Anschlag auf US-Botschaft Neue Terrorwelle erfasst den Jemen

Zwei Selbstmordattentäter, 16 Tote, viele Verletzte: Ein verheerender Anschlag hat die US-Botschaft im Jemen getroffen. Zwar scheint nicht al-Qaida hinter der Tat zu stehen, sondern eine andere militante Truppe. Sie soll aber Beziehungen zu dem Terrornetzwerk haben.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Der Jemen, so hat Qaida-Chef Osama Bin Laden gleich mehrmals in den letzten Jahren erklärt, solle der nächste "Sumpf" sein, in den man die USA ziehen werde. Einiges spricht dafür, dass das bitterarme Land im Süden der Arabischen Halbinsel tatsächlich zu einem größeren Problem für die USA wird. Zum zweiten Mal innerhalb von einem halben Jahr war die amerikanische Botschaft in der Hauptstadt Sanaa heute das Ziel eines Terroranschlags.

Sanaa nach dem Anschlag: Im Griff des Terrors
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Sanaa nach dem Anschlag: Im Griff des Terrors

Nach bisherigen Informationen kamen 16 Menschen bei dem Blutbad ums Leben, darunter möglicherweise bis zu einem halben Dutzend der Angreifer. Mit Hilfe zweier mit Sprengstoff beladener Fahrzeuge hatten die Terroristen offenbar vorgehabt, in das Innere des schwer bewachten und geschützten Komplexes einzudringen; das gelang nicht. Stattdessen nahmen nach der Explosion des ersten Wagens plötzlich Scharfschützen jemenitische Sicherheitskräfte unter Feuer.

Bis jetzt gibt es nur wenige belastbare Berichte vom Tatort. Aber es scheint, dass kein US-Personal verletzt wurde, wohl aber einheimische Wachleute. Die USA hatten schon nach dem ersten Terroranschlag auf das Gebäude im März alle entbehrlichen Mitarbeiter ausgeflogen. Ein US-Beamter sprach davon, dass die Terroristen unterdessen sogar bis zu fünf Explosionen herbeigeführt hätten.

Angebliches Bekennerschreiben aufgetaucht

Während der Anschlag im März relativ zweifelsfrei auf das Konto der jemenitischen Filiale von Osama Bin Ladens Terrornetzwerk al-Qaida ging, ist die Urheberschaft in diesem Fall nicht eindeutig zu klären.

Bei einer Nachrichtenagentur bekannte sich Medienberichten zufolge der jemenitische Islamische Dschihad zu der Tat - und drohte zugleich mit weiteren Attacken auf diplomatische Vertretungen der Vereinigten Arabischen Emirate, Großbritanniens und Saudi-Arabiens, sollte die jemenitische Regierung sich weigern, eine Zahl von Kadern der Gruppe aus dem Gefängnis zu entlassen.

Der jemenitische Islamische Dschihad ist nicht unbekannt. Zumeist wird er gleichgesetzt mit der "Aden-Abjan-Armee", auf jeden Fall gibt es engste Beziehungen zwischen diesen beiden Gruppen. Sie gehen beide zurück auf Zusammenschlüsse von Afghanistan-Veteranen, die in den achtziger Jahren am Hindukusch gegen die Sowjets gekämpft hatten.

Damit haben sie einen ähnlichen Ursprung wie al-Qaida, weshalb die meisten Terroranalysten auch davon ausgehen, dass es nicht nur untereinander, sondern auch zu Bin Ladens Gruppe enge Beziehungen gibt. Al-Qaida hat im Jemen traditionell eine große Gefolgschaft, was auch damit zu tun hat, dass die Familie Bin Ladens ursprünglich aus dem Jemen stammt.

Ideologisch gibt es ebenfalls nur wenige Unterschiede zwischen den zwei beziehungsweise drei Gruppen. Sie eint zum Beispiel das Motto "Vertreibt die Ungläubigen von der Arabischen Halbinsel" - das wiederum zugleich das Motto der saudi-arabischen Qaida-Filiale ist.

Al-Qaida hat sich noch nicht geäußert

Tatsächlich scheint es so zu sein, dass der jemenitische Islamische Dschihad erst vor einer Woche mit Anschlägen gedroht hat. Ende August hatten Sicherheitsbehörden einen Anführer des jemenitischen Islamischen Dschihad, Khalid Abd al-Nabi, verhaftet. Gut möglich, dass mit dem Anschlag und den Drohungen seine Freilassung erreicht werden soll.

Allerdings bestehen noch Zweifel an dieser Version der Urheberschaft. Der Nachrichtenagentur dpa zufolge erklärte ein jemenitischer Regierungsbeamter, das Bekennerschreiben sei eine Fälschung. "Dieser Angriff trägt die Handschrift von al-Qaida", fügte er hinzu. Und das vermutet man auch im US-Außenministerium: "Es sieht sehr nach dem aus, was wir in der Vergangenheit von al-Qaida gesehen haben", sagte Sprecher Sean McCormack auf die Frage, wen man ihm Verdacht habe. "Der Angriff trägt die Markenzeichen einer al-Qaida-Attacke: mehrere auf Fahrzeugen montierte Sprengkörper, dazu offenbar Kämpfer zu Fuß."

Auf den Websites, die al-Qaidas Filialien, auch jene im Jemen, in der Regel für die Verbreitung ihrer Bekennerschreiben nutzen, fand sich bis zum späten Mittwochnachmittag kein entsprechendes Kommuniqué - von keiner der beiden in Frage kommenden Gruppen. Unter Cyber-Dschihadisten herrschte deswegen am Mittwoch eine gewisse Verwirrung.

Im Griff des Terrors

Im Jemen hat es in den vergangenen zwei Jahren einen steilen Anstieg an Terroranschlägen gegeben. Im Juli 2007 griffen Qaida-Attentäter eine Gruppe europäischer Touristen an. Mehrere Ölförderinstallationen wurden attackiert, außerdem Wohnkomplexe westlicher Ausländer.

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Interaktive Grafik: al-Qaidas wichtigste Kader
Der US-Wissenschaftler Gregory D. Johnson, der sich seit Jahren mit militanten Bewegungen im Jemen beschäftigt, spricht von einem Wiederaufstieg al-Qaidas im Jemen. Denn nachdem sich die Regierung Jemens nach dem 11. September 2001 auf die Seite der USA gestellt hatte, war al-Qaida im Jemen 2003 praktisch am Ende. Unter anderem hatte die CIA - mit dem Einverständnis Sanaas - den Chef der Filiale, Abu Ali al-Harithi, mit Hilfe einer Drohne getötet.

Dass al-Qaida heute wieder eine echte Bedrohung der Sicherheitslage darstellt, hängt mit einem spektakulären Gefängnisausbruch 2006 zusammen, bei dem 23 festgesetzte Qaida-Kader freikamen. Unter ihnen war Nasir al-Wahayshi, der als neuer Chef fungiert.

Johnson zufolge haben der Jemen und die USA nach 2003 den Dschihadisten zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt - mit der Folge, dass sich nicht nur al-Qaida, sondern offenbar auch der jemenitische Islamische Dschihad neu gruppieren konnte.

Die Bilanz der jemenitisch-amerikanischen Kooperation ist ohnehin gemischt. Mehrfach, heißt es etwa in Sanaa, ließen die Behörden festgenommene Terroristen absichtlich wieder laufen. Zwar gibt es Rehabilitationsprogramm für ausstiegswillige Dschihadisten. Aber Hasspredigern, Aufwieglern und Rekruteuren hat die schwache Regierung Jemens nicht viel entgegenzusetzen.

Weil außerdem jemenitische Freiwilliger aus dem Irak zurückkehren und enge Verbindungen zur saudischen Qaida-Filiale bestehen, warnen Experten seit Monaten, dass der Jemen auf der Kippe steht.

Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass der heutige Anschlag noch nicht der letzte war, der den Jemen erschüttert.



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