AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2018

Zerstörte Ufer, poröse Deiche Hilfe, die Biberratten kommen

Weil sie Böschungen und Deiche zerstört, müsste die nach Deutschland eingeschleppte Biberratte konsequent bekämpft werden. Doch Tierfreunde wollen die Nager sogar füttern: Die seien doch so niedlich.

Attraktion Biberratte: Sechs Euro "Schwanzprämie"
Frank Rum / Picture Alliance / DPA

Attraktion Biberratte: Sechs Euro "Schwanzprämie"

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Dem Städtchen Bad Vilbel in der hessischen Wetterau mangelt es nicht an Sehenswürdigkeiten. Malerisches Fachwerk gibt es, heilkräftige Mineralquellen und einen Kurpark mit historischer Wasserburg. Auf einen Publikumsliebling würde Claus-Günther Kunzmann, Leiter des Kulturfachbereichs und Intendant der alljährlichen Burgfestspiele, jedoch gern verzichten.

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Heft 1/2018
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Die Attraktion hat Schnurrhaare, Schwimmhäute, orangefarbene Nagezähne und ist chronisch unterernährt - das jedenfalls scheinen Bürger und Touristen zu glauben. Warum sonst kippen sie Tag für Tag Futter ans Ufer der Nidda? Gepäppelt werden hier hausende Exemplare von Myocastor coypus, auch Nutria, Biberratte oder Sumpfbiber genannt.

"Die Leute verabreden sich sogar schon im Internet zum Nutriafüttern", klagt Kunzmann. Die Wiese zwischen Nidda und Burggraben, sagt er, gleiche dann einer Biomüllhalde. Salat und Karotten ("tütenweise!"), aber auch Brot und Pizzareste würden da kredenzt: "Manche Menschen müssen stundenlang zu Hause gestanden und Brot geschnitten haben."

Sumpfbiber sind Fluss- und Seenbewohner. Sie buddeln Gänge an den Ufern und fressen Schilf und Wasserpflanzen. Die Folge: Ufer und Böschungen werden porös und können wegsacken.

Nicht nur Bad Vilbels Kulturchef ärgert sich über die Nutrias. An Rhein und Elbe, Fulda und Erft haben sich die Biberratten, die fünf bis neun Kilogramm schwer werden, ebenso ausgebreitet wie an vielen anderen Gewässern. In Norddeutschland hat das längst Folgen für den Hochwasserschutz: Etwa 680.000 Euro, schätzen die niedersächsischen Deich- und Unterhaltungsverbände, hat die Beseitigung von Nutriaschäden zwischen 2013 und 2015 gekostet.

Wie so oft müht sich dabei der Mensch, ein Problem in den Griff zu kriegen, das er selbst verursacht hat. Nutrias stammen aus Südamerika - und wurden in Europa seit Ende des 19. Jahrhunderts auf Pelztierfarmen gehalten. Immer wieder entkamen dort einzelne Exemplare. Als mit der DDR auch die Nachfrage nach ostdeutschem Nutriapelz zusammenbrach, wurden sie wohl vielerorts einfach ausgesetzt.

Der unfreiwillige Migrationshintergrund und die Schäden, die sie verursachen, macht Nutrias aus Sicht der Europäischen Union zu einer "invasiven gebietsfremden Art". 49 davon führt die EU in ihrer Unionsliste zur Verordnung 1143/2014 auf. Neben Chilenischem Riesenrhabarber und Drüsigem Springkraut, Asiatischer Hornisse und Chinesischer Wollhandkrabbe sind 19 Wirbeltiere gelistet, etwa die in Deutschland vorkommenden Waschbären und Biberratten.

Einfuhr, Zucht, Verbreitung, Freisetzung und private Haltung dieser Tiere sind nun verboten; zusätzlich müssen die Bundesländer "Managementpläne" beschließen. Die Freilandpopulationen sollen überwacht und eingedämmt werden. Nur wie?

Um löchrige Deiche zu vermeiden, werden Nutrias in Niedersachsen schon jetzt bejagt. Pro erlegter Biberratte können Jäger sechs Euro "Schwanzprämie" kassieren. 2015/16 wurden rund 10.000 Nutrias erlegt, in der darauffolgenden Jagdsaison waren es schon knapp 22.000. "Die breiten sich gerade rasant aus", folgert Heiko Fritz von der niedersächsischen Landwirtschaftskammer. Auch im Bereich der Außendeiche werden es mehr. Fritz: "Da können wir sie gar nicht gebrauchen."

So sieht es auch Dolf Moerkens: Für die niederländischen Wasserbehörden koordiniert er die Bekämpfung von Nutria und Bisam. "Ein großer Teil unseres Landes liegt unter dem Meeresspiegel", sagt Moerkens, "Wir müssen die Deiche schützen." Mithilfe von Lebendfallen haben seine Mitarbeiter angeblich sämtliche niederländischen Nutrias beseitigt - Sorgen macht ihnen aber der stete Nachschub aus dem Nachbarland. "Wir stellen unsere Fallen jetzt nur noch an der Grenze zu Deutschland auf", so Moerkens.

Das wird wohl auch so bleiben. "Mit Nutria und Waschbär müssen wir uns arrangieren", sagt Stefan Nehring, beim Bundesamt für Naturschutz zuständig für invasive Arten, sie seien einfach schon zu weit verbreitet. Nun gelte es, die Menschen dafür zu sensibilisieren, welche Probleme diese Säuger machen, erklärt er - damit Tierfreunde nicht auch noch durch eifriges Füttern die Vermehrung befeuern.

Davon aber wollen viele Liebhaber nicht lassen. Je possierlicher das Lebewesen, desto größer die Fangemeinde. "Wenn es um Wirbeltiere geht und die auch noch niedlich sind, sind viele Menschen für unsere Informationen schwer zu erreichen", sagt Nehring.

So vergessen Waschbärfreunde gern, dass die Tiere die Eier geschützter heimischer Spezies fressen. Und in Waschbärhochburgen wie Kassel sind sie gefürchtet, weil sie die Dämmung von Wohnhäusern zerstören. Doch mit ihrem gebänderten Puschelschwanz und der schwarzen Zorro-Maske im Gesicht sind die Kleinbären eben auch drollig. In Facebook-Gruppen tauschen sich "Waschbärpäppler" darüber aus, wie verwaisten oder kranken Exemplaren geholfen werden könne. Im vergangenen November setzte ein Münchner Tierarzt - Weltpremiere - dem privat gehaltenen Waschbären "Jacky" sogar einen Herzschrittmacher ein.

Und wehe, wenn sich eine Gemeinde ihrer Biberratten entledigen möchte. Als im nordrhein-westfälischen Bad Münstereifel eine achtköpfige Nutriafamilie getötet werden sollte, drohte der Tierschutzverein mit Klagen. In Neuss wiederum, wo im Stadtgarten Jagd auf Sumpfbiber gemacht wird, kündigte die "Tierschutzliste" zum Schutz der Verfolgten die Gründung der "Nutria-Freunde Neuss e.V." an. Zeigen sich im Bad Vilbeler Burgpark weniger Nutrias als gewohnt, berichtet Kulturchef Kunzmann, "rufen Bürger an und fragen, was wir mit den Tieren gemacht haben".

Er hat jetzt neue Schilder bestellt, Aufschrift: "Füttern verboten". Ob das hilft, ist zweifelhaft.

Im Video: Nutrias - süße Nager oder lästige Schädlinge?

Katharina Neuhaus / Der Spiegel
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