Rituale in Äthiopien Der Bullensprung

Michael Martin

Wer den Lauf über Rinderrücken schafft, darf heiraten. Das Volk der Hamer im Süden Äthiopiens lebt noch seine Traditionen. Der Abenteurer und Geograf Michael Martin finanzierte die Party nach dem Bullensprung und durfte fotografieren.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Den Hamer sind wir zum ersten Mal auf dem Markt von Dimeka nördlich von Turmi begegnet. Angehörige dieses Volkes, das mit knapp 50.000 Menschen das Gebiet östlich des Omo besiedelt, verkauften dort Honig und andere Waren. Wir sind am Unterlauf des Flusses in Äthiopien unterwegs. Dort siedeln insgesamt 14 ethnologisch hochinteressante Völker, deren Zukunft durch einen Staudamm und agroindustrielle Großprojekte bedroht ist.

Turmi, das mehrere Unterkünfte und Campingplätze bietet, ist unsere Basis. Die kleine Ortschaft liegt mitten im Gebiet der Hamer. Am auffälligsten ist dort die Haartracht, die bei Frauen aus dünn geflochtenen, halblangen Zöpfen besteht, Männer dagegen reiben die Haare mit Lehm ein und schmücken sie mit Straußenfedern. Ihre Körper und Arme sind mit Schmucknarben übersät - Narben auf der Brust sind allein Männern vorbehalten, die bereits Menschen feindlicher Stämme getötet haben.

Abends fahren wir mit einem lokalen Guide aus Turmi in eine größere Hamer-Siedlung. Die Dorfältesten erlauben uns, unsere Fotodrohne aufsteigen zu lassen. Wir müssen sie 300 Meter hoch fliegen lassen, um alle von Viehpferchen umgebenen Hütten auf ein Bild zu bekommen.

Michael Martin, Joerg Reuther

Nach dem kurzen Flug schauen wir uns im Dorf um, in dem die Frauen Hirse und andere Feldfrüchte anbauen. Während die Frauen zusätzlich durch Wasserholen, Kochen und Kinder belastet sind, kümmern sich die Männer ausschließlich um die Rinder- und Ziegenherden. Viele sind in den Abendstunden bereits alkoholisiert.

Fotos gegen Feierfinanzierung

Spätabends erfahren wir, dass am nächsten Tag südlich von Turmi ein sogenannter Bullensprung stattfindet. Dieses Ritual soll einen jungen Mann für die Heirat vorbereiten. So ziehen mein Kompagnon Jörg Reuther und ich mit unserem Fahrer Jimy und einem Guide am nächsten Mittag los. Die Fahrt auf einer zeitweise kaum sichtbaren Piste endet nach einer Stunde mitten im Busch, jetzt geht es zu Fuß weiter.

Mit unseren schweren Kameras laufen wir nach Süden und erreichen nach 30 Minuten ein Flussbett. Dort haben sich gut hundert Hamer versammelt, nach Geschlechtern in zwei Gruppen getrennt. Unser Guide verhandelt mit dem Clanchef, zu welchen Bedingungen wir fotografieren dürfen. Man einigt sich auf einen Geldbetrag, mit dem das dem Bullensprung folgende Fest finanziert wird.

Fotostrecke

14  Bilder
Michael Martin in Äthiopien: Sprung in die Ehe

Wir versichern uns angesichts der vielen Kalaschnikows, die an den Schultern der Männer baumeln, auch noch der Zustimmung des Vaters des Jungen, der heute springen soll. Dann heißt es warten.

Nach einer Stunde beginnen die Mädchen das Ritual mit einem Tanz im Flussbett, das sie dann bald in Richtung eines Hügels verlassen. Dort stehen die Rinder bereit, über die der junge Mann springen soll. Ihm hat man die Haare bis auf ein Büschel kahlgeschoren.

Doch bevor es so weit ist, geschieht in westlichen Augen Befremdliches: Die Mädchen tanzen vor einem Junggesellen, der den Bullensprung bereits hinter sich hat, und bitten ihn darum, als Zeichen ihrer Zuneigung ausgepeitscht zu werden, was dieser auch tut. Danach blasen die ausgepeitschten Mädchen kurz in ein Horn, während sie aus den Striemen am Rücken bluten.

Betrunkene Männer vor den Hütten

Währenddessen führen einige der umstehenden Männer die Rinder zusammen und stellen sie Seite an Seite auf. Nach einigen Vorbereitungen springt der junge Mann viermal über die Rücken der Rinder, ohne herunterzufallen. Als er nach vier Läufen auf der rötlichen Erde sicher aufkommt und ihm ein Teil des Haarbüschels abgeschnitten ist, gilt er als heiratsfähig.

Nachdenklich fahren wir zurück nach Turmi. Wie lange werden die Hamer noch ihr traditionelles Leben führen können? Endet es ähnlich wie das der Daasanach, die wir am nächsten Tag besuchen?

Wir sind bei Omorathe mit einem Einbaum über den Omo übergesetzt und zu einem ihrer Dörfer gelaufen. Die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel, als wir ihre Hütten aus Binsen und Eisenschrott erreichen. Der Wind treibt Staubfahnen durch das Dorf, vor den Hütten liegen alkoholisierte Männer, die Stimmung hat etwas Apokalyptisches. Zeigt sich hier die Zukunft für die Völker am Omo?

Am nächsten Tag verlassen wir das Omo-Gebiet, folgen dem Großen Afrikanischen Grabenbruch nach Norden. In der Danakilwüste wartet ein aktiver Vulkan.

Lesen Sie hier bald den nächsten Blog von Michael Martin aus Äthiopien.

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25 Leserkommentare
j.scheunemann 08.01.2018
Papazaca 08.01.2018
Weltgeisterer 08.01.2018
carinanavis 08.01.2018
Olaf 08.01.2018
Lykanthrop_ 08.01.2018
ätherisch 08.01.2018
carinanavis 08.01.2018
mesalliance 08.01.2018
ätherisch 08.01.2018
spon-facebook-10000151392 08.01.2018
Papazaca 08.01.2018
daggi.baehr 08.01.2018
Weltgeisterer 08.01.2018
Olaf 08.01.2018
Papazaca 08.01.2018
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Papazaca 08.01.2018
Weltgeisterer 08.01.2018
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spon..leser 08.01.2018
hajo610 08.01.2018
DerNachfrager 08.01.2018
daggi.baehr 09.01.2018
ätherisch 12.01.2018

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