Komplott um Journalist Babtschenko Der perfekte Mord, der keiner war

Der mysteriöse Fall des vermeintlich ermordeten russischen Journalisten Arkadij Babtschenko wirft viele Fragen auf. Hier lesen Sie, was wir wissen, was nicht - und wie die Meldung von seinem Tod zustande kam.

Arkadij Babtschenko
DPA

Arkadij Babtschenko


Arkadij Babtschenko lebt. Der ukrainische Geheimdienst SBU hat den Tod des 41-jährigen russischen Kriegsreporters und Kreml-Kritikers inszeniert, um eigenen Angaben zufolge eine tatsächliche Ermordung Babtschenkos durch Russland zu verhindern. Weltweit wird nun diskutiert über den perfekten Mord, der keiner war.

Präsident Petro Poroschenko dankte dem Journalisten bei dem Treffen am Mittwochabend laut einem von seiner Pressestelle verbreiteten Video, dass er "gemeinsam mit den ukrainischen Sicherheitsdiensten" ein Szenario verhindert habe, "das auf die Destabilisierung der Lage in der Ukraine abgezielt" habe. Babtschenko selbst erklärte am Donnerstagnachmittag in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNN, der Geheimdienst habe Schweineblut verwendet, um die angebliche Blutlache, in der er gefunden worden war, vorzutäuschen.

Was wahr ist an dieser Geschichte und was unwahr, lässt sich noch nicht abschließend feststellen. Wie die Meldung vom Tod Babtschenkos in die Welt kam und welche Rolle der Geheimdienst spielt - der Überblick.

Welche Quellen gab es für die Meldung vom Tod Babtschenkos?

Dienstag, 20.17 Uhr MESZ: Der Journalist Ayder Muzhdabayev postet auf seiner Facebook-Seite folgenden Beitrag: "Auf Arkadij Babtschenko wurde geschossen, in seinem Haus, in seinen Rücken. Er wurde ins Krankenhaus gebracht. Ich fahre dorthin."

Es ist der erste öffentliche Hinweis auf ein Attentat auf den Journalisten. Woher er seine Informationen hat, verrät Muzhdabayev nicht. Er ist ein Vertrauter Babtschenkos. Genauso wie Babtschenko hat er Moskau verlassen, weil er vom russischen Staat drangsaliert wird. Nun ist Muzhdabayev Vizedirektor des TV-Senders ATR, für den auch Babtschenko arbeitet.

Dienstag, 20.36 Uhr MESZ: Die Kiewer Polizei postet auf ihrer Facebook-Seite folgenden Beitrag: "In Kiew ist auf einen Mann geschossen worden." Die Ehefrau habe ihren Mann in seinem eigenen Blut aufgefunden. Er habe Schusswunden im Rücken aufgewiesen. Das Opfer sei den Verletzungen erlegen.

Die Polizei teilt auch die Adresse des Toten mit. Außerdem heißt es: "Der Verstorbene ist ein Bürger der Russischen Föderation, wurde 1977 geboren und ist Moderator bei einem Fernsehkanal". Aus diesen Angaben lässt sich rekonstruieren, dass es sich um Babtschenko handelt. (Inzwischen hat die Kiewer Polizei den Beitrag editiert und ihm die Sätze vorangestellt: "Spezialoperation erfolgreich. Arkadij Babtschenko lebt")

Dienstag, 21.18 Uhr MESZ: Die Nachrichtenagentur Reuters setzt eine Eilmeldung in englischer Sprache auf: "Auf den prominenten russischen Journalisten Arkadij Babtschenko ist in Kiew geschossen worden und er ist seinen Verletzungen im Krankenwagen erlegen, teilt die ukrainische Polizei mit." Um 21.30 Uhr MESZ meldet auch die Nachrichtenagentur AP Babtschenkos Tod mit Verweis auf Mitteilungen der Polizei in Kiew.

Dienstag, 21.36 Uhr MESZ: Da es nun mehrere Quellen für den Mord an Babtschenko gibt, veröffentlicht auch SPIEGEL ONLINE die Meldung: "Russischer Journalist in Kiew erschossen" - mit Hinweis auf die Bestätigung der ukrainischen Polizei und auf eine Mitteilung von Babtschenkos Fernsehsender ATR, in der es heißt: "Arkadij ist im Krankenwagen gestorben."

In den folgenden Stunden tritt unter anderem der Polizeichef von Kiew, Andrej Krischenko, vor die Fernsehkameras um von dem angeblichen Tod zu berichten. Führende Politiker aus der Ukraine und Russland geben Erklärungen ab, machen sich gegenseitig für die Tat verantwortlich. Niemand äußert öffentlich Zweifel an seinem Tod.

Gab es Zweifel an der Plausibilität der Meldung?

Klar ist: Babtschenko musste seit Jahren um sein Leben fürchten, nachdem er Moskau für die Politik in der Ukraine und Syrien scharf kritisiert hatte. 2017 verließ er schließlich Russland, weil er dort Repressionen ausgesetzt war.

Mykola Lazarenko/ Ukrainian Presidential Press Service / REUTERS

Absolute Sicherheit bedeutete dieser Schritt aber nicht. Denn Drohungen und Gewalt verfolgen Emigranten über die Ländergrenzen hinweg. Das zeigt die Liste der Morde an diversen Kreml-Kritikern in den vergangenen Jahren, unter denen einige Journalisten waren: 2006 wurde die Investigativjournalistin Anna Politkowskaja vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Vor zwei Jahren starb der Journalist Pawel Scheremet bei einem Bombenanschlag in Kiew.

Auch bei Babtschenko will der ukrainische Geheimdienst Hinweise darauf gehabt haben, dass gegen ihn konkrete Anschlagspläne aus Russland vorlagen. Vor diesem Hintergrund wirkten die Angaben über die angeblich tödlichen Schüsse plausibel.

Was hat es mit dem Foto vom vermeintlichen Tatort auf sich?

Yevhen Lauer, ein angeblich ehemaliger ukrainischer Reporter, veröffentlichte um 22.01 Uhr Ortszeit auf seinem Facebook-Account ein Foto vom vermeintlichen Tatort, das Babtschenko in einer Blutlache zeigen soll. Eine halbe Stunde später verbreitete der anonyme Telegram-Kanal "Nezygar" (@russica2) dieses Foto. Einige russische Boulevardmedien, wie etwa "Life.ru", beriefen sich bei ihrer Berichterstattung auf diesen Kanal. Wer hinter dem Account steht, ist nicht bekannt. Mehr als 100.000 Menschen haben "Nezygar" abonniert. Anschließend verbreitete sich das Bild in sozialen Netzwerken wie Twitter. Das Bild ist kein offizielles Polizeifoto und nicht von ukrainischen Behörden offiziell veröffentlicht worden. SPIEGEL ONLINE hat das Foto ebenfalls nicht veröffentlicht.

Wie reagierten Journalisten auf die Meldung?

Kein Korrespondent westlicher Medien zweifelte an der Echtheit der Meldung. Vor allem auf Twitter äußerten sich viele Journalisten. Sehen Sie hier eine chronologische Übersicht der ersten Reaktionen:

Thielko Griess, Deutschlandfunk-Korrespondent in Russland:

Boris Reitschuster, Publizist und ehemaliger Leiter des Moskauer Büros des "Focus":

Andrew Roth, Leiter des "Guardian"-Büros in Moskau:

Friedemann Kohler, Leiter des Regionalbüros Moskau der Nachrichtenagentur dpa:

Christian Neef, Russlandexperte und ehemaliger langjähriger SPIEGEL-Korrespondent in Moskau:

Alice Bota, Auslandskorrespondentin der "ZEIT" in Russland:

Wer hat kondoliert?

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält sich zum Zeitpunkt des angeblichen Mordes zufällig zu einem offiziellen Besuch in der Ukraine auf. Bei seiner Visite in Kiew verurteilt er die Ermordung und verlangte eine umfassende Aufklärung: "Wir müssen Bedingungen schaffen, dass Journalisten überall auf der Welt ihre Arbeit ohne Gefahr für Leib und Leben verrichten können", sagt der Bundespräsident.

Fotostrecke

10  Bilder
Journalist Babtschenko: Eben noch tot geglaubt - jetzt im TV

Ähnlich äußert sich Bundesaußenminister Heiko Maas am Mittwochmittag: "Mit dem Tod von Arkadij Babtschenko verliert die Welt einen aufrechten Journalisten, der sich auch durch die Drohungen, die er erhielt, nicht davon abhalten ließ, kritisch und unabhängig zu berichten", sagt der SPD-Politiker. Das werde man nicht sprachlos hinnehmen. "Diese feige Tat muss jetzt aufgeklärt werden - genau wie die Fälle der 2015 und 2016 in Kiew ermordeten Journalisten Oles Busyna und Pawel Scheremet."

Der britische Außenminister Boris Johnson twittert am Mittwochmittag: "Entsetzt darüber, dass ein weiterer russischer Journalist, Arkadij Babtschenko, ermordet wurde. Meine Gedanken sind bei seiner Frau und seiner kleinen Tochter."

Am Mittwochmittag lässt auch Wladimir Putin über seinen Sprecher Dmitrij Peskow den angeblichen Mord verurteilen. Zugleich weist der Kreml jede Verwicklung zurück. Das Außenministerium in Moskau kondoliert der Familie und Freunden Babtschenkos via Twitter.

Was wollte der ukrainische Geheimdienst SBU mit der Aktion bezwecken?

Der ukrainische Geheimdienst SBU wollte mit dem inszenierten Tod Babtschenkos an die Auftraggeber des Mordes gelangen. Aus Sicht des SBU steckt der russische Geheimdienst hinter der Planung. Der soll einen Ukrainer angeworben haben, der den Auftragsmord organisieren sollte. Als Gegenleistung erhielt dieser 40.000 Dollar.

Neben Babtschenko sollen noch 30 weitere Menschen auf einer Todesliste gestanden haben. Der Mord an dem Kreml-kritischen Journalisten galt laut ukrainischem Geheimdienst nur als eine Art Probelauf. Der SBU präsentierte auch ein Video, das eine Festnahme zeigt. Wer dort verhaftet wurde, erklärte der Geheimdienst nicht. Es bleiben viele weitere Fragen offen:

  • Wie erfuhr der Geheimdienst von den Mordplänen?
  • Wieso war die Inszenierung des Todes so entscheidend?

Und auch die Rolle von Babtschenkos Ehefrau Olga wirft Fragen auf: Nach seinen ersten Angaben war sie nicht in den Plan eingeweiht. Die Polizei aber behauptete, sie habe ihren Gatten blutüberströmt aufgefunden. In dem am Donnerstagnachmittag ausgestrahlten TV-Interview sagte Babtschenko dann jedoch, seine Frau sei bis kurz vor der fingierten Tat in Russland gewesen und dann einen Tag zuvor nach Kiew gebracht worden.

dop/syd/mho/mse/dpa/Reuters/AP/AFP

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.