AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2018

Seit 40 Jahren Royal-Fotograf "Er nennt mich Arthur, ich nenne ihn Sir"

Arthur Edwards fotografiert seit über 40 Jahren die Royals für die britische "Sun". Was hat er mit der Königsfamilie erlebt?

Königin Elizabeth 2005
Arthur Edwards / DDP

Königin Elizabeth 2005

Ein Interview von Hauke Goos und


Er ist pünktlich auf die Minute, so pünktlich, wie es nur jemand sein kann, der sein halbes Leben damit verbracht hat, auf andere zu warten. Arthur Edwards würde nie jemanden auf sich warten lassen. Er ist mittlerweile 77 Jahre alt, fotografiert seit mehr als 40 Jahren die Royal Family, von ihm stammen ikonografische Bilder: Diana als Kindergärtnerin, im durchscheinenden Rock, Diana allein vor dem Taj Mahal; Prinz Charles, der sich im Skiurlaub mit einem falschen Schnurrbart tarnt; Königin Elizabeth, die vor ihrem eigenen Gemälde lächelt.

Auf rund 200 Reisen hat Edwards Mitglieder der königlichen Familie begleitet, in 120 Länder; sieben Hochzeiten, vier Trauerfeiern, acht königliche Geburten. Alle Fotos in diesem Gespräch stammen von Arthur Edwards. Gerade bereitet er sich auf die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle, einer amerikanischen Serienschauspielerin, vor, die am 19. Mai in der St George's Chapel von Windsor Castle zelebriert werden wird. Als das Interview stattfindet, in einem Konferenzraum im Redaktionsgebäude der "Sun", 1 London Bridge Street, 17. Stock, trägt Edwards eine Krawatte mit Beefeatern, die er eigens für den Besuch aus Deutschland ausgesucht hat, und eine Medaille, die ihn als Member of the British Empire ausweist. Edwards ist vorfreudig, auf sehr höfliche Weise müde und, nun ja, ein wenig verstimmt.

Arthur Edwards mit Ehepaar Charles und Camilla 2013
DDP

Arthur Edwards mit Ehepaar Charles und Camilla 2013

SPIEGEL: Mr Edwards, am kommenden Wochenende wird wieder mal die ganze Welt bewegt sein, weil in London ein Mitglied der königlichen Familie heiratet. Warum sind wir eigentlich immer wieder fasziniert von solchen Bildern?

Edwards: Nun, unsere Monarchie ist tausend Jahre alt. Sie geht zurück auf William den Eroberer. Wenn Sie hier ans Fenster treten, sehen Sie den Tower; William ließ ihn bauen. Wir hatten ein paar Problemchen, ein König wurde geköpft, aber insgesamt ging es immer weiter. Die Windsors sind vermutlich das zäheste und wichtigste Königsgeschlecht der Welt.

Prinz Harry, Verlobte Markle 2017
Arthur Edwards / DDP

Prinz Harry, Verlobte Markle 2017

SPIEGEL: Wissen Sie eigentlich schon, wo Sie an diesem Tag sein werden?

Edwards: Nein, weiß ich nicht. Keiner von uns Journalisten weiß, wo er sein wird. Wir stecken noch in Verhandlungen. Der Palast hat eine Liste geschickt, wer dabei sein darf, wir finden das etwas unbefriedigend. Sie wollen nur Reporter, keine Fotografen.

SPIEGEL: Sie verhandeln mit dem Kensington-Palast?

Edwards: So ist es. Es gibt zu wenig Pressepässe. Von den Reportern soll auch nur einer in die Kirche. Darüber ist noch zu reden. Es ist eine rein private Hochzeit. Niemand von der Regierung ist da, keine ausländischen Politiker. Mal sehen, wo ich am Samstag sein werde.

SPIEGEL: Warum ist der Palast so wenig entgegenkommend?

Edwards: Keine Ahnung. Vielleicht liegt es daran, dass Meghan allerhand abbekommen hat. Ihre Familie, ihre erste Ehe, solche Sachen. Aber wenn ein Mitglied des Königshauses eine Freundin hat, ist das eben eine Geschichte. Wir müssen darüber berichten. Selbstverständlich wollen wir auch mit ihrer Familie reden. Ihre Familie will aber nicht reden. Was macht man da? Natürlich findet sich immer jemand, der gegen Geld etwas erzählt. Oder Fotos anbietet. Wenn du in einem Land mit freier Presse lebst, berichten die Zeitungen über Dinge, die ihre Leser interessieren. So ist das nun mal.

SPIEGEL: Wird es Meghan helfen, dass sie schon berühmt ist?

Edwards: Na ja, was heißt berühmt? Sie war eine Netflix-Berühmtheit, ich hatte noch nie von ihr gehört. Andererseits hat sie in sieben Staffeln dieser Serie mitgespielt, sie war in Ruanda und hat vor der Uno gesprochen. Sie hat einiges erreicht und kann sich ausdrücken. Ich denke, sie wird das ganz gut hinkriegen.

SPIEGEL: Das hatte man von Lady Diana auch angenommen. Sie waren der Erste, der Diana fotografiert hat.

Edwards: 1977 bat mich mein Chef herauszufinden, wen Prinz Charles heiraten würde. Drei Jahre lang habe ich wie ein Besessener gearbeitet. Charles hatte eine Freundin nach der anderen, aber keine hielt lange durch. Eines Tages besuchte ich ein Polo-Match; ich bekam den Tipp, dass er dort sei, mit Lady Diana Spencer. Ich kannte sie nicht. Ich lief also herum und entdeckte dieses Mädchen mit einer Halskette, an der ein D baumelte. Ich fragte: Sind Sie Lady Diana Spencer? Sie sagte: Ja. Darf ich Sie fotografieren? Sie war einverstanden und hat sich sofort in Pose geworfen.

SPIEGEL: Ein Scoop für einen Fotografen.

Edwards: Ich rief sofort in der Redaktion an. Ich habe ein Mädchen fotografiert, das den Prinzen begleitet. Was wisst ihr von ihr? So erfuhr ich, dass Diana gerade 19 Jahre alt geworden war.

SPIEGEL: Und am nächsten Tag erfuhr es das gesamte Königreich?

Edwards: Nein. Ich habe die Bilder zurück nach London gebracht und zu meinem Redakteur gesagt: Archivier das Zeug, und behalt es erst mal für dich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Charles etwas mit Teenagern anfängt.

SPIEGEL: Er war zu dem Zeitpunkt 31.

Edwards: Einen Monat später, am ersten Samstag im September, war ich auf dem Weg nach Balmoral, der Sommerresidenz der Queen. Da sah ich Charles, wie er am River Dee angelte. Diana war bei ihm. Als ich anfing, Bilder von ihm zu schießen, lief sie in ein Wäldchen. Sie versteckte sich hinter einem Baum, aber es gelang mir, ein Foto von ihr zu machen.

SPIEGEL: Diana soll in einem Spiegel beobachtet haben, wo Sie waren.

Edwards: Oh ja. In der Schule hatte sie nie besonders gute Noten, aber sie war sehr clever, wirklich gewieft.

Kindergärtnerin Diana 1980
Arthur Edwards / REUTERS

Kindergärtnerin Diana 1980

SPIEGEL: Wie kam es zu dem berühmten Foto, auf dem man sie als Kindergärtnerin im durchscheinenden Rock sieht?

Edwards: Ich wusste, dass sie irgendwo im Londoner West End als Kindergärtnerin arbeitete. Gemeinsam mit einem Reporter fuhr ich alle Kindergärten ab. Irgendwann landeten wir in Pimlico. Arbeitet hier eine Lady Diana Spencer? Ja. Dürften wir ein Foto von ihr machen? Sie erschien tatsächlich mit zwei Kindern und stellte sich auf. Gerade als ich das Bild machen wollte, kam die Sonne raus - und ihre Beine waren zu sehen. Das war Charles' Mädchen, ein echtes Splash-Bild.

SPIEGEL: Ein paar Jahre später machten Sie ein anderes berühmtes Bild, 1990, vor Mallorca: Diana im Bikini.

Edwards: Die beiden waren auf der Jacht des spanischen Königs. Sie saß mit Charles auf dem Vorderdeck; er hatte gerade seinen Arm gebrochen, beim Polo, und trug ihn in einer Schlinge. Wir hatten ein Boot gemietet. Als sie uns entdeckte, stand sie auf, ging in die Kabine, nahm sich einen Apfel und kam wieder raus.

SPIEGEL: Sie wusste, dass Sie da waren?

Edwards: Na klar. Diana hatte ein sehr gutes Gespür für Fotografen, häufig hat sie uns geholfen. Damals verwendete ich ein 800-Millimeter-Objektiv, ohne Autofokus - und beide Jachten schaukelten auf dem Meer. Als ich sah, dass das Foto einigermaßen scharf war, konnte ich es kaum glauben.

SPIEGEL: Hat sie sich nie bedrängt gefühlt?

Edwards: Es war abhängig von ihrer Stimmung. Einmal besuchte sie das Krankenhaus in der Great Ormond Street, sie sprach gerade mit Kindern, und plötzlich ließ sie uns Fotografen alle rauswerfen. Als sie das Krankenhaus verließ, sah sie sehr traurig aus. Zwei Arbeiter auf der anderen Straßenseite entdeckten sie und pfiffen hinter ihr her. Sie sah hoch, und plötzlich lächelte sie. Und ich hatte mein Foto. Sie war eine der großen Frauen des 20. Jahrhunderts.

 Lady Diana auf einer Jacht vor Mallorca 1990
Arthur Edwards / Bulls

Lady Diana auf einer Jacht vor Mallorca 1990

SPIEGEL: Die keinen unbeobachteten Schritt tun konnte.

Edwards: Am Ende fühlte sie sich von den Paparazzi wirklich verfolgt. Sie waren immer da, egal ob sie einkaufen ging oder ins Fitnessstudio. Irgendwann trug sie jeden Tag, wenn sie zum Gym fuhr, dasselbe Oberteil, weil sie hoffte, die Fotografen würden desselben Motivs irgendwann überdrüssig werden. Ich hatte immer das Gefühl, dass Diana auf Fotos noch besser aussah als in Wirklichkeit. Bei Catherine, der Frau von William, ist es andersherum: Sie sieht in Natur besser aus als auf Fotos.

SPIEGEL: Wo waren Sie, als Sie von Dianas Unfall in Paris erfuhren?

Edwards: Ich war gerade mit meiner Frau auf dem Heimweg von einer Hochzeit. Mein Sohn, der damals bei der "Sun" als Bildredakteur arbeitete, rief mich an. Ob ich den nächsten Flug nach Paris nehmen könne.

SPIEGEL: Die Meldung kam kurz nach Mitternacht.

Edwards: Ich hörte im Autoradio, wie die Nachrichten sich verschlimmerten. Ihr Begleiter Dodi werde auf dem Bordstein behandelt. Und dann: Dodi tot. Wir charterten ein Flugzeug, ich griff meine Kameratasche, morgens um drei starteten wir in Heathrow. Als wir in Le Bourget landeten, riefen sie aus der Redaktion an, um mir zu sagen, dass Diana gestorben war. Das Flugzeug war noch nicht mal zum Stehen gekommen.

SPIEGEL: Sie hatten Diana 17 Jahre lang begleitet, Tausende Fotos geschossen. Was macht man in so einem Moment?

Edwards: Ich fuhr zuerst zum Tunnel, wo es passiert war. Ein Kind legte Blumen nieder, ich machte ein paar Fotos. Dann fuhr ich zum Krankenhaus. Sie trugen den Sarg hinaus, ich musste das fotografieren. Als ich schließlich in mein Hotel wollte, konnte ich kein Taxi bekommen. Ich hatte meine Kameras umgehängt, die Taxifahrer beschimpften mich: Mörder. Killer. Sie hielten mich für einen Paparazzo. Zurück in London ging ich nach Kensington Gardens, wo Prinz Charles gemeinsam mit William und Harry die Stelle besuchte, an der all die Blumen, Bilder und Briefe abgelegt waren. Das ganze Land war wie von Sinnen. Alle standen unter Schock.

SPIEGEL: William und Harry geben den Paparazzi bis heute die Schuld am Tod ihrer Mutter.

Edwards: Die Fotografen haben sicher ihren Teil dazu beigetragen. Andererseits: Es gab keinen Grund, mit so hoher Geschwindigkeit in den Tunnel zu rasen. Die Fotografen wollten nur ein Bild. Und das hat noch niemandem geschadet.

SPIEGEL: Danach kamen Palast und Medien überein, zurückhaltender über William und Harry zu berichten.

Edwards: Richtig. Wir durften nur am ersten Schultag an sie ran. Als William studierte, haben wir das nicht pausenlos dokumentiert. Er konnte sich betrinken, wenn er wollte, er konnte ein normales Studentenleben führen. Und er konnte Kate kennenlernen.

SPIEGEL: War das ein Entgegenkommen der Presse oder eine Bitte des Palasts?

Edwards: Sie haben das von uns verlangt.

SPIEGEL: Hat der Tod von Diana etwas geändert am Verhältnis der Royals zur Presse?

Edwards: Der Königshof änderte sich. Sie begannen, mehr von sich aus zu machen und nicht nur zu reagieren. Sie heuerten professionelle Presseleute an, die uns, sagen wir, "helfen" sollten.

SPIEGEL: Ohne die Helfer vom Palast machte die Arbeit mehr Spaß, richtig?

Edwards: Heute prüfen wir jedes Paparazzo-Bild, das reinkommt. Wurde es an einem öffentlichen Ort aufgenommen? Hat jemand Grenzen überschritten? Wir haben einen Kodex unterschrieben, es geht um Persönlichkeitsrechte. Früher haben wir's einfach gedruckt. Also: Ja, früher hat's mehr Spaß gemacht.

SPIEGEL: Außerdem ist die Konkurrenz größer geworden.

Edwards: Ende April, als Prinz Louis geboren worden war, Kates und Williams drittes Kind, da gingen 5000 Bilder über unseren Fototisch. Es gibt zu viele Fotografen, zu viele Leute, die hoffen, vom Bilderverkauf leben zu können. Es gibt Freelancer, die zwei Pfund für ein Foto verlangen. Lächerlich. Und alle machen die gleichen Bilder.

SPIEGEL: Das macht die Jagd nach exklusiven Bildern schwieriger.

Edwards: Mit Jagd hat das nichts zu tun. Die Royals wollen, dass über die Dinge, die sie tun, berichtet wird. Wir wollen Fotos in unseren Zeitungen. Es ist ein guter Deal. Wir kommen miteinander aus. Wenn ich in einem Fotografenpool bin, gibt es vorher ein Briefing, ich kann alles fotografieren, was passiert. Aber wir dringen nicht in ihre Privatsphäre ein. Wir werden eingeladen. Jeden Monat bekommen wir eine Liste mit Events. Das ist keine Jagd; wir dokumentieren die Tätigkeit von Mitgliedern der königlichen Familie.

SPIEGEL: Ein Deal, von dem beide Seiten profitieren.

Edwards: Eine Übereinkunft, ja.

Prinz Charles 1979
Arthur Edwards / DDP

Prinz Charles 1979

SPIEGEL: Stimmt es, dass es mit Charles am Anfang schwierig war?

Edwards: Als ich gerade bei der "Sun" angefangen hatte, bekam ich den Auftrag, nach Highgrove zu fahren. Ich ging auf einem öffentlichen Fußweg, meine Kamera mit einem großen Teleobjektiv auf der Schulter, als Charles auf seinem Pferd herangaloppiert kam. Er rief: Was machen Sie auf meinem Land? Ich antwortete: Es ist nicht Ihr Land; es ist ein öffentlicher Fußweg. Er sagte: Nun, ein Weg zum Spazierengehen, nicht zum Fotografieren. Ich sagte: Ich mache hier nur meinen Job. Er sagte: Ein feiner Job ist das! Worauf ich antwortete: Zumindest habe ich einen.

SPIEGEL: Mittlerweile verstehen Sie sich, oder?

Edwards: Oh ja. Von allen Menschen, denen ich begegnet bin, arbeitet er am härtesten. Ich habe ihn zu jedem Regenwald dieser Erde begleitet, allein dreimal waren wir zusammen in Brasilien, wir waren in Australien, in Kamerun, in Brunei, Malaysia und Indonesien. Es interessiert ihn leidenschaftlich, das imponiert mir, ich liebe es, mit ihm zu arbeiten. Er nennt mich Arthur, ich nenne ihn Sir. Es funktioniert sehr gut.

SPIEGEL: Was Sie nicht gehindert hat, seine beginnende Glatze zu fotografieren.

Edwards: Er hat mich gefragt: Sind Sie der Mann, der dieses Bild aufgenommen hat? Ich wollte wissen, ob er deswegen Stunk bekommen habe. Wo immer er seither hinkomme, sagte er, fotografieren die Leute seinen Hinterkopf.

SPIEGEL: Würden Sie sagen, Sie sind befreundet?

Edwards: Nein.

SPIEGEL: Sie sprechen von ihm mit Zuneigung.

Edwards: Wir sind Arbeitskollegen. Wir mögen einander.

SPIEGEL: Ist die Zuneigung gegenseitig?

Edwards: Nun, kürzlich feierte meine Frau einen großen Geburtstag. Am Sonntag hatten wir zu einem festlichen Mittagessen eingeladen. Zwei ihrer Freunde hatten Prinz Charles einen Brief geschrieben und ihm von dem Geburtstag erzählt. Am Samstag erhielt ich einen Anruf von seinem Assistenten. Der Prinz habe einen persönlichen Glückwunsch für meine Frau verfasst. Die Karte werde aber erst am Montag eintreffen. Er bot an, den Text zu faxen, damit ich ihn am Sonntag vorlesen könne. Und zu Weihnachten schickt er mir ein wundervolles Foto, unterschrieben von Camilla und ihm, mit Datum.

SPIEGEL: Ist es mit der Königin ähnlich?

Edwards: Natürlich nicht. Sie ist die Königin. Sehr respekteinflößend. Sie ist sehr formell. Man weiß fast immer, was sie als Nächstes tun wird. Wann sie sich umdreht. Wann sie lächelt. Es kommt nur darauf an, zur Stelle zu sein.

SPIEGEL: Kann man mit der Queen Small Talk machen?

Edwards: Wo denken Sie hin? Sie macht alles streng nach Regeln. Keine Oberflächlichkeiten. Meist fotografiert man und hält den Mund. Und wenn man genug Geduld hat, bekommt man ein schönes Bild. Weil sie weiß, was sie dafür zu tun hat.

SPIEGEL: Waren Sie mal versucht, sie anzusprechen? Sie etwas zu fragen? Ihr etwas zu erzählen?

Edwards: Nein. Das würde ich in einer Million Jahre nicht tun. Sie würde mich ansehen, als hätte ich zwei Köpfe.

SPIEGEL: Es gibt das Gerücht, die Königin habe einen Handtaschen-Code: Je nachdem, wie sie ihre Tasche hält, signalisiere sie ihren Leuten, ob eine Begegnung sie langweilt, ob sie von einem Gesprächspartner befreit werden will.

Edwards: Ich kann das nicht bestätigen. Es gilt ohnehin: Die Königin beginnt die Unterhaltung, die Königin beendet die Unterhaltung. Nicht du sprichst mit ihr - sie spricht mit dir. Du schüttelst ihre Hand erst, wenn sie sie dir reicht. Und: keine Fotos von der Königin; wenn sie etwas trinkt, wenn sie isst, wenn sie betet.

SPIEGEL: Gab es je Augenblicke, wo Sie enttäuscht waren von den Royals?

Edwards: Charles und ich, wir hatten schon auch unsere Auseinandersetzungen. Ich kann mich an mindestens drei Situationen erinnern, in denen es ein wenig mit ihm durchging. Einmal hat er mich angebrüllt, als ich einen seiner Freunde beim Schießen auf einer Wiese fotografierte. Aber nach ein paar Minuten hatte er sich beruhigt.

SPIEGEL: Stimmt es, dass es bei dem Job, König zu sein, nicht darum geht, glücklich zu sein?

Edwards: Absolut. Ich war mal mit Prinz Charles in Indien. Sie hatten in der Wüste einen Damm gebaut, es ging um Wasserversorgung. Also führten sie einen Regentanz auf, und Charles machte mit. Es war fantastisch. Er wusste, wie wichtig die Sache für seine Gastgeber war; er scherte sich nicht darum, dass er am nächsten Tag in der Zeitung vermutlich ein wenig bescheuert aussehen würde. Es geht darum, seine Pflicht zu tun. Ich erinnere mich an einen Termin in Schottland vor ein paar Jahren, mit der Königinmutter. Es schüttete, der Regen kam im 45-Grad-Winkel runter. Ich hätte nie gedacht, dass sie auftauchen würde. Aber sie kam. Sie tauchen immer auf, komme, was wolle.

SPIEGEL: Ist es schwer, in eine solche Familie einzuheiraten?

Edwards: Für alle: für Sarah Ferguson, die Duchess of York; für Diana; für Mark Phillips, den ersten Mann von Prinzessin Anne. Sie hatten ja alle ein äußerst angenehmes Leben vorher. Und plötzlich sind sie mit jemandem verheiratet, der davon besessen ist, Dinge richtig und pünktlich zu erledigen. Nach der Königin können Sie die Uhr stellen. Das gilt auch für Harry, er ist unglaublich beliebt bei den Leuten. Er macht erstaunliche Dinge, mit großer Begeisterung.

SPIEGEL: Es gab eine Zeit, da galt Harry als nationale Peinlichkeit.

Edwards: Er war vor allem für sich selbst die größte Peinlichkeit. Diese Sache mit der Wüstenfuchs-Uniform und der Hakenkreuzbinde am Arm. Meiner Ansicht nach war das einer der Momente, wo die Mutter fehlt, die sagt: In diesem Aufzug gehst du nicht aus dem Haus! Als er anfing, Drogen auszuprobieren, ein bisschen Gras, war es sein Vater, der ihn in eine Entzugsklinik schleppte, um ihm zu zeigen, wie es da zugeht.

Prinz Harry auf Barbados 2010
Arthur Edwards / DDP

Prinz Harry auf Barbados 2010

SPIEGEL: Sie machen diesen Job seit 41 Jahren. Was schätzen Sie: Wie viele Jahre haben Sie damit verbracht, irgendwo auf jemanden zu warten?

Edwards: Oh Gott, keine Ahnung. Vielleicht 20? Ich denke darüber nicht allzu viel nach. Ich kriege einen Auftrag, gehe los und erledige ihn.

SPIEGEL: Wie vertreiben Sie sich beim Warten die Zeit?

Edwards: Die meisten Termine sind ja bekannt und geplant. Bisweilen habe ich eine Leiter dabei, um einen besseren Aufnahmewinkel zu bekommen, aber ich stehe nicht zwei Tage lang auf der Leiter. Man trinkt Kaffee, checkt seine Mails, redet mit anderen. Mit Fotos ist es wie mit einem Urlaub: Die Regentage sind hinterher vergessen.

SPIEGEL: Gibt es ein Bild, das Sie besser nicht veröffentlicht hätten?

Edwards: Als Diana mit William schwanger war, hatte ich ziemlich gute Fotos von Charles und Diana am Strand, auf den Bahamas. Sie wussten nicht, dass ich da war, ich dachte mir nichts dabei, es war mein Job. Ich hatte ihn gut erledigt. Als die Fotos veröffentlicht wurden, unter der Zeile "Bahama Mama", gab es einen Aufschrei. Sogar im Parlament waren die Fotos Thema. Wenn ich daran zurückdenke, würde ich sagen: Es war möglicherweise nicht meine größte Stunde.

SPIEGEL: Haben Sie je darauf verzichtet, ein Foto zu machen? Aus Respekt, aus Anstand?

Edwards: Als Harry nach dem Tod seiner Mutter das Blumenmeer in London besuchte, war ich dabei und sah, wie sich sein Gesicht verzerrte. Dieses Foto habe ich nicht gemacht.

 Prinz Philip
Arthur Edwards / DDP

Prinz Philip

SPIEGEL: 2012 gab es einen Skandal, weil Paparazzi Kate beim Sonnenbaden fotografiert hatten, oben ohne. Hätten Sie diese Fotos gemacht?

Edwards: Eine hypothetische Frage. Vielleicht nicht. Es war ja nicht möglich, die Bilder legal zu schießen. Ich weiß noch, wie das war, als ich von einer Australienreise zurückkam und in der Zeitung las, die Duchess of York, Sarah Ferguson, sei in Saint-Tropez. Ich rief in der Redaktion an und fragte, ob ich mich auf den Weg machen solle. Ich durfte dann zu Hause bleiben, ich war froh darüber. Paparazzi fotografierten sie am Pool, mit ihrem Freund, im Bikini - ich mag sie sehr und hätte es gehasst, ihr das anzutun.

SPIEGEL: Hätten Sie die Bilder der sterbenden Diana gedruckt?

Edwards: Nein. Aber ich verurteile die Fotografen nicht, die diese Bilder damals gemacht haben. Warum nicht? Hätte sie überlebt, dann hätten wir die Bilder veröffentlicht. Ich bin allerdings überhaupt nicht damit einverstanden, dass die Kollegen versucht haben, die Bilder zu verkaufen, nachdem Diana gestorben war. Die Fotos sind hier irgendwo im Safe, ich habe sie nie angeschaut. Ich wollte Diana nicht so sehen.


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SPIEGEL: Glauben Sie, dass Sie der königlichen Familie in all den Jahren nahe gekommen sind? Oder kennen Sie nur das Bild, dass die Familie von sich veröffentlicht sehen will?

Edwards: Ich verstehe Ihre Frage nicht. Niemand lernt die königliche Familie jemals wirklich kennen. Sie werden nie erfahren, ob die Königin nach dem Abendessen noch gepflegte Konversation betreibt, weil sie nie dabei sein werden, wenn sie es tut. Angeblich kann sie gut Leute nachmachen. Aber ich habe das nie mit eigenen Augen gesehen. Es gibt ein privates Leben, es gibt ein öffentliches Leben. Mein Job hat fast ausschließlich mit dem öffentlichen Leben zu tun.

SPIEGEL: Ist es wesentlich für eine Monarchie, dass die Menschen nicht alles erfahren, dass sie nicht alles sehen?

Edwards: Weil es den Zauber zerstört, jawohl.

SPIEGEL: Einmal sind Sie selbst in einem Bild verewigt worden, in Öl, eine Weile hing es in der National Portrait Gallery. Sind Sie stolz darauf?

Edwards: Allerdings. Wir waren mit der Malerin Catherine Goodman unterwegs nach Sri Lanka. Sie fragte, ob ich ihr Modell sitzen würde. Nach einem Monat Bedenkzeit sagte ich ja.

SPIEGEL: Mr Edwards, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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