AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2018

Football Leaks Wie Lionel Messi zu seinem sagenhaften Vermögen kam

Mehr als hundert Millionen Euro im Jahr zahlt der FC Barcelona an Lionel Messi - warum eigentlich? Vertrauliche Dokumente zeigen die Gründe.

Simon Prades / DER SPIEGEL

Von , , , Nicola Naber, und


Das City Center im argentinischen Rosario gleicht einem Bunker. Ein Ensemble aus grauem, schmucklosem Beton, das dennoch jährlich Hunderttausende Besucher anzieht. Es sind vor allem Zocker, im City Center ist Südamerikas größtes Casino untergebracht. In den verspiegelten Sälen blinken und bimmeln die Automaten, die von einem Heer von Glücksrittern mit Münzen befüllt werden.

Am 28. Juni 2017 durchsuchten Beamte einer Antikorruptionseinheit das Gebäude. Der Verdacht: Geldwäsche. Rosario, knapp vier Autostunden nordwestlich von Buenos Aires gelegen, gilt weltweit als einer der Hauptumschlagplätze für Drogen. Und wo das Glücksspiel brummt, da ist das Geld der Mafia nicht weit.

Lionel Messi ließ sich von alldem nicht abschrecken. Zwei Tage nach dem Polizeieinsatz heiratete der fünfmalige Weltfußballer im City Center seine Jugendfreundin Antonella Roccuzzo. Die Hochzeit bewegte das gesamte Land. Welches Kleid würde Antonella tragen? Würde die Popikone Shakira, Lebensgefährtin von Messis Teamkollegen Gerard Piqué, für das Paar singen? Welche Speisen würde es wohl geben? Nicht nur in Argentinien, auf der ganzen Welt himmeln Fußballfans den inzwischen 30-jährigen Messi an, dessen Leben dem einer Romanfigur gleicht: Ein Junge, der aus einfachen Verhältnissen stammt und an Wachstumsstörungen leidet, verlässt als 13-Jähriger seine südamerikanische Heimat, um in Europa gesund zu werden - und steigt zu einem der größten Fußballer der Geschichte auf.

Trotz seines Ruhms ist dieser Junge aus Rosario nahbar geblieben, ein schüchterner, freundlicher junger Mann, dem das Reden nicht sonderlich liegt. Der seine freie Zeit am liebsten mit seinen Freunden, der Familie oder an der Playstation verbringt. Alles, was das Leben kompliziert macht, überlässt Messi seinen Vertrauten.

Allen voran seinem Vater Jorge Horacio, der im Jahr 2000 die Entscheidung traf, seinen kleinwüchsigen Sohn beim FC Barcelona vorspielen zu lassen. Nach einer intensiven Hormontherapie vermochte der Filius sein riesiges Talent bei den Katalanen zu entwickeln.

Dank Lionel Messi erlebt der FC Barcelona mit bislang 30 Titeln die erfolgreichste Ära seiner Historie. Der Superstar erzielte dabei in 400 Ligaspielen 365 Tore, kein anderer Profi hat es in der Geschichte der Primera División auf mehr Treffer gebracht.

Auch wenn er seit fast zwei Jahrzehnten in Spanien lebt, betont Lionel Messi immerzu die tiefe Verbundenheit zu seiner Geburtsstadt Rosario, wo ein Teil seiner Familie weiterhin lebt. Wohl auch deshalb kehrte "La Pulga", der Floh, wie Messi auch genannt wird, im Sommer in die Heimat zurück, um im City Center jener Frau das Jawort zu geben, mit der er bereits zwei Kinder hat. Auf dem Provinzflughafen Rosarios drängten sich die Privatjets. Das Brautpaar hatte 260 Gäste eingeladen, darunter fast alle Spieler der argentinischen Nationalmannschaft und des FC Barcelona. Eine Boulevardzeitung errechnete, dass der Marktwert aller anwesenden Profifußballer bei über zwei Milliarden Euro liege.

Was am 30. Juni in Rosario im Leben des Lionel Messi geschah, war öffentlich inszeniert. Was am selben Tag in Barcelona passierte, war streng vertraulich. Bis heute.

Im Rausch

Datiert auf Messis Hochzeitstag unterschrieb der FC Barcelona die Verträge mit seinem Juwel, Laufzeit bis Ende Juni 2021. Zähe Verhandlungen waren vorausgegangen, der alte Kontrakt wäre im Sommer 2018 ausgelaufen. Dann wäre Messi ablösefrei gewesen, eine Horrorvorstellung für jeden Barca-Fan.

Die bange Ahnung der Klubbosse, am Ende womöglich ohne Lionel Messi und ohne Transfereinnahmen dazustehen, den Fans den Abschied ihres Idols erklären zu müssen, spiegelt sich in den Verträgen wider, die dem SPIEGEL vorliegen.

Arbeitsvertrag Messis vom 30. Juni 2017: "Danke an ALLE für eure Hingabe und Mühe"

Arbeitsvertrag Messis vom 30. Juni 2017: "Danke an ALLE für eure Hingabe und Mühe"

Zum ersten Mal garantiert ein Klub einem Profi ein jährliches Einkommen von mehr als hundert Millionen Euro. Nur zum Vergleich: Der Jahresumsatz eines Vereins wie Werder Bremen liegt bei rund 120 Millionen Euro, mit denen nicht nur der Profikader mit sämtlichen Mitarbeitern finanziert werden muss, sondern der gesamte Geschäftsbetrieb.

So sieht sie aus, die Kluft zwischen angestaubten Vereinen, die noch in den Neunzigerjahren den Europapokal gewannen, und strahlenden Weltmarken, bei denen die besten Fußballer der Gegenwart spielen. Und diese Kluft wird immer tiefer. Der Turbokapitalismus der vergangenen Jahre hat die Verdienstmöglichkeiten der Topkräfte auf ein obszönes Niveau geschraubt.

Doch die Gehaltsexzesse, die Gier der Branche, die Abkopplung der Welt der Stars von der Welt der Fans haben eine europaweite Debatte in Gang gebracht, die das Fußballbusiness grundsätzlich vor die Frage stellt: Wie lange machen es Fans mit, immer mehr für Tickets, Fernseh-Abos und Trikots zu bezahlen, nur damit ihre Lieblinge immer mehr kassieren? 14,5 Millionen Euro Festgehalt pro Jahr für Toni Kroos? 22,6 Millionen Euro für Zlatan Ibrahimovi? 36,8 Millionen für Neymar? 38,2 Millionen Euro für Cristiano Ronaldo? Was ist noch angemessen? Die Verträge Lionel Messis werden diese Diskussion weiter anheizen. Dabei geht es allerdings um mehr als die puren Summen (Grafik Seite 94). Die Geschichte hinter Messis Verträgen liefert tiefe Einblicke in die Geschäftswelt des Spitzenfußballs, der sich im Ringen um die Superstars offenbar von Begriffen wie Augenmaß oder Redlichkeit verabschiedet hat.

Erzählt werden kann diese Geschichte auf der Grundlage von Hunderten internen E-Mails des FC Barcelona, von Kontoauszügen, Überweisungsträgern, Gutachten, behördlichen Urkunden, Schriftsätzen und jeder Menge Verträgen. Der SPIEGEL erhielt den Datensatz von der Enthüllungsplattform Football Leaks und wertete ihn mit seinen Partnern von European Investigative Collaborations (EIC) aus. Die oft als vertraulich markierten Dokumente werfen ein Schlaglicht auf das fragwürdige Geschäftsgebaren des Messi-Clans. Die Papiere zeigen auch, wie der FC Barcelona sich verbog, um seinen Helden nicht zu verlieren.

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Football Leaks

Die schmutzigen Geschäfte im Profifußball

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Der Vorgang

Lionel Messi und sein Vater Jorge sind verurteilt. Der Spieler hat mithilfe seines Vaters 4,1 Millionen Euro an Steuern hinterzogen, indem er zwischen 2007 und 2009 Werbeeinnahmen von mehr als zehn Millionen Euro über Firmen in Offshoreländer geschleust und dem spanischen Fiskus verheimlicht hatte. Im Sommer 2016 wurden die Messis in Barcelona zu hohen Geldbußen und Haftstrafen von 21 Monaten verurteilt. Weil sie Ersttäter waren, schickten die Richter sie nicht ins Gefängnis.

Umso erschrockener müssen Lionel und Jorge Messi gewesen sein, als sie noch während des Prozesses ein weiteres Mal ins Visier der spanischen Finanzbehörden gerieten. Vier Beamte der Agencia Tributaria, Abteilung Großbetriebe, waren bei einer Betriebsprüfung des FC Barcelona auf Millionenüberweisungen des Klubs an Messis Vater sowie an die gemeinnützige Stiftung des Spielers gestoßen.

Wie sich aus den Football-Leaks-Dokumenten rekonstruieren lässt, forderten die Inspektoren vom Klub sämtliche Unterlagen zu Zahlungen aus den Jahren 2010 bis 2013 an die Fundación Leo Messi - die Stiftung des Profis, die sich rühmt, insbesondere bedürftigen Kindern zu helfen. Die Beamten verlangten genaue Auskunft darüber, wofür Barca das Geld gezahlt hatte. Es stand der Verdacht im Raum, die Überweisungen an die Stiftung seien nicht als Spenden zu bewerten, sondern als verdeckte Gehaltszahlungen.

Der FC Barcelona schien beunruhigt über die Nachforschungen der Steuerbehörde. Aus "Loyalität", wie es in einer Mail heißt, habe der Chefjurist die Messis über die Fragen der Prüfer in Kenntnis gesetzt. Doch Jorge Messi versicherte: "Keine Sorge, wir kennen uns in diesen Themen mittlerweile richtig gut aus." Der FC Barcelona beauftragte einen renommierten Juristen mit einer Risikoanalyse. Aus dessen Entwurf geht hervor, dass der Klub im Streit mit dem Fiskus ziemlich schlechte Karten hatte. Lionel Messi ebenfalls. Der Anwalt schätzte die Wahrscheinlichkeit, dass die Behörden Barcas Millionen an Messis Stiftung als Teil seines Gehalts und damit als "Delikt" betrachten könnten, als "hoch" ein.

In dem Schreiben des Anwalts finden sich mehrere Szenarien für Lionel Messi. Eines lautet: "Der Spieler klärt seine steuerliche Situation vollumfänglich, ehe die Finanzbehörden auf ihn zukommen." Lionel Messi müsse zwar mit einer Nach- sowie einer Strafzahlung rechnen, doch mit einer Regulierung könne er vermeiden, strafrechtlich wegen Steuerhinterziehung belangt zu werden. Dies sei die sicherste Variante für Messi, schrieb der Anwalt - "auch vor dem Hintergrund des Prozesses wegen Steuerhinterziehung, dem er derzeit ausgesetzt ist".

Simon Prades / DER SPIEGEL

Eine neuerliche Strafverfolgung wäre nicht nur für Messi ein großes Problem, sondern auch für den FC Barcelona. Die gesamte Vermarktung des Klubs ist auf den Ausnahmespieler abgestellt, das Spiel der Mannschaft ebenso.

Als der FC Barcelona und Messis Vertreter ein erstes Treffen wegen der Nachforschungen der Agencia Tributaria vorbereiteten, beschwor Präsident Josep Maria Bartomeu den Chefjuristen des Klubs in einer Mail: "Bitte bleib bei ihnen, schnell, sei sicher, dass alles richtig gemacht wird." Der Anwalt, der die Risikoanalyse aufgesetzt hatte, meldete sich Ende Juli erneut beim Justiziar des FC Barcelona. Er war in Sorge angesichts der drohenden Folgen für Lionel Messi: "Unserer Ansicht nach ist das Risiko, dass der Spieler vorgeladen wird, seit einigen Wochen sehr hoch, und es ist quasi nicht mehr zu vermeiden, egal, was passiert und ob wir ihnen Unterlagen überreichen oder nicht, sobald die Inspektoren uns das nächste Mal besucht haben werden." In den folgenden Wochen gab es mehrere Treffen zwischen der Führungsspitze des Klubs und den Steuerexperten des Spielers, auch Jorge Messi war im Bilde. Der Vater war, wie Präsident Bartomeu in einer E-Mail festhielt, "beunruhigt". Der Begriff, den beide Seiten benutzten, wenn sie sich über die Steuerprobleme verständigten, lautete "el asunto", zu Deutsch: "der Vorgang".

Auch wenn Lionel Messis Berater dabei blieben, dass die Überweisungen des FC Barcelona an Messis Stiftung keinesfalls als Teil von Messis Gehalt zu betrachten seien, einigte der Spieler sich mit dem Fiskus. Lionel Messi zahlte rund 12 Millionen Euro. Doch da wusste er bereits, dass der Klub die Strafe für ihn übernehmen würde.

Barca wählte dafür ein grenzwertiges Modell. Aus einem Vertragsentwurf geht hervor, dass der Verein Lionel Messi ein Darlehen von 12 Millionen Euro gewähren wollte. Mit diesem Geld sollte der Profi seine Steuerschuld begleichen. "Auch wenn die aufgeführten Summen formal von Senor Messi bezahlt werden, so werden sie in voller Höhe vom FC Barcelona übernommen werden", hieß es in dem Entwurf. Im Oktober 2016 war es so weit: Der Klub und Messi einigten sich auf das Darlehen, zwölf Millionen flossen auf ein Konto des Spielers bei der Caixabank.

Der Clou: Auch das Darlehen sollte nicht an ihm hängen bleiben. Messi hatte sich mit dem Klub auf eine Sonderzahlung geeinigt. Der ausgehandelte Bonus, den er in der kommenden Saison zusätzlich zu seinem Gehalt erhalten sollte, betrug 23,1 Millionen Euro. Davon dienten 9,6 Millionen dazu, seine Steuerschuld für die Beraterhonorare des Vaters zu begleichen, und 13 Millionen, sein Steuerproblem wegen der Stiftung zu lösen. Der Bonus entspricht in etwa dem Bruttobetrag von 12 Millionen Euro netto - der Höhe des Darlehens.

Beim FC Barcelona tüftelte nahezu die gesamte Führungscrew an der Lösung von Messis neuen Steuerproblemen, und keiner störte sich daran, dass letztlich der Klub die Zeche zahlen sollte. Außer einer: Sabine Paquer, die Beauftragte für Compliance.

Die Chefaufseherin meldete sich im Oktober 2016 zu Wort. Sie fragte in einer klubinternen Mail, ob der Darlehensvertrag für Messi von Barcas Hausjuristen und Beratern gegengelesen worden sei. Später hakte sie nach, ob die Meinung externer Prüfer eingeholt wurde. Die Compliance-Expertin hinterfragte Dauer, Verzinsung und weitere Klauseln des Leihgeschäfts.

Sabine Paquer lässt sich aus Sicht der Barca-Manager getrost als Nervensäge bezeichnen. Darauf deutet zumindest der Ton hin, in dem die Direktoren sich untereinander über ihre Anfrage verständigten. Einer bat schließlich den Finanzchef, er möge "Sabine" erklären, dass "der Klub kein börsennotiertes Unternehmen" sei und dass "diese Darlehen helfen könnten, damit Leo seinen Vertrag verlängert. Und wenn wir das nicht tun, kann die ganze Sache komplizierter werden (oder unmöglich)".

Also wurde Sabine Paquer auf Linie gebracht. Der Finanzchef erklärte der Compliance-Beauftragten per Mail die Dringlichkeit dieser Verträge: "Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es sich hier um den bedeutendsten Vermögenswert des Vereins handelt." Dank Messi könne man in Zukunft womöglich weitere wichtige Sponsoren anwerben.

Lionel Messi, der bedeutendste Vermögenswert des FC Barcelona - Frau Paquer gab sich geschlagen. Für den Klub ist die Sache allerdings noch nicht beendet. Die Betriebsprüfung gegen ihn dauert an.

Der Weltrekordvertrag

Anfang Juli 2017, kurz nach Lionel Messis Hochzeit in Rosario, schrieb Román Gómez-Ponti, der Chefjurist des Klubs, eine Mail an den Vorstandschef Óscar Grau. Sie bestand aus einem einzigen Wort, eingefügt in die Betreffzeile: "ALELUYA". Ponti schrieb es hinten mit 69 großen A. Grau antwortete: "Danke an ALLE für eure Hingabe und Mühe. Die Verlängerung von Leo Messi ... war lebenswichtig für den FC Barcelona." Und Präsident Bartomeu schrieb an Messis Vater Jorge: "Glückwunsch an alle Seiten! Leo ist und bleibt dort, wo wir ihn uns alle wünschen." Halleluja.

Um ihren Superstar auch über 2018 hinaus an den FC Barcelona zu binden, hatten Bartomeu, sein Vize Jordi Mestre sowie Klubchef Grau drei zentrale Verträge aufgesetzt, allesamt in katalanischer Sprache: einen Arbeitsvertrag über 14 Seiten, den anstelle Lionel Messis sein Vater gegenzeichnete; einen Bildrechtevertrag mit der Firma Leo Messi Management S.L. über 15 Seiten, auch dieser versehen mit der Unterschrift des Vaters; sowie einen Vertrag mit Messis Stiftung in Barcelona.

Die Gagen, auf die sich der FC Barcelona eingelassen hat, sprengen alle Grenzen.

Geht man davon aus, dass Messi seinen Vertrag erfüllen und in den kommenden vier Jahren Stammspieler bei Barca sein wird, und bricht man Einmalzahlungen wie Signing Fee und Treueprämie auf den Jahresanteil herunter, wird der Argentinier von seinem Klub garantierte 106.347.115 Euro pro Saison bekommen. Gewinnt der FC Barcelona gar das Triple - also Champions League, die spanische Meisterschaft und den spanischen Pokal - und wird Messi in jener Saison zum besten Spieler der Welt gekürt, kommt er auf ein Jahreseinkommen von 122.515.205 Euro.

Der Klub stellt fast eine halbe Milliarde Euro für vier Jahre in Aussicht - obwohl Messi bereits 30 ist und sich auf der Zielgeraden seiner Karriere befindet. Wie ist das möglich? Buchhaltung kann im Profifußball manchmal reine Magie sein; im Fall Messi ist sie sogar in der Lage, aus Steuerschulden Garantiezahlungen zu machen.

Als der FC Barcelona Ende Juni 2017 die Verträge mit Messi unterschrieb, verständigten sich beide Seiten darauf, die Vereinbarung über die Bonuszahlung von 23,1 Millionen Euro zu annullieren. Sie war ja im Vorjahr zentraler Teil der Operation gewesen, Messis Steuernachzahlung auf den Verein abzuwälzen. Stattdessen floss dieser Betrag nun direkt in Messis neues Festgehalt mit ein.

Oder auf den Punkt gebracht: Der Klub, der über Jahrzehnte Steuervergünstigungen in Millionenhöhe vom spanischen Staat erhielt, begleicht mit diesem Monstervertrag endgültig die neuen Steuerschulden des bereits verurteilten Steuerhinterziehers Lionel Messi.

Wie weit die Vereinsbosse gingen, haben sie in internen Kalkulationen beschrieben. Einmal errechneten sie, dass die Ausgaben für Messi künftig fast 40 Prozent der Personalkosten für die gesamte Mannschaft ausmachen würden. In einem anderen Dokument heißt es: "Der Spieler muss sich im Klaren darüber sein, wie unverhältnismäßig hoch sein Gehalt im Verhältnis zum Rest der Mannschaft ist." Vater Messi wusste, dass er beinahe alles für seinen Wundersohn fordern kann. Spätestens seit dem vergangenen Jahr ist der weltweite Fußballmarkt auf absurde Weise überhitzt, und irgendein chinesischer, russischer, arabischer oder amerikanischer Investor würde sich immer finden, um die Wünsche der Messis zu erfüllen.

Selbst der Erzfeind Real Madrid soll schon einmal versucht haben, die Ikone des katalanischen Klubs abzuwerben. Aus den Dokumenten, die dem SPIEGEL vorliegen, lässt sich ein bislang geheimes Angebot für Lionel Messi nacherzählen.


Im Video: Animation - Das System Messi

Roman Höfner / DER SPIEGEL

Verhandlungen im Himmel

Am Morgen des 22. Juni 2013 schickte Inigo Juárez, damals der Anwalt rund um die Geschäfte Lionel Messis, eine Mail an Papa Jorge. Juárez beschrieb, dass er sich als Mittelsmann der Familie mit Unterhändlern von Real Madrid getroffen habe. Demnach wollten die Königlichen den Stürmer unbedingt aus seinem Kontrakt mit dem FC Barcelona herauskaufen. Messi hatte ihn erst Anfang Februar 2013 verlängert.

In diesem Vertrag war eine Ausstiegsklausel von 250 Millionen Euro verankert. Diese Summe, so schrieb Juárez an Vater Messi, würde Real Madrid als Ablöse zahlen. Lionel Messi sollte demnach bis Ende der Saison 2021 verpflichtet werden und in diesen acht Spielzeiten durchschnittlich 23,125 Millionen Euro verdienen - nach Abzug von Steuern. Netto.

Auch bei den Werberechten soll Real Madrid sich spendabel gezeigt haben. Messi dürfe alle Einnahmen aus Verträgen, die er vor Sommer 2013 abgeschlossen habe, für sich behalten, schrieb Juárez. Seinen Angaben zufolge waren das weitere 20 Millionen Euro. Pro Saison. "Sie wollen schnell wissen, was los ist", schrieb Juárez, "schließlich wollen sie alles für deinen Sohn ausgeben." Real Madrid soll ein Treffen in den kommenden Tagen vorgeschlagen haben. "Ich habe ihnen gesagt, dass ihr zu Terminen reist", so Juárez.

Aber auch darauf soll Real Madrid eine Antwort gehabt haben. Und was für eine.

Der Plan sei, so Juárez, zwei Privatflugzeuge zu chartern. Im ersten würden die Messis mit ihrem Anwalt, Real-Präsident Florentino Pérez, dem Sportdirektor der Madrilenen und einem weiteren Juristen an Bord abheben. Man würde in der Luft verhandeln, um dann an einem vereinbarten Ort zu landen. Der eine Flieger würde Richtung Madrid zurückkehren, den anderen sollten die Messis für ihre Weiterreise nutzen.

Zwei Schmankerl hätten die Madrilenen noch, schrieb Juárez. Das eine gelte Vater Messi. "Deine Kommission liegt bei fünf Prozent", fuhr der Anwalt fort, für acht Jahre also 16 Millionen Euro brutto. Beim anderen gehe es um die Ermittlungen gegen Lionel Messi wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung durch die Staatsanwaltschaft Barcelona, die damals offiziell eingeleitet worden waren. "Sie sagen mir, dass sie Druck auf Rajoy ausüben würden, um zu einer für deinen Sohn günstigen Lösung zu kommen", schrieb Juárez.

Mariano Rajoy, seit 2011 Ministerpräsident von Spanien - eine Marionette von Real Madrid? "Ich halte das allerdings für wenig glaubwürdig", schob Juárez nach. Die Unterstellung, Real Madrids Einfluss reiche bis in die höchsten politischen Kreise Spaniens hinein, ist immer wieder zu hören. Selten ist, dass sich schriftliche Hinweise dafür finden. Auf Anfrage antwortete Iñigo Juárez, dass die Veröffentlichung interner Mails ein Gesetzesverstoß sei. Real Madrid schrieb, die Darstellung sei "total falsch".

Die Episode vermittelt eine Ahnung von den Möglichkeiten der Messi-Familie. Es gibt für sie, wohl bis heute, keine rote Linie. Wenn Juárez' Version stimmt, verhandelte der Vater über den Anwalt sogar mit dem größten Feindbild, das der Barça-Fan kennt, um den Preis für seinen Sohn weiter nach oben zu treiben.

Am Ende blieb Lionel Messi in Barcelona. Im Mai 2014 verbesserte der Klub den erst im Vorjahr erhöhten Vertrag wohl noch einmal kräftig. Laut einem Vertragsentwurf, der dem SPIEGEL vorliegt, stieg Messis jährliches Bruttofestgehalt auf durchschnittlich 29,9 Millionen Euro.

Mitgehen oder verlieren, der heutige Fußballmarkt lässt Schwächen kaum zu. Und so wussten die Verantwortlichen des FC Barcelona 2016, als die nächste Verhandlungsrunde begann, also sehr genau, dass sie mit ihrem Angebot in eine neue Dimension vorstoßen müssten, um eine Chance zu haben, Messi in Katalonien zu halten. Auch Barca stellte Jorge Messi ein Beraterhonorar von fünf Prozent der Bruttoeinkünfte seines Sohnes in Aussicht, im besten Fall also mehr als 24 Millionen Euro.

Doch irgendetwas war faul, im Sommer 2017.


Im Video: Football-Leaks - Auf Messis Spuren

DER SPIEGEL

Papas Dribbling

Nachdem Messis Vater und die Führungskräfte des FC Barcelona die Verträge im vergangenen Sommer unterschrieben hatten, wollte der Klub ein paar Tage später ein Kommuniqué veröffentlichen, dass mit "dem besten Spieler der Geschichte" eine Einigung bis Sommer 2021 erzielt worden sei. Messi selbst werde den Vertrag gegenzeichnen, sobald er aus den Flitterwochen zurückgekehrt sei.

Außerdem wollte der FC Barcelona die Ablösesumme nennen, die ein Klub zahlen müsste, der Messi aus seinem Vertrag herauskaufen wollte: 300 Millionen Euro. Dies öffentlich zu machen, sei "Standard", schrieb Vorstandsboss Oscar Grau an Jorge Messi. Doch der Vater war dagegen. Die 300 Millionen zu beziffern "bringt gar nichts", antwortete er. Er befürchtete, dass weitere Verhandlungsdetails durchsickern oder an die Medien durchgestochen werden könnten. "Es würde mir gegen den Strich gehen, wenn Zahlen nach außen dringen, weil dadurch nur Unruhe geschürt wird", schrieb Jorge Messi.

Für den 18. Juli hatte der FC Barcelona einen Akt auf der Ehrentribüne des Stadions Camp Nou geplant, bei dem die Vertragsverlängerung vor der Weltpresse verkündet werden sollte. Messi, gerade von einer PR-Tour aus Japan zurückgekehrt, sollte neben den drei Vorstandsbossen sitzend unterschreiben. Anschließend sollte ihm Präsident Bartomeu ein Trikot mit dem Aufdruck "Leo 2021" überreichen.

"Wir warten darauf, dass du uns den Termin bestätigst", schrieb Vereinsboss Grau am 14. Juli an Vater Messi. Doch der rührte sich nicht. Zwei Tage später fasste Grau nach, die Zeit drängte. "Es befremdet mich, nichts von dir zu hören", schrieb er, "wir würden den Akt gern noch vor der Abreise in die USA über die Bühne bringen." Am 19. Juli flog die Mannschaft zu einem Turnier nach New Jersey.

Simon Prades / DER SPIEGEL

Doch Lionel Messi unterschrieb nicht.

Womöglich hatte Vater Jorge Wind davon bekommen, dass die kommenden Wochen zur Zäsur im Weltfußball werden sollten. Der Sommer, in dem der Messi-Vertrag verlängert wurde, glich einem Goldrausch. Anfang August wechselte Vereinskollege Neymar für die Weltrekordsumme von 222 Millionen Euro zu Paris Saint-Germain, die Katalanen kauften für bis zu 145 Millionen Euro Ousmane Démbélé aus Dortmund. Manchester United gab rund 160 Millionen für Transfers aus, der AC Mailand investierte knapp 200 Millionen in neue Spieler, und Manchester City leistete sich neues Personal für etwa 250 Millionen Euro. Der Markt explodierte.

Für Jorge Messi war das eine gute Nachricht, solch inflationäre Tendenzen bedeuten für ihn: eine noch bessere Verhandlungsposition, noch höhere Einnahmen. Weitere Forderungen.

Obwohl der Vertrag vom 30. Juni unterschrieben war, wurde das Paket offenbar noch einmal aufgeschnürt. Erst am letzten Novemberwochenende, fast fünf Monate nach dem Aleluya des Barca-Juristen, unterzeichnete Messi öffentlich sein Arbeitspapier. Und siehe da: Vereinspräsident Bartomeu durfte über die Ausstiegsklausel sprechen, erwähnte, dass sie auf 700 Millionen Euro angehoben sei - offenbar auch als Reaktion auf Neymars Abgang nach Paris. Dem SPIEGEL schrieb Jorge Messi, dieser Vertrag sei das Ergebnis von "Verhandlungen, welche alle maßgeblichen Umstände einbezogen, die derzeit den Markt beeinflussen".

Nach all dem Druck durch die Steuerbehörden, dem Darlehenspoker, den Bonusversprechen, den Verhandlungen und Nachverhandlungen lässt sich eines getrost behaupten: Jorge Messi ist auf dem Gebiet der Vertragswerke fast so trickreich und abgezockt wie sein Sohn im Dribbling.

Simon Prades / DER SPIEGEL

Schweigen

Seit Anfang November versuchte der SPIEGEL, mit den Messis in Kontakt zu kommen, um über die Stiftung, die Betriebsprüfung und den Rekordvertrag zu reden. Sie äußerten sich nicht. Auf eine weitere schriftliche Anfrage meldete sich kurz vor Weihnachten ein PR-Mann, der eine der Messi-Firmen berät. Er versprach, sich mit den Anwälten in Verbindung zu setzen. Wieder Schweigen.

Erst nachdem der SPIEGEL Anfang dieser Woche einen umfangreichen Fragenkatalog an Jorge, Lionel und Rodrigo Messi, den Bruder des Superstars, geschickt hatte, reagierte die Familie. Jorge Messi antwortete in Lionels und in seinem Namen. "Ich und mein Sohn haben alle steuerlichen Verpflichtungen ordnungsgemäß erfüllt", schrieb er, sämtlichen Zahlungen des FC Barcelona seien von beiden korrekt versteuert worden. Rodrigo Messi, der für die Messi-Stiftung in Barcelona zuständig ist, antwortete, die gemeinnützige Einrichtung habe niemals gegen Gesetze verstoßen und sei "Anfragen spanischer Behörden immer rechtzeitig nachgekommen".

Warum Lionel Messi rund zwölf Millionen Euro an die spanischen Finanzbehörden nachzahlte und wieso der Verein am Ende die Steuerschuld des Spielers übernommen hat, dazu äußerten sich die Messis nicht. Der FC Barcelona betonte in seiner Stellungnahme, dass alle Überweisungen des Vereins an Messis Stiftung dem Zweck der Spende dienten: "Ihre Interpretation oder die anderer zu den Spenden ändern nichts an unserer Position." Auch die Klubbosse Bartomeu und Grau beantworteten nicht, warum sie mit dieser trickreichen Lösung für die Steuernachzahlung ihres Superstars aufkamen.

Es wäre wohl falsch, Lionel Messi die Verantwortung für das Geschäftsgebaren seiner Vertrauten zu geben, für all die Winkelzüge, um den Arbeitgeber unter Druck zu setzen, oder bestehende Vereinbarungen für obsolet zu erachten, weil der Markt plötzlich noch mehr Millionen in Aussicht stellt.

Die vielen E-Mails und Verträge zeigen, dass fast ausschließlich sein Vater, sein Bruder Rodrigo und wenige ausgewählte Anwälte die Geschäfte für den Weltstar lenken. Aber ist er deshalb nicht trotzdem auch für deren Handeln mitverantwortlich? Lionel Messi hat nach der Verurteilung in seinem Steuerprozess von den Richtern noch eine Chance bekommen, dadurch entging er knapp dem Gefängnis. Er hätte schon lange vor dem Urteil die Reißleine ziehen und seine Geschäfte an unabhängige, seriöse Berater übertragen können.

Stattdessen vertraut Lionel Messi vor allem weiterhin seinem Vater, mit dem er zusammen auf der Anklagebank saß.



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