AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2018

Streit um Beutekunst Wem gehört die Säule vom Kreuzkap?

Portugiesen errichteten den kostbaren Wappenpfeiler vor über 500 Jahren an der heutigen Küste Namibias. Heute steht er im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Zu Recht?

Wappensäule im Deutschen Historischen Museum: Die Suche nach Gerechtigkeit vor der Geschichte
Thomas Bruns/ DHM

Wappensäule im Deutschen Historischen Museum: Die Suche nach Gerechtigkeit vor der Geschichte

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Im Halbdunkel des ersten Stockwerks im Zeughaus Unter den Linden ragt sie auf. 3 Meter und 54 Zentimeter hoch. Aus verwittertem weißlichem Sand- und Kalkstein. Die Säule vom Kreuzkap ist ein Schmuckstück in der Dauerausstellung im Deutschen Historischen Museum. Das Wappen des Königreichs Portugal ziert die Säule.

Sowohl auf Latein als auch auf Portugiesisch ist folgende Inschrift eingemeißelt: "Seit der Erschaffung der Welt sind 6685 Jahre vergangen, und seit der Geburt von Christus 1485, da hat der erhabenste und allerdurchlauchtigste König Johann der Zweite von Portugal den Befehl gegeben, dass dieses Land entdeckt werde und dass dies Padrão durch Diogo Cão, Ritter seines Hauses, hier errichtet werde."

Solche Wappensäulen ließen die portugiesischen Seefahrer zu Beginn des Kolonialzeitalters bei ihren Entdeckungsfahrten in Afrika und Asien aufstellen, um den Besitzanspruch ihres Königs zu manifestieren. Sie dienten zugleich als Orientierungspunkte für Seefahrer. Das Kreuz aus dem Deutschen Historischen Museum hatte seit 1486 auf einer Landspitze an der Skelettküste im Südwesten Afrikas gestanden.

Der Ort wurde Cabo da Cruz genannt, Cape Cross oder Kreuzkap. Heute ist die Küste Teil Namibias und ein Naturschutzgebiet, in dem sich Jahr für Jahr an die 200.000 Robben der Art Arctocephalus pusillus versammeln. Wie kommt eine portugiesische Säule als wichtiges Exponat in das Deutsche Historische Museum? Das ist eine ziemlich komplizierte Geschichte.

Sie hat dazu geführt, dass Raphael Gross, der Direktor des Deutschen Historischen Museums, sich mit einer Rückgabeforderung konfrontiert sieht. Die Regierung von Namibia hat von der Bundesregierung die Restitution des Kreuzes verlangt.

Museumsdirektor Gross
DPA

Museumsdirektor Gross

Aber wer ist der rechtmäßige Eigentümer des Wappenpfeilers? Wo sollte das Kreuz von der Skelettküste heute am besten stehen? Die Suche nach Gerechtigkeit vor der Geschichte ist gewöhnlich ein kompliziertes Geschäft. Nicht nur das Deutsche Historische Museum, viele Museen in Europa stehen heute vor der Frage: Wie sollen sie mit den Kunstwerken umgehen, die sie aus Kolonien in ihren Besitz gebracht haben?

Nach der schleppenden Rückgabe von NS-Raubkunst müssen die Museen jetzt erforschen, welche Kunstwerke sie sich unter welchen Umständen aus den Kolonien angeeignet haben. Die Sammlungen des British Museum in London, des Museums Guimet in Paris oder demnächst des Humboldt Forums in Berlin sind voll mit solchen Kunstschätzen.

Aus deutscher Sicht begann die Affäre um das Kapkreuz am 30. Januar 1893, als ein Korvettenkapitän namens Gottlieb Becker in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika das steinerne Stück wiederfand, das der portugiesische Entdecker Diogo Cão einst hatte aufstellen lassen. Die Wappensäule befand sich in einem beklagenswerten Zustand; sie stand nicht mehr aufrecht, sondern ausgesprochen schräg.

Kapitän Becker ließ ein fünf Meter hohes Kreuz aus Holz errichten und die portugiesische Säule auf sein Schiff »Falke« laden. Der Kreuzer fuhr nach Douala, die Hauptstadt der damaligen deutschen Kolonie Kamerun. Von dort brachte ein Dampfer des Norddeutschen Lloyd das gute Stück im Herbst 1893 nach Wilhelmshaven.

Die Säule landete in der historischen Sammlung der Kaiserlichen Marineakademie in Kiel. Bei der Entzifferung der lateinischen und der portugiesischen Inschrift war der Sekretär der portugiesischen Geografischen Gesellschaft hilfreich. Kaiser Wilhelm II. verfügte, dass Ersatz für das abtransportierte Kreuz geschaffen werden sollte.

Eine Kieler Steinmetzfirma produzierte aus schwedischem Granit eine Kopie, die ursprünglichen Inschriften wurden in das Kreuz gemeißelt, zusätzlich noch ein Reichsadler und: "Auf Befehl seiner Majestät des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen Wilhelm II. im Jahre 1894 anstelle der ursprünglichen Säule, die sehr verwittert war, wurde diese Säule errichtet."

"Restitutionsforderungen einfach auszusitzen ist keine Option mehr."

Das Originalkreuz wurde 1903 von Kiel nach Berlin transportiert, und wenige Jahre später im Innenhof des Museums für Meereskunde aufgestellt, in der Georgenstraße in Berlin-Mitte, wo den Deutschen Begeisterung für ihre Flotte beigebracht werden sollte. Ein Wissenschaftler des Südafrikanischen Museums in Kapstadt fertigte 1913 Gipsabdrücke von Original und Kopie. Nachdem die Deutschen 1919 - als Ergebnis der Niederlage im Ersten Weltkrieg - Deutsch-Südwest an die Südafrikaner verloren hatten, versuchte deren Regierung eine Rückgabe des Kreuzes zu erreichen. Ein Gesandter berichtete allerdings seiner Regierung, »dass es die politische Stimmung verhindere, eine so kostbare Antiquität nach der früheren deutschen Kolonie zurückzubringen«.

Das Museum für Meereskunde in der Berliner Georgenstraße bombten die Alliierten im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche, auch das Kreuz wurde beschädigt. Bei der Bergung, die erst in den Fünfzigerjahren erfolgte, brach die Steinsäule in drei Stücke auseinander. Später wurde die restaurierte Säule im Ost-Berliner Museum für Deutsche Geschichte aufgestellt. Dessen Bestände erbte die Bundesrepublik 1990, als die DDR ihr beitrat.

Einer Website aus Namibia ist zu entnehmen: Die Bemühungen, die Säule zurückzubekommen, seien "aufgrund politischer Differenzen gescheitert, obwohl Portugal und Namibia die Bundesrepublik unter Druck zu setzen versucht haben." Berlin habe eine Rückgabe verweigert.

Doch seit Anfang Juni 2017 liegt der Bundesregierung nun ein offizielles Rückgabeersuchen der Republik Namibia vor. Zuvor hatten schon namibische Parlamentarier einmal vorsichtig nachgefragt, als sie im März 2013 Deutschland besuchten.

Das Auswärtige Amt leitete die diplomatische Note der namibischen Regierung an die Beauftragte für Kultur und Medien, Monika Grütters, und das Deutsche Historische Museum weiter. Diese sollten prüfen, wie die komplexen historischen, völkerrechtlichen und eigentumsrechtlichen Fragen zu bewerten seien.

Raphael Gross, Direktor des Deutschen Historischen Museums, setzt auf Dialog und Debatte, deshalb hat er für Anfang Juni zu einem Symposium geladen: "Die Säule von Cape Cross - Koloniale Objekte und historische Gerechtigkeit". Historiker, Juristen, Museumsfachleute aus Afrika und Europa werden nach Berlin kommen und den skurrilen Fall diskutieren.

Der aus der Schweiz stammende Historiker Gross hat erkannt: Restitutionsforderungen einfach auszusitzen, wie es Museumsdirektoren lange praktiziert haben, ist keine Option mehr. Die Politiker und Museumschefs einstiger Kolonialmächte müssen sich mit Rückgabeforderungen ernsthaft und ergebnisoffen auseinandersetzen.

Noch heißt es auf der Website "Museumsportal Berlin", einer offiziellen Informationsseite: "Zu uns kam die Säule, als das Deutsche Reich Deutsch-Südwestafrika in Besitz nahm." Hat die gute Säule sich ein Schiffsticket gekauft?



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