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11. Juli 2018, 19:53 Uhr

Trump vs. Merkel beim Nato-Gipfel

Duell auf offener Bühne

Von und , Brüssel

Donald Trump nutzt den Nato-Gipfel für eine Breitseite gegen Deutschland. Kanzlerin Merkel kontert die Attacke zwar gelassen. Doch die Tiraden des US-Präsidenten wirken zunehmend verstörend.

Wenn Angela Merkel politisch unter Druck steht, flüchtet sie sich meist in übertriebene Gelassenheit. Bloß nicht aus der Ruhe bringen lassen - so lautet seit gut zwölf Jahren das Mantra Merkels. Das gehört dazu, wie die allgegenwärtige Raute, die sie bei öffentlichen Auftritten mit den Händen vor dem Bauch formt.

Am Mittwochmittag in Brüssel weicht Merkel von der Routine ab. Sicher, die Kanzlerin ist ruhig, als sie kurz nach der Ankunft in Belgien vor die Mikrofone tritt. "Ich freue mich auf diesen Gipfel", sagt die Kanzlerin, "aber ich erwarte auch kontroverse Diskussionen".

Soweit, so normal. Dann aber fügt sie hinzu, "dass wir unsere eigenständige Politik machen können" und "eigenständige Entscheidungen fällen können". Und weiter: "Ich möchte aus gegebenen Anlass hinzufügen, dass ich erlebt habe, auch selber, dass ein Teil Deutschlands von der Sowjetunion kontrolliert wurde."

Den "gegebenen Anlass" hatte der US-Präsident geliefert. Merkel war in Berlin noch nicht mal auf dem Weg zum Regierungsflieger, da eröffnete Donald Trump schon das befürchtete Dauerfeuer auf Deutschland - und wetterte vor dem Beginn des Treffens der 29 Staats- und Regierungschefs munter gegen Merkel.

Vor einem Frühstück mit Nato-Chef Jens Stoltenberg nannte er Deutschland dann auch gleich mal einen "Gefangenen Russlands". Der Grund: Die angebliche Abhängigkeit der Deutschen von russischem Gas. "Es ist traurig, dass Deutschland massive Deals mit Russland macht, während von uns erwartet wird, es gegen Russland zu verteidigen", sagte er. Und weiter: "Deutschland ist total von Russland kontrolliert."

Trumps Auftritt dauerte nur wenige Minuten, doch er brachte seine ganze Botschaft unter, bevor er zum Toast mit Rührei griff. Umgehend wetterte er gegen die zu geringen deutschen Verteidigungsausgaben, die statt der versprochenen zwei Prozent des Inlandsprodukts immer noch bei mageren 1,24 Prozent liegen.

Im Video: Schlagabtausch zwischen Merkel und Trump

Spätestens jetzt war klar, dass die Befürchtungen der deutschen Seite richtig waren. In den Wochen vor dem Gipfel schwante den Diplomaten, dass der US-Präsident Deutschland auf dem Gipfel an den Pranger stellen wollte. Das Angebot, den Wehretat zumindest auf 1,5 Prozent bis 2024 zu erhöhen, reicht dem Mann aus dem Weißen Haus schlicht nicht.

Trump nimmt Deutschland ins Visier, und das nicht erst seit diesem Donnerstag. Mal twittert er gegen den deutschen Handelsüberschuss, mal mischt er sich in die innerdeutsche Flüchtlingsdebatte ein. Fast könnte man den Eindruck bekommen, Trump hätte eine klammheimliche Freude daran, Deutschland und seine Kanzlerin zu mobben.

Die Szenen der Entfremdung zogen sich in Brüssel durch das ganze Programm. Als die Staatslenker durch das neue Hauptquartier streiften, ließ sich Trump weit hinter Merkel zurückfallen, plauderte erst freudig mit der kroatischen Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic. Dann flanierte er mit seinem türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan durch die Hallen.

Sicher, man hatte es kommen sehen. Vergangene Woche war es, als Trump einen Wahlkampftermin im US-Bundesstaat Montana wahrnahm. Auch da kam der US-Präsident umgehend zur Sache - und nahm Merkel und die Deutschen ins Visier.

"Und ich habe gesagt: 'Angela...'"

"Sie bringen uns beim Handel um" ("they kill us on trade"), schimpfte er über Europa, "und sie bringen uns in der Nato um". Weiter: "Und ich habe ihr gesagt, Angela, ich kann es nicht garantieren, aber wir beschützen euch. Und dann gehen die her und machen einen Gas-Deal mit Russland."

Fast scheint es, als hätte Trump seinen Auftritt beim Frühstück in Brüssel schon mal geprobt. Im direkten Gespräch mit Merkel, am Nachmittag am Rande des Nato-Gipfels, ging es dann aber offenbar ein bisschen freundlicher zu.

Sein Verhältnis zu Merkel sei "sehr, sehr gut", sagte Trump grinsend in die Kameras, das Band zwischen beiden Ländern "enorm". Merkel sagte nicht viel: Deutschland sei "ein guter Partner" der USA und sie freue sich, "dass wir dieses Gespräch haben können".

Trumps Kritik erwähnt sie mit keinem Wort, stattdessen wolle sie über die "anstehenden Reisen des Präsidenten" nach Helsinki sprechen, wo Trump am Montag Russlands Präsidenten Wladimir Putin treffen will.

Eine klare Botschaft für die Anhänger daheim

Tatsächlich erlebte Merkel in Brüssel einen amerikanischen Präsidenten mit zwei Gesichtern. Öffentlich hetzte er gegen die Kanzlerin und Deutschland. Bei seinem Auftritt vor dem Nordatlantikrat dann las er von einem Manuskript ab, die vorher abgestimmte und weitgehend moderate Abschlusserklärung nahm er kritiklos an.

Das Gewitter des Morgens, so jedenfalls die deutsche Lesart, war vor allem eine Trumpsche Nachricht an die eigenen Anhänger. Bei ihnen kann er mit harscher Kritik gerade gegen Deutschland und der Behauptung, die USA würden von den Nato-Partnern seit Jahren brutal abgezockt, punkten.

In der vertraulichen Sitzung des Nordatlantikrats kritisierte Trump zwar, dass viele Verbündete das Zwei-Prozent-Ziel nicht erreicht haben. Namen aber nannte er nicht. Stattdessen forderte der US-Präsident, die Nato-Partner sollten ihre Militärbudgets mittelfristig gleich auf vier Prozent erhöhen, da man schließlich "in einer sehr unsicheren Welt" lebe.

Welches der Gesichter Trumps soll man ernst nehmen?

Beim persönlichen Treffen ging es ähnlich sachlich zu: Merkel und Trump sprachen über Handelsfragen, die drohenden Auto-Zölle und die Konflikte in Syrien und der Ukraine. Der Streit ums Geld hingegen spielte keine Rolle mehr, sein Pulver dazu hatte Trump schon öffentlich verfeuert.

Wie man weiter mit einem solch sprunghaften Präsidenten umgehen soll, bleibt nach dem turbulenten Gipfel-Tag rätselhaft. Welches der beiden Trump-Gesichter man ernst nehmen muss, darauf hat auch die Entourage der Kanzlerin keine Antwort.

Als ob es eines Beweises bedurft hätte, wie schizophren Trump agiert, legte er kurz nach dem Treffen mit Merkel per Twitter nach. Ganz wie beim Frühstück hetzte er, was es denn Gutes an der Nato gebe, wenn Deutschland Milliarden für russisches Gas ausgebe, aber die Zwei-Prozent-Marke beim Wehretat nicht erreiche.

Seine Antwort liest sich eindeutig: "Sie müssen zwei Prozent des BIPs bezahlen, SOFORT, nicht erst 2025". Danach eilte er zum Abendessen der Staatschefs.

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