Messerstecher-Prozess in Hamburg "Er hätte gerne mehr getötet"

Ahmad A. stach in Hamburg auf Passanten und Kunden eines Supermarkts ein. Vor Gericht hat er nun ein Geständnis abgelegt - aufschlussreiche Antworten lieferten jedoch andere.

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Er tritt auf wie die menschgewordene Unscheinbarkeit. Ohne jede Geste setzt sich Ahmad A. auf die Anklagebank, scheu blicken die dunklen Augen ins Leere. Minutenlang bewegen sich seine Lippen sachte auf und ab, offenbar betet der 26-Jährige - bis die drei Richter den Saal 237 des Hamburger Strafjustizgebäudes betreten.

Ahmad A., dieser unauffällige Mann mit Vollbart und Rollkragenpullover, der im vergangenen Juli auf ein halbes Dutzend Menschen eingestochen haben soll, soll ein Mörder sein, womöglich ein radikaler Islamist. Deshalb sitzt er an diesem Tag auf der Anklagebank - und lässt den ersten Prozesstag überraschend beginnen: mit einem umfassenden Geständnis.

Verteidiger Christoph Burchard verliest eine Erklärung, wonach Ahmad A. in allen Punkten die Vorwürfe des Generalbundesanwalts einräume. Worte des Bedauerns oder gar der Anteilnahme fallen nicht, nur dieser Satz: "Er übernimmt die volle Verantwortung."

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Prozess nach Messerattacke in Hamburg: Angriff im Supermarkt

Oberstaatsanwältin Yasemin Tüz hatte A. zuvor vorgeworfen, am 28. Juli 2017 im Hamburger Stadtteil Barmbek den 50-jährigen Ingenieur Mathias P. in einem Edeka-Markt mit einem Küchenmesser ermordet und anschließend sechs weitere Menschen verletzt zu haben - heimtückisch und aus niederen Beweggründen.

Das Ziel des Muslims war es demnach, "wahllos deutsche Staatsangehörige christlichen Glaubens zu töten" - und zwar als "Beitrag für den weltweiten Dschihad gegen Ungläubige". Sie schildert, wie tief A. die 20-Zentimeter-Klinge in die Körper seiner Opfer rammte, wie viel Blut einige verloren, wie eine Frau nur dank einer Notoperation überlebte.

Laut Bundesanwaltschaft soll der Streit um die Aksa-Moschee in Jerusalem ein Motiv gewesen sein. A.s Anwalt spricht von einem religiösen Hintergrund, "der zum Zeitpunkt der Tat große Bedeutung für ihn hatte". Allerdings habe sein Mandant damals unter "einer sehr großen inneren Anspannung" gestanden und könne sich an Details der Tat nicht erinnern - daher wolle er sich dazu gar nicht äußern.

Entsprechend reagiert A. auf mehrere Fragen des Vorsitzenden Richters Norbert Sakuth: Ob sich seine Religiosität in Deutschland stark verändert habe?
"Diese Frage möchte ich nicht beantworten."
Ob er viele Drogen konsumiert habe?
"Das möchte ich auch nicht beantworten."
Ob er sich im Internet über islamistische Organisationen informiert habe?
"Ich möchte darüber nicht sprechen." Ob er wenigstens was zu der IS-Fahne sagen möchte, die bei ihm gefunden wurde?
"Nein, möchte ich nicht."

Abitur, Studium - dann bricht die Biografie

Dabei sind es wohl diese Fragen, die im Zentrum des Prozesses stehen werden. Nach wie vor ist nicht wirklich klar, wie aus dem gebildeten Flüchtling A. binnen weniger Jahre ein Messerstecher wurde. Entscheidend wird am Ende wohl eine Frage sein: Handelte da ein islamistischer Überzeugungstäter, ein psychisch Verwirrter, eine Mischung aus beidem (mehr über die Vorgeschichte des Täters lesen Sie hier)?

Am Verfahren beteiligt sind zwei Bundesanwälte, acht Nebenkläger mit vier Anwälten, mehrere Dolmetscher und Gutachter. Können sie das Geschehen aufklären, wenn der Protagonist nichts dazu sagen möchte?

Immerhin: Über sein bisheriges Leben gibt A. einigermaßen bereitwillig Auskunft - so entsteht ein Mosaik aus Enttäuschungen, die den Werdegang dieses alleinstehenden Heimatlosen veranschaulichen. Als Neunjähriger sei er gemeinsam mit den Eltern und seinen fünf Geschwistern von Saudi-Arabien nach Gaza gezogen, der Heimatstadt seiner Mutter, dort habe er 2008 Abitur gemacht. Dann bricht seine Biografie.

"Ich bin meiner Lust hinterhergejagt"

In Ägypten habe er ein Semester lang Zahnmedizin studiert, sagt A., "danach habe ich mich entschlossen, nach Europa zu kommen." Warum, will Richter Sakuth wissen. "Die Studiengebühren waren sehr hoch", sagt er, "ich dachte, hier kann man auf eigenen Beinen stehen." Zudem habe ihn die westliche Lebensweise fasziniert. Es folgte ein Odyssee: Zwischen 2009 und 2014 stellte er nach eigenen Angaben Asylanträge in Norwegen, Spanien, Schweden. Alle abgelehnt.

Mit dem Bus sei er schließlich nach Deutschland gefahren, habe in Dortmund einen weiteren Asylantrag gestellt, sei nach Hamburg geschickt worden. Ende 2016 habe es ihm gereicht, da hatte er auch von den deutschen Asylbehörden einen negativen Bescheid erhalten: Er habe nach Gaza zurückreisen wollen, bei der palästinensischen Vertretung in Berlin einen neuen Reisepass beantragt, doch nichts sei passiert.

Richter Sakuth tastet sich nun behutsam an die Lebenswirklichkeit dieses rastlosen Migranten heran, fragt nach seinem Alltag in Hamburger Unterkünften. A. berichtet von Besuchen in einem Flüchtlingscafé am Uni-Campus, im Fitnessstudio, in Sprachkursen - und deutet an, das westliche Lebensmodell bisweilen genossen zu haben: "Ich bin einfach meiner Lust hinterhergejagt."

Meist antwortet A. in kurzen Sätzen:
"Ich habe versucht, die Zeit einfach zu nutzen."
"Ich hatte eine normale Beziehung zu allen."
"Ich hatte den Eindruck, dass ich nicht willkommen bin."

Und seine Religiosität, fragt Sakuth, wie habe sich die entwickelt? A. gerät ins Stocken, zögert. Seine Eltern seien nicht sonderlich religiös gewesen, sagt er, bei ihm selbst habe sich das immer wieder geändert: "Es gab Phasen so und Phasen so."

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Deutlich konkreter geben andere ihre Erinnerungen wieder. Ein Beamter, der bereits Stunden nach der Tat mit A. sprach, berichtet von einem womöglich brisanten Vermerk: "Ich bin Terrorist", auf diesen Satz im Vernehmungsprotokoll habe der junge Mann bestanden. "Ich hatte nicht den Eindruck", sagt der Beamte, "dass ihn diese Tat belastet hat."

Noch aufschlussreicher ist die Aussage eines anderen Kriminalbeamten. Der 36-Jährige vernahm A. zwei Tage nach der Tat, seine Erinnerungen daran belasten den Angeklagten schwer: "Man hat gemerkt, dass er sehr stolz war, dass er das gemacht und geschafft hat", sagt der Polizist. Für ihn seien Deutsche ebenso wie andere Asylbewerber "Hunde", dieses Wort sei häufiger gefallen. A. habe es bedauert, dass ihn mehrere Männer, fast alle mit Migrationshintergrund, schließlich mit Stühlen und Steinen stoppten. "Er hätte gerne mehr getötet, mehr verletzt."

Ahmad A. habe auch gesagt, warum er trotz Bedenken an jenem Julitag mit einem Messer auf andere Menschen losgegangen sei: "Ich habe Gott gegenüber ein Versprechen gegeben, das kann ich jetzt nicht brechen." Mitten in der Polizeivernehmung habe er schließlich einen Treueeid auf den IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi geleistet - zwischen der Terrororganisation und A. soll es jedoch keine direkte Verbindung geben.

Ahmad A. hört sich all das ungerührt an, mit geradem Rücken lehnt er sich auf seinem Platz zurück. Im Februar soll ein Gutachter aussagen, der Psychiater hält den Angeklagten laut einer vorläufigen Expertise für voll schuldfähig. Ahmad A. dürfte das wissen - und ahnen, dass nach acht weiteren Verhandlungstagen schon Anfang März ein Urteil fallen könnte: Ihm droht lebenslange Haft.

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