einer Gruppe, die sich aus einem Kreis um den YouTuber mit dem Pseudonym Nikolai Alexander entwickelt hat und über deren Aktionen der SPIEGEL im Sommer vorigen Jahres erstmals berichtete (37/2017). Im Vorfeld der Bundestagswahl versuchten die rechten Aktivisten, mittels zahlreicher Fakekonten in sozialen Netzwerken Stimmung gegen die sogenannten Altparteien zu schüren und die AfD zu unterstützen.

Zeitweise tummelten sich mehr als 7000 Mitglieder auf dem Server, ab und an gelang es der Truppe, eigene Hashtags wie "Verräterduell" zum Wahl-TV-Duell in die Twittertrends zu katapultieren.

Die rechte Trollarmee ist ein hässliches, aber längst nicht das einzige Symptom der zunehmenden Sinnkrise der digitalen Bewegung. Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten rücken die dunklen Seiten des Netzes immer stärker in den Vordergrund.

Selbst Protagonisten der Digitalisierung sorgen sich: "Ich glaube, das Internet ist kaputt", sagt etwa der Twitter-Mitgründer Ev Willians. "Ich dachte, sobald alle frei ihre Meinung äußern und Informationen und Ideen austauschen können, wäre die Welt automatisch auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Ich habe mich getäuscht." Und der Miterfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, sagt: "Das System versagt."

Dass nun ausgerechnet ein Fernsehmoderator als prominentester Vorkämpfer für die Rehabilitierung des Internets und die Rückeroberung seiner Foren auftritt, mag zunächst absurd erscheinen. Aber es ist sinnbildlich für die Verfehlungen und Schwächen der digitalen Welt.

Da ist erstens der Unwille der Digitalkonzerne wie Google und Facebook, Verantwortung für Inhalte zu übernehmen, statt sich stur als neutrale Plattformen zu präsentieren. Und da ist zweitens die Weigerung der schweigenden Mehrheit, sich zu wehren, Grenzen aufzuzeigen, sich zu organisieren.

Böhmermann versucht nun einen "Aufstand der Anständigen". Er meint: "Wir haben aus Versehen eine Bürgerrechtsbewegung ins Leben gerufen."

Das ist kokett, denn Böhmermann macht wenig aus Versehen. Und er gibt die Speerspitze des Guten wohl ganz gern. Mit der neuen Rolle schließt er an sein Schmähgedicht gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan an. Darauf folgte eine Debatte über Meinungsfreiheit, der Bundestag strich den Straftatbestand der Schmähung ausländischer Staatsoberhäupter.

Andererseits ist Böhmermann vielleicht genau die Figur, die es braucht, um Nutzer zu mobilisieren: Der Moderator ist ein Top-Influencer, mit mehr als zwei Millionen Followern allein bei Twitter. Er wäre auch nicht der erste Satiriker, der eine politische Bewegung startet.

"Reconquista Internet ist gewissermaßen genau das, was sich internationale Experten seit Jahren als Antwort auf rechtsextreme Trollfabriken wünschen", sagt die Extremismusforscherin Julia Ebner, die für ihr Buch "Wut" undercover in rechten Onlineforen recherchiert hat. Sie berät Böhmermann bei seiner Aktion und hofft: "Das könnte zum internationalen Vorbild für Counter-Trolling, den Kampf gegen koordinierte Hasskampagnen und die Verzerrung des Onlinediskurses, werden."

Allerdings scheinen auch die Organisatoren der rechten Netzbewegung von Böhmermanns Engagement zu profitieren - immerhin liefert er ihnen reichlich Futter. Obertroll Alexander bedankte sich in einem Video für "die größte PR-Kampagne aller Zeiten" und die "extreme mediale Aufmerksamkeit".

Tatsächlich wirkt sein Netzwerk gerade wiederbelebt und hat neuen Zulauf. Besonders die Veröffentlichung einer Liste, in der mehr als tausend Twitter-Namen von Reconquista-Germanica-Personal, AfD-Leuten und rechten Medien etwas beliebig zusammengerührt wurden, brachte viele in Wallung. Manche der neuen Trollanwärter schreiben, sie seien erst durch den ZDF-Mann aufmerksam geworden und wollten sich nun der rechten Sache anschließen.

Womöglich hinterlässt die "Rückeroberung" vor allem eines: ein noch größeres Schlachtfeld, noch mehr Polarisierung. In seiner Videoantwort auf Böhmermann bläst der rechte Obertroll jedenfalls schon zur "Sommeroffensive2018".



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