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16. April 2018, 15:26 Uhr

Bomben auf Syrien

Unser Krieg

Eine Kolumne von

Trump wirft die guten Bomben, Assad und Putin die bösen? Nein. Nirgends entlarvt sich westliche Heuchelei so wie in Syrien. Auch wir tragen Schuld an diesem Krieg.

Die ganze Welt lacht über Donald Trump und verachtet ihn. Es gibt nur eine Sache, für die er Lob bekommt: Bombenwerfen. So war es vor einem Jahr, als die USA ein Flugfeld in Syrien attackierten. Und so war es auch diesmal: Mehr als hundert Marschflugkörper hat Trump gemeinsam mit Briten und Franzosen auf das in Trümmern liegende Syrien gefeuert - und der ganze Westen applaudiert ihm. Sogar die deutsche Bundeskanzlerin findet lobende Worte, und die mag Trump wirklich nicht. Das ist absurd.

Die Bomben, die der Dreibund da geworfen hat, sind vergeblich, verkehrt und verlogen. Vergeblich, weil sie am Lauf dieses Krieges nichts ändern werden. Verkehrt, weil sie das Völkerrecht weiter schwächen, anstatt es zu stärken. Und verlogen, weil sie von der Schuld des Westens ablenken.

Dieser Krieg ist auch das Vermächtnis von Barack Obama. Es ist verblüffend, dass diese Tatsache in der Empörung über das Leid in Syrien überhaupt keine Rolle spielt. Ohne Barack Obama, ohne die USA, ohne den Westen wäre dieser Krieg schon lange Geschichte. Es ist ein unglaublicher Zynismus und eine historische Verlogenheit, mit der sich der Westen von der Mitverantwortung für die hohe Zahl der Opfer, die lange Dauer der Kämpfe, die ganze Grausamkeit dieses Krieges selbst freispricht.

Obama wollte, dass Assad gestürzt wird. Die CIA begann 2013 damit, syrische Rebellen auszurüsten und zu trainieren - der Umfang des Geheimprojekts lag bei einer Milliarde Dollar. Trump beendete das Programm im vergangenen Jahr. Weil es gescheitert war. Die "Washington Post" schrieb im vergangenen Sommer: "Obamas Politik hatte tatsächlich ein Patt auf dem Schlachtfeld zum Ziel. Die Regierung hoffte, dass dies zu einer Verhandlungslösung führe, mit der der Konflikt beendet würde."

Diese Politik des Unentschiedens hat Hunderttausende von Menschen das Leben gekostet. Der syrische Krieg ist darum auch das Ergebnis eines gescheiterten Versuchs des Regime-Changes. Was im Irak und in Libyen gelungen ist - wenn man das angesichts der Ergebnisse so nennen will - endete in Syrien in einem Desaster.

Ohne die westliche Einmischung hätte Assad seine Macht längst stabilisiert und seine nahöstliche Despotie fortgesetzt. Stattdessen schwächte die CIA das Assad-Regime und bereitete so erst den Islamisten den Weg - und dann den Russen. Syrien ist ein weiteres Beispiel für die Fehleinschätzungen amerikanischer Geopolitik.

Es ist eine besondere Ironie, dass ausgerechnet Barack Obama dem von ihm verachteten Wladimir Putin die Gelegenheit verschaffte, sich im Nahen Osten als ordnende Kraft zu entfalten.

Welchem Zweck dienten nun die neuerlichen Luftangriffe? Die militärischen Kräfteverhältnisse in Syrien werden sie nicht ändern. Dafür waren es zu wenige. Es heißt, der Einsatz von chemischen Waffen dürfe nicht ohne Antwort bleiben. Aber das Argument ist zynisch.

Nach den höchsten Schätzungen wurden im syrischen Krieg vielleicht 4000 Menschen Opfer von chemischen Waffen. Das ist weniger als ein Prozent der Menschen, die in den vergangenen sieben Jahren dort ihr Leben verloren haben. Zählt ein Toter, der in einem Keller elend am Gas erstickt ist, mehr? Weil er sozusagen in einer ganz anderen Liga spielt - politisch, völkerrechtlich - als die Menschen, die ganz konventionell von Raketen, Mörser- und Haubitzengeschossen zerfetzt, von Kugeln getroffen, von Trümmern verschüttet, von Krankheiten und Mangelernährung aufgezehrt wurden? Man wüsste gerne die Ansicht der Toten dazu. Es ist bedauerlich, dass man sie nicht fragen kann.

Im Video: USA bombardieren Chemiewaffen-Ziele in Syrien

Den Hunderttausenden von Toten in diesem Krieg hat das Völkerrecht, das jetzt verteidigt werden soll, nicht geholfen. Es würde nicht lohnen, ihm mit auch nur einem einzigen zusätzlichen Menschenleben Geltung zu verschaffen. Übrigens geschieht das auch nicht: Nach bisherigen Erkenntnissen wird Assad sein Volk auch nach diesem Luftschlag weiter mit chemischen Waffen quälen können.

Die Bilder der toten Kinder zwingen uns zum Handeln. Man kann nicht nichts tun. Aber nachdem die Machtpolitik des Westens in Syrien gescheitert ist, bleibt uns nur noch die Simulation. Das Leid ist real.

Der Tod ist real. Die Schmerzen sind real. Aber die Politik des Westens ist surreal. Es geht uns um hygienische Verhältnisse. Rechtshygiene. Moralische Hygiene. Diese Bomben wurden für uns abgeworfen. Nicht für die Opfer des Krieges in Syrien.

Wenn es uns um die Opfer ginge, gäbe es nur eine Lösung: sofortiger Rückzug, damit dieser Krieg endlich endet.

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