Wladimir Putin und seine Fußballspiele Der Weltmeister

Russland lässt sich seine Fußball-Festspiele Milliarden kosten, es wird die teuerste WM, die es je gab. Aus Sicht von Präsident Putin ist der Pomp nur logisch: Das Turnier zementiert seinen Anspruch auf eine Weltmachtstellung.

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Von , Moskau


Dass Wladimir Putin besonders gern Fußball spielt, ist nicht bekannt.

Es gibt nur wenige Bilder, die Russlands Präsidenten, der Judo, Eishockey und das Skifahren liebt, mit Ball zeigen. Doch mit Fifa-Chef Gianni Infantino kickte er im März für ein WM-Werbevideo im Kreml, zehn Sekunden lang, ohne dass das Spielgerät zu Boden fiel.

Wie lange die Aufnahmen für die Szene dauerten und wie viel geschnitten werden musste, ist nicht überliefert.

Was dagegen durchaus kein Geheimnis ist: Putin ist unzufrieden mit der sportlichen Bilanz der russischen Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren. Nach mauen Freundschaftsspielen forderte der Präsident, das Team solle das Land bei der WM würdig vertreten und "möglichst lange im Wettbewerb bleiben". Am Donnerstagabend wird er sich im Luschniki-Stadion beim Eröffnungsspiel Russland gegen Saudi-Arabien persönlich vom Einsatz der Spieler, der Sbornaja, überzeugen.

Auch wenn das Team zuletzt vor allem enttäuscht hat - Putin hat schon jetzt mit dieser Fußball-WM gewonnen - und das in vielerlei Hinsicht.

Gigantisches Modernisierungsprogramm

Die WM ist sein Prestigeprojekt. Putin richtet eine Weltmeisterschaft aus, die als die bislang teuerste in die Fußballgeschichte eingehen wird: Umgerechnet rund 12,2 Milliarden Euro hat Russland laut der Wirtschaftszeitung "RBK" in die zwölf Stadien, in Straßen, Flughäfen, Hotels, Orientierungshilfen auf Englisch in den elf WM-Städten investiert, etwa 2,7 Milliarden Euro mehr, als offiziell angegeben wird.

Blick auf Luschniki Stadion vom Ausblickspunkt vor der Universität.
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Blick auf Luschniki Stadion vom Ausblickspunkt vor der Universität.

Es ist ein gigantisches Modernisierungsprogramm, das den Vorteil hat, dass die Fifa als WM-Organisator die Regeln vorgab, die auch Fristen und Standards für die Fertigstellung der Bauten beinhalteten. Was in Russland nicht unerheblich ist, wo Bauprojekte sich ins Unendliche ziehen können, allerdings den Preis hatte, dass Arbeiter, darunter auch viele Gastarbeiter aus Zentralasien, teils unter schwierigen Bedingungen und am Ende ohne Bezahlung schuften mussten (lesen Sie hier mehr über die Bedingungen beim Bau des Stadions in Sankt Petersburg, das am Ende fast eine Milliarde Euro kostete, und über die Arena in Samara).

Zudem versickerten nach Angaben der liberalen Oppositionspartei Jabloko mindestens 1,3 Milliarden Euro beim Bau der Stadien, mit denen kremlnahe Oligarchen wie Arkadij Rotenberg, Putins Vertrauter und Judo-Partner, beauftragt wurden.

Das passt nicht ganz zum Bild des modernen Russlands, das Putin der Welt präsentieren will, aber am Ende zählt eben das Ergebnis und die Botschaft: Russland kann international mithalten, auch und gerade im Hinblick auf Sportnationen wie die USA.

Identität und Stolz

"Für Putin gilt die Gleichung WM = Großmacht", sagt Politikberater Gleb Pawlowski, "die UdSSR war eine Großmacht dank des Sports. Putin glaubt an diesen Zusammenhang noch heute." Pawlowski war zehn Jahre lang einer der einflussreichsten "Polit-Technologen" des Kreml, ein Spindoctor, bis er in Ungnade fiel. Heute ist der 67-Jährige ein Kritiker des Machtsystems.

Pawlowski sorgte 1999 mit dafür, dass Putin jung und stark erschien - und der Kontrast zu seinem todkranken und dem Alkohol verfallenen Vorgänger Boris Jelzin klar hervortrat. Was lag da näher, als Putin als aktiven Sportler zu präsentieren? Schließlich hatte er mit elf Jahren begonnen, Judo zu trainieren, brachte es gar bis zum Stadtmeister von Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg. "Putin war immer ein Sportler, der sich messen wollte", sagt Pawlowski. Der Präsident präsentiert sich auch heute noch so. Der 65-Jährige ließ sich zuletzt vom Staatsfernsehen beim Eishockeyspielen und auf der Fischjagd in Szene setzen.

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Wladimir Putin: Der Sportsmann

Sport ist ein wichtiger Bestandteil von Putins Politik. Er holte die olympischen Winterspiele 2014 nach Sotschi, deren Glanz angesichts des Dopingskandals allerdings international schnell verblasste. Er erreichte, dass Russland die Weltmeisterschaften im Biathlon 2011, in der Leichtathletik 2013, im Schwimmen 2015, den ersten russischen Formel-1-Grand-Prix in Sotschi 2016 veranstaltete und nun Gastgeber für die besten Fußballmannschaften der Welt ist.

Ereignisse wie die WM mit ihren emotionalen Bildern stiften Identität und Stolz, was wichtig ist in so einem großen Land, das nach dem Zerfall der Sowjetunion immer noch seinen Weg sucht. Viele Russen vor allem in den WM-Städten freuen sich deshalb auf das Turnier, auf die Zusammenkunft Zehntausender Fußball-Fans.

Ablenken von Konflikten und Kriegen

Zugleich aber bietet das Fußball-Event Putin die Möglichkeit, sich als Staatsmann in Szene zu setzen - internationale Politiker haben sich angesagt. Aus Deutschland wird Innenminister Horst Seehofer anreisen. Wenn Frankreich es ins Viertelfinale schafft, kommt Präsident Emmanuel Macron.

Angesichts des Fußball-Trubels werden die Konflikte und Kriege Russlands weit weg erscheinen:

  • die vom Westen als völkerrechtswidrig betrachtete Annexion der Krim;
  • der Krieg in der Ostukraine, wo russische Kämpfer im Donbass Separatisten unterstützen und Zivilisten sterben;
  • die 298 Toten der MH17-Maschine, die mit einer russischen Buk-Rakete über dem Donbass abgeschossen wurde, bis heute verlangen die Angehörigen von Moskau eine Erklärung;
  • der Krieg in Syrien, wo die russische Armee Diktator Baschar al-Assad unterstützt, der laut der Uno-Untersuchungskommission für Syrien Giftgas gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt hat;
  • die immer neuen Erklärungen von russischen Botschaftern und Ministern, die jegliche Verbindung mit dem Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal abstreiten und das Gefühl vermitteln, Moskau habe keinerlei Interesse, an der Aufklärung mitzuwirken.

Hinzukommt die Lage der Menschenrechte in Russland, die sich laut Amnesty und Human Rights Watch unter Putin nach und nach verschlechtert hat. Im tschetschenischen Grosny, wo die ägyptische Nationalmannschaft ihr Quartier hat, sitzt Ojub Titijew, Leiter der Menschenrechtsorganisation Memorial, in Haft, angeblich wurden Drogen bei ihm gefunden. Im Mai nahm die Polizei bei Protesten gegen Putin Hunderte Demonstranten allein in Moskau fest, darunter den Oppositionellen Alexej Nawalny, der bis zur WM-Eröffnung in Haft saß.

Wladimir Putin, ein Dolmetscher, Gianni Infantino, Unternehmer Sergej Galitsky
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Wladimir Putin, ein Dolmetscher, Gianni Infantino, Unternehmer Sergej Galitsky

Die Fifa ist bei all dem ein angenehmer Partner für Russland, gibt man sich doch offiziell unpolitisch. Dieses "Prinzip Sport ohne Politik" hob Putin am Mittwoch auf dem Kongress des Verbandes in Moskau ausdrücklich hervor.

Die Allianz zwischen Russland und der Fifa hat aus Sicht Moskaus bisher gut funktioniert. Lange durfte Witalij Mutko trotz der umfangreicher Berichte über staatlich organisiertes Doping in Russland an der Seite von Fifa-Boss Infantino auftreten, sich sogar in dessen Beisein über eine angebliche Kampagne des Westens gegen Moskau auslassen. Inzwischen ist er nicht mehr Cheforganisator der WM, als Präsident des russischen Fußballverbandes pausiert Mutko, Mitglied der Regierung ist er weiterhin: Er verantwortet als Vizepremier das Gebiet Bauwesen.

Bei einer Protestaktion in Moskau schlugen im Mai Kosaken mit Peitschen auf Demonstranten ein. Der Verband der Kosaken sollte auch bei der WM in der Hauptstadt für "Sicherheit" sorgen; die Fifa erklärte dazu, dass dies ein Bereich sei, der von den russischen Behörden verantwortet werde. In den WM-Städten herrscht während des Turniers ein Versammlungsverbot.

Untrennbar - Sport und Politik

Die WM sei ein Fest des Sportes, nicht der Politik, sagt Swetlana Schurowa, Duma-Abgeordnete der Regierungspartei Einiges Russland. "Der Sport darf durch Politiker nicht manipuliert werden." Damit meint die 46-jährige Olympiasiegerin im Eisschnelllauf auch die Boykottaufrufe aus dem Ausland, die sie als Propaganda des Westens gegen Russland bezeichnet. Vertreter der britischen königlichen Familie werden nach der Skripal-Attacke nicht nach Russland zur WM reisen, auch Politiker aus Island, Schweden und Dänemark verzichten auf die eigentlich obligatorischen Stippvisiten.

Immerhin würden die Fans nun weniger gestört, kommentiert Schurowa diese Ankündigungen: "Wenn weniger hochrangige Politiker anreisen, dann werden weniger Straßen für all die Premiers und Präsidenten gesperrt."

Swetlana Schurowa
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Swetlana Schurowa

Schurowa ist eines der Beispiele dafür, wie stark Sport und Politik miteinander in Russland verwoben sind. Inzwischen sitzen rund 20 bekannte Sportler im Parlament. Es müssten viel mehr sein, bei 450 Abgeordneten, findet sie. Denn wer bitte sollte die Entwicklung des "gesunden Lebens" in der Duma präsentieren, wenn nicht Sportler? Schließlich ginge es darum, die Nation voranzubringen.

Welches große Sportereignis Putin dafür nach der WM noch auf seiner Liste hat? Spindoctor Pawlowski lacht: "Eine gute Frage. Schach wird es mit Sicherheit nicht sein."

Was Putin noch fehlt, sind Olympische Sommerspiele.


Aktualisierung: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass Alexej Nawalny noch in Haft sitzt. Er wurde am Donnerstagmorgen entlassen.

Mitarbeit: Katja Kuznetsova, Tatiana Sutkovaja

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
baghira1 14.06.2018
1.
Rußland wird halt wieder so, wie es die Sowjetunion gewesen ist. Aber leider wird Rußland von den Sportorganisationen, sei es Olympia, FIFA oder Formel 1, hofiert. 1980 gab es schon mal Olympia in der Sowjetunion, das aber von den westlichen Ländern boykottiert worden ist. Einen Boykott sehe ich leider nicht.
bexx4me 14.06.2018
2. Liebe Frau Hebel,
anstatt den gefühlt 100. Artikel über WM-Putin zu veröffentlichen, könnten Sie doch einmal kritisch hinterfragen, warum wir seit Wochen nichts mehr vom Fall Skripal und Beweisen oder zumindest Indizien gegen Rußland hören oder die Ergebnisse der Untersuchungen im Giftgasfall Syrien oder die Interpretation des Völkerrechts bei US/NATO Einsätzen. Das würde die meisten Leser mehr interessieren aber das würden Sie wahrscheinlich nicht veröffentlicht bekommen da es nicht ins gewünschte Bild passt.
der_rookie 14.06.2018
3. Danke an den Autor
Endlich mal ein Artikel der von der teuersten WM „die es je gab“ spricht, nicht von der teuersten WM aller Zeiten (-> Was auch die Zukunft umfasst) Inhaltlich: Ich selber bevorzuge Politik die in die Zukunft investiert (Bildung, Umweltschutz, dauerhaft nutzbare Infrastruktur, etc.) als in nicht-nachhaltigen Konsum. Ich muss aber leider anerkennen, dass seit den alten Römern Politiker wissen: Um an der Macht zu bleiben braucht es Brot und Spiele.
Njerion 14.06.2018
4. Ich wünsche Russland und der Welt eine schöne WM
Ich finde es wunderbar, dass Russland (nicht nur) den Fußball-Fans in aller Welt eine großartige Weltmeisterschaft organisieren will. Je mehr Menschen sich später vor Verwunderung über dieses schöne und gastfreundliche Land die Augen reiben werden, umso besser.
thahnberlin 14.06.2018
5. 12 Milliarden
kostet der Spaß während mehr als 20 Millionen Russen unterhalb der Armutsgrenze leben die in Russland bei nur 140 € im Monat liegt. Das hat mit Weltmacht nichts zu tun, eher mit der dritten Welt.
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