Bundespräsident in Athen Steinmeier bittet um Verzeihung für Nazi-Verbrechen

Wegen NS-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg fordert Griechenland Entschädigungen in dreistelliger Milliardenhöhe. Deutschland lehnt dies ab. Bei einem Athen-Besuch gedachte Bundespräsident Steinmeier der Opfer.

Frank-Walter Steinmeier (links), Alexis Tsipras
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Frank-Walter Steinmeier (links), Alexis Tsipras


Nach dem Besuch einer KZ-Gedenkstätte bei Athen hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier um Verzeihung für die Verbrechen während der Zeit der deutschen Besatzung gebeten. Bei einem Treffen mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras sagte Steinmeier, es seien in dem Lager Chaidari unvorstellbare Grausamkeiten im Namen Deutschlands begangen worden.

"Wir verneigen uns vor den Opfern", sagte Steinmeier. "Vor allen Dingen bitten wir um Verzeihung hier in Griechenland für das, was geschehen ist." Während der deutschen Besatzung (1941 bis 1944) waren in dem Lager Chaidari bis zu 25.000 Menschen interniert. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht kam es außerdem an vielen Orten Griechenlands zu Massenerschießungen und anderen Gräueltaten. Allein 60.000 bis 70.000 griechische Juden wurden ermordet.

Die moralische und politische Schuld Deutschlands dürfe nicht vergessen werden, sagte Steinmeier weiter. Dies gelte ungeachtet unterschiedlicher Rechtspositionen, betonte er mit Bezug auf die umstrittenen griechischen Reparationsforderungen.

Tsipras sagte, es sei notwendig, Differenzen und Stereotypen zwischen Deutschland und Griechenland hinter sich zu lassen. Gleichzeitig dürften die beiden EU-Partner aber Unterschiede in der Bewertung der "fernen Vergangenheit" nicht ignorieren. Diese sollten auf der Grundlage des internationalen Rechts gelöst werden, "das wir alle respektieren", sagte Tsipras.

Deutschland weist griechische Reparationsforderungen in dreistelliger Milliardenhöhe mit Verweis auf völkerrechtliche Verträge zurück. Es sei geradezu eine "historische Pflicht", die deutschen Reparationszahlungen einzufordern, hatte Tsipras zuletzt gesagt.

Steinmeier und Tsipras wollen EU gegen Populismus stärken

Angesichts des wachsenden Populismus in Europa sprachen sich Steinmeier und Tsipras dafür aus, die EU zu stärken. Das "gemeinsame Haus" Europa sei durch den "Aufstieg der extremen Rechten" bedroht, sagte Tsipras.

Steinmeier sagte, er teile diese von Tsipras geäußerten Sorgen. Es müssten Schritte unternommen werden, um die europäischen Bürger davon zu überzeugen, dass Krisen gemeinsam überwunden werden könnten. Extreme und populistische Positionen müssten zurückgedrängt werden.

Der Bundespräsident sprach sich zudem dafür aus, nach dem von der EU und Deutschland verordneten harten Sparkurs für Griechenland ein neues Kapitel aufzuschlagen. Steinmeier zollte Tsipras und der griechischen Bevölkerung "Respekt" für all die Anstrengungen zur Überwindung der schweren Krise in ihrem Land in den zurückliegenden acht Jahren.

asa/dpa/AFP



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