Prozess nach tödlicher Schlägerei Sicherung raus

Ein Jugendlicher wird in einer Fußgängerunterführung so schwer verprügelt, dass er stirbt. Rund 20 andere sehen dabei zu. Der Prozessauftakt zeichnet das Bild eines entgleisten Kräftemessens.

Einer der Angeklagten in Passau
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Einer der Angeklagten in Passau

Von , Passau


Um 9.51 Uhr knallt es im Saal. "Ist jemand verletzt?", fragt die Vorsitzende Richterin Ursula Raab-Gaudin. Man hört sie kaum, denn auch die Saalmikrofone sind ausgefallen. Die Sicherung ist raus, die Verhandlung wird für eine Viertelstunde unterbrochen, dann geht es mit Licht und Ton weiter.

Der Kurzschluss passt zu dem Thema, das im Landgericht Passau auf dem Plan steht: Vier Jugendliche und zwei Erwachsene sind wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt.

Laut Staatsanwaltschaft haben die Angeklagten den 15-jährigen Schüler Maurice K. bei einer Schlägerei mit bloßen Fäusten so schwer verletzt, dass er kurz darauf starb. Der Jugendliche erstickte nach einem Bruch der Nase an seinem eigenen Blut.

Noch immer erschüttert der Fall die beschauliche Universitätsstadt am Zusammenfluss von Donau und Inn. Die Tat geschah am 16. April ab 18 Uhr in einer gut beleuchteten Fußgängerunterführung der Passauer Innenstadt. Beunruhigend wirkt vor allem die Zahl der Schaulustigen. Rund 20 junge Männer und Frauen schauten sich die Schlägerei an, nachdem sie per Telefon oder persönlich von einem bevorstehenden Kampf erfahren hatten. Keiner griff entscheidend ein.

Mehrere junge Männer schlugen zu, womöglich filmten andere, doch ein angeblich existierendes Video konnte die Polizei bislang nicht sicherstellen. Die Gruppe zerstreute sich erst, nachdem eine zufällig vorbeikommende Passantin mit Hund rief, sie werde die Polizei holen. Ein anderer Passant leistete erste Hilfe, vergeblich.

Besonders tragisch: Die Mutter von Maurice musste mit ansehen, wie Sanitäter ihr Kind wiederzubeleben versuchten, sie war zufällig vor Ort. "Der Verlust des eigenen Kindes ist wohl das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann", sagt Rechtsanwalt Armin Dersch, der Vertreter der Nebenklage.

Keine Intensivtäter, keine besondere Skrupellosigkeit

Angeklagte vor Gericht
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Angeklagte vor Gericht

Allerdings, das zeigt der erste Prozesstag, verweist der Fall auf kein spezifisches Problem mit Jugendgewalt in Passau oder auf eine besonders gefährliche Klientel. Die Angeklagten waren teilweise schon negativ aufgefallen, aber sie sind keine Intensivtäter. Sie stammen zumeist aus eher unteren sozialen Milieus. Äußerlich fallen am ehesten die gemeinsamen Frisuren auf, nach Fußballerart an den Seiten kurz rasiert mit längerem Deckhaar.

Besonders skrupellos gingen die Schläger nicht vor, Schlagwerkzeuge oder gar Messer kamen wohl nicht zum Einsatz. Ein Angeklagter, der 17-jährige B., mahnte sogar mehrfach, von Fußtritten abzusehen. Auch Happy Slapping war nicht das Motiv, es ging offenbar nicht darum, das Opfer zu demütigen und dies auszustellen und zu verbreiten.

Laut Anklage und nach ersten Einlassungen einiger Angeklagter sieht der spektakuläre Todesfall schlicht so aus: Ein verabredetes Kräftemessen zweier Halbstarker entgleiste tragisch, weil sich entgegen der vereinbarten Fairness Umstehende in die Schlägerei einmischten. Der Fall zeigt auch, wie gefährlich jede Schlägerei ist.

Verabredet hatten sich Maurice K. und der ebenfalls 15-jährige R., um etwas zu klären. "Er hat schlecht über mich geredet, ich habe schlecht über ihn geredet", sagt R. vor Gericht. Gab es einen Anlass? R. schüttelt den Kopf. Man besuchte zeitweise dasselbe Berufsbildungszentrum, aber vor allem kannte man sich aus der Stadt. Die Beleidigungen sollen auch über Chats hin- und hergeflogen sein.

Folglich eine Konfrontation "Eins gegen Eins" in der Unterführung, in der sich laut R. schon mehrfach Jugendliche geprügelt hatten. Als Maurice K. dort verspätet mit mehreren Begleitern eintraf, sei R. gleich auf ihn zugegangen, erzählt er. "Ich habe ihm eine Watschn gegeben", also einen Schlag mit der flachen Hand.

"Eine ganz normale Schlägerei"

Dann habe man sich mit Fäusten geschlagen und getreten, er habe K. in den Schwitzkasten genommen, die beiden seien wieder aufgestanden und hätten sich weiter geprügelt. Dann sei er selbst zu Boden gegangen, so R., Maurice K. habe ihm gegen den Kopf getreten, dann sei es wieder auf die Beine gegangen.

Wann R. von Maurice K. abließ, ist unklar. Er habe sich seinen Geldbeutel und sein Handy von einem befreundeten Mädchen geben lassen und sei abgehauen, erzählt R. Die Staatsanwaltschaft sagt allerdings, dass er weiter auf Maurice K. eingeschlagen habe, nachdem dieser bereits durch Prügel anderer benommen war. Belastend wirkt K.s Verhalten bei der Festnahme, er soll nach den Polizisten getreten und sie als "Schwuchteln und Wichser" bezeichnet haben.

Festzustehen scheint, dass er nicht der einzige war, der prügelte. Es gab noch B., 17 Jahre alt, U., 15 Jahre alt, und schließlich den 25-jährigen K., drei Cousins. K. sagt aus, er habe sich nur eingemischt, um die Jüngeren zu schützen.

"Das ist eine normale Schlägerei gewesen", sagt der junge Mann mit den Tätowierungen und dem kräftigen Oberkörper. "Es war nicht so, dass mehrere Leute gleichzeitig auf Maurice eingeschlagen haben." Er habe die beiden letzten Schläge ausgeführt, erzählt er, einen gegen die Schläfe und einen in die Lebergegend. Später schrieb er in einer Nachricht: "Ich habe jemanden K.O. geboxt, Two-Punch-K.O." Vorher habe er Kokain und Crystal Meth konsumiert. K. wird außerdem vorgeworfen, nach einem Streit eine Freundin seiner Freundin geschlagen und bedroht zu haben.

Die Ausführungen lassen Gericht und Zuhörer zunächst ratlos, ein schlüssiges Motiv für die Eruption der Gewalt ist nicht erkennbar. Wer wann wo wie zuschlug und welche Hiebe tödlich waren, müssen nun Zeugen und Sachverständige klären helfen. Bis in den Januar 2019 sind elf weitere Hauptverhandlungstermine angesetzt.

In der Unterführung ist noch immer eine kleine Gedenkstätte für den toten Jugendlichen eingerichtet. Am Abend nach dem ersten Verhandlungstag brennen dort drei Grablichter.



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